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Dein Sitzplatz vor dem Haus – Brief 3

Ilma Rakusa an Maryam Mahjube (Pseudonym), 18. September 2021

Übersetzung: Pegah Ahmadi

Weiter Schreiben Afghanistan, Ilma Rakusa
„Ich möchte unbedingt an Ihren Veranstaltungen und den Lesungen aus Ihren Gedichten und Erzählungen teilnehmen, ich habe immer noch diesen Traum.“ (Maryam an Ilma, hier auf dem Plakat für eine Lesung im Iran) © Javad Atashbari

Liebe Maryam,

Dein Brief vom Juni liegt lange zurück, und inzwischen hat sich in Afghanistan so viel geändert. Ich war sprachlos, als ich über den Sieg der Taliban las und im Fernsehen die Bilder von fliehenden Menschen sah. Als wollten alle nur weg, in ein sicheres Land, denn das eigene Land scheint ihnen keinen Schutz mehr zu bieten. Alles furchtbar traurig und schwierig, vor allem für Frauen!

Die Situation in Afghanistan war wohl schon immer kompliziert, sonst hätte nicht so lange Krieg geherrscht. Aber was jetzt kommt, ist mehr denn ungewiss. Soll man sich ausgerechnet von den Taliban Frieden erhoffen?

Deinen Brief habe ich mehrmals gelesen. Du beschreibst so anschaulich Deinen Sitzplatz vor dem Haus, beschreibst Deine Familie und Deinen Bruder, der Dir Hafis vorliest. Ich sehe Dich in den Teppichläden von Kabul, wo Du die geschickten Hände der Teppichweberinnen bewunderst. Aber heute kannst Du das Haus nicht mehr verlassen. Auch Deinen Englischunterricht musstest Du aufgeben. Hast Du denn noch Kontakt zu den „Architekten des Friedens“? Können sie ihre Tätigkeit fortsetzen? Und Deine Schwester, darf sie ihr Journalistikstudium fortführen?

Du lebst in einer anderen Welt als ich, in einer Welt, die von Unsicherheit und Angst geprägt ist. Gerade heute las ich einen Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung über die Depressionen vieler Menschen in Afghanistan. Sie rühren von Angst, Armut und Gewalt. Und im Fernsehen sah ich den 2018 gedrehten Dokumentarfilm von Aboozar Amini, „Kabul, Stadt im Wind“. Ein unendlich trauriger Film, weil es weder für Erwachsene noch für Kinder eine hoffnungsvolle Perspektive gibt. Vor allem die Blicke der Kinder haben mich erschüttert. Blicke, die eine bessere Zukunft verdienen. Aber wo ist sie?

Liebe Maryam, ich möchte Dich nicht noch trauriger machen, als Du schon bist. Nur denke ich unweigerlich an mich und meine Familie, wie viel leichter wir es in der Schweiz haben. Hier herrscht Wohlstand, Friede, man kann sein Leben frei gestalten. Über Zürich fliegen keine Hubschrauber, die Frauen genießen die gleichen Rechte wie die Männer, sie sind in allen Berufen und auch in der Politik bestens vertreten und verschaffen sich in den Medien Gehör. In der Schweiz gibt es eine direkte Demokratie, das heißt das Volk stimmt über alle wichtigen Fragen ab. Das hat riesige Vorteile! Es herrscht Transparenz und Mitspracherecht. Ich kann von Glück reden, dass ich in diesem Land lebe und dass meine Enkel in diesem freiheitlichen, stabilen Umfeld aufwachsen können.

Ist es nicht ungerecht, dass der eine in die Unfreiheit, der andere in die Freiheit hineingeboren wird? Die Umstände prägen uns alle von klein auf. Wobei das Wichtigste zweifellos die Liebe der Eltern zu ihren Kindern ist. Ist sie vorhanden, kann man auch widrigen Umständen trotzen.
Du hast offensichtlich liebende Eltern und Geschwister, ein großes Geschenk! Besonders schön finde ich, dass Dein Bruder Vahid Dir Gedichte vorliest und viel erzählt. In der jetzigen Situation brauchst Du das noch mehr als zuvor. Und Literatur bedeutet echten Trost!

