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Weiter Schreiben Mondial - Briefe > Cíntia Goncalves & Mariam Meetra > Die fortwährende Angst unruhiger Seelen – Brief 2

Die fortwährende Angst unruhiger Seelen – Brief 2

Mariam Meetra an Cíntia Gonçalves, 25. Mai 2022

Übersetzung: Sarah Rauchfuß

Bild von Mariam Meetra © Privat
Mariam Meetra © Privat

Liebe Cíntia,

zwischen den Worten, die Du geschrieben hast, lerne ich Dich kennen und fühle Dich nah bei mir. Du hast mir die Trauer und das Leid Deiner Heimat nackt und ungeschönt vor Augen geführt und an den Worten, die Du über Dein Heimatland geschrieben hast, lese ich Deinen Kummer ab. Ich habe in Deinem Brief eine Wut und ein Leid ausgemacht, die mir nicht fremd sind. Was Du aus Deiner Heimat berichtest und von dem Leid, das ihre Bewohner zu tragen haben, ist mir sehr vertraut. Ich komme auch aus einem Land, dessen Menschen schon seit Jahren unter schweren Trümmern und Leid gebeugt und gebrochen werden. In endloser Finsternis stehen sie Auge in Auge mit dem Tod und kämpfen in einer großen Folterkammer ums Überleben. Deine Erzählungen von Deinem Heimatland erinnern mich an Afghanistan. Aber Du schreibst von einer Heimat, die Du wenigstens Spanne für Spanne ablaufen und deren Leiden Du erkunden kannst; Du kannst ihre Luft und den Geruch ihrer Erde einatmen, ihre verborgenen Wunden kann sie Dir zeigen. Du kannst mit Deinen Händen über ihre Erde und ihre Steine streichen und ihre Schmerzen ertasten. Ich dagegen spreche von einer Heimat, von der ich durch eine wahrhaftige und beinahe unüberbrückbare Grenze getrennt bin. Eine eindeutige geografische Grenze, die mich daran hindert, mein Heimatland zu betreten.

Selbst als ich noch in Afghanistan war, waren gewöhnliche und alltägliche Tätigkeiten nicht besonders einfach. Auf der Straße unterwegs sein, zur Universität kommen oder zur Arbeit gehen – Dinge, die an jedem Ort auf der Welt zum Alltag gehören, waren für uns immer von einer tiefen Unruhe und Angst begleitet, einer fortwährenden Angst vor Explosionen und Selbstmordattentaten, die jederzeit passieren und uns in Stücke reißen konnten. Von Reisen, auf denen ich das Land und meine Heimat besser hätte kennenlernen können, ganz zu schweigen. Diese fortwährende Angst ist den unruhigen Seelen von Menschen zu eigen, die in Kriegs- und Krisengebieten gelebt haben. Zu reisen war für Frauen in Afghanistan auch in der Vergangenheit nicht leicht, jetzt ist es ihnen ohne eine männliche Begleitperson (die aus dem engsten Familienkreis stammen muss) ganz verboten worden. Ich glaube, zwischen den Frauen meines Heimatlandes und ihrem Land hat es immer viele Grenzen und Mauern gegeben.

Ich habe meine Heimat nicht so gesehen und kennengelernt, wie ich es gerne würde. Das Rauschen ihrer Flüsse habe ich nicht öfter als zwei oder drei Mal gehört, ihre zahlreichen Berge habe ich nicht erklommen und ohne mich eine Nacht lang an einem ihrer widerspenstigen Flüsse unter einem Himmel voller Sterne verzaubern zu lassen, habe ich meine Koffer gepackt und mich Hunderte Kilometer von ihr entfernt. Der Krieg hat unsere Träume, die so einfach und erreichbar gewesen sind, in Sehnsüchte verwandelt, liebe Cíntia.

Ich habe einmal in einem Gedicht geschrieben:

Jetzt füge ich noch eine Zeile hinzu:

„Wie wird sich meine Heimat wohl erinnern?

An die Frauen, die sie vertrieben hat …

und nicht mehr zu sich kommen lässt“

Einen hohen und soliden Zaun haben sie um Afghanistan herum gezogen und die Frauen dahinter eingesperrt, denke ich mir manchmal. Die Frauen in meiner Heimat haben nicht mehr das Recht, über ihre eigenen Körper und Gesichter zu bestimmen. Die Körper der Frauen sind zu einem Kampfplatz männlicher Ideologien und Macht geworden und die Frauen wurden gewaltvoll aus der Gesellschaft herausgedrängt. Jetzt sind die Straßen meiner Stadt – die ich so sehr vermisse – ein ausnahmsloses Männerreich. Die Frauen haben sie mit Gewehren und Peitschen in die Häuser und hinter die Mauern vertrieben. Als sei mein Land seit jeher nur die Heimat der Männer gewesen und würde es für immer bleiben! Als hätten die Frauen nicht das Recht, in diesen Landstrichen zu leben und zu sein! Der vollständige Entzug individueller Freiheiten und der kleine Kreis, der jeden Tag enger wird, haben das Leben der Menschen in Afghanistan schwer und unerträglich gemacht. Zugleich ist das Leid nicht auf diesen Landstrich und seine Bewohner beschränkt. Es ist ein allgemeines menschliches Leid, von dem jeder sich eine Vorstellung machen kann. Wer will, kann verstehen, wie es seinen Mitmenschen im Schatten dieser Herrschaft und Tyrannei ergeht. Wir alle leiden und die Schwere dieser harten Tage bürdet sich unseren Leibern und unseren Seelen vollkommen mitleidlos auf.

