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Der Keller

Atefe Asadi

 

© Ahmad Barakizadeh, Kein Titel, Zeichnung: Filzstift auf Papier

Es war geplant, dass Shahin die Zeit nutzt, in der Haji fort ist, um mit ihren Nägeln zur Polizei zu gehen, und jetzt fängt mein Körper plötzlich an zu jucken. Ich stehe vom Tisch auf und gehe zum Spiegel. Ich ziehe mein T-Shirt hoch und sehe, dass inmitten meiner Brusthaare einige kleine rote, entzündete Pickel zum Vorschein gekommen sind. Das sind die Nerven. Seit drei Tagen ist die Miete fällig und Alavi hat mich mit seinen Anrufen ganz mürbe gemacht. Ich muss nach einer neuen Arbeit suchen. Literatur bezahlt keine Rechnungen, kommt nicht für die Miete auf und besänftigt auch das Gebrüll des Vermieters nicht. Mit Literatur lässt sich ein kleines Sandwich kaufen oder eine Flasche Milch. Vielleicht hatte mein Vater recht, der, als ich damals als Kind sagte, ich möchte Schriftsteller werden, lachte und meinte, Schriftstellerei sei kein Beruf, sondern Narrenspiel. Such dir eine gut bezahlte Arbeit als Handwerker! Ich kratze um die Pickel herum und kehre an den Tisch in der Küche zurück. Shahin hat zwei ihrer Nägel vom Kellerfußboden aufgelesen, sie in den breiten Saum ihres Kopftuchs gelegt und darin festgeknotet, sich die Treppenstufen hinaufgeschleppt und den Flur erreicht. Sie ist gerade dabei, benommen nach ihrem Geldbeutel zu suchen, als sie mitten auf Seite vierunddreißig zu Boden stürzt.

Auf der Tastatur sind einige der Tasten ganz ölig. Ich wende den Kopf und schaue zu dem schmutzigen Geschirr in der Spüle, aber ich kann mich nicht erinnern, was für einen Fraß ich gegessen habe, dass die Tastatur so vollgeschmiert ist. Ich nehme ein Taschentuch und wische hastig über die Tasten, dann mache ich weiter.

Shahin richtet sich benommen wieder auf und schleppt sich gekrümmt in die Küche. Sie hat einen Bluterguss auf der Stirn und taumelt. Sie macht sich ein Glas Zuckerwasser und führt es mit zitternden Händen an die Lippen. Dann verkrampfen sich ihr Magen und ihre Eingeweide und der Geschmack von Zucker und Blut, das auf ihren Lippen getrocknet ist, vermengt sich in ihrem Rachen mit dem Geruch von Hajis Händen. Sie übergibt sich mitten in die Küche, dann sucht sie weiter nach ihrem Geldbeutel. Wo ist er nur?

Ich wähle die Suchoption aus, tippe „Geldbeutel“ ein und gelange zu Seite achtundzwanzig. In der Ecke des Flurs kauert Shahin unter einem schwarzen Tschador und weint. Haji, der mitten in der Wohnung steht, schiebt seine Hand in Shahins Geldbeutel, zieht einen Schlüsselbund, Bankkarten und einige Zehntausendtoman-Scheine daraus hervor und lässt sie in der Tasche seiner weiten Hose verschwinden, die auf einem Kleiderbügel hängt. Dann schleudert er den Beutel von dort aus ans Ende des Schlafzimmers. Der Beutel dreht eine kleine Runde in der Luft und fällt hinters Bett. Also selbst wenn Shahin sich jetzt aufraffen könnte, alles absuchen, und den Beutel am Ende finden würde, würde es ihr nichts bringen.

Ich kehre zu Seite vierunddreißig zurück und schreibe für Shahin ein paar Verstecke hinein, an denen sie Geld für den Notfall hinterlegt hat. Das Jucken auf meiner Brust macht mich wahnsinnig. Ich sollte die Gelegenheit nutzen und ein paar Leute anrufen und Alavis Miete beschaffen, auf welchem Weg auch immer. Shahin geht an eines ihrer Verstecke unter der Spüle und findet gerade genug Geld für ein Privattaxi. Dann zieht sie sich den Tschador über den Kopf und geht aus dem Haus bis an den Anfang der Gasse und da würde sie dem Fahrer des ersten Taxis, das ihr begegnet, sagen, Privatfahrt bitte. Aber woher hat sie den Schlüsselbund?

