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Weiter Schreiben Mondial - Briefe > Rasha Azab & Lina Atfah > Brief an den Stern. Meine Fahrten in der Stadt der sterbenden Straßen - Brief 1

Brief an den Stern. Meine Fahrten in der Stadt der sterbenden Straßen – Brief 1

Rasha Azab an Lina Atfah, Kairo, 01. August 2022

Übersetzung: Sonja Jacksch aus dem Arabischen

© privat

Liebe Lina,

meine Freundin begleitet mich, doch sie ist so müde, dass sie nur ein Auge offenhalten kann, das andere bleibt zu. Ich will Schlaf und er will mich. Sie aber will unbedingt mit mir in die Wüste des Naturschutzgebietes Hankorab fahren, um einen Stern zu sehen, der allein in der tiefsten Nacht aufsteigt, bevor der Himmel eindöst, seine Wimpern sich senken und dem Tag den Vortritt lassen. Die Venus erscheint zwischen drei und vier Uhr früh, immer allein, rot und stark. Das Übermaß an Licht lässt sie erschaudern, sie erträgt es nicht wie die Figuren Kunderas. Mit Einbruch der Nacht breiten sich die Sterne wie Reiskörner am tiefblauen Himmel aus. Sie schwanken, taumeln und tummeln sich, dann eilen sie nach und nach fort, bis sie in der Dämmerung allesamt verschwunden sind. Nur der blaue Himmel bleibt allein, ein sorgsam gemaltes Bild.

Ich bin also in der Wüste und versuche mich irgendwie zu stimulieren, um die Venus so zu betrachten, wie es ihr gebührt – mit offenen Augen und Interesse. Meine Freundin will eine Zigarette mit mir teilen. Wir rauchen sie also gemeinsam, danach döse ich doch ein wenig ein und wache erst wieder auf, als die Venus fast schon wieder verschwunden ist. Sie ist hellrot getüpfelt und verabschiedet sich glanzvoll, ehe die Sonne wieder die Kontrolle über das Dasein übernommen hat.

Die Venus verdient es, in Ruhe betrachtet zu werden, und wir verdienen es, unseren Himmel in Ruhe zu verlassen. Wenn das Verlassen ohnehin jedes Mal obligatorisch ist, dann muss es auch in Ordnung sein, innezuhalten.

Was ich fühle, liebe Lina, ist die Erosion, das gewaltsame Verlassen, die zwangsweise Loslösung, die bebende Erde unter meinen Füßen. Ich weiß, dass der Nebel genauso Licht birgt wie die Sonne, nur dass uns der Nebel herumirren lässt, während die Sonne für Helligkeit sorgt. In meinem Land habe ich eine Sonne aus Nebel gesehen, eine rätselhafte Sache, die sich nicht wissenschaftlich erklären lässt, aber ich sage Dir, die vernebelte Sonne oder der sonnige Nebel: Das ist die Definition meines Lebens in meiner Stadt. So sieht das Licht aus, wenn ich mein kleines treues Auto über abschüssige Schnellstraßen steuere, die in den Städten der vom Regime angekündigten „neuen Republik“ kein Mensch überquert. Sie alle sind im alten Kairo eingezwängt, atmen den Nebel ein und pusten ihn dann in den Himmel, um unsere besondere Atmosphäre herzustellen.

