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Weiter Schreiben Mondial - Briefe > Aristide Tarnagda & Rabab Haidar > Das Volk wurde zu einem Tier gemacht, das man mästet, bis der Viehmarkt öffnet - Brief 2

Das Volk wurde zu einem Tier gemacht, das man mästet, bis der Viehmarkt öffnet – Brief 2

Aristide Tarnagda an Rabab Haidar, Burkina Faso, 19. September 2022

Übersetzung: Claudia Steinitz aus dem Französischen

Bilder zweier rennender Kinder zum Brief von Aristride Tarnagda © Guillaume Colin & Pauline Penot / Flickr - CC BY-NC-ND 2.0
„Wenn ein Kind, ein Jugendlicher, eine Frau, ein Mann kein Gesicht mehr hat, müssen die Literatur und die Schönheit ihr oder ihm eins erschaffen“, Aristide Tarnagda © Guillaume Colin & Pauline Penot / Flickr – CC BY-NC-ND 2.0

Liebe Raba,

ich bin im Moment etwas müde. Es ist eine körperliche und zugleich seelische Müdigkeit. Angst macht mir die seelische Müdigkeit, denn sie bahnt den Weg für Verzweiflung, also Verzicht, Aufgabe, das Gefühl von Unabwendbarkeit. Ich versuche durchzuhalten, wie man sagt, und Mut zu säen, aber das ist nicht einfach. Durchhalten kann ich nur dank der Literatur, dem Theater. Sie sind Zuflucht und Quellen der Wiedergeburt. Ich glaube an die Fähigkeit des Theaters, der Kunst im Allgemeinen, uns zum Licht und zur Transzendenz zu führen. Aber Du wirst fragen, woher meine Müdigkeit kommt.

Seit drei Tagen erleben wir groteske Szenen, die vom Präsidenten der Republik persönlich inszeniert werden. Aus einem angeblichen Bedürfnis nach Versöhnung hat er in Ouagadougou ein Konklave früherer Staatschefs erzwungen. Das Problem ist nur, dass Blaise Compaoré, einer dieser früheren Staatschefs, nach seinem Sturz als Präsident und der Flucht nach Côte d’Ivoire von der Justiz zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Trotzdem wurde er mit einem ivorischen Flugzeug hergebracht, um an diesem Konklave teilzunehmen. Was eine Geste der Versöhnung sein sollte, erweist sich deshalb eher als Quelle einer tiefen Spaltung des Volkes, das sich weiterhin manipulieren und ausnutzen lässt. Plötzlich höre ich aus dem Mund einflussreicher und anerkannter Persönlichkeiten, die Justiz stehe nicht über der Nation. Und da frage ich Dich, Raba: Gibt es eine Nation ohne Justiz? Kann man Nation und Justiz voneinander trennen? Ich warte auf Deine Meinung.

Einer Journalistin, die mich nach meiner Einschätzung der gesellschaftspolitischen Situation in unserem Land fragte, habe ich kürzlich Folgendes gesagt:

„Ich glaube, wir sind an einem Scheideweg. Dieses Land braucht würdige, klar denkende, kühne und furchtlose Männer und Frauen. Es braucht Männer und Frauen, die uns zu mehr Kühnheit anspornen, wie sie Präsident Thomas Sankara forderte und selbst verkörperte. Kühnheit in der Art voranzugehen, zu handeln und unser Schicksal in die Hände zu nehmen. Uns als Töchter und Söhne eines Landes mit einer reichen und vielfältigen Geschichte zu erkennen. Das Land durchlebt eine nie dagewesene gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische und Sicherheitskrise, weil wir mehr als dreißig Jahre gesellschaftlicher, politischer und ökonomischer Irrwege hinter uns haben. Mehr als dreißig Jahre lang bestand die Politik darin, das Volk zu entmündigen, zu infantilisieren, seine Bildung zu vernachlässigen oder sie ihm vorzuenthalten. Das Volk wurde zu einem Tier gemacht, das man füttert, mästet und in einen Stall sperrt, bis der Viehmarkt öffnet. Die Folge? Heute steht es als Zuschauer vor seiner eigenen Tragödie, der es manchmal geradezu gleichgültig zu begegnen scheint. Es steckt in einem Gefühl von Ohnmacht fest, ertrinkt in seinen Tränen und seinem Gejammer. Die politisch-ökonomischen Irrwege führen zu Rissen in den Mauern des gemeinsamen Hauses: der Nation. Nie zuvor waren wir so gespalten. Nie zuvor waren wir so ein Haufen missgestalteter Individuen, die wie schlechte Nachbarn leben anstatt wie Brüder und Schwestern. Wir begegnen einander mit Misstrauen, Eifersucht und Wut, ja selbstmörderischem Hass. Wir haben uns auch nicht um die Toten gekümmert, um die Menschen, die gestorben sind, damit wir besser leben. Nicht mal eine würdige Beisetzung. Oft nicht einmal Gerechtigkeit. Aber ein Volk, das nicht im Reinen mit seinen Toten ist, kann nicht mit sich selbst im Reinen sein. Das dürfen wir nicht außer Acht lassen. Die dringende Frage lautet deshalb, ob wir imstande sind, wieder zu uns selbst zu finden. Uns aufzurichten, um einander in die Augen zu sehen und uns wiederzuerkennen. Unsere Schwestern zu erkennen. Unsere Brüder zu erkennen. Uns gemeinsam über den Weg zu verständigen, den wir einschlagen müssen: den Weg der Würde, des Verantwortungsbewusstseins und der Freiheit. Gemeinsam aufzustehen und zu begreifen, dass es heute wirklich um diese Erde geht, die uns alle trägt, die uns aufgenommen hat, die uns das Leben geschenkt hat wie schon unseren Vorfahren. Unsere Vorfahren haben gekämpft, damit wir dieser Erde und ihres guten Rufs würdig sind. Es kommt darauf an, dass wir das gemeinsame Schicksal sehen. Wir müssen uns aufrichten, müssen kühn und furchtlos sein, um den Kopf zu erheben. Kurz gesagt, wir müssen Gesicht zeigen, wie das Thema der zwölften Ausgabe der Récréâtrales[1] lautet.“

