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Heute bin ich frei – Brief 2

Freshta Ghani (Pseudonym) an Daniela Dröscher, 05. Juli 2021

Übersetzung: Dr. Lutz Rzehak

Computer und Bücher von Freshta Ghani © Privat
„Jetzt verbringe ich viel Zeit mit dem Schreiben.“ © Freshta Ghani

 

Liebe Daniela,

Dein erster Brief ist bei mir eingetroffen. Heute habe ich ein seltsames Gefühl. Ich weiß nicht, warum sich meine Augen mit Tränen füllen. Vielleicht ist der Grund, dass alte Erinnerungen wieder aufgetaucht sind. Vielleicht ist der Grund auch, dass ich nach einer sehr langen Zeit wieder einen Brief erhalten habe. Er verlangt eine Antwort und beim Verfassen der Antwort muss ich ganz und gar aus dem Herzen heraus schreiben. Heute bin ich frei, frei wie eine fliegende Taube. Wie jene, die Du Friedenstaube nennst und deren Namen Du Deiner Tochter gegeben haben. Wenn ich ehrlich sein soll, ich mag den Namen Deiner Tochter sehr.

Ich weiß sehr gut, dass Du im Leben ebenso wie ich viele Härten ertragen mussten, aber wie sich herausstellt, waren wir sehr hartnäckig. Für eine Frau mit zwei Kindern ist es schwer, ihre gesellschaftlichen Aktivitäten aufrecht zu erhalten. Du aber bist noch viel mehr beschäftigt und arbeitest für die Menschen. Die Welt braucht solche Frauen. Eine Sache möchte ich Dir gern schreiben: Die Freundin, die Du in Deinem Brief erwähnst, ist genauso wie meine Freundin. Auch sie zeigt mir ihr Inneres und ist sehr aufrichtig. Sie ist in Europa und ich bin in Asien. Jedes Mal, wenn mich etwas bedrückt oder wenn mir jemand das Herz schwer macht, rufe ich sie an. Ich teile viele Geheimnisse mit ihr und sie hat mir viel erzählt. Bis heute habe ich ihr zwei Briefe geschrieben, aber sie hat mir noch nie einen geschrieben. Sie sagt, dass ich gut darin sei, Briefe zu schreiben und in ihnen meine Gefühle zu entfalten. Sie selbst aber habe keinen Sinn für Literatur. So kommt es, dass ich anderen Briefe schreibe, aber selbst noch nie eine Antwort erhalten habe.

Als ich mich einmal sehr einsam fühlte, schilderte ich mir in einem Brief meine eigene Lage, als ob ich einem Fremden mein Herz ausschütten würde. Solche Briefe hielt ich geheim. Später, als mein Vater gestorben war, schrieb ich Briefe an meinen Vater. Manchmal habe ich ihn mir in diesen Briefen herbeigewünscht und manchmal habe ich mich über ihn beschwert. Mein Vater hatte eine religiöse Ausbildung. Er war Mullah. Als Mullah bezeichnet man gewöhnlich jemanden, der eine religiöse Ausbildung erhalten hat und in einer Moschee als Oberhaupt oder Vorbeter tätig ist. Bedauernswerterweise verhalten sich einige von ihnen sehr radikal. Auch mein Vater war ein radikaler Mullah. Sein ganzes Leben lang sagte er, dass wir eine islamische Erziehung erhalten sollten, dass wir die Verschleierungsregeln beachten und zu Hause sitzen sollten. Insbesondere Mädchen sollten seiner Meinung nach nicht aus dem Haus nach draußen gehen, etwa um zu lernen oder um zu arbeiten. Schreiben wurde als Verbrechen angesehen, insbesondere wenn jemand Poesie oder Prosa schrieb. Viele solche Mullahs sehen Poesie als etwas an, das nach islamischem Recht verboten ist.

Meine Mutter konnte dagegen überhaupt nicht lesen oder schreiben. Selbst eine religiöse Erziehung hat sie nie erhalten, aber sie hat sich mehr um uns gekümmert als unser Vater. Viele Male stellten wir uns gegen die Entscheidungen unseres Vaters und sie hat uns in Schutz genommen. Sie war eine heldenhafte Mutter. Mein Vater war nur mit der Anbetung Gottes beschäftigt und vergaß darüber alles andere im Leben, auch seine Pflichten. Meine Mutter dagegen mühte sich, damit wir alles hatten, was wir brauchten. Und das blieb stets im Verborgenen. Ihre Arbeit war extrem hart. Sie flocht Drähte. Es gab eine Firma, die für Staudämme viereckige Rahmen benötigte, die aus Drähten geknüpft wurden. Meine Mutter flocht solche Rahmen aus Draht. Manchmal bekam sie davon blutige Hände.

