Das Leben ist das kostbarste Geschenk – Brief 2
Francesca Melandri an Shamsia, Rom, 16. Juli 2025
Übersetzung: Ali Abdollahi ins Persische

Liebe Shamsia,
wie habe ich mich gefreut, endlich deinen Brief zu bekommen! Danke, dass du diese sehr persönlichen, ja schwierigen Gedanken mit mir teilst. Das bewegt mich dazu, dir im Gegenzug auch etwas sehr Persönliches von mir zu erzählen – etwas, das mir sofort in den Sinn kam, als ich deine Zeilen las.
Vor drei Jahren, als die Pandemie schon zwei Jahre währte, hatte ich Covid. Ich hatte einen milden Verlauf – bei einer Grippe habe ich mich häufig wesentlich schlechter gefühlt. Schon nach wenigen Tagen war das Fieber weg und mein Test negativ. Ich war sehr erleichtert, dass alles so harmlos verlaufen war. Ungefähr 48 Stunden nach dem negativen Testergebnis jedoch wachte ich mitten in der Nacht auf, und als ich aufzustehen versuchte, schwankte der Boden unter mir, als befände ich mich bei stürmischer See auf einem Schiff. Ich fiel auf die Knie. Und vor allem hatte ich keine Ahnung, wo ich war oder wer ich war.
Die Tage danach, liebe Shamsia, werde ich dir nicht im Detail beschreiben, zumal sie in meiner Erinnerung verschwommen sind. Kurz gesagt, war das, was ich da erlebte, ein ziemlich schwerer Fall von Long Covid, jenem mysteriösen Zustand, der viele Menschen – einen von zehn! – nach überstandener Covid-Infektion befällt und dessen Schwere, wie in meinem Fall, in keinem direkten Verhältnis zur Schwere der Covid-Erkrankung selbst steht. Als „Long Covid“ bezeichnen Mediziner eine ganze Bandbreite verschiedener Zustände, von schlichter Müdigkeit über neurologische Probleme – wie bei mir – bis hin zu schweren Organschäden. Ich war irgendwo in der Mitte: Einige Monate lang fehlte mir die Energie aufzustehen, ich schaffte es kaum, von meinem Sofa hochzukommen. Aber ich hatte keine Schmerzen und mein Leben war nie in Gefahr. Long-Covid-Symptome können also sehr unterschiedlich sein, sie haben nur einen gemeinsamen Nenner: Sie müssen nach dem negativen Testergebnis mindestens drei Monate lang andauern – der Schlüsselbegriff ist „lang“.
Aber, liebe Shamsia, es geht mir hier nicht um meinen Körper, sondern ich möchte dir erzählen, was mit meinem Geist geschah.
Die meisten Menschen erleben während oder nach Covid eine Art geistiger Trägheit, eine Art Verwirrung – „Brain Fog“ nennt sich das. Aber meine Gedanken waren nicht nur langsamer oder weniger klar als sonst. Wir stellen uns das Denken ja so vor, dass wir „einem Gedankengang folgen“ – Gedanken haben für uns diese lineare Qualität einer Vorwärtsbewegung; aber für mich fühlte es sich an, als wäre der Weg – der „Gang“ – meiner Gedanken von einem riesigen Haufen Müll versperrt, so dass ich erst etwas von diesem Müll beiseiteschieben musste, um auch nur einen einzigen Schritt vorwärts machen zu können, und dann noch mehr Müll für den nächsten Schritt und so weiter und so weiter, bei jedem einzelnen Schritt ging das so. Die einfachste geistige Tätigkeit war ein erschöpfender, quälend langsamer Prozess, selbst schlichte Gedanken zu formulieren wie „Es ist zehn Uhr“ oder „Ich muss den Arzt anrufen“. Schlimmer noch, wenn ich diese rudimentären Gedanken zu äußern versuchte, kamen häufig beliebige Wörter aus meinem Mund, die nichts mit dem zu tun hatten, was ich eigentlich meinte. Es gab sogar Momente, in denen ich die Frage: Wer bist du? nicht mit Gewissheit beantworten konnte. Ich nahm irgendwie an, ja, ich bin ich, Francesca, aber ich war mir nicht immer vollkommen sicher. Kurz, es fühlte sich an, als wäre das, was mich zu einem Menschen macht – mein Bewusstsein – zum Stillstand gekommen, während ich zugleich noch klar genug im Kopf war, um meinen Zeitlupen-Absturz in die Demenz zu bezeugen.