Liebe Raba,

ich bin wieder in der nördlichen Mitte des Landes mit dem Projekt „Terre Ceinte“. „Terre Ceinte“ ist der Titel eines Romans von Mohamed Mbougar Sarr. Es ist die Geschichte der Stadt Kaleb, sie wird von Terroristen besetzt, die dort Gewalt säen. Ganz normale Leute – ein Barbesitzer, eine Bibliothekarin, ein Pfleger, ein Arzt und ein Aktivist – schließen sich zusammen und gründen eine Zeitung, um das Volk zum Widerstand zu bewegen und die Freiheit zurückzuerobern. Das Theater ist ein Spiegel, den man der Gesellschaft vorhält, und ich möchte diese fiktive Geschichte mit meinen Landsleuten teilen, damit sie sich fragen: Was tun? Weiter feige sein? Die Angst abschütteln und uns engagieren? Welche Dynamik wollen wir anstoßen, damit unsere Weiden wieder ergrünen? Als Dichter liegt meine Aufgabe darin, die Empörung zu schüren. Darin, die Burkinabè dazu zu bringen, dass sie sich fragen: Was müssen wir gemeinsam tun, um die Probleme zu lösen? Es ist wichtig, dass wir das Volk dazu bringen, sich diese Frage zu stellen. Die unmittelbar Betroffenen müssen die Ersten sein, die sie sich stellen. Man kann sie nicht von der Suche nach einer Antwort ausschließen. Die einzige echte und legitime Hilfe, die einzige Hilfe, die der menschlichen Ethik gehorcht, besteht darin, diesen Menschen zu helfen, ihre Würde zurückzugewinnen, indem sie selbst kämpfen. Daran glaube ich zutiefst. Vielleicht ist es eine Utopie. Aber sind wir nicht krank, weil uns Utopien fehlen? Was ich sage, mag anmaßend sein, aber es gibt im Leben einer Nation einen Moment, in dem Anmaßung und Stolz heilsam sind. Vielleicht waren wir bisher zu wenig stolz, zu wenig anmaßend bei der Schaffung von Werten und Symbolen, die uns vor den Monstern schützen können.

„Terre Ceinte“ ist eine Reihe von Workshops (Gesang, Tanz, Theater, Musik, Malerei, Kino, Geschichten …) mit Personen, die direkt oder indirekt Opfer von Terrorismus geworden sind.

Wir sind in der Stadt Kaya, das ist eine der Städte, die die Opfer aufnehmen. Ich habe gerade erfahren, dass 45 Kilometer entfernt ein Angriff stattgefunden hat. Der Markt wurde in Brand gesetzt. Was soll man tun, wenn Ohnmacht und Resignation die Menschen erfüllen? Weiter Theater, Musik, Malerei machen? Fotografieren? Zu den Waffen greifen? Um gegen wen zu kämpfen? Warum? Das sind die Fragen, die mich bestürmen. Bitte sag mir, was Du darüber denkst.

Diesmal sind wir in einem Lager für sogenannte personnes déplacées internes (Binnenvertriebene), abgekürzt PDI. In diesem Begriff liegt die ganze Tragödie. Was für eine Bezeichnung für unsere Brüder, unsere Schwestern, unsere Mütter, unsere Väter, die von ihrem Land verjagt wurden! Die ansehen mussten, wie ihre Habe geplündert oder verbrannt wurde! Wie konnten wir es so an Verständnis und Gastfreundschaft gegenüber uns selbst fehlen lassen? Diejenigen, die man PDI genannt hat, sind in Wirklichkeit Exilant*innen in ihrem eigenen Land. Das ist für mich eine Schande und ein kollektives Scheitern.

