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Drei trübe Leben

Galal Alahmadi
Bild von Abdul Razzak Shaballout, Waiting you for dinner, Öl auf Leinwand, 100 x 170 cm (2013)
Bild von Abdul Razzak Shaballout, Waiting for you for dinner, Öl auf Leinwand, 100 x 170 cm (2013)

Für meine Mutter

1
Du hackst Zwiebeln, ungeschützt. Deine Augen tränen. Die Tränen laufen auch noch, wenn du Tomaten schneidest, Salz und Gewürze ins Essen gibst, es abschmeckst, aus dem Fenster schaust.
Die Tränen erfassen deine Stimme, wenn du uns zu Tisch rufst, schwappen auf alle Anwesenden über. Unergründliche Tränen tropfen ins Abendessen, auf die Teller beim Abwaschen, fließen aus der Küche ins Schlafzimmer. Tiere aus Tränen wachen an der Tür. Tränen am Spiegel, Tränen im Regal, Tränen im Kissen – Tag für Tag. Tränen im Supermarkt, Tränen am Feiertag, Tränen zu jedem Anlass, Fraueninitiativen zum Austausch von Tränen, Tränen der Mutter, der jungen Frau, des Mädchens und die noch viel größeren und bittereren Tränen der Göttin. Tränen, die nichts nützen, Tränen über unglückliche Tage wie die, an denen einige meiner Geschwister auf die Welt kamen. Tränen, ein Seufzer, ein Kind, dann wieder Tränen; Tränen, die mich zur Schule geleiten und zur Moschee. Tränen über Tränen, sie fluten Bett, Zimmer, Haus. Ein Haus, einsam, erleuchtet, umschlossen von einer Träne. Unsere mageren Körper, die sich dem Ertrinken ergeben, werden aus den Fenstern geschwemmt. Gefügig harren wir Jahr um Jahr aus. Uns wachsen Schuppen, wir träumen wie Fisch, Mensch, Prophet, Teufel, träumen uns satt. So geht es immer weiter, bis du aufhörst, Zwiebeln zu hacken, oder uns der Fischer fängt.

2
Ich bin nicht bloß einsam,
sondern auch dumm.
Zu erkennen daran,
dass ich die Zigarette
in Regen und Sturm
unbedingt am Glimmen halten will.
Ich sollte mein Herz lieber an etwas anderes vergeben,
etwas, das unverbindlich ist,
glänzt,
nicht allzu sehr strapaziert,
etwas, das ich bei Bedarf essen
oder gegen etwas anderes eintauschen kann.
Etwas, an dessen Seite ich getrost einschlafe
mit der Gewissheit,
dass es mir keine zusätzlichen Alpträume bereitet
und am Morgen, wenn ich erwache,
noch da ist für mich,
genau dort, wo ich es am Abend hingelegt habe.
Etwas Liebenswertes, Feinfühliges,
etwas, das keine Neugier kennt, Schränke nicht durchwühlt,
meine Küche und mein Leben nicht umkrempeln will,
mir, wenn ich weg bin, den Sofaplatz nicht raubt,
etwas, das ich verleihen
und anderen zum Küssen freigeben kann.
Etwas wie ein Fisch,
dem ich abends,
wenn ich heimkomme
und er schon schläft
oder sich schlafend stellt,
meine Liebe gestehe.
Den ich,
wenn mir irgendwann die Worte ausbleiben,
zum Ozean bringe,
ins Wasser werfe,
hinter mir lasse.
Und fragt mich dann einer,
warum ich allein bin,
sage ich:
Meine Hand hat immer großzügig gegeben,
das Herz aber nichts als Leere geerntet.

3
In ein kleines Heft male ich für dich
eine Wolke,
weiß und weich.
Aber was hast du davon?
Essbar ist sie nicht.
Ein schwerer Fehler,
an dem sich die anderen offenbar nicht stören.
Liebe funktioniert aber nicht von selbst.
Sie braucht jemanden,
der mit dir auf den Markt geht,
frisches Gemüse holt und in die Küche trägt,
Zwiebeln hackt,
sich die Augen ausweint,
mit scharfem Gegenstand die Hand verletzt,
die Wunde mit schmutzigem Tuch verbirgt,
aus dem Fenster schaut,
wartet,
Tee kocht,
die heiße Suppe kostet,
sich die Zunge anstelle einer anderen verbrüht,
deinen Namen besser ausspricht als du selbst,
nachpfeffert,
noch einmal kostet,
die Zunge wieder verbrennt,
das beste Stück aus dem Topf
dir auftut
und das Verbrannte sich selbst,
dir vortäuscht,
satt zu sein,
still
und wachsam in die Runde schaut,
für dich eine Wolke malt,
eine kleine Wolke,
sich bewusst,
dass sie weder weiß ist
noch weich
geschweige denn essbar.

 

– Ein Hund in der GasseLesenكلبٌ في زقاق
– Der GedankeLesenالفكرة
– So tötete ich einen SchmetterlingLesenهكذا قتلت فراشة
– Löchrige SockenLesenجوارب مثقوبة
– Weniger HassLesenحقدٌ أقلّ