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Verbrannte Generation

Mariam Al-Attar
Weiter Schreiben, Mariam Al-Attar, Hossam Dirar, Verbrannte Generation
© Hossam Dirar, Titel: Looking for, 120x120cm, Öl auf Leinwand (2014)

Alle geschichtlichen Ereignisse haben Heldinnen und Helden, die den Lauf der Dinge bestimmen. In dieser Geschichte sind es meine Eltern. Weil sie zu einer diskriminierten Bevölkerungsgruppe gehörten, siedelten sie 1980 gezwungenermaßen aus dem Irak in den Iran um, wo sie 35 Jahre lebten. Ich wurde in die sogenannte verbrannte Generation hineingeboren. Seit ich diesen Begriff zum ersten Mal hörte, lodere ich.

 

2003-2004

Ich war siebzehn Jahre alt, als ich von der Schule heimkam und einen großen Lkw vor der Tür vorfand. Männer luden unsere Sachen in den Wagen. Vor dem Haus fand jeden Montag ein Markt statt, so bekamen alle unseren Auszug mit. Kurz zuvor war in Bagdad das Saddam-Regime gestürzt worden. Die Lage war angespannt, sowohl dort als auch hier, also bei uns Zuhause. Besorgt verfolgte mein Vater die Nachrichten und stellte den Fernseher so laut, dass ich das Gefühl hatte, die Panzer donnerten ins Wohnzimmer und zur Küchentür wieder hinaus. Ich empfand Freude. Der Diktator, der das Land jahrzehntelang tyrannisiert hatte, war besiegt. Gleichzeitig war da Angst. Angst, Abschied nehmen zu müssen von den Freundinnen und Freunden im Iran, vom Schulweg, von dem Lebensgefühl hier, das bis in die Kindheit zurückreicht. Angst vor dem Alltag im Irak, einem kriegszerrütteten Land. 

 

2006

Von der Realität in jenes Land zurückkatapultiert, sah ich an der Grenze meinen Vater weinen, meine Mutter weinen. Auch der Soldat, der uns half, die Koffer zu tragen, hatte Tränen in den Augen. Die wahre Traurigkeit aber spielte sich in meinem Inneren ab, denn ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was mich erwartete und musste ständig daran denken, was meine Mutter über die Vertreibung berichtet hatte. Das Leben schien zu Ende zu sein. Aber ich trotzte dem. Denn ich war eine Jugendliche und hatte meine Träume, meine Vorstellungen von der Zukunft. Ich setzte einen Fuß vor den anderen. Im neuen Umfeld war alles, jedes noch so kleine Detail, anders - Wetter, Menschen, Kleidung, Blicke, Sprache - Unterschiede überall, wie Schatten.

 

2007

In meinem ersten arabischen Gedichtband stolperte ich über einen Vers des Satirikers Ahmad Matar. „Sie steckten mich in ein Gefäß und sagten, ich solle mich anpassen.“ Trotz Tonnen von Schutt, das Ergebnis diverser Kriege, ging ich zur Schule. Auch dort Unterschiede. Als einzige konnte ich in der Geographieprüfung die Umrisse des Landes nicht zeichnen. Ich wurde gehänselt, weil ich älter war. Die Lehrerinnen beleidigten und schlugen die Schülerinnen. Ich brach die Schule ab.

 

2008

Im Sommer entdeckte ich ein neues Hobby. Allein in meinem Zimmer bastelte ich Rosen aus elastischem Stoff und stellte sie in der Nähstube meiner Mutter aus, in die Nachbarinnen und Bekannte kamen. Mutter war vom alten Schlag, sie unterstützte Vater mit ihren Einnahmen. Meine Blumen gefielen der Leiterin einer Frauenorganisation und sie stellte mir einen Job in Aussicht. Ich sollte in ihrer Organisation, die mehr als 700 Witwen und Geschiedene betreute, einen Workshop durchführen. Mit Leidenschaft war ich bei der Sache. Rosen über Rosen. Ich fertigte sie an und brachte das Handwerk anderen bei. „Die Frau - eine Blume, keine Putzfrau“, „Die Frau ist die halbe Gesellschaft“ und viele solcher Slogans an der Wand motivierten mich und die anderen.

Der morgendliche Fußweg zur Arbeit war beschwerlich. Die Straßen waren in einem desolaten Zustand, so dass ich mir Pappkarton unter die Füße band. Dennoch ging ich jeden Tag dorthin. Etwa 200 Bouquets in unterschiedlichen Farben wurden unter meiner Anleitung für eine Messe hergestellt, die von hochrangigen Persönlichkeiten aus der Region eröffnet wurde. Für meine Arbeit bekam ich nur ein paar lobende Worte und einen zweiminütigen Nachrichtenbericht darüber, was die Frauen aus dem Südirak für wunderbare Kunstblumen gestalten. Die Fingerkuppen schmerzten. Jeden Tag wickelte ich unzählige Fäden um die künstlichen Blumenstängel. Doch diese Schmerzen waren nichts im Vergleich zu jenen Schmerzen, die die Nachrichten aus dem Süden verursachten. Nachrichten, denen der Geruch von Schießpulver, Konfessionalismus und Gefechten anhaftete.

 

2009

Es war im Monat Muharram. Er rief mich an – zum ersten Mal, spielte mir ein Liebesgedicht vor. Dann legten wir auf. Einmal flüsterte er, dass er mich liebe. Ich war jung. Liebe war für mich rein. Ich dachte, sie sei wie der Glaube, wie Familie, wie Ehre - essentiell und heilig.

Vieles bezeugt, was geschah. Das Dach von Großvaters Haus, die Nächte unserer Stadt, sein schwarzes Hemd, mein blaues Telefon. Ich zog um, trat in eine neue Phase ein. Das Leben nahm mich bei den Schultern und wiegte mich in neuen Horizonten. Zwei Jahre lebte ich fern von meiner Familie. Poesie drang in mein Herz, und das Vertrauen in Männer verabschiedete sich.

 

2013

Der Goldring trennte sich von meinem Finger. Ein Unterschied, der über mir schwebte wie eine Feder. Er entwickelte sich zu Gedichten, ernsthafter als zuvor. Poesie wurde zu meinem sicheren Hafen, zog mich aus der Dunkelheit, erhellte meinen Kopf. Vor lauter Fragen glühte ich, doch ich machte mir keine Vorwürfe. Stillstand. Das Schicksal hatte mir einen Streich gespielt und die anderen ließen die Hölle auf mich los.

Immer wieder biss ich mir auf die Zunge und wurde unter dem Fallbeil der Zensur zerhackt wie ein verbotenes Buch.

Trotzdem schreibe ich weiter.

 

Dieser Text wurde zuerst auf Zeit online veröffentlicht.

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