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Weiter Schreiben Afghanistan - Briefe > Maryam Mahjube & Ilma Rakusa > Der gefährliche, unberechenbare Alltag – Brief 1

Der gefährliche, unberechenbare Alltag – Brief 1

Ilma Rakusa an Maryam Mahjube (Pseudonym), 03. Mai 2021

Übersetzung: Ali Abdollahi

Ilma Rakusa @ Privat
„Du musst wissen: Ich habe mich schon sehr früh für Afghanistan interessiert, …“  © Privat

 

Liebe Maryam,

wir kennen uns nicht, wir möchten uns kennenlernen, über alle Distanzen hinweg. Du lebst in Kabul, ich in Zürich, zwei Welten, auch wenn Berge uns verbinden. Aber in meiner Stadt gibt es keine Anschläge, die den Alltag zum Spießrutenlauf machen. Vor ein paar Tagen, so las ich, ist in Kabul nur hundert Meter von einer Schule entfernt eine Autobombe explodiert, die mehr als fünfzig Menschen getötet und mindestens hundert verletzt hat, darunter viele junge Mädchen. Was für ein grausamer Wahnsinn! Es kann jeden jederzeit treffen, wie Du in Deiner eindrücklichen Erzählung schreibst. Nur frage ich mich, ob man sich an eine solche Situation gewöhnen kann, ohne den Verstand zu verlieren oder in tiefste Resignation zu verfallen.

Du musst wissen: Ich habe mich schon sehr früh für Afghanistan interessiert, habe als Studentin Anfang der siebziger Jahre ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, zum Hindukusch zu reisen. Das Studentenreisebüro bot damals regelmäßig Reisen nach Afghanistan an, es wäre kein Problem gewesen. Leider habe ich die Gelegenheit verpasst. Nein, ich war kein Hippie, habe nie Haschisch geraucht, mich interessierten das Land und seine Leute. Ich wollte die Buddhastatuen von Bamian sehen, die Band-i-Amir-Seen, die als eines der Weltwunder gelten, die schroffen Gebirgslandschaften, die Moscheen von Herat, die Märkte von Kabul mit ihren Teppichen, Obstpyramiden, getrockneten Früchten und farbigen Stoffen. Ich sammelte Bücher über Afghanistan – und tue es noch heute, wissend, dass ich dieses faszinierende Land wohl nie mit eigenen Augen sehen werde. Reisen haben mich nach Zentralasien geführt, nach Taschkent und Almaty (damals Alma-Ata), leider nicht nach Buchara und Samarkand, ich war zweimal im Iran, das großen Eindruck auf mich gemacht hat, vor allem die Städte Isfahan und Shiraz. Das melodiöse Persisch habe ich im Ohr, es gleicht ja Deiner Muttersprache Dari. Zu meiner Freude wurden Gedichte und Erzählungen von mir ins Persische übersetzt, so dass ich in jener Kultur ein wenig Fuß fassen konnte. Dies verdanke ich meinem engagierten Übersetzer Ali Abdollahi, der selber ein hervorragender Dichter ist. Ich habe ihn gebeten, Dir einige meiner Texte zu schicken, damit Du mehr über mich erfährst.

Natürlich könnte ich Dir noch viel erzählen, mit meinen fünfundsiebzig Jahren habe ich schon eine Menge erlebt und gemacht, habe zahlreiche Bücher geschrieben und übersetzt, viele Jahre an der hiesigen Universität unterrichtet. Ich habe einen vierzigjährigen Sohn und zwei kleine Enkelkinder, die in meiner Nähe leben, so dass ich sie häufig sehen kann. Kinder lehren einen das Staunen, das ist wunderbar! Ich liebe die Literatur, die Musik, die Sprachen. Mein Haus ist voller Bücher aus vielen Ländern, ich spreche acht Sprachen, lesen kann ich sogar zehn. Der Austausch mit anderen Gedankenwelten gehört zu meinen täglichen Freuden. Und natürlich liebe ich die Natur. In meinem Garten wachsen Bäume, Sträucher und Blumen, unter anderem eine hohe Birke, in der sich viele Vögel tummeln. Gerade in diesen seltsamen Pandemiezeiten bedeutet ein Garten Erholung und Freiheit von den auferlegten Regeln.

Wie geht es Dir, liebe Maryam? Verbringst Du die meiste Zeit zu Hause oder wagst Du Dich im Rollstuhl auch mal hinaus? Hast Du Geschwister, Freunde, mit denen Du Dich austauschen kannst? Liest Du viel? Wonach sehnst Du Dich? Welche Träume möchtest Du in Deinem Leben realisieren? Das sind viele Fragen auf einmal, aber vielleicht magst Du die eine oder andere beantworten. Auch die Frage, was Dir Schönheit bedeutet. Ich finde das eine wichtige Frage.

