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Weiter Schreiben Afghanistan - Briefe > Maryam Mahjube & Ilma Rakusa > Das Geheimnis meiner silbernen High Heels – Brief 2

Das Geheimnis meiner silbernen High Heels – Brief 2

Maryam Mahjube (Pseudonym) an Ilma Rakusa, 02. Juni 2021

Übersetzung: Ali Abdollahi

Maryam Mahjubes Schuhe @ Privat
„Nun, da wir uns von unseren Träumen erzählen, …“ © Maryam Mahjube

 

Liebe Frau Ilma,

wie jeden Tag sitze ich auf der Veranda gegenüber den Quitten-, Feigen- und Granatapfelbäumen. Rechts von mir steht das aus ungebrannten Lehmziegeln gebaute Haus des Nachbarn, in dessen Garten ein paar Mandelbäume wachsen. Durch ihre Zweige ist das Minarett einer Moschee zu sehen. In der Ferne liegen die Berge, am Himmel fliegen Taubenschwärme. Heute ist Freitag und ich habe keinen Onlinekurs, in den ich mich neulich eingeschrieben habe. Ich lerne momentan eine der vielen Sprachen, die Sie schon können, Englisch. Ich weiß nicht, wie man das Lesen, Schreiben und Lernen einer neuen Sprache bewerkstelligen soll. Ich bin traurig, wenn mir wegen des Sprachenlernens weniger Zeit bleibt, Bücher zu lesen. Umgekehrt fehlt mir wegen des Schreibens und Lesens die Zeit, meine Sprachübungen zu schaffen. Andererseits sagte mein Englischlehrer: „Schreibt über euren Alltag auf Englisch!“ Aber ich wusste nicht, was ich schreiben sollte, außer dass ich jeden Tag diese und jene Bücher gelesen oder an meinen Geschichten gearbeitet habe und deswegen meine Übungen nicht schaffen konnte.

Zum Glück meines Englischlehrers war mein gestriger Tag anders als die übrigen: Ich besuchte den Basar und versank in den Bildern und Farben der Teppiche, in denen die jungen Mädchen und Frauen geschickt die Feinheit und Schönheit ihrer Hände hinterlassen hatten. Den Teppich aus „Der letzte Granatapfel“, von dem Sie geschrieben hatten, sah ich jedoch nicht. Es gab dort eine Menge kleiner Teppiche, auf denen Panzer, Hubschrauber und Landkarten abgebildet waren, aber keinen mit Granatapfelbaum. Ich bummle gerne durch Teppichläden.

Meine Mutter wässert gerade die Bäume und Beete. Es riecht nach Erde, der Duft der nassen Erde trägt Ruhe in sich. Mein Vater, ich weiß nicht, wo er sich befindet, ist stets beschäftigt mit seinen Alltäglichkeiten und seinen Freunden. Ich habe Freundinnen, von denen ich lange nichts gehört habe. Anders als bei meiner Schwester, deren Freundinnen wir oft hier zu Hause empfangen, sind meine besten Freunde ansonsten nur meine Familie, vor allem ein lieber und freundlicher Bruder, auf den ich immer warte: mein Bruder Vahid, mit dem ich Hafis Ghaselen lese und mit dem ich mir viel zu erzählen habe.

Manche Tage, wenn ich müde bin, höre ich meinem Bruder zu, wie er Firdausis „Schahname“ liest, sein „Königsbuch“. Der Inhalt und der Rhythmus dieses Werks erwecken jeden zum Leben. Man kann das Leben darin erleben.
Wegen der Pandemie befinden wir uns hier in einer Halbquarantäne und ich vermisse die Gruppe „Architekten des Friedens“. Es bedrückt mein Herz, sie nicht zu treffen. In dieser Gruppe gibt es Frauen, die ich für ihren Mut und ihre Kraft bewundere. Ich genieße die Ehre, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Es ist eine zivilgesellschaftliche Institution mit dem Ziel, Brücken zu bauen und Frieden zu fördern. Sie organisiert Gespräche zwischen Geistlichen, Wissenschaftlern, Frauen und Jugendlichen. Die erste Reise unserer Gruppe führte nach Herat. Ich fuhr damals nicht mit. Zwei weitere Reisen nach Masar-e-Sharif und Bamiyan mussten wir verschieben, die haben wir also noch vor uns. Manchmal muss ich innerlich darum kämpfen, die Gruppe nicht zu verlassen. Denn wenn die Aufgaben zu herausfordernd werden und ich deswegen nicht teilnehmen oder irgendeinen Beitrag leisten kann, fühle ich mich schwächer denn je.

Noch gibt es hier im Land keine Maßnahmen, die Menschen mit Behinderungen das Leben erleichtern würden. In manchen Gebäuden gibt es Aufzüge, aber oft funktionieren sie nicht wegen des Strommangels.

