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Der Fluch des Gedächtnisses und die Schatten der Hubschrauber

Yamen Hussein
Übersetzung: Suleman Taufiq
Basic Instinct 2008. Serie verlorene Bilder. Archivprint auf Baumwollpapier; Edition 1/ 7. Foto: Ammar al-Beik

1. Flucht aus dem Erbe

In den Dörfern der Ebenen von Homs und Hama waren die Dreschplätze und Weinberge nicht eingezäunt. Sie glichen Steppen, die sich mit den Jahreszeiten unterschiedlich färbten. An den tiefer liegenden Hügeln lag felsiger Schutt und manchmal thronte dort auch ein wilder Feigenbaum wie das Tor zu einem offenen Land.

Wie so oft fällt dein Blick auf große und kleine Kieselsteine zwischen den Weinstöcken. Manchmal markieren diese Steine die Grenze der Dreschplätze, einen kranken Baum oder ein kleines Vogelnest; manchmal deuten sie aber auch auf Geheimnisse hin.

Mein Großvater väterlicherseits war vom Tod besessen. Er schaufelte sich direkt an seinem Weinberg ein Grab. Er schlug es in den Felsen und legte sich darauf, damit er seine Größe abschätzen konnte. Das tat er täglich, bis es der Länge und der Breite nach passte. Er wollte damit nicht etwa seinen Tod, sondern sein Überleben in den osmanischen Kriegen ehren, die ihn im letzten Jahrhundert in den Jemen verschlagen hatten.

Damals war es ihm erst nach sieben Jahren gelungen, zu desertieren und in sein Dorf zurückzukehren. Seine Familie hatte in all diesen Jahren, in denen er im Krieg und auf der Flucht war, keine Nachricht von ihm erhalten. Seine Kinder dachten, er wäre schon lange gestorben.

Bevor er in den Krieg ziehen musste, wollte er nach Amerika auswandern. Er hatte sich mit einem Freund zum Hafen von Tripolis aufgemacht, in der Hoffnung, ein Schiff zu erwischen, das ihn nach Amerika mitnahm. Aber er hatte kein Glück. Er wurde festgenommen und in den Krieg geschickt. Die osmanische Armee beendete seinen Traum von Amerika.

Die letzten zehn Jahre seines Lebens verbrachte er in einem Dorf östlich von Homs. Er war kurzsichtig und arm. Er starb, bevor meine Geschwister und ich geboren waren. Sein Vermögen war ein Grab neben seinem Weinberg, perfekt in einen großen Felsen gehauen.

Von ihm existiert nur ein Bild in einem Messingrahmen, das in unserem Wohnzimmer hängt. Jedes Jahr beim Frühjahrsputz hängen wir das Bild ab. Sein einfacher Schnurrbart und seine bäuerliche Kleidung bekommen dadurch ihren Glanz zurück. Dann platzieren wir das Bild wieder ganz oben in der Mitte der Wand und vergessen ihn für ein Jahr.

Sein Grab ragt heute in einem Wein- und Mandelgarten, dessen Pflanzen wenige Früchte tragen, wie eine Vogelscheuche empor. Es liegt genau in der Mitte zwischen dem Dorf und den fernen Weiden.

Manchmal wird das Grab von Wanderern als Esstisch benutzt, um eine Pause einzulegen. Manchmal stellen Arbeiter im Garten ihre Wasserbehälter in seinen Schatten, um sie zu kühlen. Als ob der Tod, wenn er altert, vertrauenswürdiger wird.

Ich habe die Flucht von meinem Großvater geerbt. Ich glaube, ich beherrsche sie gut. Er flüchtete nach Syrien, ich aus Syrien. In jedem neuen Land lege ich meine Kieselsteine mitten auf die Straße und auf jeden Dreschplatz. Alle Städte der Welt sind meine Grenzen. Ich wünsche mir keinen Tod, der mich tröstet. Damit habe ich nichts zu tun.

Ich möchte wie er meine Rettung ehren und eine angemessene Beileidsbekundung für den Tod meines Landes abgeben.

