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Die Puppe

Atefe Asadi
Bunte Zeichnung mit Figuren und Puppen. Copyright Tirdad Hashemi
© Tirdad Hashemi, I was just a puppet and you gave me breath, 29 x 40 cm, mixed media (2025)

Text anhören, vorgelesen von Melika Foroutan:

Chrosrau erwachte in aller Frühe. Mit einem Mal war ihm klar, dass er Puppen sammeln musste, um weiterzuleben. An diesem Morgen putzte er sich nicht die Zähne. Starrte nicht wie sonst sein Gesicht im Spiegel über dem Waschbecken an. Ließ die frischgesprossenen weißen Bartstoppeln stehen. Wünschte nicht einmal Firouze einen guten Morgen, die auf der anderen Seite des Schlafzimmers in ihrem Bett saß und sich wie immer die schlaftrunkenen Augen schwarz umrandete. Er zog seinen schwarzen, ihm stets um den Körper schlackernden Anzug an und verließ das Haus. Die Läden in der Nachbarschaft würde er zuerst ablaufen. Doch in der Kleinstadt, in der Chosrau und Firouze lebten, gab es kein einziges Puppengeschäft. Soweit das Auge reichte, nichts als graue Gebäude von derselben Größe, die sich bis in die Unendlichkeit zu erstrecken schienen; gleichförmige Gebäude, in denen Rentner und Rentnerinnen lebten, die sich ebenfalls alle mehr oder weniger ähnelten.

In den ersten Tagen kaufte Chosrau jede Puppe, die er kriegen konnte, und brachte sie nach Hause. Von Barbiepuppen mit ihren starren, freudestrahlenden Augen über wimpernklimpernde Porzellanpuppen, solche aus Hartplastik mit beweglichen Armen und Beinen, Puppen, die lachen oder weinen, wenn man ihnen auf den Bauch drückt, bis hin zu den kleinen, billigen Plastikpuppen, die man in einer schmalen Box zu zwölf Stück kaufen kann. Einmal stieß er unterwegs auf einen alten Straßenverkäufer, dem er sämtliche Häkelpuppen abkaufte, die dieser auf seiner Auslage zum Verkauf angeboten hatte, und während der alte Mann ihn mit einem Lächeln voll Güte und Kummer ansah, warf er sich den Sack mit den Puppen auf den Rücken und machte sich auf den Weg nach Hause.

So kehrte Chosrau jeden Abend mit einem ganzen Haufen Puppen zurück und brach gleich am nächsten Morgen wieder auf, um neue zu finden. Schon bald war im Haus kein Platz mehr, sich um die eigene Achse zu drehen. Sämtliche Wände der kleinen Wohnung waren mit Puppen tapeziert, den Fußboden bedeckten sie wie ein Teppich, viele waren nicht einmal ausgepackt. Chosrau betrachtete die Puppen bloß einige Sekunden lang durch die Plastikfolie, dann wurden die Boxen in irgendeinem Winkel des Hauses verstaut. Auch auf dem Zweiersofa, dem einzigen in der Wohnung, saßen einige große und kleine Puppen nebeneinander. Auf Chosraus und Firouzes Betten war bald kein Platz zum Schlafen mehr, sie verschwanden unter einem Puppenberg, der nur bei genauem Hinsehen noch eine Ecke des knittrigen Bettbezugs freigab. Das Geschirr in den Küchenschränken, die im Schrank hängenden Kleider und selbst die Lebensmittel im Kühlschrank versanken in der Masse an Puppen. Das Haus wurde nach und nach in einen Puppenfriedhof verwandelt. Sie hatten alles Territorium eingenommen.

Für die täglichen Ausgaben und den Kauf all der Puppen reichte Chosraus monatliche Rente nicht aus. Firouze zog das Geld aus dem Büstenhalter, das sie dort für den Notfall zwischen ihren großen Brüsten versteckt hatte, und gab es dem unruhigen Chosrau, der neue Puppen kaufen musste. Keiner von beiden verlor ein Wort, als hätten sie einen ungeschriebenen Vertrag des Schweigens geschlossen. Als das Geld aus dem Büstenhalter sich dem Ende zuneigte, war es an der Zeit, das Gold zu verkaufen. Erstmals seit Jahren legte Firouze ihre Kreolen ab. Aus dem Schmuckkästchen nahm sie die Kette mit dem Anhänger, die Chosrau ihr in der Hochzeitsnacht um den Hals gelegt hatte. Sie brachte sie zu den Goldhändlern auf dem Basar und kam mit Geld und ohne Gold zurück. Dann ging sie zu Chosrau, der in seinem schwarzen Anzug in einer Ecke der Wohnung versunken war und in die Puppenmasse starrte. Sie schloss ihn in den Arme, drückte den mageren Körper an sich und legte ihm schweigend das Geld in die Hand.

