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Untold Narratives – Weiter Schreiben > Francesca Melandri & Shamsia > Brüche können Fenster für das Licht sein – Brief 3

Brüche können Fenster für das Licht sein – Brief 3

Shamsia an Francesca Melandri, 20. August 2025

Übersetzung: Bianca Gackstatter

© Savannah / unsplash (Symbolbild)

Liebe Francesca,

ich habe deinen Brief mehrmals sorgfältig und mit tiefem Respekt gelesen. Mit jedem Lesen habe ich etwas Neues darin entdeckt – etwas Menschliches, Schmerzliches, aber auch Leuchtendes. Du hast nicht einfach nur von deinen Erfahrungen berichtet, sondern sie durch deine Worte lebendig werden lassen – als hätten die Worte selbst einen Teil deines Leids mitgetragen. Weißt du, am meisten berührt hat mich – neben deiner Beschreibung der körperlichen und geistigen Symptome der Krankheit – vor allem das, was über den Schmerz hinausging und in den Bereich der Identität hineinreicht. Du hast von Momenten berichtet, in denen du nicht mehr wusstest, wer du eigentlich bist – solche Zustände stellen für mich eine der schlimmsten Formen menschlichen Leidens dar. Doch aus dem Herzen dieser Finsternis bist du nicht nur wieder ins Leben zurückgekehrt, sondern hast deinen Weg mit einem tiefen reichenden Blick fortgesetzt.

Die Frage, die du dir gestellt hast, war auch für mich lange Zeit von einer Aura des Ungewissen umgeben: Manchmal vergaß auch ich, wer ich eigentlich war – oder vielleicht habe ich mich selbst auch überhaupt nicht gekannt. Selbsterkenntnis erreicht man nur über einen inneren Prozess. Ich glaube, dass viele Menschen sich ihrer selbst nur wenig bewusst sind. Die meisten scheinen sich eher an dem zu orientieren, was andere von ihnen wollen, und weniger an dem, was ihnen selbst wirklich wichtig ist. Oft bemühen wir uns um Anpassung oder schauen zu einer Autoritätsperson auf, von der wir häufig nicht genau wissen, ob sie tatsächlich vertrauenswürdig ist. Diese Neigung zeigt sich nicht nur im äußeren Erscheinungsbild, sondern auch im Verhalten, im Denken und sogar in der Lebensweise der Menschen. Viele meinen, dass sich Identität aus Vermögen, Status oder vergänglichen irdischen Attributen zusammensetzt; in Wahrheit aber sind ihre Wurzeln natürlich tiefer und beständiger. Unsere wahre Identität liegt in jenen Bereichen unserer Existenz, die unabhängig sind von der Zustimmung anderer zu den Werten, Überzeugungen oder Bedeutungen, die wir selbst dem Leben geben.

Meine liebe Francesca, schon lange beschäftigt mich die Frage, wie ich leben soll und was mein Ziel im Leben ist. Ich habe erkannt, dass dieses Ziel die Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ ist. Ich lebe in einer Gesellschaft, in der den Frauen für gewöhnlich keine große Bedeutung zuerkannt wird. Das ist vor allem in der althergebrachten traditionellen Lebensweise der afghanischen Bevölkerung begründet und in Denkweisen, denen zufolge die Frauen an die häusliche Umgebung gebunden sind. Eine Zeit lang habe ich versucht, zu mir zu finden – ein schwieriges Unterfangen, wenn man gerade an der Schwelle zur Selbstfindung angekommen ist und plötzlich eine Gruppe daherkommt und einem diesen Weg zur Erkenntnis für Jahre versperrt – natürlich meine ich die Taliban. Nur Gott weiß, ob sie sich selbst jemals wirklich in Frage gestellt haben. Sie handeln, ohne den Grund für ihre Handlungen zu kennen – zum Beispiel nehmen sie Frauen das Recht auf Arbeit, Bildung und Freiheit. Den Grund für ihr Handeln kennen sie vermutlich deshalb nicht, weil sie sich noch nie mit der Frage „Wer bin ich?“ auseinandergesetzt haben. Ich führe diese Überlegung an, weil ein Aspekt der Selbsterkenntnis darin besteht, die Wahrheit zu erkennen und zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden. Und gerade daran mangelt es den Taliban. Sie können eben nicht zwischen Richtig und Falsch unterscheiden, sondern setzen unreflektiert den Weg fort, den ihre Väter eingeschlagen haben. Ich glaube nicht, dass sich die Lage in Afghanistan in den nächsten Jahren verbessern wird. Wir jungen Frauen betrachten uns als Opfer dieser Situation. Manchmal wünsche ich mir, ich hätte einige Jahre vor dieser Taliban-Ära gelebt oder wäre woanders geboren. Ach, wie sehr ich mir das wünsche!