Wir halten inne, während der Nil unter unseren Füßen vorbeizieht. Er trifft nach seiner langen Reise aus Äthiopien bei uns in Ägypten ein. Unser Land ist von der Geografie als Staat seines Endes ausgewählt worden, und die Geschichte hat den Nil auserkoren, Ägypten mit seinen Wurzeln zu verbinden, egal, wie uns die Grenzen auch von ihnen trennen mögen. Wenn Du Ägypten oder einen der Staaten des Nilbeckens besuchst, liebe Lina, denke daran, den Lauf des Flusses vom Flugzeug aus zu betrachten. Dieser verdrehte Faden ist wie eine Nabelschnur. Von oben sieht er aus wie eine schwache Linie, die sich bis zur Unkenntlichkeit ausdünnt, als würde er sich selbst erschaffen – aus dem Bauch der Wüste heraus. Wohingegen wir, seine Anwohner, uns nur aus der Liebe heraus selbst erschaffen können, denn nur die Liebe rettet uns vor der Angst, die ständig auf uns lauert in diesem Land. Wenn wir an seinem Ufer entlanggehen in der Hoffnung auf ein Wunder, dann treffen die Liebe und der Fluss aufeinander und sorgen dafür, dass wir zufällig überleben oder vielleicht sogar leben wie in den Gedichten.

Ich stehe neben der Schriftstellerin Ahdaf Soueif auf den schwankenden Planken ihres Hausbootes, als sie ihrem Sohn, dem englisch-ägyptischen Autor Omar Robert Hamilton, erklärt, was das Wort Erosion bedeutet. Wir versuchen gemeinsam herauszufinden, ob das englische Wort dieselbe Wirkung und Etymologie hat wie das arabische. Die Familie von Ahdaf Soueif, zu der auch der politische Gefangene Alaa Abd el-Fattah gehört, wurde erosionsartig aus dem Land vertrieben. Sie waren gezwungen, ihren Hausrat in Kisten aus Träumen und Geschichten zu packen. Doch trotz des Drucks halten sie inne.

***

Es war der Tag des Abschieds von dem Haus auf der Kairoer Nilinsel Al Manial, das Ghada Shahbandar seit sechzig Jahren kannte. Die letzten Reste der Erinnerung von den Regalböden und aus den Schubladen zu klauben, fühlte sich an wie das Aufrollen einer abgerollten Garnrolle, deren Anfang nicht zu finden ist. Es war ein starkes und stures Garn, in den Tiefen des Ortes gebunkert. Das Haus meiner Freundin Ghada war die Heimstatt einer Familie, die Mitte des vergangenen Jahrhunderts nach dem Mord an Ghadas Großvater aus Syrien ausgewandert war. Ihr Großvater war einer der Führer der Großen Syrischen Revolution gegen Frankreich, der säkulare Kämpfer und Arzt Abd al-Rahman Shahbandar.

 

Liebe Lina, ich habe Schwierigkeiten, am Ende jedes Abends nach Hause zu kommen. Ich fahre ungefähr doppelt so lang wie über die normale Strecke, weil Baumaßnahmen den Hauptstraßen seit drei Monaten zusetzen. Die Regierung schert sich nicht darum, Alternativrouten zu bieten, und so zahlen wir die tägliche Rechnung für diese Untätigkeit. Ich fahre ein erschöpftes Auto über nackte Straßen, die im Zuge der Modernisierungsmaßnahmen aufgerissen werden. Es sind neue Straßen, kaum mit Erinnerung behaftet, doch ihre tiefen Wunden künden schon von der Republik der sterbenden Straßen.

***

Die Wüsten

Ich habe die Venus das erste Mal im Naturschutzgebiet Hankorab gesehen. Dieses Fleckchen Erde, liebe Lina, liegt an der südlichen Küste des Landes und grenzt im Süden an die Region Shalatin, wo die Grenze beginnt, die von den Regimen Ägyptens und des Sudan historisch umkämpft wurde. Hankorab ist ein Naturschutzgebiet, das mit keinem anderen Ort in Ägypten vergleichbar ist. Die Wüste ist ein heißes Gericht, das die Wüstenbewohner stolz servieren. Die Wüsten überfluten das Land und jede Wüste hat einen anderen einzigartigen Geschmack. Wer die Wüsten im Nordsinai besucht, wird erkennen, dass sie sich von den Wüsten im Süden der Sinaihalbinsel unterscheiden. Und wer in die Stadt Al-Qusair fährt, wird sehen, dass deren Wüsten wieder anders sind als die von Hankorab, El-Qulan und allen umliegenden Gebieten. Die Wüsten sind wie ihre Bäume, ihre Bewohner und manchmal sogar wie diejenigen, die sie durchqueren.

Wir kennen diese Gegend, weil wir den Fußspuren derer folgen, die in ihrer Fantasie schon vor uns da waren. Karim Nour baute dort vor zwei Jahrzehnten das erste Ökohotel aus natürlichen Ressourcen im südlichen Roten Meer Ägyptens. Der Staat half ihm weder beim Bändigen der Wüste noch beim Dienstbarmachen der Erde. Er baute sein kleines Hotel über zwanzig Jahre hinweg, langsam und beharrlich, mit der Liebe seiner Freunde im Rücken und deren Eifer, diese neue Erde zu entdecken. Eine Binnenmigration setzte ein, die weiterwuchs und von der irgendwann Dutzende junger Leute aus der Hauptstadt angesteckt wurden, die ihres Lebens der ertragslosen Arbeit überdrüssig waren. Das Projekt von Karim Nour oder „Kiki“, wie ihn seine Freunde nannten, zog Hunderte an, die ein wildes Leben führen wollten. Es blieb eine Brücke, um die dortige Küste des Landes und das Leben der Wüstenbewohner kennenzulernen, Leben, die anders sind und die die Touristen und Naturforscher kennen, nicht aber die Millionen von Menschen unseres Landes. Der Zentralstaat hält das Bild von Kairo und der arabischen Amtssprachen, die zwischen Hochsprache und lokalem Dialekt schwanken, als einzig gültigen Maßstab aufrecht. Dabei haben die Bewohner der Grenzregionen Ägyptens andere Stimmen, ein anderes Wesen, andere Sprachen und den ständigen Hang dazu, mit dem Zentralstaat aneinanderzugeraten, weil sie gesellschaftlich und versorgungsmäßig isoliert und in Krisenzeiten mittels eines politischen Feindbilds auf die Seite des Regimes gezogen werden.

Karim entfernte sich, soweit er konnte, von all dem, aber auch er konnte nicht entkommen. Der Bulldozer erreichte die Südküste. Der Staat entschied plötzlich, die Beziehung zu den „Nutznießern“ neu zu zeichnen, indem er unverdiente Millionen forderte und ungerechte Bedingungen auferlegte. Sollten sie das Geld nicht zahlen oder den Auflagen nicht nachkommen, drohte er, Karims Leben und das Hunderter weiterer Menschen auszulöschen, die mit dem Ort verwachsen waren, der zum Tor der Liebe zur ägyptischen Südküste wurde.

 

Der Fluss

Auf diesem Boden erlebte ich die Geburt der dritten Generation der Familie um Ghada Shahbandar. Der Großvater war als Kind nach Ägypten gekommen, an der Hand seiner Mutter Sara al-Adhem, der Frau des Revolutionsführers, die entschied, ihre Kinder vor dem Inferno der politischen Attentate in Syrien zu retten. Abd al-Rahman Shahbandar wurde in seiner Praxis im Zentrum von Damaskus getötet, nachdem er Gefängnis, Vertreibung und Todesurteil entgangen war. Seine Ehefrau brachte ihre Kinder in das Land, das seine Türen für deren Bildung und Aufstieg durch Fleiß und Arbeit öffnete. Ägypten hatte zu jener Zeit eine Lunge, die Kultur und Wissen aus zahlreichen Ethnien und Häfen aufnahm und es so belebte. Als sich der Geist dort ausweitete und immer mehr Menschen aufnahm, steuerten auch die vertriebenen Damaszener ihren Beitrag zu Journalismus, Theater, Gesang und Film bei. Das Buch „Die Damaszener Schwärme am ägyptischen Himmel“ von Faris Yawakim fängt einen großen Teil dieses breit gefächerten kulturellen Zustands ein, bevor die rassistischen und chauvinistischen Halluzinationen über ein reines Ägyptertum begannen, das nur in der trostlosen Einbildung existiert, man könne alle vertreiben.

Vor mir steht die Enkelin des Revolutionsführers, Ghada Shahbandar, die mittlerweile selbst Großmutter geworden ist. Sie hält diese Zeit in ihren Händen, sieht all die weitentfernten Jahre, eingeschrieben in die syrischen Ausweisdokumente und die neueren Unterlagen zum Einbürgerungsprozess ihres Vaters und ihrer Geschwister. Sie sieht diese Reise, die ihr Leben schon vor ihrer Geburt zeichnete. Der Vater erhielt die ägyptische Staatsangehörigkeit und brachte eine oberägyptische Familie hervor, für die er ein sicheres Leben nach der langen Diaspora ermöglichte.

Das Haus am Fluss in Al Manial war die Adresse eines stabilen Lebens. Das Wasser zog vorbei, die Tage vergingen mit unerschöpflicher Dringlichkeit. Und der Vater, der unverdrossene Arzt, ging seinen Weg weiter und leistete einen großen Beitrag für die ägyptische Medizin, die Fakultät für Medizin der Universität Kairo, das Krebsinstitut und für tausende Patienten. Salah Shahbandar war ein Symbol für den Kampf der Wissenschaft, ein Helfer für die Menschen.

Ghada und ich sitzen auf der bloßen Erde im Zimmer ihrer Kindheit und Jugend. Die Möbel des Hauses sind fort, die vielen Gemälde, die die Wände über Jahrzehnte bedeckt hatten, sind fort und überlassen dem Weiß ihren Platz. Das Weiß ist überall. Es konserviert die Zeit unter jedem Gemälde, ein potenzielles Versteck, auf das die Zeit keinen Einfluss hat. Während wir auf der Erde sitzen, verlieren wir uns in einer Akte mit gelben Unterlagen: Nachweise über die ägyptische Staatsangehörigkeit, Salahs Zeugnisse von der Grundschule bis zur Dissertation, manche Papiere etwa siebzig Jahre alt. Eine neue Schicht hatte sich auf der Haut gebildet und glättete sich, weil Ghada und ihr Bruder mit rein ägyptischer Identität in dieses Leben traten. Eine Identität, die in sich eine weitere Identität und Seele birgt; oder auch mehrere Seelen aus Splittergruppen und Spektren, die untereinander wetteifern und sich überlagern im ständigen Versuch zu harmonieren.

Nazli Suleiman, die Ehefrau von Salah Shahbandar, kam aus Sahel Selim in Oberägypten, doch sie wurde zu einer Enzyklopädie für echte syrische Hausmannskost. Ich kannte den Geschmack des syrischen Essens in ihrem Haus und es kam dem, was ich in Damaskus probiert hatte, am nächsten. Das war damals, im Jahr 2010, als mir die Spitzel von Bashar und die in jedem Viertel hängenden Augen der getöteten Assad-Anhänger im Nacken saßen. Sie examinierten die Vorbeigehenden in ganz Damaskus, vertrieben erneut Millionen und schrieben mühelos dasselbe Drama wieder auf dieselbe Erde.

 

Das Hausboot

Der hölzerne Boden wogt unter meinen Füßen, ein permanentes Schwanken. Meine Freundin sagt, die Leichtigkeit trifft am selben Ort auf die Schwere, jeden Tag. Ich sage ihr, was leichter wird, wird in der Seele an einem anderen Ort schwerer.

Das Hausboot von Ahdaf Soueif, ihr nach einer langen Reise des Exils gewähltes Haus, wurde leichter. Sie hatte entschieden, dass es Zuflucht und Ruheort sein sollte. Auf dem Nil wurde der Körper ihres Neffen Alaa leichter, der einen Hungerstreik begann und seinen Körper zwischen den Despotismus und sein Leben stellte. Entweder der Despotismus sollte enden oder sein Leben, in dem er sonst keinen Sinn mehr sah. Seine Seele wurde schwer, bevor sein Körper leicht wurde, und die Seelen seiner Familie, seiner Lieben und seiner Anhänger wurden schwerer, je leichter sein Körper wurde.

Tatsächlich hatte der Staat an jenem Morgen entschieden, das Leben in den Hausbooten am Nil zu beenden, ein gewisser Herr war dort vorbeigekommen und hatte den Wunsch geäußert, genau da eine seiner Modernisierungsmaßnahmen umgesetzt zu sehen. Und wir wissen, dass, wenn er an einem Ort vorbeikommt, dieser schon verwüstet ist, wie als Vorzeichen seines Vorbeikommens. Die Hausboote waren Teil der Szenerie dieser Stadt, ihrer Geschichte, ihrer Verrücktheit, und ein Rückzugsort für Künstler und Schriftsteller. Dort lebte Nagib Mahfuz für mehr als zwanzig Jahre, und sein Hausboot in der Nähe des Stadtteils Imbaba verwandelte sich in eine Fabrik der enttäuschten Hoffnungen, intellektueller Debatten und Zusammenkünfte unter Freunden. Jedes Hausboot hat tausend Geschichten, tausend Seelen und tausend Ideen, aber die Ideen interessieren dieses Regime nicht. Wichtig ist allein, den Beschluss Seiner Exzellenz umzusetzen; und der Beschluss Seiner Exzellent ist ein nicht misszuverstehender oder zu diskutierender militärischer Befehl. So läuft das Leben im Heerlager, so läuft unser Land.

Dein Herz kann zu einem gefalteten Blatt Papier werden, das zwischen den Ritzen eines Bootes ohne Küste steckt, in Eingeweiden, die nicht mehr zwischen Hunger und Sättigung unterscheiden, weil wir eine lange Nacht befahren, bis uns der Morgen erlaubt, weiterzuziehen.

Ahdaf Soueif sucht nach einem Ruheort für ihr Zuhause, das sie unter Druck verlassen musste. Der ganze Nil Kairos zieht sich um diejenigen zusammen, die seine Gesellschaft suchten. Ahdaf Soueif verkaufte ihr Haus in London nach der ägyptischen Revolution, um ein Hausboot zu kaufen, in dem sie ihr kommendes Leben zeichnete. Vielleicht wusste sie nicht, dass sie unsere Leben mitzeichnete. Dieser Ort war jahrelang Wohnstatt unserer Freude und unseres Zanks, ein sanfter Hafen in einer unruhigen Hauptstadt. Das Leben war zum Fluss hin offen, und der Fluss war offen für unsere Herzen. Das Hausboot und alles darauf steckt fest, wie das Leben von Alaa und das Leben dieser Familie, die das Regime mit allen verfügbaren Mitteln erosionsartig aus dem Land treibt.

 

Der Berg

Ich beende meinen Brief an Dich, liebe Lina, mit meinem Nachhauseweg. Ich weiß, dass Du auch nach einem Zuhause suchst. Doch ich bin umzingelt von den aufgezwungenen Ausbauarbeiten. Ich lebe auf dem El-Moqattam, der höchsten natürlichen Erhebung in Kairo. Der El-Moqattam schmiegt sich an die Randgebiete des alten Kairo, an moderne Grabstätten und historische Friedhöfe aus der Gründungszeit der Hauptstadt und der Epoche der Fatimiden. Das Randgebiet der Stadt taucht in die Sandberge und steinigen Erhebungen ein. Die Leute kommen nach El-Moqattam, um sich zurückzuziehen, sich zu entspannen und ruhig zu wohnen. So war es, bis vor wenigen Tagen der Boden der Hochebene erbebte. Jeden Morgen planiert jetzt der Bulldozer die Erde und löst die Ruhe auf. Es wurde alles zum Verkauf freigegeben. Beim Versuch, die Muße zu ermorden, verliert El-Moqattam auch einen Teil seiner Identität.

