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Anleitung zum Überleben

Omar Al-Jaffal
Foto eines rauchenden Mannes von Giath Taha / aus der Serie Ashes in faces
Foto von Giath Taha aus der Serie "Ashes in Faces"

Der Tod kommt. Sprengsätze prügeln auf die Straße ein wie Dämonen, bringen Verstümmelung und Tod. Sie wüten und krachen und kennen keine Gnade. Schütze dich. Das geht ganz leicht. Du musst nur den Tod hinauszögern. Stoße ihn weg mit dem Zeh, der unter der Decke in die Kälte lugt. Stoße ihn weg mit Geplapper und Gequake. Dann überlebst du.

Wann ist mit einer Explosion zu rechnen?
Beschäftige dich mit 1001 Sache. Geh deinen Verpflichtungen nach. Nimm deinen Computer überall mit hin. Je mehr du in Arbeit versinkst, je seltener du das Haus verlässt, desto höher sind deine Überlebenschancen. Von der Arbeit nach Hause und zurück. Triff Freunde nur einmal die Woche. Lege alles, was du machen möchtest, auf einen Tag. Liebe wild, tob dich aus, geh unter die Leute. Aber Achtung: Du musst wissen, wann die Sprengsätze explodieren. Meistens nicht am Nachmittag, sondern morgens oder bei Sonnenuntergang. Überspring also den Morgen. Schlaf dich aus. Träume von Städten, die du besuchen möchtest. Von den Stars, die du in deiner Jugend angehimmelt hast. Schmiede Pläne für die Zukunft … egal was. Hauptsache du bringst die verdammten Morgenstunden irgendwie hinter dich, ohne Langeweile. Hast du den Schlaf aus den Augen gerieben, dann trink einen Kaffee. Sieh zu, dass du zu tun hast. Sprich mit deiner Mutter über die Nachbarinnen, Tanten und Erinnerungen an deine Großmutter, ihre Schwiegermutter. Unbedeutende Details, die dich vor dem Tod bewahren.

Unerwartete Explosionen
Auch Mörder sind launisch. Einem könnte es in den Sinn kommen, den Zeitpunkt seines Todes vorzuziehen und damit den deinen. Vielleicht hast du Glück und wirst nur verletzt.
Möglicherweise habt ihr unterschiedliche Zeitrechnungen. Der Mörder hat es eilig, sich selbst und dich ins Jenseits zu befördern. Trainiere Verluste zu minimieren, z. B. den eines Körperteils. Dann ist der Schock nicht so groß, wenn du aus der Narkose aufwachst und dir eine Hand oder ein Fuß fehlt.
Bewahre dir dein Lächeln. Immer. Es bleibt eine schöne Erinnerung. Achte auf dein Äußeres. Benutze ein teures Parfüm, markant muss es sein, damit es in der Nase hängenbleibt. Was bringt es zu sterben, wenn du anderen nicht im Gedächtnis bleibst? Ich zum Beispiel gehe seit Beginn des Winters nicht mehr ohne roten Schal aus dem Haus. Auf ihm sieht man das Blut nicht so sehr wie auf einem weißen. Trage dicke Jeans. Die lassen sich nicht leicht zerreißen. Hemden können sie im Krankenhaus schnell ausziehen, also gewöhn dich dran sie zu tragen. Pflege deinen Körper, enthaare ihn. Wegen der schönen Krankenschwestern, falls du überlebst. Oder der Ärztin mit dem weißen Kittel und dem strahlenden Gebiss. Oder wegen der Frauen, die du kennst. Der Frauen, die dich besuchen.