Meine liebe Raba,

Du fragst mich, was die Rolle der Literatur und der Schönheit ist?

Ich glaube, dass die Literatur und die Schönheit dazu dienen, uns unsere Menschlichkeit, unsere Würde wiederzugeben. Wenn ein Kind, ein Jugendlicher, eine Frau, ein Mann kein Gesicht mehr hat, müssen die Literatur und die Schönheit ihr oder ihm eins erschaffen. Wenn die Welt auf Knien liegt, müssen die Arme von Literatur und Schönheit sie wieder aufrichten, sie reinigen, ihr die Orte spiegeln, wo sie gestolpert ist, sie die Wohltat der Liebkosung spüren lassen, ihre Wunden versorgen, sie sonntäglich kleiden, sich um ihre Schwächen kümmern, zerrissene Verbindungen flicken …

Ich glaube, dass ich mit dieser Überzeugung Literatur, Kunst und Schönheit dorthin schicke, wohin andere Reis, Mais und Kleidung oder auch Mitleid schicken.

Einer Journalistin, die mir dieselbe Frage stellte, antwortete ich Folgendes: „Unser Land muss genesen. Und es ist die Aufgabe des Theaters, Verbindungen zu schaffen, sie zu knüpfen, sie zu denken und sie umzusetzen. Ein Theaterstück zu sehen heißt bereits, durch ein Werk mit dem anderen zu kommunizieren. Das Theater ist eine Begegnung mit sich selbst, mit der eigenen Gemeinschaft. Theater heißt, sich zu überwinden, seine Ängste zu überwinden, seine Horizonte zu weiten, auf den anderen zuzugehen. Das Theater ist mehr als unverzichtbar. Die Künste sind heute mehr als unverzichtbar. Alle sprechen von der Rückkehr der Binnenvertriebenen auf ihr Land. Rückkehr auf welches Land? Ein entweihtes Land? Ein durch die Vergewaltigung der Mütter und der Schwestern beschmutztes Land? Ein von den Schreien der mit Gewalt herausgerissenen Seelen ersticktes Land? Ein Land mit den Bildern getöteter Kinder, ohne dass man uns sagt, warum sie getötet wurden? Ohne dass man den Menschen sagt, warum man ihre Lebensmittel und ihr Vieh gestohlen hat? Ohne dass man ihnen sagt, warum ihre Häuser verbrannt wurden? Leben heißt, sich nach dem Warum zu fragen, und wenn es auf dieses Warum keine Antwort gibt, versinkt man in Wahnsinn, Einsamkeit und Verzweiflung. Wir dürfen nichts überstürzen. Ich meine, wenn diese Menschen immer noch die Kraft haben, etwas zu hören, wenn sie noch die Energie haben, sich aufzurichten, muss man ihnen helfen zu genesen, zu begreifen, was geschieht. Das ist die Rolle des Theaters, denn wir spielen ganz vertraute Situationen. Und wenn wir Situationen sehen, die unserer ähnlich sind, hilft es, zu genesen, und es erleichtert. Wir müssen verstehen, dass auch wir zu den schwerbewaffneten und ausgerüsteten Soldaten der Armee gehören. Wenn ich wir sage, spreche ich nicht nur vom Theater, sondern von allen Künsten. Deshalb umfasst das Projekt „Terre Ceinte“, das ich gegründet habe, fast alle Künste. Durch die Künste werden wir zuerst die Menschen wiederfinden, die wir verloren haben. In diesem Moment können wir ihnen neuen Atem einhauchen. Sie werden Menschen sein, die das Lachen wiederfinden, ihre Brüder und Schwestern und das verlorene Land wiederfinden, und sie werden bereit sein, es wieder zu bewohnen und zu bestellen.

Liebe Raba,

wie das Land Deines Vaters erstickt auch das meine unter dem Blut seiner Söhne und Töchter. Seine Ohren sind zerrissen vom Gebrüll der Seelen, die man gewaltsam den Körpern entrissen hat. Es verwest unter gemeuchelten, vergewaltigten Leibern. Es zerreißt unter den Füßen der Witwen und Waisen. Wofür? Für das Gold? Das Gas? Das Erdöl? Die Dummheit? Die Unwissenheit? Die Gier? Den Kapitalismus? Den Tod der Spiritualität? Die Entweihung des Menschen, die Entweihung von allem, was lebt? Das frage ich mich immerzu.

Welchen Atem soll man diesem Land zurückgeben? Welche Schönheit? Vielleicht kannst Du in Deinem Roman Antworten finden. Ich kann es jedenfalls kaum abwarten, ihn zu lesen. Ich wünsche Dir Inspiration und dass die Worte Dich tragen!

 

Bis ganz bald,

AT

 

[1] Die Récréâtrales sind ein seit 2002 stattfindendes Theaterfestival in Ouagadougou, dessen künstlerischer Leiter Aristide Tarnagda ist.

 

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