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Tricks und Kniffe für das Beisetzen eines Apfelbaumsetzlings im eigenen Garten

Atefe Asadi

 

© Safya Bakhtyari, Apple Tree, Acryl auf Papier (2023)

Ihr Vater war überzeugt, es sei besser, eine höhere Schicht im Blumenbeet zu wählen; im Winter, wenn die Erde in der Tiefe gefror, würden sonst die Wurzeln gereizt und die Blüten des Baumes gingen im Frühling ein. Deswegen seien die oberen Erdschichten die bessere Wahl; sie würden die Blüten vor der Verkühlung und dem Abfallen schützen. Ihren Bruder aber überzeugte das nicht, er war sich im Gegenteil sicher, dass die Frage nach der Höhe oder Tiefe im Beet und die Angelegenheit mit dem Früchtetragen vorerst nicht so wichtig seien und sie lieber zusehen sollten, dass sie die Wurzeln vernünftig in die Erde setzten, damit der Setzling sich richtig festwuchs, einen guten Stand bekam und nicht wackelte an seinem Platz, so dass sie am Ende nicht wüssten, wohin mit seinen trockenen Überresten. Ihre Mutter hatte gemurrt, dass eigentlich das Früchtetragen doch sehr wohl eine wichtige Sache sei und wenn der Baum nicht die richtige Erde hätte, würden seine Blätter klein geraten und die Früchte unreif und vor ihrer Zeit abzufallen beginnen. Dann war sie losgegangen, um im Keller Schaufel und Spitzhacke aufzutreiben. Alma selbst lag langgestreckt auf dem Boden neben dem Beet und wartete ab, was sie mit ihr vorhatten. Ein kleines Blutrinnsal hatte von der Seite ihres Kopfes aus den Weg über die rautenförmigen Linien des Fliesenmosaiks genommen und war bis an den Treppenabsatz zum Keller gelangt. Ihre Hand lag auf ihrem Bauch, noch immer zur Faust geballt, so wie in dem Augenblick, als sie ihr den Brief aus der Hand reißen wollten und sie versucht hatte, das Papier zu zerknüllen und runterzuschlucken, aber nicht konnte. Der Vater war urplötzlich aufgetaucht, hatte ihr den Brief mit Gewalt aus der geballten Faust gezogen und Richtung Himmel gebrüllt. Er trug keinen Absender, der Brief. Eine Faust voll Liebeszeilen war das und der Text eines Gedichts, unter dessen romantischten Verse mit einem roten Kugelschreiber zwei kräftige Linien gezogen worden waren und neben den zwei Linien, in krummen und schiefen Klammern, stand noch einmal betont: Wichtig! Ihr Baba hatte sich keinen Reim auf das Gedicht und jene roten Linien machen können, er war nicht einmal in der Lage gewesen, den Brief bis zu Ende zu lesen. Erst als er beim Glätten des zusammengeknüllten Briefpapiers das Geräusch eines farblosen Kusses hörte, den der Absender darauf hinterlassen hatte, da hatte er Rot gesehen, röter als die Linien in dem Brief, und den Verstand verloren. Dann war er gegangen, sich mit dem Bruder zu beratschlagen, und die beiden waren zu dem Ergebnis gekommen, dass jetzt, zu diesem Zeitpunkt, die beste Lösung sei, einen Baum zu pflanzen. Ihre Mutter war ebenfalls einverstanden und befürwortete, ihn hier, in ihrem eigenen Garten einzupflanzen, statt in einem x-beliebigen Winkel, so hätten sie ihn zum einen direkt vor Augen, zum anderen könnten ihnen die Früchte und der Sauerstoff, die er erzeugte, nützlich sein. Hätten sie Alma nach ihrer Meinung gefragt, sie hätte sicher ebenfalls dem heimischen Garten den Vorzug gegeben; aber weder fragte sie jemand nach ihrer Meinung, noch wäre sie in der Lage gewesen, über solche Dinge nachzudenken. Sie war noch immer benommen und versunken in die Rückschau der letzten Augenblicke. Hundert Mal hatte sie dem Jungen gesagt, er solle keine klingenden Küsse auf dem Papier hinterlassen, denn einmal würden Vater und Mutter oder ihr Bruder sie hören und sie ins Unglück stürzen, aber der Junge hatte nicht gehört und jetzt hatte der Klang eines gedehnten, männlichen Kusses auf dem Papier dazu geführt, dass Alma so langgestreckt dort neben dem Beet lag.

