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Semimänner, Halbfrauen und ganze Hyänen. Ein Versprechen

Rabab Haider
Collage von Noor Bahjat Al Masri (2018)
Collage von Noor Bahjat Al Masri, unter Verwendung eines Fotos von Mazen Al Ashkar und anderen (2018)

Vor einer Woche starb unser Nachbar Abdullah, der Besitzer des Alkoholgeschäfts, der über sämtliche Umstände und Ereignisse im Viertel stets genauestens Bescheid wusste. Offensichtlich galt das selbst für Dinge, die in der Vergangenheit oder Zukunft lagen. Wie es die bekannten Auguren im Lokalfernsehen immer zum Jahresbeginn taten, führte auch er einem mit hellseherischen Fähigkeiten jeden einzelnen Zeitabschnitt vor Augen.

Am vergangenen Neujahrstag erklärte er mir, in diesem Jahr werde bei Festen mehr Alkohol konsumiert werden als jemals zuvor. Der Verkauf von Alkohol und der Prozentsatz seiner Konsumenten seien gewachsen, das Glück allerdings nicht. Die Anzahl der Betrunkenen bei Feierlichkeiten sei so hoch wie immer, die der Verrückten auf den Straßen ebenfalls konstant geblieben. Allerdings werde nach seinen Prophezeiungen, mit denen er, wenn es um Menschen ginge, selten falsch liege, die Zahl der Verrückten sukzessive steigen, denn in den ehrbaren Häusern würden sie immer mehr. Und bald würden sie auf die Straßen strömen.

Abdullah hatte schon fast allen ihm bekannten jungen Frauen einen Heiratsantrag gemacht, und als er sicher war, dass all meine Versuche, eine Reise oder einen Umzug zur Flucht zu nutzen, gescheitert waren, kam ich an die Reihe. Wie die Frauen vor mir sah auch ich auf seinen ausgemergelten Körper und seine dem Ende zustrebenden Jahre, wandte den Blick jedoch ab von seinen Dummheiten, die nicht anders waren als die Dummheiten all unserer Männer.

Ein Gesprächsthema in unserem Viertel ist die Frau, die von ihrem Ehemann betrogen wurde und aus ihrem schweren Verletztheitsgefühl heraus ihrerseits eine Affäre mit dessen Freund anfing. Als das aufflog, wurde sie gleich von beiden Männern betrogen, und alle sagten: „Nein, wie schrecklich!“ Fortan lebte sie als unglücklicher syrischer Mensch. Doch als der Krieg kam, stach sie mit einem Gummireifen in See, fuhr in einem Motorboot weiter, wieder mit einem Gummireifen, dann auf einem Rettungsschiff – und gelangte so nach Europa. Jetzt lebt sie dort, als glücklicher deutscher Mensch. Sie hat alle Beziehungen hierher abgebrochen, selbst zu denen, die versucht hatten, ihr zur Seite oder in einer Reihe mit ihr zu stehen. Verständlich, dass man seine Beziehung zur Desillusionierung abbricht.

Vor einer Woche ist Abdullah gestorben, und vor einer Woche hast du mich wieder enttäuscht. Zum letzten Mal, sage ich dir. Zu oft schon hast du den Frauenhelden gespielt, das passt weder zu dem Mann, der du bist, wenn du brüllst oder eifersüchtig wirst, noch zu dem, den du mir im Bett versprochen hast. Und es steht in keinem Zusammenhang zu deinem mutigen Auftreten vor den Kameraden oder deiner Vergangenheit mit früheren Geliebten.

Ich habe dich dabei ertappt, dass du dich auf Kontaktseiten angeboten und in privaten Chats deine Netze nach einer einsamen Frau ausgeworfen hast, die sich ihrerseits einen jungen Mann wie dich angeln will. Eine Katalogbraut bist du!

„Nein, wie schrecklich!“, würdest du zu mir sagen, würde ich dir das entgegenhalten.

