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Weiter Schreiben Mondial - Briefe > Cíntia Goncalves & Mariam Meetra > Gegenwart ist der einzige Ort, an dem Veränderung möglich ist – Brief 1

Gegenwart ist der einzige Ort, an dem Veränderung möglich ist – Brief 1

Cíntia Gonçalves an Mariam Meetra, Luanda, 06. April 2022

Übersetzung: Michael Kegler aus dem angolanischen Portugiesisch

Cíntia Goncalves
© Privat

Zeit ist die einzige unüberwindliche Grenze, die ich kenne:

Die Vergangenheit war erst vor zwei Minuten, und doch können wir dorthin nicht mehr zurück. Die Zukunft ist gleich da vorne, aber sie ist ein verbotener Ort. Die Gegenwart ist der einzige Ort, an dem Veränderung möglich ist.

Liebe Mariam,

ich hoffe, dieser Brief erreicht Dich bei guter Laune und vor allem glücklich.

Seit wir von Weiter Schreiben zu diesem interkontinentalen Dialog eingeladen wurden, denke ich viel über Grenzen und Freiheit nach. Meine Definition davon verändert sich gerade, und darüber möchte ich zuallererst schreiben.

Beim Schreiben kann ich die Frau, die in mir lebt, befreien, dem Chaos freien Lauf lassen, grausame Wahrheiten hervorholen, die bis dahin unter den Teppich gekehrt wurden, und das Schweigen beenden, das jedem, der ein Herz besitzt, in den Ohren schmerzt.

Schreiben ist der Ort, an dem ich mich riesig fühle, als voluminöser, mächtiger Körper, schwanger mit verbotenen Gedanken, die ans Licht kommen, wenn die Tinte meines Füllfederhalters übers Papier fließt. Das ist meine größte Freiheit: über das schreiben zu können, was mich beschäftigt. Schreibend fühle mich frei von den Bindungen falscher Moral und der Verlogenheit der Gesellschaft.

Ich bin derzeit mit dem Auto unterwegs im Inneren meines Landes. Schon lange will ich über Grenzen und Beschränkungen dort sprechen. Angola grenzt an drei andere Länder, aber mir geht es um innere Grenzen, die nicht Territorien trennen, sondern Menschen und Möglichkeiten. Die problematischste Grenze, an die man stößt, wenn man schreibt, ist die hohe Zahl von Analphabeten. Ich schreibe für ein Land, das nicht lesen kann. Es liest seine Schriftsteller nicht, liest seine Geschichte nicht, liest weder die Leute noch deren Zukunft.

Eine weitere erstaunliche Grenze stellt die Sprache selbst dar. Portugiesisch ist Amtssprache, doch daneben werden in Angola noch ungefähr zehn weitere regionale Sprachen gesprochen, jeweils in lokalen Varianten. Trotzdem wird Information fast ausschließlich auf Portugiesisch verbreitet, was bedeutet, dass ein Großteil meiner Landsleute abseits der sie betreffenden Realität lebt, da Information nicht bis ins Landesinnere gelangt.

Seit zwei Jahren arbeite ich für ein Projekt der Europäischen Union in den Provinzen im Süden, die stark von Dürre betroffen sind. Seitdem bin ich oft lange außerhalb von Luanda, weit weg von meinem Geburtsort. Fern dieser Stadt, die sich mit Hochhäusern und imposanten Gebäuden Jahrzehnte einer gewalttätigen und korrupten Regierung wegschminkt, die mein Land mehr als vierzig Jahre in einen unglaublichen Rückstand hat sinken lassen, die die Bevölkerung ihrer Chancen auf Entwicklung beraubt und sie mit Brosamen abgespeist hat – als könne man einem Volk etwas, das ihm rechtmäßig zusteht, als Almosen geben.

Liebe Mariam, bitte entschuldige, dass ich Dir diese harte Wirklichkeit gleich in meinem ersten Brief schildere, aber ich erlebe gerade sehr schwierige Zeiten. Fast jeden Tag entdecke ich mich und mein Land neu, wie es hinter den Mauern des Kapitals aussieht, jenseits der Postkarten und  Bilder im Internet. Ein Land, das verrottet ist, Hungert und jedes Mal, wenn ein fünfjähriges Kind an chronischer Unterernährung stirbt, wieder aufs Neue die Hoffnung verliert. Ein Land, in dem das Gesicht von Hunger und Armut das von Frauen und Kindern ist. Und gleichzeitig ein Land der Millionäre und großer Finanzskandale. Die einen haben so viel und andere viel zu wenig.

Grenzen halten diese Realität von uns fern. Wenn man es im Fernsehen sieht, wirkt alles so weit weg und als würde es uns nicht betreffen, als sei es nicht unser eigenes Volk, das so bitter leidet.

Und doch und trotz allem können wir immer noch lachen und tanzen. Über unseren Schmerz singen und feiern, dass uns die Erde ernährt. Denn trotz allem sind wir ein zähes Volk.

Ich will Dir ein Gedicht, Fotografien und Videos schicken vom Besuch einer Frauenkooperative auf dem Land in der Provinz Cunene, genauer: in der Ortschaft Xangongo im Landkreis Ombadja.

Früher mussten die Frauen dort, um Wasser zu holen, drei Stunden laufen. Die Subsistenzlandwirtschaft, von der die meisten hier leben, war wegen der Dürre fast nicht mehr möglich. Das Dorf war schon fast entvölkert, weil die Leute verhungerten, alles Vieh war gestorben, und wer konnte, zog in umliegende Siedlungen, wo es auch nicht viel anders war. Doch inzwischen konnten wir Brunnen bohren und ein Bewässerungssystem aufbauen. Die Natur hat uns erhört, es hat mehr geregnet. Die Leute haben gefeiert, und ich feiere mit ihnen.

Ein Gruß also aus diesem warmen Land. Bis bald. Und ich hoffe, der Text, die Videos und Bilder, die ich Dir schicke, gefallen Dir.

Herzlich
Cíntia

An die Frauen von Cunene

Den Kunene entlang zieht sich durch lebendige grüne Natur und fruchtbares Ackerland der Gesang der Gefühle. Das Flüstern der Frauen von Môngua hat die Vögel verstummen lassen. In meinem Gesicht breitet sich Staunen aus, meine Kraft ist nun die Zerbrechlichkeit.

Es gibt ein Band, das Frauen überall verbindet; wenn wir uns die Hände reichen, können wir jeden Baum, der gefällt wurde, halten, ihn vor der Welt, die in Flammen steht, retten. In Môngua singen und begeistern wir uns gemeinsam, feiern Frausein seit Menschengedenken! Über die Zeit hinaus hallt unsere Musik durch den Traum.

In Cunene wie überall holen Frauen das Wasser des Lebens nach oben, den Durst der Welt zu stillen.

P.S.: Im Video wird auf Nhaneka-Humbe, einer angolanischen Sprache, gesungen. Das Lied geht folgendermaßen:

„Der Regen ist auf die Erde gefallen

Die Bauern sind glücklich

Wir hätten gern, dass man uns Feldhacken gibt

und Hackmesser, um noch mehr arbeiten zu können”

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