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Blaue Perle

Rasha Habbal

Weiter Schreiben, Rasha Habbal, Donja Nasseri

    © Donja Nasseri, Fragments of Memory, HD-Video-Still (2018)

Vor ein paar Nächten schlief ich zum letzten Mal neben meiner Mutter. Sie drückte mich an sich und sagte zu mir, dass man als Erstes mit der Angst Bekanntschaft mache und ich solle darauf achten, dass es nicht mein letztes Gefühl sei. Am nächsten Morgen ging sie fort und kam nicht wieder. Wäre sie noch einmal zurückgekehrt, dann hätte ich zu ihr gesagt, dass sie unrecht hat, denn der Hunger kommt der Angst noch einen Schritt zuvor.

Dann schubste mich mein kurzes Leben aus dem Bühnenbild, in das ich hineingeboren wurde, hinein in eine Welt, die so groß war wie ich klein. Der Hunger ließ mich über die Bühne meiner zukünftigen Tage laufen, wo ich mich in dunklen Ecken und hinter riesigen Körpern versteckte. Das Einzige, was mir zum Überleben zur Verfügung stand, waren meine kleinen Füßchen und mein Überlebensinstinkt.

Bei meinem Leben auf der Straße machte ich die Bekanntschaft mit Müllcontainern und mit Katzen, Hunden und Betrunkenen, die keinen einzigen Brotkrumen hinterließen, sondern nur erstarrte Trauer, saure Tränen und Kotze sowie fette Beschimpfungen, die gegen die Mauern prallten und zerstoben.

Das Dekor dieser Szene war ein Viertel mit gesichtslosen Häusern, deren Mauern aus Zement im Sommer die Hitze speicherten und sie im Winter abstießen. Die niedrigen Dächer klebten geradezu aneinander und öffneten sich in der Mitte jeweils zu einem Innenhof. Die Protagonisten der Szene waren: Abu Mohammed, der vor seinem Laden auf einem Hocker saß und sich mit den Perlen seiner Gebetskette und mit den Passanten vergnügte. Und zu seiner Rechten ein Mann, der von seiner Abendschicht in der Garnfabrik zurückkehrte und gerade dabei war, die Tür seines Hauses zu öffnen. An dem stets von ihm ausströmenden Geruch von Baumwolle würde ihn seine Tochter erkennen, in deren Augen ich zum ersten Mal die Angst erblickte.

Alles begann, als die hungrigen Barthaare den Duft von Käse und Melone erschnupperten, den Duft des Sattseins, und zwar hinter jener Tür, die auf der Landkarte meines Schicksals ein unvermeidlicher Durchgang zu sein schien. Auf allen Vieren schlich ich mich heimlich vorwärts und nutzte die Gelegenheit eines Gesprächs zwischen Abu Mohammed und seinem Nachbarn.

„Und? Wie geht’s der Kleinen heute? Sie hat euch letzte Nacht wohl nicht schlafen lassen! Vielleicht hat sie ja Blähungen“, sprach Abu Mohammed ihn an und setzte langsam nickend hinzu: „Frag mich! Ich kenn das!“

Nachdem er seine Frage selbst beantwortet hatte, rief er sich die langen Nächte mit den Blähungen seiner fünf Kinder in Erinnerung. Der Baumwollmann stand derweil vor der Tür seines Hauses und lächelte bedauernd - das Lächeln eines Neulings angesichts eines Mannes mit Erfahrung.

„Was sollen wir machen, Abu Mohammed? Ihr habt das hinter euch, aber für uns ist das neu. Bitte entschuldige, bestimmt hat das halbe Viertel gestern nicht geschlafen.“

„Kein Problem, guter Mann. Die Nachbarn sind doch füreinander da. Reibt ihr den Bauch mit etwas Olivenöl ein, und wenn deine Frau sie danach eine Weile bäuchlings hinlegt, geht’s los, dann kommt Pups nach Pups und Furz nach Furz. Und außerdem ist da ja noch die Sache mit dem Auge! Es gibt so viele Neider – Gott bewahre! Auch wenn du nicht an so was glaubst – möge Gott dich rechtleiten –, du solltest Vorsichtsmaßnahmen treffen. Du verlierst ja nichts! Hängt ihr doch einfach eine blaue Perle um!“

Dann klatschte er in die Hände, als würde er einen Punkt machen.

„Man erntet keinen Honig, ohne von den Bienen gestochen zu werden“, entgegnete der Mann und zwinkerte Abu Mohammed zu, gleichsam als würde auch er seinen Satz und das Gespräch mit einem Punkt beenden.

Während die beiden ihre Nachbarschaft hochhielten, war ich zwischen den Beinen des Hausbesitzers hindurchgeschlüpft, um mein Schicksal auf die Probe zu stellen.

