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Die Türen sind Gefangene

Abdullah Alqaseer
Bild zum Text von Abullah Alquaseer von Hala Namer (2019)
Bild: Hala Namer (2019)

Auszug aus dem Roman „Gebrauchte Alpträume“ (2018)

Auf dem Weg in die Gegend des Kabbas-Kreisverkehrs in Damaskus, zu den Läden, die mit gebrauchten – aus Plünderungen stammenden – Möbeln handelten, kamen mir schwere Gedanken. Es war noch nicht lange her, da war diese Autobahn wegen der Kampfhandlungen für geraume Zeit unterbrochen gewesen. Bei genauem Hinsehen konnte man an der Böschung, die beim Bau der Autobahn aufgeworfen worden war, mehrere Fahrzeuge bemerken, die von der Straße abgekommen und auf dem Dach oder auf der Seite liegen geblieben waren. Sie stammten aus der Zeit, als immer mehr Scharfschützen auf die Vorüberfahrenden Jagd gemacht hatten; andere Autos waren getroffen worden, als sie zufällig zu Beginn einer neuen Gefechtsrunde hier vorbeigefahren waren.

Unter diesen teils verstörenden, teils bangen Gedanken erreichte ich schließlich die Geschäfte und erblickte eine große Menge gestohlener Möbel sowie Türen in diversen Arten und Größen, alle noch in ihrem Rahmen, der üblicherweise in der Wand befestigt ist. Und an jedem Türrahmen haftete noch ein Stück der Mauer, die ihn einmal beheimatet hatte. Hier und da hing noch ein Rest Zement, ein Überbleibsel der Steine oder des Putzes, mit dem die Wände gewöhnlich überzogen waren und auf dessen Oberfläche sich noch Rückstände der Farbe, die man für das jeweilige Zimmer ausgewählt hatte, oder ein Fetzen Tapete erhalten hatten.

Für Haustüren, hölzerne und eiserne, gab es in manchen Gegenden nun sogar spezielle Läden. Für mich waren diese Türen Wachtposten, die man im Kampf gefangen genommen hatte wie Soldaten, die ihr Land gegen den Überfall eines bösartigen Besatzers nicht hatten verteidigen können. Ihnen war von ihren Eigentümern Unrecht geschehen, denn sie waren allesamt dafür ausgebildet worden, den Angriff eines gewöhnlichen Diebs oder einer Einbrecherbande abzuwehren, die ins Haus eindringen wollte, um zu stehlen, was von geringem Gewicht und großem Wert war, oder sich schlimmstenfalls einem Entführer oder Kriminellen entgegenzustemmen. Einbrechern, die die Schlösser herauszogen, sich listenreich die Schlüssel aneigneten oder Werkzeuge und Schlüssel verwendeten, die mehrere Sprachen beherrschten und daher in der Lage waren, sich mit den verschiedensten Riegeln und Schlössern leicht und flüssig zu verständigen. Für die Konfrontation mit einem Panzer aber oder einem Fahrzeug mit russischen Maschinengewehren, mit gepanzerten Wagen oder schwerbewaffneten Soldaten waren sie weder ausgerüstet noch qualifiziert. Ein Gedanke ist für die Kultur jener Türen grundlegend: Häuser sind nicht allein durch Schlösser gesichert, sondern auch durch die Nachbarhäuser – durch Augen, die nicht den Hausbesitzern gehören, Augen hinter einem gegenüberliegenden Fenster, auf einem Balkon, der alles überblickt oder sich in einer Parallelstraße befindet. Durch die Blicke des Nachbarn auf den Nachbarn, und sei es aus der Entfernung von mehr als sieben Häusern, wie man sagt. Doch dass das Viertel als Ganzes, ja, dass alle benachbarten Viertel oder sogar nahezu sämtliche Bezirke der Stadt geplündert wurden, ohne dass irgendein Auge im Himmel oder auf Erden, das des Schauspiels ansichtig wurde, sich darum gekümmert hätte: Davon waren die Türen und ihre Eigentümer überrumpelt worden.

Die Haustüren standen in nebeneinander angeordneten Gruppen, eine hinter der anderen schräg an die Wand gelehnt, und verströmten die Frustration überwundener Wachtposten. Die Innentüren dagegen mit ihren bunten Farben, in ihrer Gefälligkeit und Glätte kamen mir wie Frauen vor, die gefangengenommen worden waren und nun auf dem Sklavenmarkt feilgeboten wurden. Da gab es Küchentüren, die man aus den appetitlichen Düften der Damaszener oder Aleppiner Speisen gerissen hatte, Badezimmertüren, die alle Eigentümlichkeiten der nackten Körper ihrer Besitzer im Gedächtnis bewahrten, Kinderzimmertüren, die viel Lärm hatten ertragen müssen und oft, als Zeichenblöcke der Kleinen genutzt, auf ihrem glatt polierten Holz verschiedene Farben, Zeichnungen, Schmierereien und Schokoladenreste aufwiesen.