Die Ägypter ehren ihn, nennen ihn „den Berg“, obwohl es nur eine Hochebene ist. Doch manche Leute wollen selbst die Luft zu Geld machen. Sie mobilisieren den Wunsch nach einer fragilen Moderne, die ein imaginärer Bulldozer herstellt. Ich sehe ihn täglich beim Aufstehen, wie er die Erde einstampft oder hysterisch aufwühlt inmitten einer Staubwolke. Manchmal liegt er auch auf seinem Bauch wie ein Schrottspielzeug, während er auf eine neue Tötungsmission wartet.

Ich probiere jeden Tag einen neuen grauenvollen Weg, um nach Hause zu kommen. Am schrecklichsten ist der Weg, den eine emiratische Firma aufgerissen hat, deren Investitionen die Küsten und Hochebenen im Land veröden lassen und verschlingen. Die Firma konnte die Straße kaufen, die wir „Küstenweg des El-Moqattam“ nennen und die über zehn Kilometer durch eine Gegend verläuft, die strategisch wichtig ist und in der auch der höchste Punkt Kairos liegt, zweihundert Meter über dem Meeresspiegel. Zunächst im Besitz der Streitkräfte, wurde sie dann an die emiratische Firma verkauft. Ihr strategischer Wert wurde aufgegeben, um dort einen Luxuswohnkomplex zu errichten, in dem ein Apartment Millionen ägyptischer Pfund kostet. Die Firma hat bereits eine Privatstraße gebaut, die das Hochplateau mit der vernachlässigten alten Stadt verbindet. Auf dieser Privatstraße dürfen nur Fahrzeuge mit Extrakennzeichen fahren und sie spart täglich dreißig Minuten bis zu einer Stunde ihrer Lebenszeit, denn ihre Zeit ist Geld, während die gewöhnlichen Leute im Chaos des Verkehrs und der Unfälle unter dem Hochplateau ächzen. Die Umstände zwingen mich dazu, diese Straße der Elite zu nutzen, um überhaupt noch einen Weg in Richtung meines Zuhauses zu finden. Ich halte mein bescheidenes Auto an, da ich an der Straße der Reichen am Passieren gehindert werde. Doch mein Aussehen und meine Ausdrucksweise helfen mir, doch noch durchzukommen.

Wir hatten den Heimweg geliebt, wir, die Gemeinschaft von El-Moqattam. Immer wenn wir auf das Hochplateau fuhren, hatten wir das Gefühl, auf dem Weg zu einem sanften und guten Teil unserer Stadt zu sein, und der Verdruss, der bei den täglichen Fahrten an uns klebte, fiel von uns ab. Die Alternativroute, auf der ich nun zu meinem Haus zurückfahre, löst hingegen ein beklemmendes Gefühl in mir aus und versetzt mich in ein Leben, das ich so in meinem Land nicht kenne: Der sowjetischen Bauart nachempfundene Häuser mit identischem Gepräge, in das man sich nicht länger als eine Sekunde vertiefen kann. Dann fällt der Blick ab und zieht weiter, ein blasses Bild maßlosen Reichtums. Die Straße beginnt beim Hauptsitz eines staatlichen Fernsehsenders und endet bei einem riesigen Polizeigebäude für Sondereinsatzkräfte – dazwischen die emiratischen Projekte.

Ich sehe in Ägypten ein Herz, das seinen Platz verlässt, das Herz des Berges, das Herz der Häuser, der Hausboote, die ins Nirgendwo auslaufen. Eilig verabschieden wir Leben und Orte. Wir haben keine Muße, liebe Venus.

Rasha

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