Ein Klagelied aus Eis

Text anhören, vorgelesen von Melika Foroutan:
Bald muss ich zurückkehren. Muss, muss, unbedingt. So schnell ich kann, radle ich zum Haus meiner Cousine. Ich habe einen roten Eimer an meinen Lenker gehängt. Die Tante hat ihn voll mit Eis gemacht. Dann hat sie selbst eine Kühlbox voll Eis genommen, sich den Schleier über den Kopf gezogen und ist zu unserem Haus gerannt. Oh Gott, oh Gott, hoffentlich ist es nicht schon zu Wasser geworden, wenn ich ankomme. Ich hätte überhaupt nicht hierherkommen sollen. Mama hat gesagt, ich soll in der Nähe bleiben. Das Haus meiner Cousine ist ein bisschen weiter weg. Ihre Gasse ist voller Schutt. Aber in unserer Straße liegt noch mehr Schutt und Geröll herum. Ich passe auf, dass ich drumherum fahre. Oh du lieber Gott, bitte verzeih mir, dass ich beim Fahrradfahren einen Rock anhabe. Es tut mir leid, dass ich mein Wort nicht gehalten habe und wieder aufs Fahrrad gestiegen bin. Mama hat gesagt, dass ich schnell zurückkehren soll. Ich konnte nicht zu Fuß gehen.
Ich lege meine Hand auf die Klingel. Sie klingt genauso wie Ismaels Papagei. Schon seit dem Morgen rupft sich Ismaels Papagei die Flügel aus. Die Cousine schaut aus dem Fenster herunter, den weißen Schleier über dem Kopf. „Was gibt’s Zeinab? Bist du auf großer Mission?“
Ich sage: „Hallo. Mama fragt, ob du Eis hast.“
Die Cousine kommt runter, zwei rechteckige Eiswürfelbehälter in den Händen. „Grüß dich, eitles Fräulein. Wo ist dein Kopftuch? Hast du dich erst für die Party hübsch gemacht, bevor du an die Arbeit gehst? Maschallah!“
Da fällt mir ein, dass ich ja gar nicht mein weißes Kopftuch übergezogen habe. Oh du lieber Gott, bitte, bitte hänge mich deswegen nicht in der Hölle an meinen Haaren auf. Die Cousine sagt: „In diesem Aufzug hat deine Mutter doch hoffentlich keine Gäste gehabt? War denn viel los in eurer Straße?“
Ich sage: „Danke dir. Tschüss.“
Sie sagt: „Was heißt hier ,tschüss`? Du hast das Eis doch überhaupt nicht genommen. Wenn euer Kühlschrank kaputt ist, sag deiner Mutter, dass sie Fleisch und Hühnchen hierherbringen kann, damit es nicht anfängt zu stinken und schlecht wird. In meinem Gefrierschrank ist noch Platz. Und vor allem: Zieh dir eine Hose an, eitles Fräulein.“
Dann wirft sie die Eiswürfel in den Eimer, der an meinem Lenker hängt. Ich mache kehrt, um nach Hause zu radeln, denn ich muss ja bald da sein. Muss, muss, unbedingt. Irgendwo höre ich die Stimme der Cousine, die so was sagt wie: Geh nicht allein durch die Straße, oder ich weiß nicht was. Ich trete so schnell in die Pedale, dass ich es nicht genau höre. Lieber Gott, du hast doch gesehen, dass ich, außer heute, als ich ein paar Gebete nachholen musste, immer pünktlich gebetet habe. Du hast doch selbst gesehen, dass ich beim Wettbewerb zu unseren Schulregeln den ersten Preis gewonnen habe. Mama hat gefragt: „Was soll ich dir zur Belohnung kaufen?“ Ich habe gesagt: „Eine von diesen grünen Gebetsketten.“ Ismael hat gelacht und gesagt: „Zerbrich dir nicht so den Kopf, Zeinab. Nicht, dass er noch ein Loch kriegt und dein Gehirn rausfällt.“ Ich habe geantwortet: „Aber der Lehrer sagt, wenn man sich lange niederwirft, schreiben die Engel einem etwas gut.“