Dazu Schlafzimmertüren, die sämtliche Geheimnisse ihrer Besitzer bargen: Liebe, Intimitäten, Entjungferungen, Misshandlungen von Frauen, Bauchtänze, Ehestreitigkeiten, Betrug, Homosexualität, große Spiegel über den Betten, Stöhnen, Schwängerungen, Coitus interrupti.

Der Mensch hat das Alphabet erfunden, um kommenden Generationen von seinen Geschichten, Leistungen, Kenntnissen und Erfahrungen zu berichten, um seine wahre oder erlogene Historie niederzulegen. Und hier hatte ich nun ein neues Alphabet entdeckt. Diese Leute, deren Häuser man zerstört und geplündert hatte und von denen eine kaum bezifferbare Zahl getötet worden war – verdienten sie es nicht, dass sich jemand für sie interessierte?

„Betrachte dich bitte als Frau eines Archäologen“, sagte ich einmal zu meiner Frau, „eines Archäologen, der allerdings nicht Könige und ihre Statuen erforscht und der die Geschichten von Armeeführern, von Staaten- und Reichsgründern nur im Hinblick darauf wiedergibt, wie diese mit den einfachen, normalen Leuten umgegangen sind.“

Etwa hundert Seiten, das heißt ungefähr die Hälfte meines Heftes, waren bereits mit den Biografien der ursprünglichen Eigentümer des Diebesguts vollgeschrieben, mit ihren Leiden und letzten Augenblicken. Nach Umm Salims Erzählung hatte ich mehrere Seiten freigelassen, in der Hoffnung, sie einmal fortsetzen zu können, falls ich ihr Bett finden sollte. Wollte man jedoch sämtliche Geschichten festhalten, müsste man meines Erachtens ganze Wälzer verfassen, denn zu berücksichtigen waren: das Zubehörset einer Motorsäge, die seit drei Jahren nicht mehr in Gebrauch war, seit nämlich ihr Eigentümer, Inhaber der Schreinerei, entführt worden war, ohne dass irgendeine Information darüber vorläge, ob er noch lebte oder tot war; Laserdiscs von einer Hochzeit auf dem Dach des Hauses der Bräutigamsfamilie, bei der die Eingeladenen zu Liedern aus den Neunzigern tanzten, die heute keiner mehr hört; die Satellitenschüssel eines FC-Barcelona-Fans, der alle Spiele der spanischen Liga verfolgte und für Lionel Messi schwärmte; der Wäscheständer einer Frau, die davon träumte, einen kleinen Balkon zu besitzen; Schlafzimmervorhänge, deren Eigentümer hinter jedem Fenster der fernen Häuser gegenüber seiner Wohnung einen jungen Mann mit Fernglas vermutete, der dort stand, um seine Privatangelegenheiten auszuspähen; mehrere BHs einer Frau, der man die rechte Brust abgenommen hatte und die sich im Al-Bairouni-Hospital Untersuchungen der linken Brust unterzog; das Fotoalbum einer Familie, deren Füße seit dem Aufnahmedatum der Bilder über keinen Strand mehr gelaufen waren; ein Kochtopf aus einem unter Blockade stehenden Gebiet, in dem seine Besitzer mehrmals die Blätter von Bäumen gekocht hatten, weil es sonst nichts Essbares mehr gab; ein Täfelchen mit dem Thronvers aus dem Koran, geschrieben von einem Kalligrafen, der sich mit Photoshop nicht auskannte und ungeduldig auf die Wahlen für den Volksrat und die Lokalparlamente wartete, um zur Beschriftung solcher Täfelchen und in diesen beinahe ausgestorbenen Beruf zurückkehren zu können; zwölf kostbare Kaffeetassen einer Frau, die behauptete, daraus die Zukunft eines jeden lesen zu können, der zu ihr kam, und die den Leuten stets erklärte: „Es geht bergauf“; ein Dutzend rote Manchester-United-Trikots aus der Wohnung eines Trainers der Fußballmannschaft eines armen Viertels – deren Spieler teils getötet, teils verhaftet worden, teils außer Landes geflohen waren, während andere für die Armee des Regimes und wieder andere für islamische Milizen kämpften …

– Eine Sprachnachricht an Lou OttensLesenتسجيل صوتي إلى (لُو أوتنس)
– Eine Lüge namens DeutschlandLesenكذبة اسمها: ألمانيا

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