„Nein, wie schrecklich!“, sagte auch die junge Frau zu ihrem Verlobten, der aufgebrochen war, um ihnen beiden ein würdiges Leben zu sichern – was zwangsläufig bedeutete, dass das Leben hier erbärmlich war. Beharrlich behauptete er, während der Reise an seiner Liebe festgehalten zu haben. Er sei nicht ins Straucheln geraten und gefallen, sondern hole die Netze ein ... Die junge Frau jedoch zog den Ring, der ihr eine herrliche Zukunft versprochen hatte, vom Finger. Alle zeigten heimlich auf sie und sagten: „Was für eine Schande!“ Hätte es „Nein, wie schrecklich!“ geheißen, wäre es ihr lieber gewesen.

So wird das Wort „Desillusionierung“ einen neuen Weg finden, sich unserer Texte zu bemächtigen, es wird sich zwischen den Vokabeln und im Herzen der Sprache einnisten.

„Immer wenn meine Bekannten mich enttäuscht haben, ist meine Frau mit mir böse“, berichtete mir ein junger Autor, den erst der eine, dann der andere Chefredakteur entmutigt hatte und dessen Freunde einige seiner beliebtesten Facebook-Posts als ihre ausgegeben und so ein paar seiner weibliche Fans gestohlen hatten. „In der Hoffnung, sie damit zu besänftigen, kaufe ich ihr dann ein Paar Schuhe, einen Gürtel oder schlimmstenfalls Zigaretten.“

Um unsere Ankunft auf dem europäischen Festland zu feiern, befreiten wir uns als erstes von unseren Ungeheuern. Die eine entledigte sich ihres Hidschabs, die andere mit einer raschen Scheidung, die sich zuvor niemand hätte vorstellen können, ihrer Ehe. Mancher legte seine Waffe nieder, und ein Mann, der zu Hause drei Kinder hatte – so erzählt man sich –, erklärte sich bei der Ankunft in seiner europäischen Heimat für homosexuell. Seine Ehefrau – stelle ich mir vor – hieß dieses Bekenntnis vielleicht sogar gut.

Natürlich ist der Krieg hier abscheulich, aber andererseits ermöglicht das Asyl diffamierten Frauen und Männern, zu ihrer Menschlichkeit zurückzufinden. Wir alle sollten jetzt unser Bekenntnis ablegen.

Auf unseren Seelen lastet eine schwere Bürde, von der man in den Nachrichten nichts hört und die offenzulegen kein Unterhändler, egal welcher Seite, fordert. Es ist wie in allen Kriegen: Unser Krieg hat uns die Masken von den Gesichtern gerissen, so dass sie jetzt bloß liegen wie die Gier bei einem großen Bankett.

Nach vielen Zigaretten blicken wir nach oben, in den Rauch über unseren Köpfen, der sich unter der Decke gefangen hat, und wir sehen darin die Gesichter derer schweben, die wir vermissen, derer, die wir verloren haben, weil sie gestorben, vertrieben, verschwunden oder verschollen sind. Auch das Lächeln derer, die erfolgreich versucht haben, dieser gesegneten Erde durch Suizid oder Ertrinken zu entrinnen, sehen wir dort – und die vor Staunen weit aufgerissenen Augen der unter den Trümmern begrabenen toten Kinder, wie sie uns von den Bildschirmen entgegenstarren.

Im Rauch unserer Zigaretten schweben die Gesichter derer, von denen wir nicht erzählen ...

Wir schauen aus Augen, die nach innen gerichtet sind. Auf unseren Seelen liegt eine schwere Last, als trügen wir – Männer wie Frauen – in uns den Fötus der Desillusionierung, manche von uns sogar mehr als einen.

Wann steht die Geburt an? Kann es sein, dass wir alle zur selben Zeit entbinden?

Dass wir im gleichen Augenblick unsere Kinder zur Welt bringen, lauter Semimänner, Halbfrauen und ganze Hyänen?

*****

Denn mit Semimännern, Halbfrauen und ganzen Hyänen werden wir niederkommen. Anschließend werfen wir sie aus den Schlafzimmerfenstern hinab auf die Straße.

