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in der Heinrich Böll Stiftung
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Hätte ich ein Gartenherz

Widad Nabi
Übersetzung: Suleman Taufiq
Bild einer Landschaft mit Pfütze in Form eines Herzens. Foto: Iman Al Hasbani
The Land. Foto: Iman Al Hasbani

Hätte ich ein Gartenherz,
die Bäume würde ich nach dir benennen,
das Gras wachsen lassen
bis an dein Haus.
Die weißen Blumen
beleuchteten die dunkle Strecke
zwischen meinem und deinem Herzen.

Hätte ich ein Gartenherz,
eine purpurrote Malve würde ich
unter den Stiefeln des Soldaten wachsen lassen,
der auf das Herz eines Kindes zielt.
Ich würde ihn auffordern zu schauen,
was auf dem Boden wächst.
Vielleicht beugte er sich dann herab,
um die Schönheit unter seinen Füßen zu sehen,
und vielleicht vergäße er seinen Schuss.

Hätte ich ein Gartenherz,
für die Verliebten baute ich Schaukeln aus Bäumen
und ließe keine Liebende ohne Bett.
Das Holz der Bahnhöfe wäre nicht verrottet.

Hätte ich ein Gartenherz,
ausschlagen lassen würde ich die Wurzeln der Buche
bis zu den Oliven in unserem Garten in Kubani
und sie mit Herzwasser gießen.
Ich verbündete mich mit dem Orangenbaum
neben meinem Fenster in Aleppo
und erzählte ihm von einem Land,
dessen Menschen sich nicht gegenseitig umbringen,
von einem Land,
dessen Kinder nicht unter Trümmern sterben,
von einem Land,
dessen Leute alt werden,
deren Haar in Begleitung ihrer Lieben ergraut
und die auf einem Friedhof begraben werden.

Hätte ich ein Gartenherz,
ich wäre das Holz deines Tisches,
das Holz deines Bettes,
das Holz des Stuhls, auf dem du bei der Arbeit sitzt,
das Holz deines Bestecks,
der Holzboden deines Hauses,
die hölzerne Härte deines Herzens.

Hätte ich ein Gartenherz,
alles Eisen der Welt würde ich in Bäume verwandeln.

Hätte ich ein Gartenherz,
meinen Körper würde ich in deine Wiese verwandeln,
meine Brüste in Granatäpfel in deinen Händen,
meinen Nabel in ein Rotweinglas für deinen Mund,
mein Ohr in einen Liebesvogel für deine Gedichte
und meine Gedichte in Blumen,
die an den Grenzen unseres Landes wachsen
eintausendjahrundeinentaglang.

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Widad Nabi Annett Gröschner

Widad Nabi & Annett Gröschner

Widad und Annett – beiden geht es in ihren Texten immer wieder darum, Spuren nicht zu ver-, sondern zu entdecken. In Archiven, auf der Straße und dem Körper der Frau.