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Weiter Schreiben Mondial - Briefe > Aristide Tarnagda & Rabab Haidar > Jede Suche nach Schönheit ist ein Akt der Resilienz – Brief 1

Jede Suche nach Schönheit ist ein Akt der Resilienz – Brief 1

Rabab Haidar an Aristide Tarnagda, Berlin, 11. Mai 2022

Übersetzung: Anne Emmert aus dem Englischen

© Rabab Haidar

„Derzeit stecke ich in den Vorbereitungen zum offiziellen Start der 12. Récréâtrales (des panafrikanischen Theaterfestivals, das ich seit 2016 leite und das in diesem Jahr zwanzig Jahre alt wird). Ich werde Dir wahrscheinlich in einer anderen E-Mail davon berichten und ich würde mich freuen, wenn Du kommen und das Jubiläum mit uns feiern würdest. Stattfinden wird es vom 29. Oktober bis zum 5. November in Ouagadougou.

Und ich schließe die Bühnenadaption von Mohamed Mbougar Sarrs Roman ‚La plus secrète mémoire des hommes‘ ab (diesjähriger Prix Goncourt), die ich zusammen mit Odile Sankara im kommenden Mai beim Festival TransAmériques in Montreal lesen werde. Es ist eine echte Freude, sich mit dem großartigen Text dieses talentierten Autors auseinanderzusetzen, mit dem ich seit Jahren zusammenarbeite. Hast Du ihn schon gelesen?“

(Auszug aus einer E-Mail von Aristide Tarnagda an Rabab Haider vom 23. April 2022)

 

Lieber Aristide,

ich hoffe, Du bist wohlauf und gesund.

Von hier aus, den Blick durch die Zeit gerichtet: Jede Suche nach Schönheit ist ein Akt der Resilienz. Jede Kunstproduktion ist ein Akt des Widerstands gegen die Verwirrung und Verzweiflung, die der Wahnwitz des Krieges immer wieder produziert.

Dinge aufzudecken und neu zu ordnen, Karten zu zeichnen, vergessenen Gesichtern Namen zu geben, die Gesichter der Vergessenen zu zeichnen – jedes Mal, wenn man eine Geschichte umstellt, um den Kontext zu bewahren, ist das ein mutiger Akt des Widerstands.

Ich erinnere mich noch gut daran, dass wir damals in Syrien das größte Problem darstellten, dass man uns, die Künstlerinnen und Künstler, allesamt möglichst schnell loswerden wollte, damit niemand die Karten richtig zeichnen konnte. Man wollte die Literaturschaffenden kontrollieren und damit auch die Erzählung, denn Literatur ist das Narrativ hinter den offiziellen Nachrichten, das Bild, das nicht von Kameras aufgenommen wurde, das wahre Gedächtnis der Welt.

Von der Wahrheit

Bequemerweise kann man jetzt behaupten, man mache Kunst, um zu dokumentieren und auf diese Art aus Fehlern zu lernen.

Richtigerweise kann man sagen, wir machen Kunst, um der Widerwärtigkeit des Krieges entgegenzutreten, Widerstand zu leisten.

Aber in acht Jahren syrischen Bürgerkriegs schrieb ich, um bei Verstand zu bleiben, um mir auf das, was war, einen Reim zu machen. Ein Nebenprodukt solcher Bemühungen war, dass wir, die Kameraden, Fakten wiederherstellten und den von den Narrativen der Kampfparteien abweichenden Erzählungen der Männer und Frauen auf der Straße Raum gaben. Wir bemühten uns, das Richtige zu tun, und das Richtige war immer auf die eine oder andere Weise mit Schönheit und Kunst verbunden: Wenn wir in ein Camp gingen oder uns in eine belagerte Stadt einschmuggelten, um den Menschen vorzuschlagen, gemeinsam ein Theaterprojekt zu erarbeiten, hatte das etwas Wahnhaftes und Absurdes. Doch die jungen bewaffneten Männer und ihre Mütter und Ehefrauen, beschützt von Vätern und Onkeln, widmeten viele Stunden ihres Tages Theaterstücken und Rundfunksendungen, sie wollten, dass ihre Geschichten erzählt werden, einige wollten sich wieder menschlich fühlen, da der Krieg uns entmenschlicht, einige wollten nicht vergessen werden und suchten Verbundenheit. Und wir wollten die Dinge ins rechte Licht rücken. Wir alle hatten das Bedürfnis, uns an den Händen zu halten, unser Herz bedurfte der Erleichterung, der Heilung.

Und wie Du Dir vorstellen kannst, passte das nicht allen, denn in Kriegszeiten gedeiht das Patriarchat. Die trügerische Aufspaltung und die falschen Hierarchien – darin ist das Patriarchat besonders gut – boten den idealen Nährboden für interne Konflikte.