Unterwegs komme ich an Sohails Haus vorbei. Mama hat gesagt, ich soll überall nach Eis fragen. Und dass ich mich beeilen soll. Ich bin rausgegangen auf die Straße, während sie alle Klingeln unseres Wohnhauses gedrückt und gefragt hat: „Habt ihr Eis?“ Ach, hoffentlich springt Sohail gleich ruckzuck runter und bringt mir Eis! Mama sagt, ich soll nicht wie ein Junge sprechen. Mama sagt, ich soll nicht „ruckzuck“ sagen. Bald werde ich nämlich nicht mehr Fahrrad fahren und nicht mehr auf der Straße mit den Jungs Fußball spielen. Der Imam an unserer Schule sagt: „Ihr Mädchen seid Engel. Ihr seid so rein wie Blumen. Ist es nicht eine Verschwendung, mit Fremden zu sprechen, beschmutzt zu werden und zu verwelken?“ Als ich das Ismael erzählt habe, hat er laut gelacht. Mama hat ihn gefragt: „Was gibt’s da so zu lachen?“ Ismael hat nichts mehr gesagt. Später hat er mir heimlich zugeflüstert, dass ich überhaupt nicht auf diese Worte hören soll. Er hält nämlich nichts von diesem Jungen-Mädchen-Gerede und sagt, wir sind alle Menschen und können miteinander befreundet sein, ohne dass jemand beschmutzt wird oder jemand anderen in die Hölle bringt. Ich weiß, dass Ismael nicht lügt. Aber lieber Gott, ich habe große Angst vor dir. Ich verspreche dir, dass ich nicht noch einmal beschmutzt werde. Ich werde mein Fahrrad direkt in den Keller bringen. Und ich werde auch nicht mehr mit Sohail spielen.
Wie immer pfeife ich, damit Sohail schnell runterkommt. Als ich einmal auf der Straße gepfiffen habe, hat Mama geschimpft: „Du lieber Gott, wenn du das noch einmal machst, wird dein Mund voller Blut sein!“ Lieber Gott, ich werde nie wieder gegen den heiligen Koran verstoßen. Ismaels Papagei hat gelernt, genauso zu pfeifen wie ich. Er hat sich selbst verstümmelt, indem er sich seine Federn ausgerupft hat. Mama sagt immer: „Was will denn dieses Tier mit den zwei Wörtern, die es gelernt hat?“ Ismael sagt: „Warte mal ab.“
Sohail springt von der Balkonkante herunter und ruft: „Zeinab! Wollten wir heute nicht Fußball spielen? Meine Mama sagt, dass es jetzt zu gefährlich ist, auf der Straße zu spielen.“
Ich sage: „Sag deiner Mama, dass meine Mama fragt, ob ihr Eis habt.“ Ruckzuck kommt Sohail nach unten. Als er den Eimer sieht, fragt er: „Wofür ist denn das ganze Eis?“ Dann erscheint seine Mutter auf der Treppe. Unter ihren Augen ist irgendwas Schwarzes, als hätte sie gerade geweint und als wäre die Farbe, mit der sie immer ihre Augen umrahmt, verlaufen. Sie ruft: „Zeinab, Zeinab! Warum bist du denn in dieser Situation alleine hergekommen? Deine Mama hat mich gerade angerufen und es mir erzählt. Ich fülle gleich zwei Kühlboxen mit Wasser und stelle sie in die Gefriertruhe im Keller. Sohails Vater bringt das Eis dann zu euch nach Hause, ok? Alles gut, meine Kleine? Alles gut bei dir?“
Ich sage: „Alles gut“ und fange fast an zu weinen. Das Eis im Eimer schmilzt schon. Ich will nicht mit leeren Händen ankommen. Also fahre ich schnell, schnell nach Hause. Es riecht nach verschmortem Kabel. An Türen und Mauern wurde mit schwarzem Spray irgendwas hingeschrieben. Auf der Straße liegen überall Schutt und zerbrochene Ziegelsteine. Ich muss aufpassen, dass ich meine Reifen nicht kaputtmache. Aber irgendwie fahre ich doch über einen drüber und falle hin. Mein Rock weht in die Luft. Hoffentlich kommt gerade kein Fremder vorbei. Mein Eimer fällt auf den Boden. Eis fällt heraus auf die Straße. Mein Knie ist aufgeschürft und brennt. Mein Ellbogen ist auch aufgeschürft. Von Weitem höre ich Sirenen. Gleich breche ich in Tränen aus, aber ich beiße mir auf die Lippen, um nicht zu weinen. An dem Tag, als Ismael die Stützräder von meinem Fahrrad abmontiert hat, hat er zu mir gesagt: „Du bist jetzt groß, Zeinab, du kannst alleine fahren!