 

2. Der Fluch des Hubschrauberschattens

In meiner Kindheit waren die offiziellen Baath-Partei-Feste eine Gelegenheit, einen Tag schulfrei zu bekommen und die Schuluniform loszuwerden.

An diesen staatlichen Feiertagen kreuzten Hubschrauber über uns und warfen bunte Flugblätter des Despoten ab. Wir standen in den Gassen und an den Nebenstraßen und beobachteten die Schatten der Hubschrauber. Wir rannten hinter den Zettelbündeln her, die aus den Bäuchen der, am Himmel in der Mittagssonne glänzenden Hubschrauber zu uns herunterflatterten.

Lauter leuchtende Farben wurden über uns abgeworfen. In kindlicher Vorfreude wussten wir, wo ungefähr die himmlischen Briefe heruntersegeln würden, und rannten dorthin. So wie die Ratten dem Flötenspieler folgten und im Wasser ertranken, folgten unsere jungen Körper dem Lärm der Hubschrauber. Waren sie verschwunden, schlenderten wir zwischen den Abgasen der Autos entlang von Gasse zu Gasse und sprangen über Pfützen, um noch mehr Zettel zu ergattern. Immer hofften wir, einige der buntesten zu bekommen als Ersatz für unser graues Gedächtnis, das von den wenigen schwarzweißen Bildern in unseren Schulbüchern gespeist war.

Manchmal gab es Streit über die Zettel, die wie Akrobaten in der Luft schwebten. Ich erinnere mich, dass ich am Jahrestag des Baath-Putsches sieben Stück gesammelt hatte. Ich hatte den Kampf mit einem Verwandten um einen achten verloren. Er war blau und rosarot. Und der einzige Zettel, der zweifarbig war. Ich wünschte mir diesen Zettel so sehr. Ihn zu fangen wäre ein großartiger Sieg gewesen.

Tatsächlich haben wir nicht alles, worum es auf diesen Flugblättern ging, verstanden. Der Text hat uns gar nicht interessiert. Die Farbe und die Anzahl waren viel wichtiger.

Es dauerte fünfzehn Jahre, um ihre Botschaften begreifen zu können; um zu verstehen, dass wir, ohne darüber nachzudenken, den Tod mit unseren Händen aufgefangen hatten; und zu erfahren, dass die Schlammpfützen, über die wir als Kinder sprangen, zu Blut wurden.

Heute müssen wir in die entgegengesetzte Richtung laufen als früher, als wir den Hubschraubern hinterherliefen. Wir müssen auch erkennen, dass diejenigen, die den Fluch der Hubschrauberschatten nicht erlebt hatten, die Sieger waren, ebenso wie später diejenigen gesiegt hatten, die die Körperteile und Leichen ihrer Familienmitglieder aufgelesen hatten.

 

3. Clipper-Feuerzeuge

An den Fenstern der Lehmhäuser dösten sie träumend. Nach dem Sonnuntergang, wenn das Licht zu schimmern begann, zündeten sie für einen Moment ihre Clipper-Feuerzeugen an und schnappten sie dann schnell wieder zu, als Gruß und Zeichen wie Briefe aus Licht und Schatten. Der Abend im Dorf verwandelte sich in ein Festspiel von Lichtertänzen unter einem klaren Mond.

Nur die Mutigsten ließen einen Platz unter der Decke frei für einen Gast, der vorsichtig über die Dächer und Schlammpfützen lief, damit er die Tauben nicht aufschreckte und die Eltern weckte. Heimlich krabbelten die beiden Körper unter die Decke und verwandelten sich in ein leises Stöhnen der Lust.

 

4. Sinnlos

Vergeblich versuchst du, ihnen zu entkommen.
Das Land und das Gedächtnis haften an dir

wie der Kern

an der Pflaume.

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– Sieben TageLesenسبعة أيام
Yamen Hussein Lena Gorelik

Yamen Hussein & Lena Gorelik

Yamen und Lena - ihre Texte sind wütend und zärtlich, geschichtsbewusst und zukunftsoffen und handeln immer auch vom Begehren in schwierigen Zeiten.