Von der Kameradschaft

Explosive Zeiten entlarven das Gift im Menschlichen und reinigen so die Herzen.

Es war an einem frühen Morgen im Frühherbst 2018. Als wir durch eine der Hauptstraßen von Damaskus fuhren, sahen wir einen Krähenschwarm, der sich an der Leiche eines Mannes gütlich tat. Wir hielten nicht an, wir schrien und weinten nicht. Wir fuhren weiter, wütend, betrogen und verlassen.

„Verlassen zu sein und verlassen zu werden gehört zum Krieg. Das war schon immer so. Darauf werden sich alle einigen können, die sich schon vor uns Syrerinnen und Syrern in einen Bürgerkrieg, einen internationalen oder innerstaatlichen Krieg, einen Umsturz oder eine langwierige Revolution gestürzt haben.“

Wir hielten stand, wir schrieben, wir machten uns an eine Neugestaltung des Landes, wir verloren die Beherrschung, wir weinten vor Wut, wir lachten. Traurig waren wir nicht, denn Traurigkeit war ein Luxus, Traurigkeit braucht Freiraum, den es in einer Zeit des Chaos und der Täuschungen nicht gibt.

Wir schürften tief, um die Geschichte neu erstehen zu lassen und uns damit zur Wehr zu setzen.

Tief schürfen heißt, dass man Nägel und Zähne in das Gefüge der angeblichen Realität schlägt, dass man unter die eigene Haut blickt und in die Herzen der Mitmenschen, dass man zerrupft, nur damit man mit offenen Augen schauen und schreiben kann. Ein aufreibender Akt, aber unerlässlich.

Lieber Aristide, ich kann nur ahnen, wie standhaft Ihr seid, Du und Deine Kameraden!

Wenn sich die Widerwärtigkeit entzündet und Gesichter zu verbrennen beginnt, bleibt Ihr dennoch standhaft.

Wenn namenlose Schlachten mit gesichtslosen Soldaten toben, bleibt Ihr dennoch standhaft.

Wenn Ihr Euch ergeben und davonmachen oder sterben könntet, bleibt Ihr dennoch standhaft.

Salut!

 

„Ich schreibe Dir aus meinem Land. Denn es gibt meinen Staat, und in meinem Staat gibt es mein Land. Und in meinem Staat heißt mein Land Ursprung. Mit meinem Land meine ich den Teil meines Staates, der mich willkommen hieß, noch ehe meine Eltern mich sahen, noch ehe ich mich sah, also noch ehe mein Staat mich sah und anerkannte. Dieses Land zirkuliert als Blut in meinen Adern, es befruchtet meine Träume und Leidenschaften, es gibt meinem Herzen seinen Rhythmus, es nährt meine Seele, und es dient mir als Schutzschild gegen Widrigkeiten. […]

Ich schreibe Dir vom Ursprung: Tenkodogo. Hier führe ich mit Kameraden Theaterworkshops mit Jugendlichen für Jugendliche durch, in einem Projekt namens ‚Terre ceinte‘ ; so lautet auch der Titel von Mohamed Mbougar Sarrs erstem Roman.

(Auszug aus einer E-Mail von Aristide Tarnagda an Rabab Haider vom 23. April 2022)

 

Von der Kunst und den Folgen des Krieges

Davon würde ich eines Tages gern schreiben, sobald ich es geschafft habe, mit beiden Füßen wieder fest auf dem Boden zu stehen.

Denn der Krieg ist eine Erfahrung, die man lebenslang mit sich herumträgt. Leider kann man nicht ungesehen machen, was man gesehen hat, und so sind die Überlebenden lebenslang gebrandmarkt.

Manchmal frage ich mich, ob ich überlebt habe oder ob sich nur etwas in mir verschoben hat, damit ich weiterleben kann.

Lieber Aristide, ich stehe kurz vor dem Abschluss meines Romans über die Schönheit und Grausamkeit des menschlichen Herzens, die Widerwärtigkeit, die sich in unsere Seele einbrennen kann, wenn wir vor den Grotesken der Lügen kapitulieren. Er heißt „Das Herz eines Wolfs kochen“. Der Roman spielt zwischen 2011 und 2016 und erzählt davon, was die Protagonisten der Geschichte damals geprägt hat.

Ich lese deshalb im Moment lieber keine Bücher, weil ich befürchte, dass die Lektüre meine Figuren von dem ablenken könnte, was sie sagen wollen. Einige Passagen aus „La plus secrète mémoire des hommes“ von Mohamed Mbougar Sarr habe ich gelesen, aber ich versuche, die Bücher liegen zu lassen, bis ich meine Arbeit beendet habe. Vielleicht kann ich mir ja Deine Adaption des Romans für die Bühne ansehen!

