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Eine Lüge namens Deutschland

Abdullah Alqaseer
Übersetzung: Mustafa Al-Slaiman
Installation von Batoul Sedawi (2018)
Installation: Batoul Sedawi (2018)

Sie hat sich verändert. Oumaimahs Blick ist nicht mehr so wach wie früher. Manchmal nimmt sie nicht einmal mehr wahr, was ihren zehnjährigen Sohn Farid bewegt, als wäre es ihr gleichgültig. Vielleicht liegt das an den ständigen Sorgen, die sie sich in Syrien um ihre Familie gemacht hatte, an all den vergossenen Tränen und den Dauergebeten, der Bombenhagel möge endlich aufhören. Vielleicht liegt es daran, dass sie stets gehofft hatte, ihre Lieben so vor dem Tod bewahren zu können, dem Tod, der die Gegend, aus der sie kam, aus allen Richtungen heimsuchte.
Nun war sie an einem sicheren Ort angekommen, dachte sie, einem Ort, an dem sie endlich Ruhe finden konnte und sich keine Sorgen mehr um ihr Kind machen musste. Doch die Ruhe stellte sich nicht ein: Zu sehr fehlten ihr Amer, ihr Mann, und ihre Tochter Ayah.
So war sie oft geistesabwesend und malte sich das erhoffte Wiedersehen mit der ganzen Familie nach der langen Trennung aus. Wurde sie jedoch mit der Realität konfrontiert, weinte sie herzzerreißend und sprach mit den Abwesenden, als wären sie bei ihr; sie fragte ihren Mann und ihre Tochter, wie es ihnen erginge, seit sie und Farid abgereist waren, und wann sie sich endlich auch auf den Weg machen würden.

– Ist das Deutschland, Mama?
– Ja, Farid, das ist Deutschland. Wir sind jetzt in Deutschland. Gefällt es dir nicht hier?
– Doch, schon. Aber ich habe das Gefühl, dass es nicht so ist, wie man es uns in Syrien beschrieben hat. Egal. Hauptsache, wir hören endlich keine Bomben, Kanonen und Geschosse mehr.

Die Worte des Kindes lasteten wie Felsbrocken auf Oumaimahs Ohren. Wie konnte sie nur ihr eigenes Kind so belügen? Warum hatte sie nicht geahnt, dass die Wahrheit eines Tages ans Licht kommen und schlimme Folgen haben würde?

– Lieber Gott! Heißt es nicht, das Paradies liege unter den Füßen der Mütter? Du kannst mich von mir aus in die Hölle werfen, aber bitte, bitte mach aus diesem Ort das Deutschland, von dem man uns erzählte. Du bist doch der Erhabene und der Allmächtige!

Ein Jahr war seit der Trennung von Oumaimahs Familie vergangen. An den letzten Abenden, an denen sie als Familie zusammengesessen hatten, verbanden sie vor allem der Kerzenschein und der Traum von Deutschland. Natürlich waren Farid deutsche Menschen- oder Tierrechte egal, ihm konnten auch die langatmigen Vorträge seines Vaters über das wirtschaftlich fortschrittliche Deutschland, das Sozialsystem, die Arbeitslosen- und Flüchtlingshilfe gestohlen bleiben. Ihn interessierten vielmehr die Versprechungen seiner Mutter, er bekäme ein Zimmer voller Spielsachen, wenn sie erst im Land von Tante Merkel – so nannten sie es damals – angekommen wären. Vorausgesetzt, er würde auf der langen Reise zu ihr – aus Syrien durch die Türkei, mit den Todesbooten nach Griechenland, dann bis ins Land der Träume – schön geduldig bleiben.

– Mama, hat Papa nicht immer gesagt, am wichtigsten sei es, ganz schnell Deutsch zu lernen?
– Ja, das ist richtig, mein Sohn. Die Sprache …
– … ist der Schlüssel zum Land, sagt Papa immer.
– Ja, richtig, mein Sohn. (Sie lachte.)
– Aber, Mama, warum spricht denn hier niemand Deutsch?
Oumaimah wurde blass und sie bekam eine trockene Kehle.
– Du hast Recht, mein Sohn. Wir haben bisher nur Leute getroffen, die genauso sind wie wir. Hab Geduld! Wir müssen alle Geduld haben.
– Aber wieso? Ich will mit deutschen Kindern spielen. Ich will ihnen von den Flugzeugen erzählen, von den Mig und F16. Weißt du, ob sie auch solche Flugzeuge haben?
– Bestimmt haben sie auch solche Flugzeuge, aber sie sehen sie nicht so oft wie wir.
– Ich will ihnen erzählen, dass meine Schwester so viel Angst hatte – dabei breitete er seine Arme aus und riss seine Augen weit auf –, als sie die amputierten Beine unseres Nachbarn Abu Ibrahim auf der Straße liegen sah.
– Das solltest du lieber nicht tun, mit solch schrecklichen Geschichten machst du ihnen nur Angst.
– Was soll ich ihnen denn sonst erzählen?
– Farid, mein Schatz, sie werden dich sowieso nicht verstehen, solange du kein Deutsch sprichst.

