Logo Weiter Schreiben
Menu
Suche
Weiter Schreiben ist ein Projekt
von WIR MACHEN DAS
Logo Weiter Schreiben
Menu

Oh, Bibliotheken, ihr Häuser der Herzen

Widad Nabi
Fotografie: Guevara Namer / Im Vordergrund eine Ansicht des im 2. Weltkrieg zerstörten Kuppellesesaals (2018)
Fotografie: Guevara Namer / Im Vordergrund eine Ansicht des im 2. Weltkrieg zerstörten Kuppellesesaals (2018)

Ich ging nach Osten und nach Westen. Die Bibliotheken blieben das einzige Heim, das mich in diesem grausamen Leben nicht im Stich ließ. Überall auf der Welt gibt es eine Bücherei, der ich mein ruiniertes Leben anvertrauen kann.

Alles begann vor siebzehn Jahren, als ich zum ersten Mal die Bibliothek des Kulturzentrums im Azizia-Viertel von Aleppo besuchte. Ich war in Begleitung meines Lehrers, schüchtern und erwartungsvoll, und fühlte mich wie auf dem Weg zu einem Rendezvous. Dieses Gefühl hat sich seither nicht verändert, noch heute fühle ich mich so, wenn ich eine Bücherei betrete. Wie jüngst mit meiner deutschen Kollegin Annett Gröschner in der Staatsbibliothek zu Berlin. Alles war wie früher. Die Unterschiede zwischen den Sprachen verschwanden, jede einzelne Sprache schenkt fremden Lesern ein Zuhause. Grenzen verwischen, zurück bleiben die Spuren anonymer Leser, die sie am Rand ihrer Lieblingsbücher hinterlassen haben. In Bibliotheken, die viel älter sind als ihre Leser, verwandeln diese ihre Einsamkeit in Wälder, Quellen und Poesie. Die Bibliotheken hatten sich Krieg, Grausamkeit, Tyrannei, Migration und Exil widersetzt und waren trotz aller Verluste wieder auferstanden. Das schwere Erbe, das sie belastete, erlaubte ihnen gleichzeitig, das Leben auf den Füßen des Bewusstseins und des Wissens voranzutreiben. Während die Bibliotheken überlebten, zerstreuten sich ihre Leser mit ihren alten Erinnerungen in die Verbannung. In jeder fremden Stadt fiel aus ihrem Gedächtnis ein Satz, den sie auswendig kannten, weil sie Dauerbesucher in Bibliotheken gewesen waren.

„Ich habe mir das Paradies immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.“ Dieser Satz von Jorge Luis Borges betritt mit mir die Staatsbibliothek zu Berlin, während Annetts Stimme mich zur Geschichte des alten Ortes führt, zum Efeu, der die Bibliotheksmauern erklimmt, zum Staub des Krieges, der frisch aussieht. Der Krieg, der zwischen den Buchseiten im neuen Lesesaal schläft.

Etwas sagt dir, dass dem Ort ein Stück vom Himmel fehlt, du schaust dich lange um und dann entdeckst du, dass die Bibliothek früher eine charmante Glaskuppel hatte, zerstört durch die Bombenangriffe während des Zweiten Weltkriegs. Auch viele ihrer Abteilungen wurden zerstört. Ich kannte so etwas aus meiner Stadt Aleppo. In den Nachrichten hatte ich verfolgt, wie die Zentralbibliothek in den Bombenhagel geraten war. Das Personal hatte versucht, die Bücher zu schützen, indem man alle Fenster im Magazin mit Blech verbarrikadierte. In der Nähe der Zentralbibliothek von Aleppo verlief die Frontlinie zwischen der Opposition und den Truppen des Regimes. So lag der Ort in der Mitte zwischen beiden Lagern und musste die Beleidigungen der Soldaten beider Seiten ertragen, während er ihrer Verzweiflung, ihrem Lachen und der Sehnsucht nach der Wärme ihrer Familie lauschte. An diesem Ort tauschten beide Seiten Kugeln, Granaten und Hass aus, unberührt davon, dass Zehntausende von Büchern hinter den Mauern lebten. Und nun hat der Ort auch noch durch die andauernde Auswanderung die meisten Leser verloren. Damals, als ich die Bilder der Bibliothek in Aleppo sah, wie sie inmitten der Schlachten standhaft blieb, stellte ich mir für einen Moment vor, dass die Bücher der Stimme der griechischen Sängerin Siranush lauschten, die sich inmitten der verfeindeten Kämpfer erhob.

