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Zerbrochene Sprache

Widad Nabi
Donja Nasseri, Patterns (2016), Reproduktion einer Collage auf Mittelformat, 60 x 60 cm

Ich bin in eine zerbrochene Sprache geboren.
Sie schmeckt bitter
und brennt in der Kehle wie Hasch.

Sag mir,
was soll eine heile Sprache nutzen
in einem Land, das schon uns Kindern das Plappern auf Kurdisch verbot?
Eine Sprache saugen wir mit der Muttermilch auf.
Doch das wissen die Diktatoren nicht.
Eine Sprache braucht dir nicht mit dem Stock
die Knochen deiner kleinen Hände zu brechen,
damit du sie richtig artikulierst.
Aber die Lehrer dort
verstanden das nie.

Sag mir noch,
wie hätten wir uns in eine Sprache verlieben sollen,
wo sich doch Hunderte von uns am ersten Schultag nassmachten,
weil wir einen klaren und simplen Satz wie
„Ich muss zur Toilette“ noch nicht auf Arabisch beherrschten.
Wir machten uns in die Hosen aus Furcht vor einer Sprache, mit der wir noch keine Freundschaft geschlossen hatten,
zerbrachen an einer Sprache, die nicht die unsere war,
in der wir als Erstes Spott und Verachtung hörten,
zerbrachen zugleich an unsrer Muttersprache, weil sie uns nicht vor der Schande bewahrte.
Tatsächlich
lernt der Mensch in einer Fremdsprache noch rascher zu zerbrechen
als in seiner eignen.

Das wurde uns klar.
Denn die neue Sprache
machte uns zu kleinen nassen Käfern,
die bang und voll Scham in der Schulbank hockten
und die Aussprache von th und s nicht unterscheiden konnten.
Weißt du,
wie viele Ohrfeigen ich einstecken musste,
weil ich das th nicht richtig artikulierte?
Ach, heute ist das nicht mehr wichtig.
Heute bin ich vierunddreißig
und lese Gedichte noch immer auf meine gebrochene Art.
Was ändert es denn, ob man th oder s spricht?
Durchzucken doch beide die Sprache als Schmerz,
durchzucken als Schmerz dein Gedächtnis,
als Schmerz vom Geschrei deines Lehrers,
während du Rotz und Tränen hinunterschlucktest
und eine fremde Sprache übtest, die dir deine kleinen Knochen zermalmte.
Viele Jahre später verfügte ich
über zwei zerbrochene Sprachen:
Meine Muttersprache, die ich nicht lernen durfte,
und die andere, die man uns mit Furcht und Zwang in der Schule beibrachte.
Was soll man von einem Baum mit gebrochenem Ast
denn anderes erwarten,
als dass er einen gebrochenen Schatten wirft?

Als wir erwachsen waren,
wurden wir aus unseren Städten vertrieben
wie als Kinder aus unsrer Sprache,
und das ist das Gleiche, glaub mir.

In unseren schönen Exilen lernten wir neue Sprachen.
Mein Part war das Deutsche.
Eine Mischung aus Lauten, die das Leben traktiert hat,
bis sie äußerst verzwickte Formen annahmen.
Manchmal sage ich das Wort „Mühe“
und sehe Unverständnis
im Gesicht meines Gegenübers,
denn ich spreche das ü wie ein u.
Wer mich hört, weiß nicht,
wie sehr ich mich von morgens bis abends plage,
um den Unterschied deutlich zu machen.
Die Albträume meiner Kindheit kehren wieder,
in böser und brenzliger Lage
weine ich, rufe um Hilfe,
aber kein Wort dringt aus meinem Mund.
Im Traum verliere ich sämtliche Sprachen,
die ich beherrschte.
Statt Lauten kommt nur heiße Luft.
Erschrocken wache ich auf, und jedes Mal
sind die Laken schweißnass.
Die zerbrochenen Sprachen stecken in meiner Kehle fest,
die Buchstaben, die ich nicht aussprechen kann, schneiden sich mit ihren Kanten ein,
wollen nicht heraus,
weigern sich zu vergeben ...

In der Bahn sagte eine Frau zu mir:
Sie sprechen wie eine Ausländerin!
Versuchen Sie, es besser zu machen!
Ich stammelte nur: Ja. Sie haben recht.
Doch was ich ihr hätte sagen wollen,
war dies:
Mein Deutsch wird gebrochen bleiben
wie ich.
Es bleibt die Sprache einer Ausländerin
wie ich.
Doch ich werde auf Deutsch Rilkes Gedichte lesen,
als wären sie mein Zuhause.
Die Sprachen, die ich seit meiner Kindheit lernte,
waren ein Gemenge,
dem das erfahrene Leid beigemischt war –
Strenge
Armut
Hunger
und Furcht.

Du musst mir glauben,
keine meiner Sprachen wird je so klare Konturen haben, dass ich mit ihnen prahlen könnte wie eine glückliche Bürgerin dieser Welt.

Es ist schade,
dass wir nie eine Sprache glanzvoll beherrschen werden,
nie fähig sein werden, in einer intakten Sprache zu träumen,
nie auf dem Bahnhof plaudern werden, ohne dass jemand auf unsere seltsame Art zu reden verweist.
Denn so wie wir selbst sind all unsere Sprachen zerbrochen.
Als wären sämtliche Züge der Welt darüber hinweggefahren
und wir hätten sie dann hervorgezerrt,
um uns damit zu artikulieren.
Als mache ein Bruch die Sprache erst schön.