Gereizt stehe ich auf und gehe in mein Zimmer, um die Dose mit der Feuchtigkeitscreme aufzutreiben. Ich ziehe mich aus und fette meine ganze Brust damit ein und kehre wieder an den Tisch zurück. Die Tasten des Laptops sind schon wieder fettig.

Seite fünfunddreißig ist vollkommen leer und Shahin steht wieder mitten in der Küche und übergibt sich. Zur Hölle mit diesem alten Laptop, der schon abschmiert, wenn er mal vier Zeilen speichern soll. Tausendmal schon hat er verschwinden lassen, was ich geschrieben hatte. Ich schreibe die Szene mit dem Zuckerwasser und dem Versteck noch einmal und füge noch hinzu, dass Haji den Schlüsselbund vorne auf dem Schuhregal liegengelassen hat. Dann ärgere ich mich über mich selbst, dass ich nicht einmal in der Lage bin, die Charaktere so zu zeichnen, dass sie den Scharfsinn des Lesers nicht beleidigen. Ein brutaler Mann von Hajis Schlag, der seiner Frau aufgrund eines Verdachts Handy, Geld und Schlüssel abnimmt, sie im Keller einsperrt, ihr mit einem Rollgabelschlüssel auf den Kopf schlägt, ihr eine Stecknadel unter den Fingernagel schiebt und dann ein Feuerzeug darüber hält, um den Namen ihres Liebhabers aus ihr herauszubekommen, wie kann der plötzlich dermaßen einfältig sein, dass er so etwas Wichtiges wie den Schlüsselbund an einer so exponierten Stelle liegenlässt?

Neben der Sache mit Shahins Untreue, dem zentralen Knoten der Geschichte, den ich am Ende entwirren will, hat die Erzählung hier eine große Leerstelle, über die ich nachdenken muss. Vielleicht sollte ich doch noch etwas mit dieser Rollgabelschlüssel- und Prügelszene anstellen. Würde ich in einer Geschichte lesen, dass der Schlag mit einem Rollgabelschlüssel auf jemandes Kopf die Person nicht einmal ohnmächtig werden lässt, käme mir das wenig schlüssig vor und ich würde es beanstanden. Warum also schreibe ich selbst so einen Müll?

Ich lasse Shahin ans Ende der Gasse zurückkehren. Sie hebt eine Hand, um ein Taxi zu rufen. Der Tschador ist ihr auf die Schultern gerutscht. Hajis Geschäft liegt eine Gasse höher und es könnte jederzeit passieren, dass entweder er selbst sie entdeckt oder sein schnüffelnder Gehilfe, der ihn sofort benachrichtigen würde. Shahin hatte angenommen, dass hier immer viel los sei, aber jetzt, wo sie es eilig hat, kommt nicht einmal ein privates Auto vorbei, geschweige denn ein Taxi. Endlich bremst ein weißer Samand vor ihr. „Privatfahrt!“, sagt Shahin nur und wirft sich in den Wagen; zwei Minuten später steigt sie vor der Polizeiwache aus. Die Sonne geht gerade unter und färbt die Atmosphäre rötlich. Shahins Knie schwächeln.

Mein Handy klingelt. Ich gehe in den Flur und nehme es vom Tisch. Schon wieder Alavi. Ich beginne, die Sache mit meiner Entlassung zu erzählen, mit sämtlichen Schwüren und Beschwörungsformeln, dass ich bis zum Wochenende alles geregelt haben werde. Während Alavi noch brüllt und schreit, lege ich auf und gehe zurück in die Küche. Der Geruch von Hydrauliköl steigt mir in die Nase. Ich werfe einen Blick auf die Tastatur, die schon wieder vollgefettet ist. Ich wische mit meiner Hand darüber und halte mir die Finger an die Nase. Hinter mir höre ich jemanden schwer atmen. Ich drehe mich panisch um und sehe Haji. Er hat den Overall an, den er immer zur Arbeit trägt und dessen blaue Farbe unter den kleinen und großen Ölflecken nur noch schwer auszumachen ist. Er kratzt sich den grauen Schnauzbart und sagt:

„Also, junger Mann. Finger weg von diesem Leben. Lass mich dieser Hure geben, was sie verdient!“