“ Aber ich bin immer noch ein Kind. Immer noch ein Kind. Ich kann immer noch nicht alleine fahren und bin kurz davor, zu weinen und mich vor den anderen zu blamieren. Ismael sagt: „Es ist egal, ob man klein oder groß ist. Zu weinen ist nichts Schlimmes. Ich weine immer, wenn ich ein trauriges Lied höre. Ich weine, wenn sich mein Papagei am Fuß verletzt. Ich weine, wenn ich die Nachrichten sehe. Ich weine, wenn ich abends ein Buch lese. Ich weine, wenn ich mir auf dem Computer einen Film anschaue. Ich weine richtig doll.“ Aber ich kann es nicht. Ich kann einfach nicht. Herr Akbar Barqi streckt den Kopf aus seinem Laden. Er lässt die Rollläden halb herunter. Aus dem Laden hört man das Gezwitscher der Kanarienvögel. Ismael hat gesagt, im Sommer holen wir einen Kanarienvogel und ziehen ihn zusammen auf. Mama hat gesagt: „Nein. Wir haben mit diesem Papagei schon genug zu tun. Warum suchst du dir nicht einfach ein anderes Mädchen zum Spielen? Das kann doch keine Kunst sein.“ Was sollen wir nur mit Ismaels Papagei machen, der sich Stück um Stück die Federn ausrupft? Wohin sollen wir ihn bringen, damit er wiederhergestellt wird? Herr Barqi fragt: „Was ist passiert, Zeinab? Oh, oh, wo ist denn deine Hose? Du bist doch schon eine junge Frau. Was hast du denn da dabei?“
Ich putze mir die Nase, stehe auf und gehe. Ich schäme mich, dass Herr Barqi meine Beine sehen kann. Ich will nicht weinen, aber es geht nicht, es geht nicht, es geht einfach nicht. Ich sage zu Herrn Barqi: „Hallo. Ich habe Eis dabei.“
Bestimmt wird Mama furchtbar mit mir schimpfen. Sie wird sagen, ich hätte nicht so weit gehen dürfen. Ich hätte nicht das Fahrrad nehmen dürfen. Ich hätte keinen Rock tragen dürfen. Sie wird fragen, wo mein Kopftuch ist. Ob sie mir nicht aufgetragen hätte, in unserer Straße zu bleiben. Oh lieber Gott, bitte lass uns uns miteinander versöhnen. Herr Barqi kratzt sich mit dem Spannungsprüfer, den er in der Hand hält, am Kopf und fragt: „Eis wofür?“
Ich sage: „Also Mama hat gesagt, dass die Polizisten ihn stehlen. Deshalb haben wir ihn heimlich zu uns nach Hause gebracht. Heute Morgen war in unserer Straße die Hölle los. Haben Sie nichts mitbekommen? Meine Mama hat gesagt, wir wollen ihn vorerst zu Hause lassen. Wir lassen nicht zu, dass ihn jemand mitnimmt. Verstehen Sie?“
Ich sehe den Vater von Sohail. Von Weitem kommt er angerannt. Herr Barqi fragt: „Was stehlen die Polizisten? Schau, mein Kind, ich bin ein kräftiger Mann und ich gehe jetzt nach Hause. In dieser Lage ist die Straße kein guter Ort für Kinder. Du bist immer noch ein Kind. Warum bist du überhaupt mit dem Fahrrad unterwegs? Dein ganzes Eis liegt überall verstreut.“
Sohails Vater trägt zwei große weiße Kühlboxen. Sohail rennt hinter ihm her. Vor Freude fange ich an zu lachen. Mir kullern die Tränen herunter, aber ich wische sie gleich mit meinem Ärmel weg. Zu Herrn Barqi sage ich: „Ja, aber jetzt ist es nicht mehr so schlimm, weil der Papa von Sohail uns ganz viel Eis bringt. Schauen Sie mal.“
Herr Barqi fragt: „Wofür ist denn nun das ganze Eis?“ Meine Cousine kommt hinter Sohail und seinem Papa angelaufen. Der Schleier ist ihr vom Kopf gerutscht. Sie hält ihre Hände in der Luft, als würde sie sich gegen den Kopf schlagen. Sohail trägt eine kleine grüne Kühlbox unter dem Arm. Von meinem Knie läuft das Blut herunter. Noch einmal wische ich mir energisch mit dem Ärmel die Tränen weg. Zu Herrn Barqi sage ich: „Für meinen Bruder Ismael. Für die Leiche von meinem Bruder Ismael.“

