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Weiter Schreiben Mondial - Briefe > Aristide Tarnagda & Rabab Haidar > Über Massaker gibt es nichts Intelligentes zu sagen – Brief 3

Über Massaker gibt es nichts Intelligentes zu sagen – Brief 3

Rabab Haidar an Aristide Tarnagda, Berlin , 11. November 2022

Übersetzung: Anne Emmert aus dem Englischen

Schattenbild und Blätter in einer Pfütze © Rabab Haidar
© Rabab Haidar

 

Lieber Aristide,

ich hoffe, es geht Dir gut!

Es gibt nicht die richtigen Worte für jemanden, der verheerende Verluste erlitten hat.

Ich erinnere mich gut!

Als meine Finger, erschreckt von einem Schrei, ungewollt losließen, zerbrach die kleine Welt, die ich in der Hand hielt, in Hunderte von Kugeln, die sich über die Erde verteilten. Meine Welten sind seither nie wieder vollständig oder stimmig gewesen.

Mein Herz wurde mir unversehens entrissen, als ich eines Morgens auf ein Massengrab stieß, das innerhalb weniger Tage ausgehoben, gefüllt und zugeschüttet worden war. Menschen, die ich kenne, getötet von Menschen, die ich zu kennen glaubte. In einem Viertel, das – noch vor kurzer Zeit – fröhlich, vielfältig und farbenfroh war.

Mein Herz ist nie wieder richtig zurückgekehrt.

Wie viel Zeit ist das: vor kurzer Zeit?

Bei Katastrophen vergeht die Zeit anders. Sie verläuft nicht in einer Linie oder Spirale oder nach dem Goldenen Schnitt, sondern sie faltet sich zusammen zu einem gewölbten Kessel: zwei Millionen Flüchtlinge lang, eine Million Tote und Vermisste breit und Millionen trauernde Herzen hoch.

Wir gingen in die Knie angesichts der Schwäche und des Verrats, verübt von Männern und Frauen, die wir einst respektiert, zu denen wir aufgeschaut hatten. Wir sahen sie da stehen, hilflos oder schamlos ausgenutzt. Sie nahmen „das Zweckmäßige“ hin, statt für das Richtige zu kämpfen. Sie verrieten sich und uns, die Lebenden, denn die Toten sind an einem besseren Ort.

Verrat verwandelt innerlich die Seele und äußerlich die Gesichtszüge. Sieh Dir nur die Fotos zu den Kriegsberichten an. Achte auf die Gesichter, die Lippen, die Hälse mit den wirbelnden Köpfen darauf!

Manchmal ist man auch versucht, die Augen zuzukneifen. Das Blut hat einen Geruch, die Verlorenen und Vermissten haben Stimmen, die Toten ruhen, die Lebenden nicht.

 

Zur Schönheit:  Lieber Aristide, in der Mythologie gibt es eine wunderbare Geschichte, nach der Gott die Engel aus seinem Licht und seiner Herrlichkeit erschuf. Einer dieser Engel ist Gabriel, bildschön, atemberaubend mit seinen sechshundert Flügeln, unglaubliche siebenhundert Jahre groß, erschütternd und entsetzlich anzusehen für das menschliche Auge.

Wenn wir im Theater oder im Leben von „Schönheit“ reden, so ist das die Schönheit der Engel, die in der Mythologie beschrieben wird … Ich wünschte, die Mythen wären wahr, denn sie sind so tröstlich mit all ihren Antworten und Gewissheiten. Mehr noch wünschte ich, wir Menschen könnten das Schöne in diesen Mythen tun, die entsetzliche Wahrheit aussprechen und das Richtige tun; ich wünschte, wir könnten uns die schönen erschütternden Engel in uns zu eigen machen.

 

Aus meinem alten Notizbuch: In geheimen Räumen gaben wir manchmal sehr leise zu, dass wir ab und an zu zweifeln wagen, manchmal haben wir das Gefühl, nur Komparsen in einem Krieg zu sein, von dem wir im Voraus nichts wussten, einem Krieg, der keinen Anfang und kein Ende hat. Komparsen – im Film haben wir keinen Namen. Niemand schert sich darum, ob die Figuren, die wir spielen, ums Leben kommen. Wir treten auf in der Sequenz „Momente, die man genauso gut ausblenden kann“.

In der Vergangenheit wollte ich gern ein Ticket für ein Flugzeug buchen, das entführt wird und das der internationale Sicherheitsapparat, um einen wirtschaftsfeindlichen Terrorakt zu verhindern, in die Luft sprengen muss.

In der Zukunft wird in einer Zeitung auf Seite 5 ein Foto erscheinen: das letzte Bild von einem entführten Flugzeug, das am Himmel explodiert ist, und von den Reisenden mit dem Entführer in ihrer Mitte – alle zum letzten Mal mit einem breiten Lächeln!

Denn wir wissen, wer uns jetzt umbringt und wie und warum!

Warum? Ich wünschte, die Antwort verliefe geradlinig von Punkt A nach Punkt B. Doch manches deutet darauf hin, dass die Nachhaltigkeit des Krieges profitabler ist als die Nachhaltigkeit globaler Ressourcen.

Lieber Aristide, ich habe gelesen, dass Burkina Faso in den 1990er Jahren nach und nach demokratisch wurde. Blaise Compaoré versicherte in den 27 Jahren seiner Präsidentschaft, er stabilisiere das Land. Und doch behauptete er, das Land werde zusammenbrechen, wenn er es verließe. Was hat er mit den Institutionen angestellt, die er hätte stärken sollen? Und was hat er mit der Demokratie angestellt, dass das Land zusammenbricht, sobald er es verlässt?

Ich wünsche mir, dass unsere Diktatoren diese Fragen im Gerichtssaal beantworten, bloßgestellt in einem langen befriedigenden Prozess.

Und dann folgt noch ein wunderbarer Prozess für die Männer und Frauen, die sich haben abrichten und ausnutzen lassen, die sich zu „cleverem“ und pragmatischem Denken haben verleiten lassen.

Nein, Sir, kein Staat kommt ohne Justiz aus. Ein Staat, der eine Justiz hat, kann gesunden und überleben. Doch die Justiz kleiner Männer und Frauen, die sich „ausnutzen lassen“, die nicht das Richtige, sondern das „Zweckmäßige“ tun, ist das reinste Schmierentheater.

Schauen wir sie uns doch an, die traurigen Akteure, die wir einst achteten, denen wir glaubten, wie sie über Stöckchen springen und dabei grinsen wie im Zirkus, hier im weißen Europa, wo sie auf VIP-Konferenzen Selfies machen, um zu beweisen, dass sie da waren! Wie sie an dubiosen Quellen um Gelder betteln, wie sie Neues in Sachen Menschenrechte versprechen und unheimlich damit beschäftigt sind, die Probleme des Feminismus zu lösen, die weiße Feministinnen und der ultrarechte Islam an die Wand malen.

Perfekte Clowns, das muss man zugeben, bestens versorgt und unterstützt vom verständnisvollen und großherzigen kolonialen Förderer.

Andere Kameraden wurden krank vor Enttäuschung, man hört ihr Schweigen, man hört ihr Rückgrat brechen.

Lieber Aristide, ich wünschte, ich hätte tröstliche, verbindende und nützliche Worte: Doch über Massaker gibt es nichts Kluges zu sagen.

Gesegnet seien die Toten, die sich hoffentlich an einem besseren Ort aufhalten, und Erbarmen für die Lebenden.

Ich hoffe, ich sehe Dich bald, lieber Aristide.

Ich wünsche Dir Schönheit.

Deine Rabab

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