Nach der Explosion
Du hörst in den Nachrichten, dass mehrere Explosionen die Stadt erschüttert haben. Sieh an dir runter: Hast du überlebt?
Jetzt zünde dir eine Zigarette an und trink ein Glas kaltes Wasser. Kauf zwei Handys. Ein billiges, das du ruhig gegen die Wand werfen kannst, sobald du hörst, dass jemand verletzt oder getötet wurde. Und das zweite ganz nach deinem Geschmack. Schau nach deinen Eltern. Deine Mutter geht nicht mehr auf den Markt wegen ihrer Knie, die vor Angst um dich zittern. Dein Vater klammert sich an sein Buch und versucht, die Nachrichten zu ignorieren, frisst alles noch tiefer in sich hinein. Ruf auch deine Geschwister an. Du musst wissen, wo deine Freunde wohnen und arbeiten. Das verringert die Sorge um sie. Sprich dann mit einem neugierigen Freund, der über alle Bescheid weiß. Das spart eine Menge Anrufe und du hast einen Überblick, wer noch lebt und wer tot ist. Bestimmt gibt es mal wieder einen Kandidaten mit ausgeschaltetem Handy, der in der Nähe einer Explosion wohnt. Ihm ist schon nichts passiert! Rede es dir ein, so bleiben erhöhter Blutdruck und heftige Bauchkrämpfe aus. In einem Land, in dem jeden Tag Menschen getötet werden, darf man nicht emotional sein. Sonst gehörst du noch zu den Toten, die darauf warten, dass sie an der Reihe sind. Gefühle sind Mörder, Blutsauger.
Je wilder du bist, desto länger kannst du im Zoo bleiben, der keine Schlösser mehr hat, aus dem Hexen und Dämonen ausgebrochen sind.
Denke immer daran: Du leidest an Vergesslichkeit. So erinnerst du dich nicht an eine Person, die bei einer Explosion umgekommen ist. Denke daran: Der Tod ist der Gnadenschuss, auf den alle warten und der viel zu spät kommt. Du bist kein Freund von Beerdigungen. Du bist der einzige, der jeden Tag Tröster braucht, damit dir das Sterben leichter fällt.

Zu guter Letzt hast du überlebt
Bei Sonnenuntergang machst du dich schwer wie eine Robbe. Geh aus. In ein Restaurant, wo du ein Sandwich isst. Oder zu einem Freund, den dein Gerede langweilt. Danach findest du dich unversehrt bei einem anderen Freund wieder. Oder in einer Bar, in der alle wie Frösche über die täglichen Schwierigkeiten quaken. Die Tage sind abgeschnitten. Alle leiden unter Gedächtnisverlust. Die Stunden des letzten Tages dringen aus dem Gedächtnis wie Wildpferde, die sich in den Tunnel des Vergessens stürzen. Du bist noch nicht Zuhause. Lauf so lange es geht in den Straßen der Stadt. Diskutiere nicht über ernste Themen. Werde zu einem dummen, kichernden Wesen. Lächle bis du Zuhause ankommst. Störe niemanden. Bereite nichts für morgen vor. Bügle nicht deine Kleidung, sie ist gut genug für den Tod. Schlaf einfach, und träume von weit entfernten Städten und den Stars, die du treffen wirst. Bereite dich darauf vor, am nächsten Tag zwei Tiere zu sein: ein Frosch und eine Robbe.

* Den Text habe ich im Dezember 2013 geschrieben, als allein in der irakischen Hauptstadt Bagdad 806 Menschen durch Autobomben und Gewalttaten getötet oder verletzt wurden. Diese Ereignisse finden bis heute im Irak statt, wenn auch seltener als zuvor.

– Brief aus einer zugrundegehenden Welt an Heinrich BöllLesenرسالة من العالم المتهالك إلى هاينرش بُل
Omar Al-Jaffal Kristine Bilkau

Omar Al-Jaffal & Kristine Bilkau

Omar und Kristine - der besonnene Blick auf die politischen und gesellschaftlichen Zustände verbindet die beiden und ihre frühe Auseinandersetzung mit Heinrich Böll: Omar anhand von Übersetzungen seines Vaters im Irak, Kristine als deutsche Schülerin in den USA.