Liebe Francesca, ich möchte gar nicht von der Frage „Wer bin ich?“ abweichen, aber manchmal wird mir das Leben so schwer, dass ich, wenn ich mich betrachte, gar nicht mehr genau weiß, wen ich da eigentlich vor mir habe. Dann frage ich mich, ob das noch dieselbe Person ist, die sich einmal vorgestellt hat, ihre Zukunft selbst gestalten zu können. Oder bin ich in den Augen der anderen nur noch ein Schatten, der nicht einmal mehr den Mut hat, so zu leben, wie ich es gerne möchte? Vielleicht rede ich deshalb ständig mit mir selbst, diskutiere mit mir, feinde mich manchmal sogar an. Ich bin angespannt und weiß nicht, warum. Vielleicht wegen der Lage in Afghanistan? Ach, Francesca, ich möchte am liebsten laut schreien, aber ich bringe keinen Ton heraus. Vielleicht hat sich meine Stimme in meinen Gedanken und meinen Zukunftsängsten verloren.

Meine liebe Francesca, für mich bist du das lebende Beispiel eines Menschen, der durch die Tiefen von Finsternis und Leid gegangen ist und trotzdem immer noch aufrecht steht. Du zeigst mir, dass Brüche Fenster für das Licht sein können und dass jeder Riss in der Seele eine Stelle markiert, durch die Glaube und Hoffnung eintreten können. Auch wenn du still und erschöpft bist, vergiss nicht, dass du trotzdem auf dem Weg bist, auf dem Weg zur Wahrheit, der diese noch fragile Identität allmählich in ein vollständigeres, tieferes Ich verwandeln wird. Vielleicht hast du dein wahres Ich noch nicht erreicht, aber jeder Schritt, den du gehst – auch in der Stille oder im Zweifel -, bringt dich ihm näher. Bleib also dabei und geh weiter, auch wenn du dich manchmal in dir selbst verlierst! Du bist nämlich nicht nur ein Ich, sondern lebst auch die Geschichte eines Menschen auf der Suche nach einem Weg aus der Dunkelheit ins Licht – und das ist die größte Wahrheit.

Manchmal denke ich, dass die Frage „Wer bin ich?“ eine Falle ist. Vielleicht liegt die Wahrheit gar nicht in der Antwort, sondern im Leiden auf der Suche nach einer Antwort. Vielleicht stirbt der Mensch genau in dem Moment, in dem er zur Wahrheit gelangt. Aber die Wahrheit ist lebendig. Um Selbsterkenntnis zu erlangen, muss man in die Tiefen der eigenen Existenz vordringen und in seine Seele blicken, um dem wahren Ich begegnen zu können. Wenn mich jetzt jemand fragen würde, wer ich bin, würde ich vielleicht antworten, dass ich eine Suchende bin, unterwegs, die Wahrheit und letztlich mich selbst zu finden. Und wenn ich dich nun fragen würde, wer du bist, was würdest du antworten? Ich würde zu gern erfahren, wie du darüber denkst.

Mit lieben Grüßen
Deine Shamsia

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