Meine Tage vergehen zu Hause einer nach anderem. Ich lese meine Bücher und schaue mit meiner Schwester, die in ihrem Rollstuhl sitzt, Dokumentarfilme über Afghanistan. Zwischendurch plaudern wir über unsere Träume.
Sie haben mich gefragt, ob ich je daran gedacht habe, ein Drehbuch zu schreiben. Ehrlich gesagt, nein. Ich habe nur wenige Filme gesehen. Daran sind nicht die Filme schuld, aber ich lese immer Bücher und packe das Schreiben beim Kragen. Es fällt mir schwer, mich meiner Lesesucht zu entziehen. Unter den wenigen Filmen, die ich je gesehen habe, sind mir nur „Der Pianist“ und „Das Parfum“ noch im Gedächtnis. Ich habe aber schon darüber nachgedacht, vielleicht einmal Drehbücher für Dokumentarfilme zu schreiben, weil ich finde, dass die Menschen ihre Geschichte selbst erzählen sollen, statt sie von den jeweiligen Machthabern erzählt zu bekommen. Nur wenn jeder seine eigene Geschichte erzählt, ganz ohne Wertung, offenbart sich die Relativität.
Ich las Ihre Gedichte und Erzählungen. Sie waren so hell und friedlich wie ein klarer Quellbach, der langsam einen Berg hinunterfließt. Außer drei Erzählungen und ein paar Gedichten habe ich alle Übersetzungen Ihrer Bücher gelesen, die Sie mir geschickt haben. Nun erblüht mir der Wunsch im Herzen, alle Texte von Ihnen zu lesen. Gemerkt habe ich mir die Namen zweier Bücher: „Wie Winter“ und „Durch Schnee“ und das Gedicht „In den Pausen zwischen den Bäumen: Schnee“. Was sehen Sie im Schnee, liebe Frau Ilma, werden Sie davon auch traurig so wie ich? Nach Ihrer Antwort will ich herausfinden, was der Schnee für mich bedeutet, vielleicht kann ich endlich die Antwort finden! Seit Jahren denke ich darüber nach, was mich am Schnee so begeistert und gleichzeitig so traurig macht.
Wissen Sie, das Leben ist für mich „Das Wunder des Granatapfels“: voll von Schönheit, Wundern und Widersprüchen! Und ich finde, Schönheit liegt in der Erkenntnis der Würde und des Werts der Menschen, die nach jedem Leid und jeder Niederlage wieder anfangen zu leben; die Berge, der Himmel, die Bäume, der Schnee, das Meer, das Feuer, das bunte Obst, die Poesie, die Malerei, die Winde, die vier Jahreszeiten, die Vögel, die Musik und die Geschichten … Diese Welt ist für einen Menschen, der den Wert des Menschseins und der Welt selbst kennt, die Schönheit! Nun habe ich viele Wörter hintereinander gereiht, aber man kann keines davon streichen und weglassen, alle haben eine Seele und ein Gefühl und einen Sinn. Jedes einzelne vorzulesen und zu schreiben, erweckt in mir ein Gefühl.
Ich trinke grünen Tee mit Kardamom. Diesen Tee hat meine Schwester Tamanna gekocht. Sie studiert Journalismus an der Universität von Kabul und ist eine Verehrerin von Ahmad Schah Massoud und Che Guevara. Tamanna und meine fünf Brüder kümmern sich um mich und um Angizeh (meine andere Schwester). Sie helfen mir die Bücher aus dem Schrank zu holen und dorthin zurückzustellen. Ich kann meine Hände kaum bewegen, daher schreibe ich keine Bemerkungen oder Notizen über die Bücher, die ich lese. Ich markiere manche Stellen mit Papierschiffen oder zerbrochenen Spiegeln, dem Bleistift oder winzigen Zetteln. Die Fensterbretter, mein Bett, der Sitz und die Taschen meines Rollstuhls sind voller Bücher und Blätter, die ich nicht zurück an ihre Stelle legen lasse, ich weigere mich einfach.
Sie hatten nach meinen Träumen gefragt. Ich habe einen ganzen Rucksack voller Träume. So träume ich zum Beispiel von einer Reise durch ganz Afghanistan: Ich möchte in die Stadt Bamiyan reisen und den Buddha treffen, ich möchte nach Badachschan gehen und auf den Pamir steigen, um die Menschen meines Landes besser kennenzulernen. Ein Land, das voller großer und kleiner sprachlicher, ethnischer, religiöser und kultureller Unterschiede ist. Ich träume davon, die tiefe Liebe zu meiner Heimat in Literatur zu verwandeln. Bitte wünschen Sie mir, diese Träume zu verwirklichen – dass es mir möglich sein wird, dieses Land und diese Welt so, wie ich sie sehe, zu beschreiben. Liebe Frau Ilma, welche Ihrer Träume haben Sie erreicht? Ich würde gern wissen, ein Mensch wie Sie, mit Ihren fünfundsiebzig Jahren, was für einen Traum haben Sie? Ich denke, wenn ich bis in dieses Alter noch nicht malen könnte, würde ich doch davon träumen, es irgendwie noch zu lernen. Nun, da wir uns von unseren Träumen erzählen, bitte ich Sie, an meinem kleinen, großartigen Geheimnis teilzuhaben: dem Geheimnis meines himmelblauen langen Hemdes und meiner silbernen High Heels. Ich habe sie in den Schrank gestellt für den Tag, an dem ich mit meinen eigenen Füßen laufen, spazieren, rennen, zu den höchsten Gipfeln des Hindukusch klettern und den Himmel und die Sonne umarmen kann. Tief im Herzen bewahre ich mir den Traum, dass dieser Tag kommen wird! Ich habe mit mir vereinbart, über zwei Sachen niemals zu weinen: über meine Heimat und meine Krankheit. Ich sollte für die eine und mit der anderen kämpfen.