Drücken wir die Daumen!

Von Ländern und Namen

Ich käme furchtbar gern zum panafrikanischen Festival Récréâtrales in Ouagadougou in Burkina Faso, um dem alten Land Tenkodogo einen Besuch abzustatten – dem Land, das ‚Dich vor Deinen Eltern gesehen hat, dem Land, das in Deinen Adern zirkuliert‘! Lieber Aristide, Deine Worte bringen bei mir eine Saite zum Schwingen!

Für alle, die an die Macht der Sprache glauben, wirkt sie als Tür, und als ich Deine Zeilen las, wurde ich unversehens in eine andere Zeit und an einen anderen Ort versetzt, in das Land vergessener Geschichte und geheimnisvoller Namen, das Dorf meines Vaters und seiner Vorväter seit vielen Generationen: das alte prähistorische, fruchthainreiche Land von Megarit. Mit Google ist es unauffindbar – Google korrigiert die Eingabe und schlägt das bronzezeitliche „Ugarit“ vor, das sich leicht auffinden lässt. In diesem urgeschichtlichen phönizischen Mittelmeerhafen wurde das erste bekannte vollständig dokumentierte Alphabet gefunden und die erste Musiknotation der Menschheitsgeschichte – Musik, komponiert unter dem frenetischen und wohlverdienten Applaus der Welt. Zehn Kilometer von Ugarit entfernt liegt Megarit, uraltes Land mit unklarer Geschichte, dem nur der Name des alten Königreichs bleibt. Dieses Land gehörte über Generationen meiner Familie. Das Land der üppigen Früchte war bekannt für seine Widerborstigkeit – so gab es dort auch wild wuchernde Weinstöcke und Obstbäume mit bitteren holzigen Birnen oder sauren wässrigen Äpfeln.

Das Land wurde durch Vererbung auf viele Söhne und Töchter aufgeteilt, einige verkauften ihren Grund und Boden, einige nahmen andere Familiennamen an, denn eine Frau vererbte – und vererbt – den Söhnen und Töchtern zwar ihr Eigentum, nicht aber ihren Namen. Das letzte Stückchen Land in Megarit, das sich noch im Besitz meiner engeren Familie befand, gehörte meiner Tante, die im ersten Kriegsjahr starb.

Vor ihrem Tod hatte sie die Scheidung von ihrem getrennt lebenden Ehemann erwirkt und auch ihre älteste Tochter unterstützt, als sie sich von ihrem gewalttätigen Mann scheiden ließ. Meinem Onkel, in der Familie mit zwölf Töchtern und zwei Söhnen der Jüngste, gefiel das überhaupt nicht. „Noch eine geschiedene Frau in der Familie!“, sagte er kopfschüttelnd.

Tja, was tun mit bitteren holzigen Birnen?

Auf der Hochzeit einer meiner vielen Cousinen flüsterte mein Onkel, ehe er sich betrank, für alle vernehmbar: „Ich hoffe, das endet nicht auch mit einer Scheidung.“ Das war der Witz dieser Hochzeit, wird doch jede Hochzeit später mit dem einen oder anderen Witz in Verbindung gebracht. Aus dem Scherz wurde Ernst, und nach ein paar Monaten folgte die Scheidung. Der Bräutigam und seine gesamte Familie erinnerten sich schaudernd an diesen Witz!

„Warum können die Frauen in dieser Familie die Idiotie der Männer nicht einfach schlucken wie andere Frauen auch?“, fragte er auf einem Familientreffen.

„Ein generationenalter Fluch!“, erwiderte eine Cousine lachend.

Tja, wie lassen sich saure Äpfel erklären?

Mit der Erinnerung ist es komisch: Als ich dies aufschrieb, lag ein Lächeln auf den Gesichtern, die mich besuchten. Waren wir wirklich so glücklich? Oder ist das eine Schimäre?

Lieber Aristide, mich fasziniert die Sprache. Wie man mit Klängen Welten schaffen kann. Wie man die Welt mit Geschichten neu ausrichten kann, um sie dorthin zu lenken, wohin der Kompass weist.

Wie Deine weibliche Protagonistin in „Ways of Loving“, die ohne rechten Arm zur Welt kam, jedoch im Gerichtssaal den Eid mit dem nicht vorhandenen rechten Arm leisten soll. Vor meinem inneren Auge steht sie noch da, den Makel hoch, hoch erhoben, in einem Gerichtssaal voller Männer.

Was meinst du, welche Rolle haben Literatur und Schönheit? Immerhin adaptierst Du einen Roman, der für Dich und die jüngere Generation geschrieben wurde!

Ich freue mich darauf, von Dir zu lesen.

Deine

Raba

 

 

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