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Schritt halten mit der Zeit – Brief 4

Mariam Meetra an Cíntia Gonçalves, Berlin , 14. November 2022

Übersetzung: Bianca Gackstatter aus dem Persisch

 

Diese häufigen Spaziergänge sind entspannend und rettend für mich, da ich immer Angst vor dem Stillstand habe.© privat

Liebe Cíntia,

ich möchte Dir mein tiefstes Beileid ausdrücken. Es tut mir sehr leid, dass Du so tragische Verluste erleiden musstest und ich möchte, dass Du weißt, dass ich tiefen Anteil an Deiner Trauer nehme. Ich fühle Deinen Schmerz und ahne, wie traurig Du bist und wie schwer es Dir ums Herz sein mag. Ich weiß wie machtlos und zerbrechlich man sich als Mensch angesichts von Verlusten und Trauer fühlen kann. Einen geliebten Menschen zu verlieren, ist eine schreckliche Erfahrung und ich kann spüren, wie der Verlust Deiner Mutter und Deines Kindes ein tiefes Loch in Dein Herz gerissen hat. Vermutlich ist es Dir nicht leicht gefallen, über die schmerzhaften Erfahrungen, die Du gerade durchlebt hast, zu schreiben und ich wünsche Dir, dass Dein aufgewühltes Inneres eines Tages wieder zur Ruhe kommen kann. Trauer kann man auf jede erdenkliche und gelernte Weise ausdrücken: durch Schreiben, Gehen, Laufen und alles, was einen mit dem Leben verbindet und zu Kräften kommen lässt. Wenn man Kummer hat, ziehen sich die Stunden und die Tage endlos in die Länge und man hat das Gefühl, die Zeit bliebe stehen. Ich hoffe, dass die Zeit für Dich nicht stehen bleibt und der Schmerz dieser Tage im Laufe der Zeit nachlassen wird. Mir hat sich Dein Gesicht eingeprägt aus dem Video, das Du mir geschickt hast. Ich habe darin das Bild einer Frau wahrgenommen, die mit anderen Frauen tanzen, lachen und mitfühlen kann. Als ich Deinen Brief las, dachte ich mir, dass die temperamentvolle Cíntia aus diesem Video sicher auch weiß, wie man mitfühlend mit sich selbst sein kann, sich selbst an der Hand nehmen und in schwierigen Momenten die eigene innere Stärke entdecken kann.

Liebe Cíntia, so schwer es in Deinem Land ist, eine Frau zu sein, so schwer ist es auch für uns und unsere Mütter in Afghanistan. Die Rücken der Frauen sind gebeugt unter der schweren Last von Konventionen und Traditionen. Die frauenfeindlichen Gesellschafts- und Machtstrukturen gehen Hand in Hand, so dass die Frauen niemals den Geschmack von Gleichberechtigung und Freiheit kosten. Ich bin in einem Land aufgewachsen, in dem, damals wie heute, Bildung für Mädchen verboten war. Die Taliban haben die Schultore für Mädchen verschlossen und wir durften nicht zur Schule gehen. Aber meine Mutter gab nicht auf. Sie scheute keine Mühen und machte schließlich eine geheime Schule im Untergrund an einem Ort aus, der etwa eine halbe Stunde von unserem Zuhause entfernt lag. Fast vier Jahre lang lernte ich heimlich in dieser Schule, zusammen mit einer Gruppe anderer kleiner Mädchen, deren Familien wie meine jedes Risiko auf sich nahmen, damit ihre Töchter letzten Endes doch noch lesen und schreiben lernten. Liebe Cíntia, ich musste heimlich lesen und schreiben lernen und es macht mich immer noch wütend, wenn ich daran denke. Diese Begegnung mit der afghanischen Gesellschaft hat mir ungeschönt die schmerzhafte Realität der Unterdrückung und Repression von Frauen vor Augen geführt. Diese Jahre haben meine Denkweise für immer geprägt und wichtige Fragen zur Stellung der Frau in der afghanischen Gesellschaft aufgeworfen. Seit etwas länger als einem Jahr hat dieses Unglück die Frauen Afghanistans erneut heimgesucht. Frauen werden aufgrund ihres Geschlechts auf jede erdenkliche Weise diskriminiert und unterdrückt – vom Verbot von Bildung und Arbeit bis zum Verbot für Frauen, öffentliche Parkanlagen zu betreten. Aber ich möchte Dir lieber von der Widerstandskraft und dem Mut afghanischer Frauen erzählen. Von den Frauen, die einen Tag nach dem Sturz der vorherigen Regierung auf die Straße gingen und dort Gewalt und Tyrannei gegenüberstanden. Auf der Straße, die zu einem Schauplatz unverhüllter und schamloser Gewalt geworden war, forderten sie ihr Recht auf Arbeit und ihr Recht auf politische Partizipation ein. Obwohl sie gewaltsam unterdrückt wurden, gaben sie es nicht auf, zu protestieren. Die Präsenz von Gewalt im öffentlichen Raum ist in Afghanistan inzwischen offensichtlich und erbarmungslos. Das Kabul, das ich kenne und das in meinen Erinnerungen und Gedichten präsent ist, ist nicht das Kabul, das ich jetzt in Videos, auf Bildern und in den Nachrichten sehe.  Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, eines Tages ein Kabul zu sehen, in dem Mädchen wieder zu den Schulbänken zurückkehren, laut lachen und von ihrer Zukunft träumen.