Unsere Missgeburten werden mit den übrigen Verrückten, von denen Abdullah berichtet hat, umherlaufen, denen, die aus den ehrbaren Häusern geströmt sind und sich den alten Verrückten angeschlossen haben. Diese werden sich, weil ihre Füße sie nicht mehr tragen, mit Gebrüll begnügen. Währenddessen werden unsere Monster und die neuen Verrückten, die Kinder aus den ehrbaren Häusern, den letzten noch verbliebenen Vernünftigen hinterherrennen.

Auf der Straße warten schon die Betrunkenen auf sie, die friedlichen Haschischraucher unter den Hafenarbeitern und die Fischer, die seit ihrem einundzwanzigsten Lebensjahr keine Zähne mehr im Mund haben. Dazu die von den verlogenen Masken der Menschlichkeit enttäuschten Kleinkriminellen, die jedes menschliche Gesicht bestrafen, weil sie fürchten, es sei nur eine Maske.

Die Straße wird gefährlicher werden als der Albtraum eines von Dschinn Besessenen.

Das ist ein Versprechen.

*****

Es wird viele Dschinn geben, denn manche Desillusionierungen bringen Dschinn hervor, auch wenn die Wissenschaften der männlichen Scheichs, die islamische Theologie, diese Tatsache nicht eingestehen. Wir Frauen aber wissen es, wir wissen, dass es viele Dschinn geben wird, und auch, wo sie sich aufhalten: unter der Spüle, im Badezimmer, hinter dem Wassertank aus Blech, über dem Küchenverschlag, unter den Betten der einsamen Frauen, hinter den Gardinen der Pubertierenden, die sich in ihren neuen Körpern nicht zurechtfinden, in den Schränken der Kinder ...

Und draußen natürlich, hinter den Strommasten in den verlassenen Gärten, in den unbeleuchteten Straßen und in den Stämmen der vertrockneten Stadtbäume.

Die Dschinn lieben die Verrückten, ihnen gefallen die Gespräche der Haschischraucher, und manchmal tragen sie sogar die bewusstlosen Betrunkenen in ihre Schlafkammern. Und entgegen dem, was die Wissenschaften der Männer sagen, halten sich die Dschinn nicht gern auf Friedhöfen auf, sie besuchen nur manchmal die Seelen, die dort schweben, beschwichtigen ihre Angst und geben die Neuigkeiten aus dem Krieg an die Toten weiter, sagen ihnen, wer noch lebt und wer gestorben ist. Wenn die Toten sie allerdings nach ihren Liebsten unter den Lebenden fragen, winden sich die Dschinn und drehen sich verlegen um, sind doch einige davon gar nicht mehr ihre Liebsten: Manche haben vergessen, manche sind gestorben und fortgezogen, andere sind gestorben und schweben über einem anderen Friedhof oder irgendwo unter freiem Himmel.

Von dort schauen sie sich um und schütteln den Kopf darüber, wie hart das Herz des Menschen ist, wie mürbe sein Verstand und wie sehr er die übrigen menschlichen Seelen geringschätzt.

Unsere Monster der Desillusionierung aber wachsen mit den Dschinn und den Enttäuschten, die Kleinkriminelle geworden sind, heran und werden die verbliebenen Bewohner dieser gesegneten Erde töten. Verschont bleiben nur die Wüste, die Semimänner, Halbfrauen, die ganzen Hyänen - und die von den Dschinn Besessenen.

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– Ein Kriegsbericht, der nicht traurig sein sollLesenحديث لن يكون حزينًا عن الحرب
Rabab Haider Ulla Lenze

Rabab Haider & Ulla Lenze

"Es ist nicht leicht, im Krieg Atheistin zu bleiben", sagt Rabab. Mittlerweile habe sie einen Gott ziemlich nötig. Humor und das Gespür für die feinen Unterschiede in groben Machtgefügen verbinden die Texte der beiden viel fliegenden Schriftstellerinnen.