Liebe Shamsia, ich hatte noch nie in meinem Leben so furchtbare Angst.
So schlimm war es allerdings nicht die ganze Zeit. Der beschriebene Zustand dauerte manchmal nur ein paar Augenblicke, manchmal Stunden, manchmal Tage. Nach einiger Zeit gewann ich meine geistigen Fähigkeiten allmählich zurück, und obwohl ich immer noch extrem erschöpft war, empfand ich große Erleichterung. Mein Gehirn schien sich zu erholen, und ich hoffte, dass das Schlimmste überstanden war. Doch nach etwa einer Woche fiel ich in den beängstigenden Zustand zurück. Danach wurde es wieder besser. Und dann kam ein dritter Rückfall. Das war der Moment, in dem ich die Hoffnung zu verlieren begann. In dem ich mich zum ersten Mal fragte: Wird es so für den Rest meines Lebens sein? Werde ich mehr und mehr in die Demenz abgleiten, zunächst noch voller Angst vor dem, was mit mir passiert, bis ich eines Tages so weggetreten bin, dass ich mich nicht einmal mehr fürchte, und das elementare Ich, mit dem ich mich mein Leben lang identifiziert habe, einfach verschwindet?
Und da, liebe Shamsia, dachte ich auf einmal: Wenn das der Weg ist, der vor mir liegt, möchte ich ihn nicht gehen. Ich möchte nicht leben, ohne ich zu sein. Ich möchte nicht, dass meine Kinder und alle anderen, die mir nahestehen, mit der Pflege eines Körpers belastet werden, der aussieht wie ich und meinen Namen trägt, aber nicht mehr wirklich „ich“ ist. Anders gesagt, dachte ich: Wenn dies unumkehrbar ist, dann möchte ich es beenden. Und „es“ hieß in diesem Zusammenhang: das Leben.
Zum Glück, liebe Shamsia, war das nicht nötig. Der dritte Rückfall war zugleich der letzte. Meine geistigen Fähigkeiten kehrten zurück und blieben. Nach ungefähr sechs Monaten konnte ich schließlich sogar weiter an dem Buch arbeiten, das ich zu schreiben angefangen hatte, bevor ich an Covid erkrankte. Ich kam langsam wieder zu Kräften, und auch wenn sie nicht mehr so sind wie vorher – ich habe gelernt, sie mir einzuteilen.
Weißt du, liebe Shamsia, abgesehen von ein paar leichten Unpässlichkeiten war ich immer mit guter Gesundheit gesegnet. Diese Kostprobe einer lebensverändernden Krankheit war eine neue Erfahrung für mich, und ich hoffe, dass ich nie vergessen werde, welche Erkenntnisse sie mir beschert hat.
Die erste Erfahrung ist das Gefühl, abgrundtief einsam zu sein, getrennt vom Rest der Menschheit, der „gesunden Mehrheit“. Diese Einsamkeit hat zwei Aspekte. Einer besteht, ganz praktisch, darin, dass du von all dem Leben, an dem du nicht teilnehmen kannst, abgeschnitten bist. In diesen Monaten erschöpfte und verwirrte mich schon eine zwanzigminütige Unterhaltung, und für die Besuche meiner Freundinnen und Freunde musste ich mich regelrecht wappnen – obwohl ich mich natürlich zugleich auf sie freute. Die Unsichtbarkeit von Menschen mit einer Beeinträchtigung war plötzlich keine abstrakte Vorstellung mehr, wie sie es in meinem gesunden Leben bisher gewesen war. Sie wurde ganz konkret, nämlich durch das, was die Menschen, die mich nur in diesen zwanzig Minuten sahen, zu mir sagten: „Du siehst schon viel besser aus“, ohne zu ahnen, dass ich, nachdem sie gegangen waren, mehrere Stunden eingerollt auf dem Sofa verbringen musste, um mich von der immensen Konzentrationsanstrengung zu erholen, die es mich gekostet hatte, durch besagten Haufen Geistesmüll hindurch mit ihnen zu sprechen.