Meine Lippen zittern. Ich weiche einen Schritt zurück. Ich schäme mich, wie ich da so entblößt vor ihm stehe. Ich schaue auf die große quadratische Tasche vorne an seinem Blaumann und sehe die Wölbung des Rollgabelschlüssels, den er immer darin trägt. Himmel nochmal, ich hatte ja noch nicht einmal einen Mechaniker aus der Nähe betrachtet, um zu überprüfen, ob es überhaupt Sinn macht, ihm ständig einen Rollgabelschlüssel mit so einem Gewicht in die Tasche seiner Arbeitskleidung zu legen. Zur Hölle mit mir. Wenn ich mich nur wieder an den Tisch setzen und den Rollgabelschlüssel aus Hajis Tasche löschen könnte. Ich schlucke und sage:

„Die Sache ist nicht so, wie Sie denken, werter Haji. Vielleicht können wir uns eine Minute setzen und miteinander reden. Shahin hat überhaupt … “

Die Küche erzittert unter seinem Gebrüll.

„Frau Shahin! Hast du kapiert? Frau!“

Mir sinkt das Herz in die Hose. Er ist über einen Kopf größer als ich und könnte auch ohne diesen Schlüssel das Schlimmste mit mir machen. Neben ihm stehe ich da wie ein kleiner Junge.

„Ja, natürlich … Frau. Also, die verehrte Frau, die Sache mit ihr ist nicht so, wie Sie denken, der Mann, mit dem Ihr Gehilfe sie gesehen hat …“

„Komm, würg mal ab, junger Mann. ­­Du belehrst mich, als würdest du meine Frau besser kennen als ich. Los, mach, dass diese Hure zurück ins Haus geht. Die Polizei und den ganzen Kram kannst du getrost in den Wind schießen. Mach einfach nur, dass sie nach Hause geht.“

Er führt seine ölige und schwarze Hand an seinen Blaumann. Mir sinkt das Herz noch tiefer. Anders als Shahin bin ich keine zu flach geratene Figur in einer Groschengeschichte, der man einen Rollgabelschlüssel über den Kopf ziehen kann, ohne dass sie stirbt! Bevor ich anfange, ihn anzuflehen, greift er sich in die hintere Hosentasche, zieht eine Handvoll Geldscheine hervor und sagt:

„Mach einfach, dass diese Hure nach Hause geht.“

Ich kann den Blick nicht von dem Geld auf dem Tisch abwenden. Der Juckreiz auf meinem Körper ist unerträglich geworden. Ich denke an Alavi und wie er am Telefon geflucht hat. Ich nicke und sage bloß:

„Gewiss, werter Haji. Gewiss!“

Haji verzieht den Mund zu einem Lächeln und sagt:

„So ist’s brav, mein Junge! Das ist doch was. Bring es gleich jetzt in Ordnung.“

Dann legt er seine Hände auf die Lehne des Küchenstuhls. Ich setze mich auf den Stuhl, lege meine Hand auf „Backspace“ und lasse Shahin, die an der Eingangstür zur Polizeiwache angekommen ist, in das Auto zurückkehren, dann an den Anfang der Gasse und zuletzt auch zurück ins Haus. Ich lösche den Schlüsselbund, die Geldbörse, die Nägel im Knoten ihres Kopftuchs und all das, und gelange wieder zur Kellerszene. Dort lasse ich Shahin allein. Ich schreibe:

„Haji kommt ruhig die Kellertreppe hinunter und geht auf Shahin zu, die sich hinter Aluminiumtöpfen versteckt hat …“

Hajis Gewicht verschwindet von der Stuhllehne. Ich drehe mich um und er ist weg, zurückgekehrt an seinen Ort. Ich atme erleichtert auf. Ich ziehe die Prügelszene im Keller noch einmal in die Länge. Meine Ohren glühen. Ich klappe den Laptop zu, kratze wie von Sinnen meine Brust, winzige Blutstropfen treten aus den Pickeln hervor und landen unter meinen Fingernägeln. Der Geruch von Hajis ölverschmierter Kleidung hängt noch immer in der Küche. Ich sehe mich nach meinem Telefon um. Ich rufe Alavi an und beruhige ihn wegen der Miete. Ich gehe zum Kühlschrank und nehme eine Packung Milch heraus und gieße mir etwas davon in eines der unabgewaschenen Gläser aus der Spüle und leere es in einem Zug. Hinten im Rachen fühle ich etwas Spitzes und würge. Jetzt klebt es an der Innenseite meiner Lippen. Ich schiebe mir die Finger in den Mund und hole es heraus. Ein Nagel, blau und rund, vermutlich der des kleinen Fingers.

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