Meine Mutter vermochte es auch, uns zur Schule zu schicken. Ich war in der achten Klasse, als ich begann, Gedichte zu verfassen. Ich schrieb sie heimlich auf. Später, in der neunten Klasse, begann ich, Kurzgeschichten zu schreiben. Meine erste Geschichte hieß „Blut“. Sie wurde in einem Buch veröffentlicht. Das kam zufällig. In Kabul gab es eine literarische Gesellschaft, die von Frauen betrieben wurde. Ich traf eine Frau von dieser Gesellschaft und als sie hörte, dass ich Geschichten schreibe, bat sie mich, ihr meine Erzählung zu schicken, damit sie in diesem Buch veröffentlicht wird. Ich hatte die Geschichte von Hand aufgeschrieben. So machte ich das, denn ich hatte keinen Computer, um sie zu tippen. Deshalb schrieb ich sie von Hand ab. Aber meine Geschichte gefiel dieser Frau und sie hat sie drucken lassen. Damals wusste keiner aus meiner Familie, dass ich diese Geschichte zur Veröffentlichung abgegeben hatte. Deshalb hatte ich auch meinen Namen geändert und tauchte zum ersten Mal unter dem Namen Ghani auf. Bis heute kennt man mich unter diesem Namen. Selbst meiner Mutter gefiel es damals nicht, dass ich schrieb. Sie sagte: „Genug damit, dich zur Schule zu schicken! Es ist nicht nötig, dass du unnützes Zeug schreibst.“

Du fragst, was meine Familie jetzt über mein Schreiben denkt. Meine Familie hat sich damit schwergetan, solange ich keine offizielle Arbeit hatte. Später haben sie sich daran gewöhnt und mir keine Hindernisse mehr in den Weg gestellt. Vor meinen Verwandten, die in der Provinz Kunar leben, habe ich das Schreiben geheim gehalten. Ich muss erwähnen, dass ich vor fünf Jahren meinen Vater und in diesem Jahr meine Mutter verloren habe. Das war sehr schmerzhaft.

Daniela! Weißt Du, wie sehr sich jemand freut, dessen erste Geschichte gedruckt wird? Ja, ich war natürlich sehr froh, als ich das Buch in die Hände nahm und darin meinen Namen sah. Ich schrie innerlich auf und stieß mit dem Kopf gegen eine Tür. Ich hatte mich verletzt und war dennoch froh.

Am meisten schrieb ich, nachdem ich eine offizielle Tätigkeit bei einem Radiosender aufgenommen hatte. Dort gab es einen Computer. Zu Hause hatte ich noch immer keinen Computer. Damals ging es uns wirtschaftlich überhaupt nicht gut. Ich hatte nicht genug Geld, um einen Computer zu kaufen. Mein monatliches Gehalt musste ich für die Ausgaben der Familie aufwenden. Aber immer, wenn ich im Büro Zeit fand, schrieb ich. Um mich vor Geräuschen zu schützen, die mich ablenken könnten, hörte ich im Kopfhörer leise Musik.

Seitdem ich nach Tadschikistan gekommen bin, fühle ich mich sehr allein. Jetzt verbringe ich viel Zeit mit dem Schreiben. Der Laptop ist mein Freund in der Einsamkeit. Wenn es mir sehr schlecht geht, schreibe ich auf, was mich bedrückt. Wenn ich traurig bin, schreibe ich einen Brief an eine unbekannte Person und behalte so alles für mich. Ich wohne in einer Einraumwohnung zur Miete. Ich habe keinen Schreibtisch. Ich setze mich auf den Boden, lege den Laptop auf meinen Schoß und schreibe. Manchmal versinke ich so tief im Schreiben, dass mir der Nacken weh tut. Hier scheint die Sonne. Wenn es kalt ist, setze ich mich so, dass die Sonnenstrahlen auf mich treffen.

Du fragst, warum es in Kunar als gefährlich gilt, wenn Frauen schreiben. Weißt Du, hier gilt es für Frauen schon als Schande und als gefährlich, auch nur laut zu lachen oder laut zu reden. Und was tun Autorinnen?! Ich fürchte, solange die Gesellschaft von Männern dominiert wird, haben sie Angst davor, wenn Frauen lesen und schreiben können und den Schleier der Grausamkeiten anheben, die sie ertragen, denn dann wird auch das Patriarchat verschwinden.

Oft habe ich die Bücher von Oriana Fallaci gelesen. In ihrem Buch „Das unnütze Geschlecht – Wo lebt die Frau am glücklichsten?“[1] beschreibt sie sehr gut das Leben von Frauen. Sie zeigt, wie Frauen sich in einigen Gesellschaften zusammengetan und gegen Gewalt gekämpft haben. Auch ich denke, dass sich dieser Zustand eines Tages ändern wird. Die von mir verehrte Autorin Oriana Fallaci schreibt: „Nur wer viel geweint hat, lernt zu lachen.“ Auch ich werde eines Tages mit lauter Stimme lachen.

Hochachtungsvoll

Freshta

 

[1] Freshta Ghani nennt dieses Buch nach dem Titel der persischen Übersetzung „Das schwache Geschlecht“ (Anmerkung des Übersetzers).
Übersetzt aus dem Paschto

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Untold – Weiter Schreiben Afghanistan, ist eine Initiative der KfW Stiftung in Kooperation mit „Untold – Write Afghanistan“ und Weiter Schreiben.

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