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Weiter Schreiben Mondial - Briefe > Cíntia Goncalves & Mariam Meetra > Der Schrecken des Verlusts und das Dahinter - Brief 3

Der Schrecken des Verlusts und das Dahinter – Brief 3

Cíntia Gonçalves an Mariam Meetra, 05. August 2022

Übersetzung: Michael Kegler aus dem angolanischen Portugiesisch

© privat

Liebe Mariam,

ich hoffe, es geht Dir gut. Und ich hoffe, Du spürst die Umarmung, die ich Dir mit diesem Brief sende. Ich fühle mich Dir ebenfalls verbunden.

Dein Brief hat in mir unterschiedliche Gefühle und Gedanken ausgelöst. Ich bin sehr neugierig darauf, mehr von Deinen Gedichten zu lesen. Das, was Du in Deinem Brief mit mir teilst, strotzt vor Kraft, Wahrheit und Schönheit und hat mich tief berührt. Es sind schneidende Gedichte, hart zu lesen und sie treiben mir Tränen des Schmerzes in die Augen.

Meine liebe Mariam, im Moment bin ich voller Sehnsucht. Vor Kurzem habe ich meine Mutter verloren und nach einer sehr schweren Zeit hatte ich dann eine Fehlgeburt. Dadurch ist alles noch härter geworden und noch schwerer zu ertragen. Könnte ich mich in einem Wort zusammenfassen, so wäre es Sehnsucht, unendliche Sehnsucht nach meiner Mutter und nach dem Kind, das ich so sehr gehofft hatte, im Arm halten zu können. Asafe, mein Baby, trug ich in mir in der Hoffnung, die Trauer über die Abwesenheit meiner lieben Mutter, Madalena Gonçalves, zu überwinden, indem ich selbst Mutter würde. Dann aber hatte ich noch einen weiteren Grund zu weinen.

Ich schreibe Dir einen traurigen Brief. Bitte entschuldige, eigentlich bin ich kein trauriger Mensch. Ganz im Gegenteil, ich mag Bewegung und Heiterkeit, Tanz, Musik und die Farben, doch heute bin ich wie eine stehen gebliebene Uhr, ein ausgetrockneter Fluss, ein vertrocknetes Blatt, das vom Baum abgestoßen wurde, der es einst hervorgebracht hat.

Ich hatte immer eine sehr enge Verbindung mit meiner Mutter, wir waren wie Nagel und Haut. Eine besondere Verbindung hatte ich auch mit meinem Baby, das mein eigener Körper sechs Monate lang heranwachsen ließ. Ich sprach mit ihm, las ihm Gedichte und Witze vor, ließ es die Klassiker der angolanischen Musik hören und liebte es, wie es lebte; ich selbst fühlte mich dadurch lebendiger. Bei uns heißt es, eine Frau, die ein Kind zur Welt bringt, kommt mit dem Kind auf die Welt. Doch über Frauen, die ihre Kinder unterwegs verlieren, gibt es kein Sprichwort. Ich bin durcheinander, verletzt, weiß nicht, wie ich diesen Brief an Dich beginnen soll. Ich kann nur über das schreiben, was ich im Augenblick spüre. Es ist das erste Mal, dass ich nicht nur für mich darüber nachdenke, sondern diesen Schmerz mit einer anderen Frau teile, und ich danke Dir für Deine Gesellschaft. Es ist, als seist Du hier neben mir und trocknetest meine Tränen, während ich auf die Tastatur meines Computers einhämmere. Ich überlege mir, welche Gedichte ich mir selbst vorsingen könnte, um mein aufgerissenes Herz zu heilen. Es schmerzt mich körperlich und in der Seele, das ganze Leben tut weh. Ich weiß nicht, ob ich die Schuld dafür meinem schwachen Uterus oder dem miserablen Gesundheitssystem meines Landes geben soll, das sich nicht um die reproduktive Gesundheit der Frauen schert.

Mariam, als meine Schwangerschaft anfing, schwierig zu werden, habe ich mich für eine Privatklinik entschieden. So macht man das in Angola. Rette sich, wer kann. Wer dem Chaos der staatlichen Krankenhäuser entkommen kann, gibt sogar Geld, das er nicht hat, für private Kliniken aus. An dem Tag, an dem ich Asafe verlor, suchte ich Erste Hilfe in einem staatlichen Krankenhaus in meiner Nähe, und musste da sogar noch Gewalt erfahren. Während ich vor Schmerzen verging und flehte, man möge mein Baby retten, konnte der diensthabende Arzt mir nicht mal den Grund für die Fehlgeburt erklären. Er sagte nur arrogant: „Dein Körper kann einfach kein Kind bis zum neunten Monat austragen.“ Diese Worte gehen mir bis heute nicht aus dem Kopf. Nach der mit Misoprostol eingeleiteten Geburt hat man mich ausgeschabt, ohne Betäubung. Man hat mir gesagt, dass es keine Anästhesie gäbe für Frauen mit Fehlgeburten, sondern nur für kompliziertere Eingriffe wie Kaiserschnitt. Ich sah mehr als dreißig Frauen auf die Kürettage warten, in einem kaum desinfizierten Raum, der mehr wie ein Schlachthof aussah. Bis heute gehen mir die Gesichter dieser traurigen, ängstlichen Frauen nicht aus dem Kopf, von denen jede als Erste drankommen wollte, um wieder nach Hause zu können, bloß raus aus dem Chaos dort in der Geburtsklinik Lucrécia Paim.

Mariam, dieser Arzt dort interessierte sich nicht dafür, wie es uns ging, er hatte keinerlei Achtung vor unseren Körpern, nicht vor dem Moment und auch nicht vor unserem Schmerz. Es gab keinerlei psychologische Betreuung, weder davor noch danach. Der Schmerz einer Geburt ist nur durch das Geschenk zu ertragen, anschließend ein Kind im Arm halten zu dürfen und dem Kind in die Augen zu sehen, das man neun Monate lang ausgetragen hat. Diesen Schmerz zu spüren, ohne anschließend beschenkt zu werden, ist traumatisch. Die angolanischen Frauen haben dieses Land nach so vielen Kriegen wieder bevölkert und trotzdem wird man so behandelt. Eine humane Geburt ist das Privileg derjenigen, die sich Privatkliniken leisten können, die wiederum hochrangigen Mitgliedern der Regierung gehören. Wer nicht zahlen kann, ist auf diese Schlachthöfe angewiesen, in denen es nicht einmal Handschuhe gibt. Die Patientinnen müssen das Material für die Behandlung selbst kaufen. Ich blieb eine Nacht auf der Geburtsstation und hörte das Weinen der Neugeborenen und ich wusste, dass keins davon mein Kind war. Die Traurigkeit darüber lässt in mir den Wunsch nach den Armen meiner Mutter noch stärker werden, die mir immer geholfen hat, mit jeder Situation besser umzugehen.

Mariam, was Du mir in Deinem Brief erzählt hast und das, was ich selbst im Moment durchlebe, lässt mich über die Grenzen zwischen den Frauen nachdenken, darüber, was uns trennt; aber der Kampf um einen Platz an der Sonne ist ein Band, das uns alle eint. In Angola steht Status zwischen den Frauen. Die Armen, Vergessenen sind der Inbegriff angolanischer Frauen, ihrer Kraft, ihres Einsatzes für die Familie. An diese Frauen wird erst gedacht, wenn der sogenannte „Monat der Frauen“ ist und ihre Bilder die Fernsehkanäle und Zeitungen füllen. Diese Frauen werden „mamãs zungueiras“ genannt. Sie sind kilometerweit unterwegs, tragen ihr ganzes Leid als Ware kilogrammschwer auf dem Kopf, verkaufen alles, sogar sich selbst, wenn sich dafür ein Kunde findet. Und dann gibt es die Glücklicheren, die aus guter Familie, die finanziell bessergestellt sind und/oder das Glück hatten, eine Universität zu besuchen. Sie haben das Recht auf eine Meinung in der Öffentlichkeit, und manchmal machen die Männer, die in der Regierung das Sagen haben, in einem Anfall von Solidarität einigen Auserwählten ein paar Sitze im Parlament frei. So rühmen sie sich, dass Frauen sehr wohl repräsentiert seien. Aber lass Dich nicht täuschen, liebe Mariam, diese Frauen im Parlament sagen nichts, sehen nichts, hören nur zu und gehorchen. Sie stoßen keine Debatten an, machen keine politischen Vorschläge für Frauen, ihre Parole ist „Ja“ zu allem, was die von heuchlerischen Männern geführte Regierung in die Wege leitet.

Meine Liebe, lass mich Dir erzählen: Vor etwa vier oder fünf Jahren hat das angolanische Parlament ein Gesetz zur Strafbarkeit von Schwangerschaftsabbrüchen verabschiedet und die Frauen im Parlament und sogar die größte Oppositionsfraktion haben zugestimmt. Es waren die Frauen aus der Zivilgesellschaft und einige feministische Organisationen, die so lange protestiert haben, bis dieses Gesetz einige Ausnahmen zuließ, etwa nach einer Vergewaltigung, bei Lebensgefahr für die Frau oder im Fall einer Fehlbildung des Fötus. Stell Dir vor, sogar die Debatte darüber im Parlament wurde von Männern bestimmt. Die Stimmen der Frauenvertretung, derer sich unsere Regierung so rühmt, waren nicht zu hören. Es wurde über Schwangerschaftsabbruch diskutiert, ohne über die Gesundheit von Frauen und Kindern zu reden. Kein Wort über die Frauen, die ohne ersichtlichen Grund auf der Geburtsstation sterben, über die Verantwortung von Ärzteteams, über Gewalt im Kreißsaal, über den Mangel an Material in den Krankenhäusern, über das Recht auf einen Gynäkologen oder eine Gynäkologin, über die Nichtanerkennung von Vaterschaft. All das ist hart für uns Frauen.

