Weiter Schreiben -
Der Newsletter

So vielstimmig ist die Gegenwartsliteratur.
Abonnieren Sie unseren Weiter Schreiben-Newsletter, und wir schicken Ihnen
die neuesten Texte unserer Autor*innen.

Newsletter abonnieren
Nein danke
Logo Weiter Schreiben
Menu
Suche
Weiter Schreiben ist ein Projekt
von WIR MACHEN DAS
Logo Weiter Schreiben
Menu

Shirin

Rabab Haidar
© Darin Ahmad, Inside the City, 80 x 100 cm, Acryl auf Leinwand (2019)

Über Mütter und Töchter

Meine Mutter befestigte einen Faden an meinem Kopf und zog ruckartig daran, und prompt riss er ab. Es floss nur wenig Blut.

Sie hob die Hand, in der sie den Faden hielt, und betrachtete meinen Kopf, der in der Luft hing und ungewöhnlich glänzte. Auf dem Boden waren fünf Blutstropfen gelandet, dazu zwei auf ihrer gelben Schürze, und meine Mutter meinte: „Wie bei den Brüdern deines Vaters. Ihr habt gar kein Blut, und wenn, dann ist es blau. Sieh doch!“

Ich guckte, und mir kam mein Blut schwarz vor.

Ups!

Habe ich „mein Kopf“ gesagt? Ich meinte meinen Zahn!

Meine Mutter befestigte einen Faden an meinem Zahn und zog ruckartig daran, und prompt flog er heraus. Es floss nur wenig Blut.

Aber warum wurde ich mit meinen Onkeln verglichen?

So etwas machen Mütter, die ihre Töchter schon von klein auf nicht leiden können.

 

Über Namen

Shirin hatte keine Wahl. Sie musste nach Damaskus zurück. Im Krieg war es für eine Frau ratsamer, den Bus zu nehmen, als ein Auto zu steuern. Sie buchte sich einen Platz und stieg am Busbahnhof aus dem Taxi. Der Fahrer rief ihr noch einen Lastenträger heran und trug ihm auf, der Madame ihr Gepäck zum Bus zu bringen. Das Wort „Madame“ artikulierte er besonders breit.

Shirin hatte sich für möglichst einfache Kleidung entschieden: Sie trug eine an den Knien und am rechten Oberschenkel zerrissene Jeans, neueste Beiruter Mode, ein elegantes blaues Jackett aus Satin und einen silbergrauen Schal aus Seide, so groß wie eine Tagesdecke. Aber zur „Madame“ hatte sie es wohl in erster Linie durch ihr blondes Haar gebracht.

 

Der Lastenträger

Sein linker Arm baumelte an der Seite herum, aber offenbar war er noch nicht lange tot, denn seine Bewegungen wirkten, als wäre der lahme Arm noch quicklebendig. Er kam dem Mann immer wieder ins Gehege, so dass er ihn schließlich in seine Jackentasche stopfte. Dann packte er Shirins Koffer mit dem rechten Arm und wuchtete ihn in eine offene rechteckige Kiste, die wie ein Kindersarg aussah und auf kleine wackelige Rollen montiert war. An dem Sarg war ein Seil, das der Lastenträger sich über die Schulter warf, und so rollte die Kiste hinter ihm her, wenn er lief. Der Einarmige machte statt zwei jeweils nur eineinhalb Schritte, denn offenbar hatte er an der rechten Hüfte eine Verwundung. Das alles sah Shirin jedoch nicht, denn sie war in Gedanken über die Zeit und das Warten versunken.

In ihren Gedanken blendete sie den Krieg, den Gepäckträger und das zerstörte Gebäude rechts vom Bahnhof aus. Es war in der vergangenen Nacht von einer Granate getroffen worden, die versehentlich von einem Militärstützpunkt in der Nähe abgeschossen worden war, aber das wusste Shirin nicht. Sie ließ das Taxi, mit dem sie gekommen war, hinter sich und ging zum Bus, der noch ein Stück entfernt war. Und hielt dabei Abstand zu den Männern und Frauen, die sie misstrauisch ansahen, nicht nur wegen ihrer blonden Haare und ihrer modernen Kleidung, insbesondere ihrer Jeans, sondern weil sie offenbar nicht von Angst durchdrungen war, jener Angst, die den Menschen im Krieg eigen ist.

 

Das Warten

„Warten“, dachte Shirin, „ist nicht immer so, wie Beckett es beschrieben hat. Es ist nicht inhaltslos und stumpfsinnig, sondern es besteht aus Dummheiten. Zum Beispiel zündet man sich während des Wartens die dreiundsiebzigste Zigarette am Tag an, obwohl die Lunge schon bei der einundsechzigsten aufgegeben hat. Oder man beobachtet einsam die Zeit, die mit leeren Pupillen zurückstarrt. Zu viel Zeit zu haben ist sinnlos. Man könnte etwas vom Zaun brechen, man könnte einen Selbstmordversuch inszenieren, es käme ein Krankenwagen und man verbrächte eine Nacht im Krankenhaus … Oder man erfindet eine Liebesgeschichte. Oder Freunde, die man nicht hat.

Noch dümmer ist der Versuch, die Zeit totzuschlagen. Zeit totschlagen. Wie bescheuert!