Der andere, noch schmerzhaftere Aspekt bestand darin zu merken, dass niemand, der nicht selbst etwas Ähnliches erlebt hat, wirklich verstehen kann, was du gerade durchmachst. Und die Menschen, die am wenigsten dazu in der Lage sind, wünschen dir oft mit dem größten Nachdruck, gesund zu werden. Für viele dieser wohlmeinenden Menschen vermischt sich der Wunsch, dass du, die Kranke, gesund wirst, mit ihrer eigenen, sehr menschlichen Angst vor Krankheit (und Tod), weshalb sie paradoxerweise häufig am wenigsten fähig sind, anzuerkennen, dass es dir wirklich, wirklich nicht gut geht. Und so wird ihr gut gemeinter Wunsch zu einem weiteren Stressfaktor in einer ohnehin schon stressreichen Situation; er radiert deine gelebte Erfahrung aus, und das steigert die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung.
Jetzt, liebe Shamsia, möchte ich dir erzählen, wie es mir ging, als es vorbei war. Ich fühlte mich, als wäre ich aus einem schrecklichen Gefängnis befreit worden, nachdem ich geglaubt hatte, ich müsse den Rest meines Lebens dort verbringen. Und genauso, wie ich noch nie eine so furchtbare Angst gehabt habe, kann ich auch sagen: Ich habe noch nie eine so tiefe Freude empfunden wie in den Momenten, als mir nicht nur mein Leben wiedergegeben wurde, sondern das Gefühl, ich zu sein. Ich nehme an, so geht es auch Menschen, die tödliche Unfälle überleben. Ich war immer noch sehr schwach und die meisten praktischen Dinge waren immer noch schwierig – aber mein Gehirn war zurück, mein Geist war zurück, ich war zurück! Es fühlte sich an wie eine Wiederauferstehung. Jeden einzelnen Moment empfand ich als einen unerwarteten Segen. Einige Monate lang badete ich in einer Art innerem Leuchten: Das Leben ist das kostbarste Geschenk, und ich war mir dessen voll und ganz bewusst.
Das Leuchten hielt natürlich nicht ewig an, ich bin nicht mehr in diesem Zustand einer Dankbarkeit, die Höhen und Tiefen des Lebens sind in all ihrer unaufdringlichen Normalität wieder da. Aber ich versuche, es nicht zu vergessen.
Und zuletzt: So viele Menschen, denen ich all dies erzählt habe, sagen mir, dass sie oder ihnen nahestehende Menschen etwas Ähnliches durchgemacht haben. Die Zahl derer, die unter chronischen oder sehr ernsten postviralen Infektionen leiden – nicht nur Long Covid, sondern zum Beispiel auch das Chronische Fatigue-Syndrom (CFS) –, ist gewaltig. Es sind schätzungsweise Millionen, doch ihre häufig lebenszerstörenden Leiden sind für den Rest der Gesellschaft unsichtbar. Sie kommen auch nicht in den Nachrichten vor, und ich gestehe beschämt, dass ich die Dimension dieses Problems nie verstanden noch vielleicht Interesse dafür aufgebracht hätte, wäre ich nicht selbst davon betroffen gewesen. Und deshalb wollte ich dir davon erzählen. Denn weißt du, liebe Shamsia, als ich von der Antwort las, die du in dem Fragebogen gegeben hast, da dachte ich: Ich bin mir sicher, dass Shamsia nicht die Einzige in jener Klasse war, die schon Suizidgedanken gehabt hatte. Wer weiß, wie viele der anderen Frauen, die den Fragebogen ausfüllten, in der Stille und Einsamkeit ihrer Verzweiflung in Betracht gezogen hatten, sich das Leben zu nehmen. Aber nur du, liebe Shamsia, warst bereit, offen darüber zu sprechen – und genau das ist es, was eine Schriftstellerin tun würde.
Sehr herzlich
Francesca
Dieser Brief entstand im Projekt „Untold Narratives – Weiter Schreiben. Briefwechsel mit afghanischen Autorinnen“, eine Kooperation der KfW Stiftung, Untold Narratives CIC und Weiter Schreiben.