Du und ich leben zwar in politisch und kulturell sehr unterschiedlichen Welten, trotzdem verbindet uns vieles: die Liebe zur Literatur, zur Schönheit, zur Natur. Diese Liebe ist kostbar, sie muss aber auch gepflegt werden. Je mehr wir lesen, desto feiner wird unser Sensorium für den Reichtum der Stoffe, Stile und Ausdrucksweisen. Ohne Lesen wäre ich vermutlich nie Schriftstellerin geworden.
Was liest Du? Und was interessiert Dich am Schreiben? Du sagst, Du möchtest vielen verschiedenen Menschen eine Stimme geben, indem Du sie über ihr Leben und Denken befragst. Eine schöne Idee! Dahinter steht sicher Dein Bedürfnis, etwas für Dein Land zu tun, das Du liebst und das Du voranbringen möchtest. Gute Literatur ist immer auch Aufklärungsarbeit, zugleich sensibilisiert sie für die Schönheiten der Welt. Und diese lassen sich überall finden, wenn man nur genau hinschaut und hinhört!

Du schreibst, dass Du malst. So ganz kann ich mir das nicht vorstellen, da Du offenbar Deine Finger nicht bewegen kannst. Und wie hältst Du es mit dem Schreiben? Diktierst Du Deine Texte?

Heute ist ein strahlender Tag mit leichtem Wind, der die Äste der großen Birke in meinem Garten wiegt. Von meinem Schreibtisch aus sehe ich die Bäume und Sträucher, beobachte Vögel und Eichhörnchen. Das hat etwas Beruhigendes. Man sagt ja, die Farbe Grün besänftige die Seele. Die Schweiz ist ein sehr grünes Land, voller Wiesen und Wälder. Im Herbst verändern manche Bäume ihre Farbe, werden gelb oder rötlich, bis die Blätter abfallen. Und im Winter gibt es reichlich Schnee, was die Landschaft in blendendes Weiß hüllt. Ich mag den Schnee, weil er lautlos ist und alles gleichermaßen bedeckt, ohne Unterschiede zu machen. Der russisch-amerikanische Dichter Joseph Brodsky – einer meiner Lieblingsdichter – hat den Schnee darum „demokratisch“ genannt. Es stimmt schon, dass der Schnee einen melancholisch machen kann, trotzdem gefällt mir seine Reinheit und Stille. Ich habe viele Schneegedichte geschrieben, und immer fallen mir neue ein.

Letzte Woche bin ich zu einem Kunstfestival nach Deutschland gefahren, nächste Woche bin ich wieder mit Lesungen in Deutschland. Während der Pandemie sind fast alle Veranstaltungen ausgefallen, so dass ich mich wieder daran gewöhnen muss, zu reisen und Lesungen abzuhalten. Natürlich ist es angenehm, ein Publikum vor sich zu haben, denn Schreiben als solches ist einsam. Bei Lesungen stellen die Leute Fragen, wollen sich Bücher von mir signieren lassen, es entsteht ein Kontakt. Und immer lerne ich nette, aufgeschlossene Menschen kennen. Meine Leser und Leserinnen empfinde ich als Freunde, als Teil einer erweiterten Familie.

Du fragst, ob ich mit meinen fünfundsiebzig Jahren Träume habe, und welche. Ich würde gerne noch ein paar Bücher schreiben und ein paar Reisen ans Meer machen. Vor allem aber möchte ich viel Zeit mit meinen Enkelkindern verbringen, um ihre Entwicklung zu begleiten und ihnen einige Dinge (und Werte) mitzugeben, die mir wichtig scheinen. Zum Beispiel die Liebe zur Literatur, Kunst und Musik; die Freude an der Schönheit und Freundschaft; Güte und Zuversicht.

Und Dir, liebe Maryam, gebe ich einen Satz mit, der am Schluss meines Erinnerungsbuches „Mehr Meer“ steht und mein Leben wesentlich geprägt hat: „Staune und vertraue!“

Bitte melde Dich, sobald Du kannst. Ich denke viel an Dich und wünsche Dir von Herzen alles Gute!
Deine Ilma

 

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Untold – Weiter Schreiben Afghanistan, ist eine Initiative der KfW Stiftung in Kooperation mit „Untold – Write Afghanistan“ und Weiter Schreiben.

 

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