Liebe Frau Ilma, in einem Land wie Afghanistan kann man nicht vor dem Fatalismus fliehen. Überall herrscht Zwang. Die Ereignisse, die jenseits unseres Willens geschehen, kann man nicht einfach in Ruhe und Geduld ertragen. Deswegen führen einige Krieg, andere emigrieren oder versinken im Meer, wieder andere gehen zu abgelegenen Sufitempeln oder verdrängen die Situation, einige finden ihren Frieden in der Magie, in Talismanen und Amuletten. Jeder Mensch reagiert gemäß seinem Charakter und seiner Persönlichkeit, um sich selbst zu beweisen, einen individuellen, freien Willen zu haben. In der Pandemie gehen wir aus den Häusern, wandern im Land umher, reisen in den von den Taliban beherrschten Gebieten, dorthin, wo sie Kriege führen, und studieren in Schulen und an Universitäten, obwohl es dort sehr gefährlich ist. Die Angst ist eine erbärmliche Realität in Afghanistan.

Aber vor einer Sache habe ich noch mehr Angst als vor den Taliban und dem Coronavirus – und das sind die Waffenfabriken. Am liebsten würde ich den Waffenherstellern gratulieren: Ihre Käufer vermehren sich von Tag zu Tag! Sie sind nach dem Krieg geboren, was für Erinnerungen haben Sie noch daran? Hoffentlich bekommen Sie keinen Kopfschmerz von so viel Krieg. In diesem Augenblick herrscht Krieg in den Provinzen, in Kabul explodieren immer wieder Bomben und Minen.
Der Himmel neigt sich zur Nacht, während ich Ihnen, meiner lieben Freundin in Zürich, diese Zeilen schreibe. Ich habe heute Abend noch nicht die Sechs-Uhr-Nachrichten gehört, aber ich folge sowieso nur den Schlagzeilen. Ehrlich gesagt weiß ich nichts von Zürich, was für eine Stadt es ist. Von ganz Europa weiß ich nur, dass es ein hochentwickelter Kontinent ist. Sicher ist Zürich eine große, schöne, saubere und ruhige Stadt, vielleicht ein bisschen laut. Mit vielen Bibliotheken, Museen, Kinos, Touristeninformationen, Metros und Autos, Blumendüften, hohen Bäumen. Ihr Himmel ist wahrscheinlich nicht wie in Kabul immer sonnig und hell. Man sagt, Europa sei weniger sonnig und es gebe mehr Wolken und Regen. Ich weiß nicht, ob die Hubschrauber am Himmel über Zürich zu jeder Stunde fliegen oder nicht. Sicher sieht man viele Frauen in der Stadt. Ihre Anwesenheit schenkt mir immer ein Gefühl der Sicherheit.
Ich habe auf meinem Handy zwei Fotos von Ihnen. Ein Foto von Ihnen im Iran, Sie tragen einen Tschador, und ein zweiten Foto mit dem lieben Herrn Abdollahi. Ich erlaube mir, Ihr Foto auszudrucken. Wie schön es ist, dass wir unsere Briefe mit Hilfe seiner Übersetzungen lesen können. Mein einziges Vergnügen in diesen Tagen ist, meine Geschichten zu schreiben und Ihre Briefe zu lesen. Ich freue mich, dass bald ein Buch von Ihnen in seiner Übersetzung im Golazin-Verlag erscheinen wird. Mit einem Auge starre ich immer auf die Tür, voller Hoffnung auf Ihre Briefe.
Ich wünsche Ihnen Gesundheit! Bis ganz zum Schluss habe ich vergessen zu schreiben: Mir geht es gut.

Empfangen Sie meine besten Wünsche aus Kabul,
Ihre Maryam

 

Übersetzt aus dem Persischen.
Untold – Weiter Schreiben Afghanistan: Zur Übersichtsseite

Untold – Weiter Schreiben Afghanistan, ist eine Initiative der KfW Stiftung in Kooperation mit „Untold – Write Afghanistan“ und Weiter Schreiben.

Lesen Sie hier eine Erzählung von Maryam Mahjube, erschienen am 28. Januar 2022

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