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Geselligkeit

Lina Atfah
Bild zum Text von Lina Atfah vonYaser Safi, Radierung, 20 x 30 cm (2009)
Yaser Safi, Radierung, 20 x 30 cm (2009)

An dem Morgen, der nichts Neues bringt,
stehen sie auf und gehen
auseinander und nebeneinander her.
Vielleicht streift eine Schulter die andere,
doch ihre Blicke treffen sich nicht.
Trocken erklingt ein Gruß,
trocken verhallt er
zwischen den Gesichtern, die sich abwenden.
Wie unheimlich ein einfacher Gruß klingen kann!

Guten Morgen, Wartepartner
in der Zahnarztpraxis!
Ich liebe dich nicht,
ich hasse dich nicht,
du interessierst mich nicht.
Du bist diese bleierne Zeit,
die ich einsam verbringen muss,
bis dein Name auftaucht,
bis dein Gespräch zu Ende geht
und ich dran bin.

Beim Einkaufen
an den Obstkisten
rutscht die Plastiktüte aus den Fingern
und die Tomaten rollen weg,
als würden sie lachen
und die Arthritis verhöhnen.
Doch niemand dreht sich um,
jeder sucht das beste Stück.

Auf eine Parkbank,
auf die Steine ans Flussufer,
auf den Rand des Bürgersteigs,
auf die breiten Treppen der Städte
setzen sie sich,
als würden sie dem Gedicht sagen:
schreib unsere Einsamkeit auf!

Die Schaufensterpuppen starren die Fußgänger an,
das Mädchen
und die Mutter, die ihre Tochter schleppt.
In den luxuriösen Märkten
wandeln sie umher
mit gleichen Schritten,
mit gleichen Gesichtszügen,
mit Augen, die niemandem folgen.
Nur die Schaufensterpuppen
starren die Schritte an,
die ins Nichts gehen.

Sie hat die Namen ihrer Enkelkinder vergessen,
ihre Gesichter,
hat vergessen, wie man Essen schluckt.
Alle Verwandten, die nacheinander vorbeikommen,
zwingen sie zu essen,
zwingen sie zu leben.

Wozu brauchen sie Gedichte?
Ein Wort an die Geliebte
Ein Wort an die Mutter
Ein Wort an die Angst
Eins an die Traurigkeit
Der Einsamkeit die Maske abnehmen.

Zwischen zwei Ringen legen wir die Liebe in Ketten,
dann legen wir uns in Betten,
jeder auf seine Seite,
halten unsere Handys in den Händen.
Nach oben mit unseren Fingern, nach oben,
überfliegen wir Fotos, Chats und Nachrichten,
treiben wir die Zeit an zu vergehen,
während die Liebe gleich bleibt
in den Ketten zwischen zwei Ringen.

Ich bin wütend, sagte der Mann, der die Straße überquert.
Ich habe Angst, sagte die Frau, die das Gemüse hackt.
Ich bin sauer, sagte der Junge, der den Ball gegen die Wand schießt.
Ich bin unbewaffnet, sagte der Tyrann, der den Abzug drückt.

Ich bin niemand
in dem Land, wo Nachbarn zweimal im Jahr wechseln,
in dem Land, dessen Sprache ich nicht kann,
ich bin niemand,
anonym, ich schäme mich für nichts.
Gestern war ich wütend, weil ich den Zug verpasst habe.
Mitten auf der Straße stand ich und schrie,
aber es kümmerte niemanden,
niemand drehte sich um,
nur ein Kind legte seinen Finger auf die Lippen
und schaute mich an.

Lina Atfah Nino Haratischwili

Lina Atfah & Nino Haratischwili

Lina Atfah und Nino Haratischwili schreiben beide ohne Angst. Sie scheuen weder große erzählerische Bögen über Generationen hinweg noch Themen, die sie in Gefahr bringen.

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