Ich versteckte mich in einem toten Winkel und ließ den Mann in sein Haus gehen. Er durchschritt einen Flur, von dem auf beiden Seiten mehrere Türen abgingen. Sie waren verschlossen, um die anderen nächtlichen Plagegeister, die Mücken, abzuhalten. Von dort trat er direkt in den Garten seines Hauses, der sich eine hohe Mauer mit dem des Nachbarn, des Lebensmittelhändlers, teilte. Im Garten wartete seine Frau auf uns, von der der Geruch von Milch aufstieg und die sich über ein dunkelhäutiges schmächtiges, etwa einen Monat altes Mädchen beugte. Das Baby war fasziniert von den Gesichtszügen seiner Mutter, die mit der Rückkehr ihres Ehemannes immer breiter wurden. Auf mich aber wartete der Traum vom Sattsein, denn auf einem Tisch neben der Treppe zum Dach stand ein Teller mit frischer Melone, auf der feine Tröpfchen glänzten. Von ihm trennte mich nicht viel, nur ein großer Bogen, der mich an der Rückseite der riesigen Blumentöpfe entlangführen würde, hinter denen die Kakerlaken auf ihrer Bühne rauschende Partys feierten. Ihr Lärmen würde die Dummheit, die ich gleich begehen würde, wie eine Filmmusik begleiten.

„Guck mal, sieht sie in dem Kleid nicht aus wie Joli Cœur?“, fragte die Mutter ihren Mann scherzend. Dann rutschte sie ein Stück zur Seite, um ihm Platz zu machen, damit er seine Tochter hochnehmen und sie über ihre Köpfe werfen könne. Dafür legte er ihre schmale Brust und ihren kleinen Bauch auf seine große Hand. Das war meine Chance, mich in den Innenhof zu schleichen.

Und weil eine Mutter so glaubwürdig und warm ist wie der Rest der Milch, der immer noch auf ihren Brustwarzen lag, glaubte auch ich ihr. Sie sah wirklich aus wie der Affe Joli Cœur, der Freund von Remi, Vitalis, Capi, Serino und Dolc.

Das Gesicht des kleinen Mädchens schwebte über unser aller Köpfen, als der Vater das Baby in einer clownesken Geste hoch in die Luft warf und dann seine Arme ausbreitete, um es wieder aufzufangen. Mit schreckgeweiteten Augen schaute es uns an. Doch nicht ich war der Grund dieses entsetzten Blickes, sondern der Anblick der Welt aus der Höhe. Ich weiß nicht, wie Gott die ganze Zeit mit offenen Augen von oben auf uns herabschauen kann, ohne dass ihn der Anblick schwindeln lässt. Das war der einzige Augenblick, in dem wir, das kleine Mädchen und ich, einander gewahr wurden, ein Kennenlernen ohne Sprache, die wir beide nicht beherrschten. Die ängstlichen Blicke waren das Einzige, was uns verband.

Es war mein dummer Bauch, der mich dazu trieb, auf den zwar längeren, aber sichereren Weg zu verzichten und ganz plötzlich und in Windeseile durch einen Wald von Beinen hervorzuschießen. Wenn der Fehler eines Klugen besonders schwer wiegt, wie schwer wiegt dann wohl meiner?

Die Mutter nahm augenblicklich das Geräusch meiner Füße wahr, die kratzend über die vom abendlichen Blumengießen dampfenden Steinplatten liefen. Nun schaute auch sie mich von oben aus an, jedoch mit dem Unterschied, dass sie das Recht hatte, über mein Schicksal zu entscheiden. Sie begann so schrill und lange zu kreischen, dass sie die Symphonie der Kakerlaken und die Geräuschkulisse des Lebens übertönte. So beginnen meist die Szenen, die vom Chaos handeln: hier ein Jäger und dort ein Gejagter.

Vor Angst riss ich die Augen genauso weit auf wie das Baby, das weinend in den Armen seines Vaters gelandet war. Und weil ich, im Gegensatz zu ihm, nicht vor der Wahl stand, gleichfalls zu weinen, flitzte ich - gefolgt vom Zeigefinger der Mutter - hierhin und dorthin. Mit bebendem Herzen und einer winzigen Lunge flehte ich meine Füße an, mich nicht im Stich zu lassen und weiterzurennen.

Verdammt sei die Melone! Lebe wohl, weißer Käse!

Es waren nur noch zwei Meter bis zur Treppe. Mir stockte das Herz, aber mir blieb keine Wahl: Die einzige Lösung war die Flucht. Immer näher kam ich den Treppenstufen, während der Vater schwerfällig mit einem riesigen Strohbesen – woher war der plötzlich gekommen? – hinter mir herlief und hinter ihm die Mutter, die weiter laut keifte und ihren Mann anstachelte, mich zu töten. Und hier entfaltete sich die Einzigartigkeit der einzelnen Szenen, denn jeder von uns hat seinen eigenen Regisseur.

„Fang sie, bevor sie über das Dach entkommt! Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du Mausefallen aufstellen sollst?!“

Rasha Habbal Nora Bossong

Rasha Habbal & Nora Bossong

Rasha Habbal und Nora Bossong haben keine Scheu vor trockenem Stoff. Rasha Habbal war Buchhalterin, Nora Bossong hat einen Roman über einen Handtuchfabrikanten geschrieben. Und beide können beides: Prosa und Poesie.

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