Menu
Suche
Weiter Schreiben ist ein Projekt
von WIR MACHEN DAS
> Einfache Sprache Jetzt Spenden
Logo Weiter Schreiben
Menu
Suche
Untold Narratives – Weiter Schreiben > Francesca Melandri & Shamsia > Kann eine Frau in Afghanistan ein gutes Leben führen? Und was bleibt sonst? – Brief 1

Kann eine Frau in Afghanistan ein gutes Leben führen? Und was bleibt sonst? – Brief 1

Shamsia an Francesca Melandri, Kabul, 22. Mai 2025

Übersetzung: Bianca Gackstatter aus dem Persischen

Hinweis: Dieser Text behandelt Suizid und kann belastend sein.

Schwarzweiß-Foto eines Blattes mit darüberliegenden Schatten von Zweigen.
© Qasim Mirzaie

Liebe Francesca,

es mag sein, dass ich dies hier schreibe, um mein eigenes Herz zu trösten. Mein Geist ist bestimmt von Gedanken, die um das Leben und den Tod kreisen: einerseits um die Angst vor dem Tod, die sich vor allem aus der Befürchtung speist, am Ende etwas Wesentliches nicht erlebt zu haben. Andererseits aber beschäftigt mich die Hoffnung auf ein gutes Leben und die Frage, ob es mir möglich sein wird, ein solches Leben zu führen. Jedes Mal, wenn ich an das Ende denke, wird mir der Sinn des Lebens klarer – als bedeutete diese Angst eine Einladung zum Leben und nicht zur Flucht davor.

Diese Gedanken kamen mir zum ersten Mal vor zwei Jahren. Ich war an der Universität. Eine Frau betrat unseren Seminarraum und gab allen von uns ein Blatt. „Das ist ein Fragebogen zu Ihrer psychischen Gesundheit“, sagte sie. „Ich möchte, dass Sie ihn ehrlich beantworten.“ Ohne groß nachzudenken, beantwortete ich die Fragen. Die anderen lachten, als sie den Fragebogen durchlasen, als wollten sie ihre Angst hinter ihrem Lachen verbergen. Vielleicht konnten sie nicht zugeben, dass sie nicht glücklich sind. Vielleicht war es einfacher zu lachen als zu weinen, denn in Afghanistan stellt das Weinen einer Frau ein Zeichen der Schwäche dar, das Lachen schützte sie. Schließlich kam ich zur letzten Frage: „Hatten Sie jemals Suizidgedanken?“ An dieser Frage blieb ich hängen, das Lächeln schwand von meinen Lippen. Und automatisch antwortete ich mit „Ja“.

Wenige Tage später rief mich die Frau in ihr Büro. Sie fragte mich, weshalb ich in einer Gruppe von dreißig Befragten wohl die Einzige sei, die Suizidgedanken hätte. Ich wusste keine Antwort, aber sie versuchte weiter, den Grund dafür herauszufinden. Aus einem mir nicht bewussten Grund hatte ich mich offenbar spontan für die Antwortmöglichkeit „Ja“ entschieden. Und ich fragte mich: Habe ich wirklich schon einmal an Selbstmord gedacht?

Solange ich mich erinnern kann, haben die Leute versucht, mich davon abzubringen, über den Tod zu schreiben. Sie sagten, wenn ich eine erfolgreiche Schriftstellerin sein wolle, müsse ich Hoffnung vermitteln, keine Verbitterung. Ich habe den Eindruck, sie wünschen sich immer ein Happy End. Wenn ich mir das Leben in Afghanistan so ansehe, kann ich jedoch keine Aussicht auf ein Happy End erkennen, denn in Afghanistan ist Glück meist die Ausnahme, nicht die Regel. Warum sollte man sich dann mit Geschichten etwas vormachen? Ich möchte niemandem zu nahetreten, aber die Menschen entziehen sich auf merkwürdige Weise der Realität. Lass mich dir dazu eine Anekdote erzählen: Als ich fünfzehn Jahre alt war, berichtete mein Großvater von einem Mann, der angeblich von den Toten wiederauferstanden war. Ich fragte mich, wie das möglich sein konnte, aber mein kindlicher Verstand fand keine Antwort. Als ich ihn schließlich einmal von Nahem sah, entpuppte er sich als ein ganz gewöhnlicher Mann, gezeichnet von einer tiefen Traurigkeit. Er sprach nicht. Die Leute sagten, er habe Gott gesehen und sei darüber stumm geworden. Alle stellten ihm Fragen zu jener anderen Welt: „Wie sah es dort aus?“ Oder, etwas naiv: „Hast du mich gesehen, hat Gott mir vergeben?“ Diese Begegnung hat meine Gedankenwelt nachhaltig verändert, denn ich konnte nicht herausfinden, ob der Mann glücklich war, wieder ins Leben zurückgekehrt zu sein. Dies alles ist inzwischen Jahre her, aber manchmal würde ich diesen Mann gern wiedersehen und mich mit ihm unterhalten. Ich würde ihn fragen, wie sich der Tod angefühlt hat.