In dem Augenblick, in dem ich diesen Brief an Dich schreibe, komme ich gerade von einem Spaziergang durch eine der ruhigen Straßen Berlins zurück. Es ist Herbst, aber das Wetter ist noch nicht so kalt, dass einem die Kälte bis in die Knochen dringt. Noch kann ich stundenlang spazieren gehen. Diese häufigen Spaziergänge sind entspannend und rettend für mich, da ich immer Angst vor dem Stillstand habe. Manchmal stelle ich mir dabei vor, dass ich durch eine der Straßen Kabuls gehe. Im Handumdrehen verändern die umliegenden Gebäude dann ihr Gesicht und nehmen die Form meiner Erinnerungen an. Meine Vorstellungen scheinen Wirklichkeit geworden zu sein. Es ist ein seltsames Gefühl, die eigenen Erinnerungen und geistigen Bilder mit der Realität einer Umgebung zu vermischen, von der man weiß, dass sie damit nichts gemein hat. Nach einigen Momenten versuche ich, die Anwesenheit von Menschen und Objekten in meiner Umgebung zu spüren. Ich denke ganz fest an sie und sehe sie so, wie sie sind und wie sie auftauchen. Manchmal verschwimmt dann in meiner Vorstellung die Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die Gebäude meiner Umgebung erscheinen, trotz fehlender Ähnlichkeit, wie Gebäude und Orte in Kabul und ständig versucht mein Verstand, meine Umgebung hier mit der vertrauten Umgebung in Kabul zu überblenden und zu simulieren, ich wäre dort. Was ist der Sinn hinter dieser geistigen Anstrengung, außer im gegenwärtigen Moment eine Zuflucht zu finden und eine – wenn auch unrealistische – Stimmung von Zugehörigkeit und Vertrautheit mit einer anderen Umgebung zu erzeugen?

Vor ein paar Jahren schwankte ich zwischen Aufgeben und Neuanfang und irrte an einer diffusen Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft umher. Ich wollte noch einmal von vorn anfangen. Ich war ängstlich und fürchtete mich vor der Langsamkeit der Zeit und vor dem Stillstand. Ich hatte einen Flecken Erde verlassen. Jede Nacht schlief ich mit den Erinnerungen an diesen Ort ein und jeden Morgen wachte ich mit den Erinnerungen an ihn auf. Es fühlte sich an, als wäre mir der Boden unter den Füßen weggezogen worden und ich fühlte mich nirgendwo zugehörig. Irgendwo zwischen Vergangenheit und Zukunft schwebend betrachtete ich benommen und verwirrt die unerwarteten Veränderungen um mich herum. Ich habe mich gefragt: „Wo stehst du gerade? Du solltest in der Lage sein, einen festen Standort für dich zu finden. Wo ist dieser Ort?“ Dieser Ort ist kein physischer Ort mehr. Man muss die Schnittstelle zwischen Sprache, Erinnerungen, emotionalen Bindungen und psychologischen Abhängigkeiten zu einem Ort machen, an dem man stehen und bleiben kann. Man muss in der Lage sein, ein Gleichgewicht zu finden zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Gegenwart und Zukunft. Das war schwierig, sehr schwierig, weil Seele und Verstand noch nicht in der Lage waren, all die Veränderungen und Verluste zu begreifen und zu bewältigen. Wenn das Heimatland zu einem angstbesetzten und verloren gegangenen Ort wird, fällt es schwer, sich auf andere Orte einzulassen und ein Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln. Man lebt mit der ständigen Angst vor dem, was am nächsten Tag passiert. Die Angst davor, etwas zu verlieren, lässt den Boden unter den Füßen der Menschen unsicher und wacklig werden. Selbst wenn man einen Ort oder ein Land der Unsicherheit verlässt, nimmt man einen Teil dieses Gefühls der Unsicherheit und Ruhelosigkeit mit, wohin man auch geht. Aber die Zeit verging und ich lernte, nicht stehen zu bleiben und Momente der Unruhe und Rastlosigkeit auszuhalten. Mir ist klar geworden, dass man erst durch die Begegnung mit Leid und mit den dunklen Seiten des Lebens Zugang zu den eigenen Stärken und Schwächen finden kann. Erst in Ausnahmesituationen, wenn alles Bekannte zusammenbricht, finden wir Zugang zu Teilen unseres Selbst, die in der Monotonie des Alltags verborgen bleiben. Ich lese Deinen Brief nun zum x-ten Mal und wieder einmal versetzt mich die Ähnlichkeit der Schicksale und Lebensumstände der Frauen in unseren Ländern in Fassungslosigkeit und Trauer. Ich bin in Gedanken bei den Frauen Afghanistans, Angolas und an vielen anderen Orten der Welt und ihre Trauer und ihr Leid sind mir sehr nah. Das geteilte Leid der Frauen sammelt sich in der Träne, die mir beim Schreiben dieses Briefes über die Wange läuft. Um standhaft bleiben und weitermachen zu können, müssen wir jedoch in der Lage sein, uns diese Tränen von der Wange zu wischen. Lasst uns die Stimmen der anderen hören und weiter an die Stärke und den Mut von Frauen glauben, die an vielen Orten der Welt für Veränderungen kämpfen!

Mit viel Liebe

Mariam

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Mariam Meetra an Cíntia Goncalves: Ich möchte Dir mein tiefstes Beileid ausdrücken. Es tut mir sehr leid, dass Du so tragische Verluste erleiden musstest und ich möchte, dass Du weißt, dass ich tiefen Anteil an Deiner Trauer nehme. Ich fühle Deinen Schmerz und ahne, wie traurig Du bist und wie schwer es Dir ums Herz sein mag. LesenText im Original

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