Ihr Vater kam und setzte sich an Almas Füße, nahm die Knöchel beider Beine, die von kleinen, flaumigen Härchen überzogen waren, in seine Hände, musterte sie und sagte zu ihrem Bruder, er solle die Schaufel nehmen und ein Loch in den Garten graben, mit dem doppelten Durchmesser der Knöchel dieser Beine. Dann ließ er Almas Füße wieder runter, auf die Mosaikfliesen, und ging los, den heißen Tee, den die Mutter eingeschenkt hatte, vom Rand der Veranda zu holen und zu trinken, damit die Erschöpfung aus seinem Körper wich. Ein, zwei Stunden lang war er damit beschäftigt gewesen, das Unkraut ringsherum im Garten herauszuziehen, und Alma konnte aus den tiefen Linien in seinem Gesicht, die in dem Licht kurz vor Sonnenuntergang noch tiefer erschienen, schließen, dass er mächtig müde war und der Rücken ihm wehtat. Sie drehte ihren Kopf zur Seite und folgte dem Rinnsal ihres Blutes Richtung Keller. Ihre Mutter saß auf der ersten Stufe des Treppenabgangs, ihr Gesicht war dem Innenhof zugewandt. Als sie Almas starren Blick sah, fing sie an zu schimpfen: „Schau mich nicht so an, Liebling. Es liegt doch nicht in meiner Hand. Es ist nun einmal zum Besten so.“

Der Bruder, ein Auge bei den mageren Knöcheln an Almas Beinen, das andere bei der Grube im Garten, die mit jedem Moment größer und größer wurde, sagte schwer atmend: „Ist doch gut für dich, so direkt vor unseren Augen. Mama achtet darauf, dass du gegossen wirst. Wir hatten keine andere Wahl. Würden wir dich in irgendeinem toten Winkel einbuddeln, würde dir das etwa gefallen?“ Ihre Mutter setzte der Frage des Bruders hinterher: „Du hast geradezu Glück gehabt, dass wir Frühling haben. Wäre Winter, müssten wir uns mit dem Frost herumschlagen und alle Mühe wäre umsonst. Nicht wahr?“ Der Vater stellte sein leeres Teeglas auf dem Rand der Veranda ab, nickte zur Bekräftigung und sagte: „Dieses Stück des Gartens bekommt auch reichlich Sonne ab, gut für sie.“ Dann ging er in den Keller. Alma wusste, dass er jetzt wohl mit einem Sack Mulch wieder heraufkäme. Sie wollte sich etwas aufrichten und hinsetzen, konnte aber nicht. Ihr war, als sei ihr Körper dabei, sich auf den warmen Mosaiksteinen des Innenhofs aufzulösen. Ihr Bruder wischte sich den Schweiß von der Stirn und rief laut: „Herr, lieber Herr Vater, komm und schau, gut so? Genauso groß, wie du gesagt hast, auch schön tief hab ich’s gemacht.“ Ihr Vater kam keuchend mit einem Sack Mulch zurück nach oben, warf einen Blick auf das Loch im Garten und nickte zustimmend: „Ja, sehr gut. Komm, fass mit an jetzt.“

Zu dritt hoben sie Alma an und pflanzten sie in den Garten. Ihr Bruder versenkte seine Arme bis zu den Ellenbogen in der Erde, seine Finger erreichten Almas Zehen und drückten sie mit ganzer Kraft in den Grund, dass die Wurzeln sich tüchtig in der Erde verankerten und der Baum einen guten Stand bekommen würde. Nachdem sie Alma eingepflanzt hatten, riss der Vater den Mulchsack an einer Ecke auf und verstreute rings um sie herum einige Hände voll davon. Dann fasste die Mutter weinend Almas Arme von beiden Seiten, brachte sie in Astform und fixierte sie in der Luft. Almas geschlossene Faust, die darum gerungen hatte, den Brief zu verstecken, und in dieser Form erstarrt war, wurde zu einem jungen Zweig mit fünf trockenen Trieben schief und krumm an seiner Spitze. Sie fühlte, wie ihre Haare sich in feine grüne Blätter verwandelten und ihren Kopf und Nacken bedeckten. Die Feuchtigkeit in den Tiefen der Erde kitzelte ihre Zehen, aber sie konnte sich nicht regen und ihre Zehen an eine wärmere Stelle bringen. Ihr war, als würde sich auch ihre Haut verdicken und die Farbe wechseln. Als der Baum gepflanzt war, setzten die drei, Vater, Mutter und Bruder, sich müde und erdig auf die Stufen der Veranda und begannen, Alma zu betrachten. Der Bruder fragte: „Was, wenn sie keinen guten Stand bekommt?“

Der Vater antwortete: „Das wird sie. Vielleicht früher, vielleicht später, aber sie wird.“

Die Mutter erhob sich von ihrem Platz, griff nach Reisigbesen und Wasserschlauch und nahm die blutigen Mosaikfliesen im Innenhof in Angriff. Alma sah, wie der Wasserstrom das zusammengeknüllte Papier des Briefs in Richtung des Abflusses im Hof gondeln ließ und der klingende Kuss des Jungen im Abfluss verstummte. Dann verringerte die Mutter den Wasserdruck und ließ den Schlauch in den Garten sinken, um Almas junge, frisch gewachsene Wurzeln zu wässern; anschließend ging sie ins Haus, um für ihren erschöpften Sohn und den Ehemann neuen Tee aufzusetzen. Der Bruder fragte noch einmal: „Aber was, wenn nicht? Das wäre wirklich schlecht für uns.“

Almas Augen, die sich in ihren hölzernen Lidern zu verhärten begannen, kullerten, zeitgleich mit den müden Augen des Vaters, schwerfällig in Richtung der Betonwand des Innenhofs und blieben auf einer Laubsäge ruhen, die dort an einem Nagel hing.

 

– Die rote TascheLesen
– Die TätowierungLesenخالکوبی
– Der KellerLesenزیرزمین

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