„Jetzt sind die Straßen meiner Stadt – die ich so sehr vermisse – ein ausnahmsloses Männerreich.“ Dieser Satz aus Deinem Brief hat mich sehr berührt, ich spüre ihn beim Schreiben in meinem Kopf widerhallen. Er lässt mich auch an die Situation der Frauen in Angola denken, an ihre gesellschaftliche Rolle und an unser Verhältnis untereinander. Weit entfernt von den Entbehrungen, die afghanische Frauen hinnehmen müssen, gibt es doch auch in Angola die sogenannte „historische Unsichtbarkeit der Frauen“. Unser Land hat eine Abfolge von Kämpfen und Guerillakriegen erlebt, an denen die Frauen unmittelbar beteiligt waren, herausragende Positionen einnahmen, an vorderster Front standen. Manche wurden Opfer von sexueller Gewalt durch jene, die diesen Krieg orchestrierten. Andere wurden ermordet, verbrannt oder lebendig begraben und dennoch gibt es bis heute ein ohrenbetäubendes Schweigen über den Anteil der Frauen am Kampf für unsere Unabhängigkeit und den Frieden. Diese fehlende Repräsentation der angolanischen Frau in der Geschichtsschreibung hat zu einer riesigen Leerstelle geführt. Sie hat die Frauen noch unterwürfiger gemacht, noch gehorsamer, und den Männern eine hegemonische Stellung verschafft.

Mariam, die angolanischen Frauen tragen eine zu große Last, von ihnen hängt das Überleben der Familien ab, der wichtigsten Institution auf allen Ebenen unserer Gesellschaft. Sie sind es, die mit einem prekären Gesundheitssystem kämpfen, mit ihren kranken Kindern in staatliche Krankenhäuser müssen, meist ohne Vater. Sie kämpfen mit einem erbärmlichen Bildungssystem. Meine Schule war meine Mutter, von ihr habe ich lesen und schreiben gelernt, und die Liebe und Achtung, die ich vor der Schrift und dem Wissen habe, verdanke ich ihrem Einsatz. Mein Vater hat sich seiner Verpflichtung entzogen, als ich zwei Jahre alt war. Noch heute, mit siebenundzwanzig, spüre ich körperlich dieses Fehlen einer zärtlichen Geste des Vaters.

Die Frauen spüren die Verfehlungen unseres politischen Systems auf der Haut und im Uterus, jedes Mal, wenn der Hunger ihnen wieder ein Kind raubt. Sie sind das Gesicht der im Land herrschenden Armut, sie erfüllen diszipliniert ihre wertvolle Aufgabe, Mutter zu sein. Und in dieser harten Realität, von der ich Dir erzähle, gibt es noch weitere Episoden, die der Kopf lieber vergessen will, weil sie zu hart sind.

Es stehen Wahlen an und wir erleben den Wahlkampf voller Spannungen und leeren Versprechungen. Doch nicht einmal in den Versprechungen geht es um Politik für die Frauen – wir sind weiter das ach-so-geliebte und behütete „schwache Gefäß“, das alle Schmerzen der Welt fasst.

***

Liebe Mariam, diese Fotografien habe ich heute gemacht, um Dir die „mamãs zungueiras“ in einer Straße Luandas zu zeigen, der angolanischen Hauptstadt.

Die zungueiras sind eine Art fliegende Händlerinnen. Sie gehen früh mit ihrer Ware aus dem Haus und laufen kilometerweit durch die Straßen Luandas. Sie schleppen tonnenweise alle Arten von Waren die Stadt. Manchmal selbst schwanger mehr als fünfzig Kilogramm.

Am Abend versammeln sie sich in dieser Straße namens Zamba II. Am Straßenrand preisen sie ihre Ware den Leuten an, die von der Arbeit zurückkommen, um etwas Geld mit nach Hause bringen und ihre Familien ernähren zu können.

Ich wollte Dir diese Schwestern von mir vorstellen, die wahrhaftig leidgeprüft sind.

Ich will auch dieses kleine Gedicht über die Lebenserfahrung dieser Frauen mit Dir teilen. Viele von ihnen sind seit Kindesbeinen als Verkäuferinnen auf der Straße unterwegs und haben diesen „Beruf“ schon von ihren Müttern geerbt. Die meisten dieser Frauen können nicht lesen und schreiben und bekommen das ganze Versagen unseres politischen Systems zu spüren.

Vierzig Jahre sind ihr ins Gesicht geschrieben, sie schwört mit Inbrunst, sie sei in der Blüte des fünfzehnten Lebensjahrs. Eine von vielen Marias; sie kann nicht lesen, sie hört nicht. Die Maskerade von etwas Abscheulichem, taub und stumm; sie existiert, um zu schweigen. Die Augen starr auf das Nichts gerichtet, das Leben als Ware in einer einfachen Schüssel. Das Ungenügende ist ihr einziger Unterhalt. Was ist ungenügend? Was sie nicht hat oder was gebraucht wird?

Ängste, Bedürftigkeit, Bangen …

Flecken auf ihrem Verlangen

die Tage in anderen Tönen zu malen.

 

Deine

Cíntia

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