Eines Tages, als Chosrau draußen in ihrem Abstellraum nach einem Platz für die neuen Puppen suchte, fand er zwischen ausrangierten Haushaltsgeräten und alten Möbeln eine Puppe aus schmutzigem und zerrissenem Stoff. Mit einem Mal sah er sich in Chatunskleinem Nähzimmer. In einer Ecke des Zimmers sitzt seine Schwester in der taillierten blauen Tunika und der passenden Hose mit weitem Bein, die sie gerade für sich genäht hat, und versieht den Rand eines Kopfüberwurfs mit Pailletten. Ein kleiner Junge in einem feinbestickten langen Rock kommt in das Zimmer gelaufen, wirft sich ihr in die Arme und bricht in Tränen aus. Von draußen hört man die Mutter schimpfen:

„Dieses Mal kriegst du den heißen Löffel auf den Handrücken!“

Chatun wischt die Tränen des Jungen mit dem Ende ihres Tuchs fort und ruft zurück: „Nane, ich nähe einen Rock für die Nachbarstochter! Ich habe Chosrau gesagt, er soll den Rock anziehen, damit ich die Längen überprüfen kann. Die beiden haben doch ungefähr dieselbe Statur!“

„Dein Vater würde sich im Grab umdrehen, wenn er sähe, dass du deinen kleinen Bruder in einen Rock gesteckt hast! Willst du etwa, dass er zum Gespött der Leute wird?!

Chatun drückt dem Kind einen Kuss aufs Haar. Dann zieht sie ihm den Rock aus und seufzt. Chosrau, sagt sie, wie oft hab ich dir schon gesagt, du darfst auf keinen Fall rausgehen in dem Rock! Dass du dich nicht den anderen zeigen darfst! Wie oft hab ichs gesagt? Das Kind hat sich noch immer nicht beruhigt und vergräbt den Kopf in Chatuns Schoß. „Abtschi, alle Kinder auf der Straße haben über mich gelacht! Abtschi, sei du nicht böse auf mich, ja? Sei nicht böse, bitte!“

„Die anderen sollten sich schämen, dass sie über dich gelacht haben. Trotzdem bin ich natürlich böse auf dich, du mit deiner Watte in den Ohren!“

Abtschi, bitte nicht böse sein, nicht böse mit mir sein, Abtschi! Ich will lieb sein und ab jetzt immer hören. Näh mir die Duhtuluk … du nähst mir doch noch die Duhtuluk?

Chatun hält einen Moment inne und schaut dem Kind in die verweinten Augen. Dann lächelt sie und tritt an ihre Truhe. Sie holt ein Stück weißen Tetronstoff daraus hervor und wirft ihn auf den Boden. Mit der Schneiderkreide zieht sie einen groben Umriss auf den Stoff. Das Kind klammert sich fest an das Knie der großen Schwester und betrachtet Schritt für Schritt die Entstehung seiner Duhtuluk. Chatun schneidet mit ihrer rostigen Eisenschere den Umriss entlang und näht mit feinen, festen Stichen die beiden Hälften sorgfältig aneinander. Sie stopft die Puppe mit Baumwolle aus und umwickelt sie mit einigen Stoffstreifen, die von einem Tuch übriggeblieben sind. Dann greift sie in ihre Tunika, holt verstohlen einen Lippenstift hervor und färbt die Wangen der Puppe rot. Sie legt dem Kind die Puppe in den Arm. „Hier hast du sie“, sagt sie leise, „aber du musst gut aufpassen; Wenn Nane etwas davon erfährt, bin ich dir böse für immer!“

„Ich schwöre es dir“, sagt das Kind, „ich schwör bei Gott, dass Mama nichts erfahren wird. Abtschi, wieso hat die Puppe keine Augen?“

Chatuns Nähzimmer verschwand und Chosrau stand wieder im vollgerümpeltenAbstellraum. Er hob die Puppe auf und nahm sie mit sich ins Haus. Firouze steckte sie in die Waschmaschine, Chosrau föhnte sie trocken. Vorsichtig trennte Firouze die alten Bauchnähte der Puppe auf. Chosrau holte die vergilbte Baumwolle aus dem Bauch und füllte den grobschlächtigen, rechteckigen Körper mit neuer weißer. Firouze versah den Körper der Puppe auf beiden Seiten mit neuen Nähten. Was jahrelang tot gewesen war, erwachte zu neuem Leben. Chosrau setzte die Duhtuluk auf die Spitze des Puppenbergs, dann streckte er sich auf dem Boden inmitten der Puppen aus. „Wir müssen noch Platz schaffen für die Puppen von morgen“, sagte Firouze, „ich gehe und räume die Küchenschränke aus.“ Chosrau starrte das augenlose Gesicht seiner Duhtuluk an, die hoch oben auf den anderen Puppen thronte, und lächelte. „Nicht nötig“, sagte er. Firouze hielt einen Moment inne. Dann ging sie ins Schlafzimmer und kam mit ihrer Kajaldose zurück. Der Puppe malte sie zwei Punkte auf, an die Stelle der Augen.    

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