Das Warten sollte man totschlagen. Wenn man wartet, weil man eine trügerische Hoffnung in sich trägt, spuckt man die Hoffnung am besten im Ganzen aus (tiffffffff!) und zertritt sie dann mit dem Schuhabsatz im Dreck. Trägt man das Warten im Herzen, so versiegele man die entsprechende Stelle und lebe weiter (ein bisschen Herz genügt ja auch). Und wenn das Warten sich im Kopf eingenistet hat, dann schneide man selbigen ab. Auch in einem Körper ohne Kopf lässt es sich leben, man kann zum Beispiel noch tanzen. Oder harten, hohlen Sex haben.

Man kann auch einer Person, die so aussieht wie das eigene Warten, die dieselbe Haarfarbe, ähnliche Finger, die gleiche Augenfarbe oder dasselbe Sternzeichen hat, einen fest verschnallten Tod wünschen. Wenn man nicht gleich eine Mordserie plant.

Shirin ließ sich in ihren warmen Sitz fallen und verspürte eine plötzliche Genugtuung. Sie legte sich ihren Schal wie eine Decke auf die Knie, während der Bus gemächlich wie ein Elefant in Richtung Ausfahrt rollte, um dann Richtung Damaskus abzubiegen.

Noch sechs Stunden Krieg, dann würde sie ankommen.

 

Wie man der Geliebten des eigenen Exlovers begegnet

Shirin: „Ich bin zu dem Spiegel gerannt, vor dem sie stand, und hab mich neben sie gestellt – Auge in Auge. Ich sag ‚Hallo‘, aber sie wendet sich nur ab und klimpert mit ihren falschen Wimpern. Dann kommt doch noch ein verunsichertes: ‚Hallo‘ zurück.“

Suzan: „Hat sie dich nicht erkannt?“

Shirin: „Hat sie nicht. Ich starre auf die, deren bessere Version ich sein will, und sage: ‚Ich werde bei dem Interview dabei sein.‘ Da starrt sie zurück und glotzt auf meine Frisur, mein gefärbtes Haar, und mein Make-up. ‚Wir sind ja wie eine Kopie‘, sage ich und tue überrascht. ‚Ja‘, sagt sie perplex mit einem steifen Lächeln. ‚Wir müssen noch die Wimpern machen!‘, rufe ich der Maskenbildnerin zu. Sie bringt mir im Galopp die falschen Wimpern und fast müssen wir beide laut loslachen.“

Suzan: „Die Visagistin, die du verlangt hattest?“

Shirin: „Ja, ich hatte sie in ein paar Anrufen bestochen, aber die alte Gaunerin macht auch ohne Geld bei so was mit.“

Suzan: „Und sie?“

Shirin: „Sie mäkelt jetzt plötzlich an ihrem eigenen Make-up rum, aber ziemlich kleinlaut, und es war eh zu spät, noch was zu ändern.“

Suzan: „Und die beiden Regieassistenten?“

Shirin: „Der eine ist mein Freund und der andere ein Fan von mir. Außerdem war keine Zeit mehr, wir gingen gleich auf Sendung. Die Arme musste sich also geschlagen geben.“

Suzan: „Und er?“

Shirin: „Der große Dichter? Lief vor mir weg wie vor einem Geist aus der Vergangenheit, der in seine Gegenwart dringt. Das wäre ich übrigens gerne: ein Geist von früher, der in der Gegenwart Angst und Schrecken verbreitet. Da stand sie nun, seine neue Loverin, und versuchte ihre Angst runterzuschlucken. Kurz bevor wir auf Sendung gingen, beugte ich mich zu ihr rüber und sagte wie eine alte Freundin: ‚Heute wirst du mal nicht die Schönere sein.‘ – ‚Wer bist du überhaupt?‘, fuhr sie mich an. Der Mistkerl hatte ihr offenbar nichts von mir erzählt. Blut stieg mir in den Kopf, ich muss ziemlich wütend ausgesehen haben, denn man konnte ihre Furcht förmlich riechen. Ich war wie im Rausch, kam aber wieder zu mir und glotzte sie einfach an. ‚Du machst mir Angst‘, sagte sie, und ich war glücklich! ‚Danke‘, sagte ich, ‚es ist nichts Persönliches. Ich will einfach nur fies sein!‘“

 

Der Text ist ein Auszug aus einem Roman in Arbeit.

– Die ReportageLesenريبورتاج
– Es geht mir gutLesenبخير.
– Semimänner, Halbfrauen und ganze Hyänen. Ein VersprechenLesenوعدٌ بأشباه رجال، أنصاف نساء وضباع كاملة
– Wiegenlied für das Erwecken von GeschichtenLesenتهويدة لإيقاظ الحكايا
– Das Herz eines Wolfs kochenLesenHörenأن تطبخ قلب ذئب
– Ein Kriegsbericht, der nicht traurig sein sollLesenحديث لن يكون حزينًا عن الحرب
Rabab Haidar Ulla Lenze

Rabab Haidar & Ulla Lenze

"Es ist nicht leicht, im Krieg Atheistin zu bleiben", sagt Rabab. Mittlerweile habe sie einen Gott ziemlich nötig. Humor und das Gespür für die feinen Unterschiede in groben Machtgefügen verbinden die Texte der beiden viel fliegenden Schriftstellerinnen.

Datenschutzerklärung