Mit jeder Frage des Kindes wuchs die Lüge der Mutter und ihre Sorge, wie sie aus diesem Lügengeflecht je wieder herausfinden solle. Sie trug schwer daran, dass sie ihren Sohn angelogen hatte, und sie fürchtete ständig, die Stunde der Wahrheit sei gekommen. Wiederholt unternahm sie den Versuch, ihm die Wahrheit zu sagen, brachte es aber nicht übers Herz. Dann dachte sie wieder, die Zeit werde schon alles richten und es sei besser so.
Ihre einzige Ablenkung waren die Menschen, die neu aus Syrien ankamen. Zu ihnen eilte sie ein ums andere Mal, um nach ihrem Mann und ihrer Tochter zu suchen. Doch auch dieses Mal waren die beiden nicht unter den Geflüchteten. Plötzlich erkannte sie eine Frau in der Menschenmenge: Es war ihre Nachbarin Um Saraj, die Schneiderin. Sie rannte zu ihr, umarmte sie, fragte nach dem Weg, den sie gegangen und wie die Reise gewesen war. Um Saraj aber war kurz angebunden und antwortete bloß: „Mich führte hierher, was auch dich hierher führte. Ich ging den Weg, den auch du gingst. Hab Geduld, wer noch nicht gekommen ist, wird noch kommen.“ Und sie ging weiter.
Oumaimah blieb wie angewurzelt stehen. Sie legte sich die Hand auf die Brust. Da hörte sie eine Stimme von weiter weg: „Oumaimah, Oumaimah!“ Sie drehte sich in die Richtung, aus der die Stimme zu kommen schien, da sah sie ihn: Amer. Tatsächlich Amer! Im ersten Moment traute sie ihren Augen nicht. Dann befiel sie ein Gefühl, als würde man ihr einen zu engen Pullover ausziehen, in dem der Kopf steckenbleibt. Doch stark wie ein Stierkämpfer sprang sie ihm entgegen, als ihr plötzlich das Gesicht ihrer Tochter Ayah erschien. Sie nahm sein Gesicht in ihre Hände und schrie: „Wo ist Ayah? Ist Ayah nicht mit dir gekommen? Wo ist sie?“ Er schloss die Augen, senkte seinen Kopf und sagte:

– Ayah ist dort geblieben. Ayah lebt noch.
– Wie? Bei wem hast du sie gelassen?
– Ich weiß es nicht. Ich erinnere mich nicht mehr. Als die Fassbomben fielen, nahm ich sie und rannte los. Ihre Beine waren gebrochen und ihr Gesicht war mit Blut verschmiert. Sie schrie wie am Spieß. Die Sanitäter nahmen sie mir weg und brachten sie ins Krankenhaus. Ich war nur leicht verletzt. Ich ging zurück, um den anderen zu helfen, die unter den Trümmern lagen. Aber wir konnten nichts tun, denn es fiel eine neue Fassbombe, die mich hierher brachte.

Bei Amers Worten liefen stumme Tränen über Oumaimahs Gesicht. Unablässig küsste sie ihren Mann, während sie seine Schultern mit ihren Tränen tränkte. Sie blieben ineinander verschlungen, bis sie hinter sich Farid erblickten.

– Mama, ich wusste, dass wir nicht in Deutschland sind.
– Farid, mein Schatz!
– Hast du keine Angst vor Gott, Mama? Willst du in die Hölle kommen und mich allein zurücklassen? Ist das das Paradies, Papa? Gibt es nur uns und Kinder aus unserem Viertel und die Nachbarn im Paradies?
– Farid, du hast geschlafen, als wir …
– Als ich starb, richtig? Warum haben wir Gott immer noch nicht gesehen, Mama? Wir sind schon so lange hier. Ist Gott das egal?
– Farid, sei jetzt still bitte.
– Ich werde von Gott verlangen, dass er mir Deutsch beibringt. Ich werde ihm von den Mig und F16 erzählen. Ich werde ihn fragen, ob er auch solche Flugzeuge hat. Ich werde ihm von der Angst meiner Schwester erzählen, als sie die amputierten Beine unseres Nachbarn auf der Straße liegen sah. Und von den gebrochenen Beinen meiner Schwester und dem Blut auf ihrem Gesicht, von dem Krankenwagen, den Fassbomben und dem Ort, wo meine Schwester jetzt ist. Ich verspreche euch, dass ich ihm alles erzählen werde.

Farid entfernte sich von seinen Eltern und verschwand in einer Menge von Kindern, bis er nicht mehr zu sehen war. Da bildete sich aus Gesichtern der Kinder eine Wolke, die in den Himmel emporstieg, bis es Tränen regnete.