Auf dem Weg zur Bibliothek Unter den Linden fiel feiner Schnee auf meinen roten Mantel. In der Dunkelheit der Februarnacht schienen die Schneeflocken die Bücher zu sein, die im Zweiten Weltkrieg aus der Bibliothek verschwunden waren. Und siehe da, sie beschlossen, in ihre Heimat zurückzukehren! Bücher sind manchmal wie Menschen. Und ich frage mich, ob sie genauso müde vom Exil sind. Die Bücher fallen vom Himmel, sie kehren zurück von einer langen Reise, die während des Weltkriegs begann, als die Bücher auf mehr als dreißig Orte verteilt wurden, in Minen, Kirchen und Schlösser. Einige von diesen Büchern kamen zurück, der Rest wurde in zahlreichen europäischen Ländern verteilt. Es gelang ihnen, die Grenze ohne Pass zu passieren. Ich schaue zum Himmel, ich sehe Bücher fallen, sie sind müde vom Auswandern. Die Bücher fallen über meinen Kopf wie weiße Schneeflocken. Licht vom schweren Erbe des Exils und des Krieges.

Annett und ich gehen durch die Bibliothek. ,In einem alten Korridor erzählt sie mir von ihren Studienjahren und von der Sehnsucht - unserem gemeinsamen Schicksal in diesem Leben. Ich erinnere mich an den schmalen Flur in der Bibliothek von Aleppo. Vor den Büchern dort stehen immer noch mein Schatten und der meines Lehrers. Ich frage ihn nach bestimmten Werken in der Ecke und er antwortet, das seien wunderbare Psychologiebücher. Wir gehen in den Lesesaal im obersten Stockwerk über die schmale Wendeltreppe. Sie ist zu eng für zwei Personen. So geht er vor und ich folge ihm. Ich horche auf seinen Atem und den Atem von tausenden von Lesern, die einmal dort gewesen waren.
Annett geht auf den Balkon mit Blick auf den Lesesaal, betrachtet den Ort und versinkt in Schweigen. Wir überlassen es der Bibliothek, unser Schicksal zum Gedächtnis zu führen.

Jahrelang durchstreifte die Stille diese Bibliothek. Ihre Kuppeln, die Dächer, die Fenster und die Türen waren durch den Beschuss zu Ruinen geworden. Nur Bachs, Mozarts und Beethovens Musik tröstete den Raum, der viele Originalhandschriften dieser Komponisten enthielt. Eine Musik, die die Leere erfüllte, so wie ich mir die Stimme von Siranush in der Nationalbibliothek in Aleppo vorgestellt hatte.

Nach offiziellen Statistiken verlor die Bibliothek in Berlin etwa 800.000 Bücher. Solche Verluste sind anscheinend das Schicksal von Bibliotheken auf der ganzen Welt. Im Jahr 1400 griff Tamerlan Aleppo an. Dadurch verlor die Stadt ihre schon damals großen Bibliotheken mit wertvollen und seltenen Manuskripten. Im jetzigen Krieg wiederholt sich die Katastrophe. Dennoch kehren Bücher, wenn sie können, in ihre Heimat zurück, wie vor Jahren der berühmte Berliner Atlas.

Ich berühre die Bücher in der Berliner Bibliothek liebevoll wie die Bücher von Aleppo. Ich küsse den Buchrücken eines sehr alten Buches. Ich glaube, dass mein Kuss eines Tages in einer Bibliothek von Aleppo ankommen wird. Manchmal stelle ich mir einen Dialog mit einer imaginären Tochter vor: „Mutter, an welchem Ort fühltest du dich sicher, als die Emigration dein Land und dein Leben verschluckt hat?“„In den Bibliotheken“, antworte ich zärtlich. „Sie beherbergen Herzen in ihren Häusern“, wie ein Dichter vor mehr als hundert Jahren einmal sagte.

 

Dieser Text erschien als Antwort auf bzw. im Dialog mit Annett Gröschner; ihren Text über die Bibliotheken in ihrem Leben lesen Sie hier.