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Porträt einer einsamen Frau

Widad Nabi
Weiter schreiben, Widad nabi, Marwa Al Mokbelm Porträt einer einsamen Frau
© Marwa Younes Almokbel, Acryl auf Papier (2020)

Die einsame Frau, die ihr Leben lang rennt,
vermag nie auf einem weichen Stuhl Platz zu nehmen.
Sie muss weiter den Dingen hinterherlaufen,
den kleinen Dingen, die andere leicht bekommen.

Die Frau, die lange dem verdorrten Geist der Mutterschaft
hinterherläuft, während sie blutet,
und den Männern, die nie verstehen,
warum eine begehrte Frau
einer einfachen Sache wie der Zärtlichkeit nachrennt.

Die einsame Frau, die
verhindern will, dass die Einsamkeit ihr Leben verschluckt,
befreundet sich mit ihr.
Sie sprüht Rosenwasser auf den Weg der Kinder, die nicht ihre sind,
in die Küchen der Häuser, die sie nicht errichtet hat,
auf die bittere Liebe,
die sich wie eine Katze an sie schmiegt.
Und dorthin, wo grüner Schimmel in ihrer Nähe wächst:
auf die Bilder der Einander-Umarmenden,
auf das Grün der Zimmerpflanzen
auf die Türschwelle einer Nachbarin,
die ihr Baby in den Schlaf singt
und den schwellenden Bauch einer Schwangeren.

Die einsame Frau,
die im Schoß eines Rosengartens
vierzig geworden ist,
hasst den Geruch des Spermas der Männer,
die an ihrem Bett vorbeigegangen sind.
Sie spritzt ihre Falten mit Botox auf,
entfernt die Cellulitis von ihren Schenkeln,
wirft ihren Ehering in den Fluss einer fremden Stadt.
Sie glaubt, dass die Ruhe
hinter einer scharfen Klinge im Badezimmerschrank liegt,
dass das Warten
einer einsamen Frau mit Zimmerpflanzen
auf unerfüllte Versprechen
besser ist als die Zartheit zweier Münder
in einem Haus ohne Küsse.

Widad Nabi Annett Gröschner

Widad Nabi & Annett Gröschner

Widad und Annett – beiden geht es in ihren Texten immer wieder darum, Spuren nicht zu ver-, sondern zu entdecken. In Archiven, auf der Straße und dem Körper der Frau.

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