Aber das sind nicht die einzigen Grenzen, die ich kenne. Es gibt noch andere Grenzen in unserem Leben, sehr persönliche und individuelle zuweilen, so dass einem Zweifel kommen, ob sie überhaupt in Worte zu fassen sind. Nach meiner Emigration nach Deutschland war die Sprache die bedeutsamste Grenze für mich und täglich das größte Hindernis, dem ich mich stellen musste. Für mich fühlte es sich an, als sei da ein Vorhang, den nur ich sah, den andere nicht sehen konnten, und der mich von den Menschen trennte. Als ich die Sprache lernte und in der Lage war, mit ihr Beziehungen aufzubauen, nahm ich erstmals wahr, dass es nicht nur die Sprache, sondern auch noch etwas anderes ist, das in mir Heimweh und das Gefühl des Fremdseins auslöst. Jenes Gefühl der Unsicherheit, das sich in mir eingenistet hatte, hing nicht nur damit zusammen, dass ich die deutsche Sprache nicht beherrschte, es rührte auch von der unvertrauten Umgebung und den unvertrauten Menschen her, von der ständigen Auseinandersetzung meines Geistes mit der Vergangenheit und von dem Druck, mich in der neuen Umgebung zurechtzufinden. Neben den allgemeinen und gewöhnlichen Problemen, die Emigranten haben und über die wir sprechen und von denen wir hören, ist die Emigration und die Konfrontation eines jeden Individuums damit – ob man es bewältigt, seine Heimat und sein Zuhause verlassen zu haben – für jede Persönlichkeit und jedes Individuum etwas ganz Einzigartiges.

Ich möchte meine persönliche Geschichte erzählen und die ganz persönlichen und individuellen Ansichten anderer Menschen erfahren. Meistens schenke ich den gewöhnlichen und allgemeinen Urteilen und Berichten über verschiedene gesellschaftliche Gruppen kein Gehör. Ich möchte durch direkte Begegnungen mit den Menschen und Phänomenen zu einem Verständnis und zu Vorstellungen gelangen, die keine Allgemeinplätze oder Klischees sind. So, wie ich einmal in einem meiner Gedichte geschrieben habe: – so denke ich auch über die anderen. Ich beabsichtige nicht, irgendwelche Urteile über Fragen der Einwanderung oder darüber, wie andere sie sehen, zu fällen. Alles, was ich beim Schreiben versuche, ist, von meinen eigenen Erkenntnissen und meiner persönlichen Geschichte zu erzählen. Von dem tiefgreifenden Umbruch zu sprechen, der nach der Emigration in mir stattgefunden hat. Von meinen neuen Einsichten zu schreiben und von dem Einfluss, den die Emigration auf meine Lebenseinstellung hatte. In der alltäglichen Berichterstattung der Medien werden der individuelle Umbruch, den die Emigration auslöst, und der tiefgreifende Eindruck, den sie auf die Psyche der Menschen macht, kaum bedacht. Für mich ist das bedeutsam und existenziell. Die Emigration errichtet eine Grenze zwischen dir und deiner Vergangenheit, die manchmal nicht in Worte zu fassen ist, und über die man nicht einfach sprechen kann wie über alltägliche Begebenheiten. Du musst abwarten, ob du mit der Zeit die Kraft findest, dich auszudrücken. Ich kann meinem Gefühl auch nur schreibend Ausdruck verleihen: diesem fortwährenden Gefühl, unvollständig und sprachlos zu sein. Jenem aufgezwungenen Schweigen, das den Menschen glauben lässt, er hätte seine Stimme verloren, und nur schreibend ist es möglich, ein wenig davon zu erzählen.

© privat

Die neue Identität, die ein Mensch nach der Einwanderung erhält, kann nur durch individuelle Erzählungen analysiert und beschrieben werden. Die Identität einer Schriftstellerin, die im Exil lebt, unterscheidet sich sehr von der Identität, die sie zu der Zeit hatte, in der sie noch in ihrem Heimatland lebte. Jetzt bin ich „eine Schriftstellerin aus Afghanistan, die in Deutschland lebt“. Jetzt werden zwei Ländernamen neben meinen Namen geschrieben und heraus kommt diese neue Identität. Diese noch junge Identität wird zweifellos neue Erfahrungen und Geschichten mit sich bringen. Ich schreibe und denke auf Persisch, ich studiere auf Englisch und auf Deutsch erledige ich meinen beruflichen Schriftverkehr und alltägliche Dinge. Auf dieser Irrfahrt zwischen den Sprachen wird mir manchmal ganz schwindelig. Für eine Schriftstellerin, die weit entfernt von ihrer Muttersprache lebt, bedeutet das Schreiben in dieser Sprache Freude und Leid zugleich. Mal ist es Wehmut, mal Hoffnung. Schreiben, das ist ein ebener und weicher Weg, auf dem ich gehen, rennen und aufatmen kann. Schreiben ist das Sanatorium meiner rastlosen Seele. Auf Persisch zu schreiben ist der Ausdruck eines „Ichs“, das nicht hinter den Wänden der Worte bleibt, sondern Wege findet, sich selbst auszudrücken. Die persische Sprache ist meine Heimat. Sie bewahrt mich davor, an den Grenzen mehrerer Sprachen umherzuirren, und wenn ich im Alltag versinke, rettet sie mich.

Ich schicke Dir zusammen mit dem Brief auch zwei Fotos. Eines stammt aus den ersten Tagen nach meiner Ankunft in Deutschland, das andere ist von einer Lyriklesung in Kabul.

Ich warte auf Deinen nächsten Brief und wünsche Dir Erfolg für Deine Reisen und Deine Arbeit.

 

In Zuneigung und Freundschaft

Mariam Meetra

Link zu Mariams Gedicht „Fernab von Sonnenschein“

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