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Jedes syrische Haus hat einen Kassettenrekorder

Lina Atfah
"memory reunion" (2016) von Alaa´Hamameh. Mixed Media auf Leinwand, Originalgröße 97 x 130 cm
"memory reunion" (2016) von Alaa´Hamameh. Mixed Media auf Leinwand, Originalgröße 97 x 130 cm

In dunklen Zeiten ist die Erinnerung das einzig Heilige.
Das war die erste Zeile, die mir in den Sinn kam, als ich versuchte, etwas über dich zu schreiben, Samar. Es ist deine Stimme, an die ich mich am stärksten erinnere, deine Stimme und ihr „Bibibibibi“. An dein Gesicht erinnere ich mich nur noch verschwommen, aber ich weiß, du warst sehr dünn. Ich weiß, dein Haar war schwarz und deine Augen noch schwärzer. Die Fotografien, die ich von dir habe, sind auch verschwommen. Das Einzige, was ich auf ihnen klar erkenne, ist deine Seele, die eingeweicht ist im Leid.

Im Alter von zwölf Jahren erkrankte meine Tante Samar an einer Meningitis, die eine schwere Behinderung, Sprach- und Kommunikationsprobleme nach sich zog. Doch den Kern ihrer Persönlichkeit, ihren Humor und ihre Klugheit, konnte die Krankheit nicht zerstören.
Samar neckt gerne andere Menschen und steht gern im Zentrum der Aufmerksamkeit. Sie mag gefährliche und böse Spielchen. So steigt sie zum Beispiel aufs Dach, setzt sich an den äußersten Rand und lässt ihre Beine baumeln. Sobald sie anfängt, um Hilfe zu schreien, laut zu weinen und so zu tun, als ob sie gleich fallen würde, versammeln sich Nachbarn und Fußgänger vor dem Haus und recken ihre Hände in die Luft. Dabei rufen sie Samar zu: „Keine Sorge, halt dich fest, wir fangen dich auf!“ Die Sorge der Menschen freut Samar sehr. Je mehr Angst ihr Publikum hat und je höher die Menschen die Hände strecken, desto lauter schreit sie und weint, desto wilder schwingt sie ihre Füße hin und her, desto freudiger und verschlagener glänzen ihre Augen.

In solchen Momenten kann sie nichts und niemand stoppen außer die Rückkehr ihres Onkels. Wenn er heimkehrt, die vielen Menschen mit ihren erhobenen Händen vor dem Haus stehen sieht und erkennt, wie Samar auf dem Dach, versunken in die erschrockenen Hilferufe, ihre bösartige Sitzung abhält, erscheint ein breites Lächeln auf seinem Gesicht. Er weiß genau, dass Samar spielt und die Menschenmenge manipuliert. Noch von weitem schreit er: „Komm runter, du Böse! Ich schwöre, diesmal wirst du bestraft!“
Samar hört ihn sofort, steht auf und bekommt einen Lachanfall. Im Handumdrehen steigt sie zu ihrer Mutter herunter, um sich auf ihrem Schoß zu verstecken. Der Onkel entschuldigt sich lange bei den Menschen, geht dann ins Haus und versucht, sein Lächeln zu verbergen, während er mit Samar spricht: „Du Böse, mach das nie wieder! Ich vergebe dir noch ein letztes Mal, aber beim nächsten Mal wird die Strafe sehr, sehr hart sein!“
Samar genießt die Schelte, als ob sie jemand kitzeln würde. Sie wird noch viele Male auf das Dach des Hauses zurückkehren und sie wird immer erst dann herunterkommen, wenn ihr Onkel kommt und sie anschreit.

Weil der Onkel im Geheimen politischen aktiv war und Mitglied in einer der Oppositionsparteien, drohte ihm jederzeit die Festnahme. Als er spürte, dass seine Verhaftung nur noch eine Frage der Zeit war, machte er sich große Sorgen um Samar und ihre Abenteuer auf dem Dach. Er wusste, dass nur seine Stimme diese und andere Probleme, die Samar verursachte, lösen konnte. Deswegen nahm er mit einem Kassettenrekorder seine Stimme auf, wie sie Samar aufforderte, das Dach zu verlassen.
Zwei Wochen später wurde der Onkel tatsächlich verhaftet – eine große Katastrophe für die Familie. Als Samar kurz darauf aufs Dach kletterte, schaltete die Mutter augenblicklich den Kassettenrekorder ein und die Stimme des Onkels rief: „Komm sofort runter, du Böse! Du wirst bestraft werden, komm runter!“ Samar brach in Gelächter aus und kletterte schnell herunter, um sich wie immer auf dem Schoß ihrer Mutter zu verstecken.

Ein ganzes Jahr lang gehorchte Samar der Stimme aus dem Rekorder, ohne zu wissen, warum ihr Onkel abwesend und seine Stimme anwesend war. Sie setzte ihren Unfug aber nicht nur auf dem Dach, sondern auch überall anders fort, und einmal führte ihre Neugier sie dabei in den Keller, den die Mutter abzuschließen vergessen hatte. Dort fand sie den Kassettenrekorder, und als sie begann, wahllos die Knöpfe zu drücken, rief plötzlich die Stimme ihres Onkels: „Komm sofort runter, du Böse …!“ Samar bekam einen Schock, zitterte und brach in bitteres, lautloses Weinen aus. Von diesem Tag an ging sie nie wieder auf das Dach.

Als der Onkel zwölf Jahre später aus dem Gefängnis freigelassen wurde, hatte sich Samars gesundheitliche Situation stark verschlechtert und sie konnte sich nicht mehr bewegen. Der Onkel kehrte sehr erschöpft aus dem Al-Mezzeh-Gefängnis nach Salamiyah zurück, sehr erschöpft und sehr dünn, mit dicker Lesebrille und müder Seele. Inmitten des Lärms der Gäste betrat er das Haus. Ich war damals vier Jahre alt und kann mich gut daran erinnern, wie mein Vater ihn umarmte und meiner Schwester und mir zurief, dass wir ihn auch umarmen sollten.
Der Onkel begrüßte alle Leute, dann suchte er nach Samar und rief: „Samar …? Samar, wo bist du, meine Liebe?“ Er ging in ihr Zimmer und wir hinterher. Samar lag gelähmt auf ihrer Matratze, weinte und zitterte, während ihre Augen nach dem Ursprung der Stimme suchten. Als sie den Onkel sah, weinte sie so sehr, dass es mir seither in Erinnerung geblieben war. Ihr bitteres Jammern und ihre Lippen, die weder Freude noch Traurigkeit äußerten, gaben keinen Ton von sich außer dem Gewimmer und „Bibibibibi“.

Als ich dem Onkel diesen Text vorlas, lächelte er und sagte: „Möge Gott Samar, gnädig sein! Nach allem, was heute passiert, nachdem wir versucht haben, diesen Tunnel, in dem wir uns seit den achtziger Jahren befinden, zu durchqueren, und nach all dem Leiden haben wir Syrer dieser Welt nichts weiteres zu sagen außer: ‚Bibibibibi‘.“

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