Deine Erzählung hat mich sehr beeindruckt. Sie steckt voll präziser Beobachtungen und entwickelt gleichzeitig eine enorme Spannung. Die Fahrt mit Hamed vermittelt sinnliche Eindrücke von Kabul: Man sieht die vollen Straßen, hört das Gehupe der Autos, riecht die intensiven Gerüche der Stadt. Das hat etwas sehr Filmisches. Hast Du schon einmal daran gedacht, ein Filmdrehbuch zu schreiben? Aber es geht in Deiner Erzählung nicht nur um die Stadt, durch die Hamed fährt, es geht um ihn selbst, um seine Wahrnehmung und sein inneres Gefühl. Er ahnt, dass ihm etwas bevorsteht, er deutet einiges, was ihm zustößt, als Zeichen seines nahen Todes. Die Bilder und Ahnungen setzen sich langsam zu einem Mosaik zusammen. Erst ganz am Ende wird dem Leser klar, dass Hamed recht hatte: Das Schicksal in Form eines Selbstmordattentats hat ihn tatsächlich ereilt. Zufall oder nicht? Hätte er die Schule, wie üblich, zwanzig Minuten später verlassen, wäre er womöglich am Leben geblieben. Doch über solche Finessen entscheidet nicht der Mensch, sondern eine höhere Gewalt oder der blinde Zufall.

Ich erinnere mich an den Roman „Die Brücke von San Luis Rey“ (1927) von Thornton Wilder, er war zu meiner Zeit Schullektüre. Wilder ging dem Schicksal von fünf Menschen nach, die beim Einsturz einer Brücke ums Leben kamen. Was ihn beschäftigte, war die Frage, ob dieser Tod zufällig und sinnlos war oder ob er einer höheren Regie folgte, einer Vorsehung. Durch das Erforschen der fünf Biographien kam er zu dem Schluss, dass dieser Tod folgerichtig war. Natürlich hat diese Interpretation etwas Tröstliches, denn nichts ist so schwer, wie mit einem blinden Zufall konfrontiert zu werden. Der Mensch möchte in allem einen Sinn sehen, auch in einem plötzlichen Tod. Vielleicht neigt er deshalb dazu, sich die Dinge so zurechtzulegen, dass sie in ein Sinngefüge hineinpassen. Gläubige Menschen finden ihre Antworten meist in der Religion. Auch Wilder argumentierte übrigens aus einer religiösen Position heraus. Das tust Du, liebe Maryam, nicht ausdrücklich. Es gibt nur den Hinweis, dass Hamed nach dem Mittagessen in der Schule Gott um Kraft bittet, bevor er sich auf den Rückweg macht. An einer anderen Stelle heißt es, er fürchte sich nicht vor dem Tod, sondern nur davor, seine Kinder als Waisen zurückzulassen.

Wird man in Kabul, wo täglich mit Anschlägen zu rechnen ist, zum Fatalisten? Wie hält man dieses Leben aus? Das frage ich Dich, eine junge Frau, die noch viel vor sich hat und ein Recht auf Zukunft.

Welche Themen beschäftigen Dich in erster Linie? Der gefährliche, unberechenbare Alltag? Die Situation der Frauen, die sich nicht so frei entfalten können, wie sie möchten? Die Politik, das soziale Gefälle zwischen Stadt und Land? Seit Du auf der Welt bist, ist Afghanistan in kriegerische Konflikte verwickelt. Das muss Dich geprägt haben, sensibel wie Du bist. Hast Du mit innerem Rückzug reagiert oder Dir vorgenommen, kämpferisch mit der Situation umzugehen, im Sinne einer mutigen Aktivistin? Wenn man schreibt, hat man durchaus Mittel in der Hand, sich zu wehren. Nur ist dies nicht ungefährlich. Wie viele Bloggerinnen in Ägypten, Saudi-Arabien, Iran und anderswo sind hinter Gitter gekommen! Freie Meinungsäußerung kann unter Umständen den Tod bedeuten.

Aber vielleicht ziehst Du ein anderes Schreiben vor, das sich nicht politisch exponiert. Ich wünsche sehr, dass Du Deinen Weg und Deine Stimme findest!

Sei herzlich gegrüßt
Ilma

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Untold – Weiter Schreiben Afghanistan, ist eine Initiative der KfW Stiftung in Kooperation mit „Untold – Write Afghanistan“ und Weiter Schreiben.

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