Aber vielleicht fragst du, liebe Francesca, dich ja gerade, warum ich so neugierig auf den Tod bin. Ehrlich gesagt, habe ich große Angst vor dem Tod. Ich weiß, es klingt ein bisschen idiotisch, aber je mehr ich über das Leben nachdenke, desto dunkler und beängstigender erscheint mir der Tod. Als hätte er in Afghanistan eine andere Gefühlsqualität oder eine andere Färbung, habe ich Angst, dass ich vielleicht keine Gelegenheit mehr haben werde zu schreiben, das Leben zu genießen, ja, auch Fehler zu machen. In Afghanistan ist das jedoch ein Privileg und kein Recht. Und dieses Privileg wurde uns Frauen genommen. An einem Ort, an dem unser Leben von männlichen Regeln, erstickenden Traditionen und Angst vor dem Morgen geprägt ist, hat jede Gelegenheit ihren Preis. Ich habe eine jugendliche Sehnsucht danach, etwas Großes zu leisten, etwa den Nobelpreis zu gewinnen. Auf meinem Weg jedoch liegen unzählige Sackgassen – auf der einen Seite die Taliban, die sagen: „Du bist eine afghanische Frau, also ist deine Flughöhe begrenzt und auf der anderen Seite die Angst, für eine unbekannte Zukunft zu kämpfen und die Angst vor dem Tod. Ich habe Angst, dass es danach keine Spur mehr von mir geben wird und ich völlig vergessen sein werde. Oder dass diese Spuren, wenn ich welche hinterlassen sollte, nicht deutlich genug gewesen sein könnten.

Da du nun weißt, liebe Francesca, dass ich Angst vor dem Tod habe, sage ich dir auch, was genau ich den Mann eigentlich fragen wollte. Tief im Inneren ist mir klar, dass das Bescheidwissen über den Tod nichts für mich ändern würde, aber vielleicht würde es meine Angst ein wenig mildern: Ich würde so gern erfahren, wohin die Seele wandert, wenn der Tod gekommen ist, und ob es möglich ist, all seine Sehnsüchte zu vergessen. Weißt Du, der Tod selbst erscheint mir gar nicht so erschreckend. Viel quälender ist für mich der Gedanke daran, was danach kommt. Man verschwindet einfach von dieser Welt, als hätte man nie existiert – kaum sind ein paar Jahre vergangen, ist man von allen vergessen. Was für ein trauriges Ende ist das und wie unfair! Ich wüsste daher zu gern, wann ich sterben werde, damit ich noch all das tun kann, worauf ich Lust habe –  Ich möchte in die Berge gehen, ich wünsche mir, dass jemand meine Stimme hört. Wir Frauen sind im Schatten aufgewachsen, aber unsere Herzen leuchten wie die Sonne. Ach, in Afghanistan sollte man sein Herz nicht an irgendwelche Träume hängen. Und vielleicht ist es darum auch besser, nichts Genaueres über den Tod zu wissen.

Am besten gewöhne ich mich wohl einfach daran, während ich bis zu meinem Ende jeden Moment dieses beschwerlichen, aber doch auch schönen Lebens mit Liebe lebe. Meine Angst vor dem Tod kann ich nicht unterdrücken, aber ich muss einen Weg finden, mit ihr zu leben.

Ich kehre zu meiner Ausgangsfrage zurück: Habe ich wirklich einmal an Selbstmord gedacht? Ja, über den Tod habe ich nachgedacht, aber nicht mit der Absicht, mir das Leben zu nehmen. Ich dürste ja nach Leben, nach Freiheit und Lachen. Angesichts der aktuellen Situation in Afghanistan – ich wurde von der Universität ausgeschlossen, weil ich eine Frau bin und fühle mich wie in einem Käfig gefangen –, denke ich inzwischen mehr denn je über Selbstmord nach. Wenn alle meine Träume im Keim erstickt werden, wenn auf der Straße unterwegs zu sein, ja, wenn schon ein Lachen zu etwas Gefährlichem wird – wer wollte sich da noch ans Leben klammern? Als Frau in Afghanistan zu leben ist nichts weniger als der Tod. Als Frau habe ich das Gefühl, dass die eigene Existenzberechtigung immerzu in Frage gestellt wird, so als ob es ein Verbrechen wäre, eine Frau zu sein. Ständig muss man sich rechtfertigen, warum man leben, studieren, atmen möchte. In Afghanistan eine Frau zu sein, bedeutet, jeden Tag ein Stückchen mehr von sich zu begraben – die Freiheit, die Träume, das Lachen, die Stimme…

Gerade als ich gelernt hatte zu fliegen, wurden mir die Flügel abgeschnitten. Selbstmord kann keine Lösung sein, wir Menschen haben keine Befugnis dazu. Aber ich glaube daran, dass Gott so gütig sein wird, mir nach dem Tod ein besseres Leben zu schenken. Diese Hoffnung und dieser Glaube halten mich am Leben. Sie nehmen mir die Angst vor dem Tod und lassen mich stark bleiben.

Shamsia

 

Dieser Brief entstand im Projekt „Untold Narratives – Weiter Schreiben. Briefwechsel mit afghanischen Autorinnen“, eine Kooperation der KfW Stiftung, Untold Narratives CIC und Weiter Schreiben.

Autor*innen

Datenschutzerklärung

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner