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(W)Ortwechseln > Rasha Habbal & Ivana Sajko > Die Landschaft ändert sich langsamer als die Menschen - Brief 2

Die Landschaft ändert sich langsamer als die Menschen – Brief 2

Ivana Sajko an Rasha Habbal, 23. Juli 2020

© Armando Loi

Liebe Rasha,

im Winter 2010 war ich in Berlin, und auf meinem gerade erst eingerichteten Facebook-Profil erreichte mich die folgende Nachricht: „Bist du die Ivana, von der ich denke, dass du es bist?“ Gesendet hatte sie ein Mann, zu dem ich den Kontakt verloren hatte, als er fünfzehn Jahre zuvor auf der Flucht von Sarajevo nach Chicago geflogen war. Ich hatte mich in ihn verliebt. Im ersten Studienjahr schwärmte ich einige Zeit von ihm. Danach verlor ich ihn aus dem Sinn. Seine Nachricht erreichte mich aus Erinnerungen, in denen ich mit schon seit langer Zeit nicht mehr erkennen konnte. Anstelle einer Antwort sendete ich ihm meine Telefonnummer. Es war kaum eine Minute vergangen und das Telefon klingelte tatsächlich. Ich nahm ab und sagte atemlos: „Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.“ Seine Stimme, plötzlich auf wundersame Weise präsent, antwortete: „Am besten vom Ende, rückwärts blicken.“ Anstatt also zu versuchen, all das zusammenzubringen, was in den vergangenen Jahren geschehen war, erzählte ich ihm, dass ich gerade meinen Ex-Mann zum Flugzeug nach Zagreb gebracht und dass mich seine Anwesenheit mit Traurigkeit und einem schlechten Gewissen erfüllt hatte.

Auch heute glaube ich, dass es am besten ist, vom Ende anzufangen, rückwärts zu blicken, um ein langes Schweigen zu überbrücken, um einen Spalt in der Zeit zu füllen oder ganz neue Freundschaften zu schließen, eine solche, die womöglich gerade zwischen uns beiden entsteht.

Deinen Brief las ich auf dem Weg zur Adria, nachdem ich unwillig mit meinen Sohn Berlin verlassen hatte. Aufgrund des Unwetters in Österreich brauchten wir volle dreizehn Stunden, um von München nach Zagreb zu kommen. Mit jeder zusätzlicher Stunde Verspätung dehnte sich das mitteleuropäische Territorium immer weiter über den Rahmen seiner üblichen Klaustrophobie aus, so dass am Ende die symbolische Differenz von Zagreb und Berlin um diese monomentale Distanz von Raum und Zeit bereichert wurde. Wie immer dachte ich mit Unbehagen an unsere Ankunft am Zagreber Bahnhof. Dort wird uns der Vater meines Sohnes empfangen, er wird ihn an die Hand nehmen und mit ihm fortgehen. Dieser Augenblick bedeutet immer einen Schnitt. Eine einfache Geste, die mich von meiner Struktur trennt, von meinem Zentrum, von meiner Heiterkeit, von meinen Hindernissen, und anstatt mich zu befreien und mir die sogenannte Zeit für mich selbst zu bescheren, paralysiert er mich eigentlich, als hätte das Dasein als Mutter mich unfähig gemacht, alleine zu sein, für mich selbst zu existieren und in Ruhe meine eigenen inneren Inhalte zu durchstöbern. Die Wochen, die folgen, werde ich in dem Kampf verbringen, die Abwesenheit meines Sohnes nicht als Verlust zu erleben.

So wie du die Fotos deiner Eltern betrachtest, betrachte ich seine Fotos und kann mir nur ausmalen, auf welche Art er auf mich zurückblicken wird, auf uns, auf unsere Fehler und unsere Entscheidungen, unsere Obsessionen und unsere Spuren, auf unsere Gesichter, die sich immer mehr und mehr von jenen unterscheiden, die auf den Fotos zu sehen sind. Ich hoffe, dass in seinem Blick auch die Bereitschaft sein wird, mir einiges zu verzeihen. Mir ist bewusst, dass er mich trotz unserer Nähe nie wirklich kennenlernen wird. Er wird nicht meine Kindheit verstehen, meine Erfahrungen, den Staat und das politische System, in denen ich geboren wurde und die es nicht mehr gibt, er wird den Krieg nicht verstehen, in dem dieser Staat unterging, er wird mein Bedürfnis nicht verstehen, vom schönsten Meer der Welt fortzugehen, an das ich regelmäßig mit ihm fahre, damit er dort den Sommer mit seinem Vater verbringen kann. Er wird meine Liebe für meine Muttersprache nicht verstehen, weil ihm das Deutsche näher sein wird, er wird meine Entscheidungen nicht verstehen, meine Partner, meine Tattoos, und auch nicht, warum ich ihn sooft in Momenten umarmt habe, in denen er keinen Bedarf dafür sah. Die Fotos, die er in seiner Zukunft als erwachsener Mann betrachten wird, werden keine authentische Geschichte über mein Leben oder das Leben seines Vaters erzählen. Die Bruchteile der Sekunden, in denen sie entstanden sind, werden vielleicht nur Grundsteine sein, auf denen er seine eigene Fiktion aufbauen wird.

Meine Ankunft in Kroatien trägt jedoch etwas von der Fixiertheit einer Fotografie in sich. Wahrscheinlich, weil meine Erinnerungen vor allem an die Landschaft gebunden sind, die sich viel langsamer ändert als die Menschen. Gestern war ich in dem Wald nahe am Meer, durch den ich früher immer zum Strand gegangen bin. Im Nu erkannte ich die spezifische Art der Wärme wieder, die sich unter den Baumkronen der Pinien staut. Auch das wohl bekannte Geräusch der Kieselsteine unter den Füßen war wieder da, und das Steinchen, das jedes Mal unfehlbar seinen Weg in meine Sandale findet, der Duft von Lavendel und Lorbeer, das Harz der Nadelbäume, das an meinen Fingern klebt, und das wunderschöne Gefühl, wenn man ins Meer eintaucht, das sich um mich schließt wie eine blaue Umarmung des Willkommens.

Außerhalb dieses romantischen Bildausschnitts gibt es die Zerstörung der Umwelt, es gibt die Politik, die Korruption, den Anstieg der Infektionszahlen, doch während ich dir schreibe, versuche ich meinen Blick an diesen Pinien haften zu lassen, an dieser Fotografie, die aus dem Kontext herausgerissen wurde.

Herzliche Grüße,

Ivana

 

  • Aus dem Kroatischen von Alida Bremer

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Krajolik se mijenja sporije od ljudi

 

U zimu 2010. godine u Berlinu, na moj je tek otvoreni Facebook profil stigla poruka: “Jesi li ti ta Ivana, koja mislim da jesi?”. Poslao ju je muškarac kojemu sam izgubila kontakt kad je petnaest godina ranije bježeći iz Sarajeva odletio za Chicago. Zaljubila sam se u njega. Maštala neko vrijeme na prvim godinama studija. A zatim ga smetnula s uma. Njegova poruka stigla je iz sjećanja u kojima se odavno nisam prepoznavala. Poslala sam mu svoj telefonski broj umjesto odgovora. Jedva da je prošla minuta, a telefon je uistinu zazvonio. Javila sam se i u jednom dahu izgovorila: “Ne znam od kuda da krenem”. Njegov glas, najednom čudesno prisutan, uzvratio je: “Najbolje od kraja, unazad.” I tako sam mu, umjesto da pokušavam sažeti sve što se dogodilo tijekom proteklih godina, ispričala da sam upravo ispratila bivšeg muža na let za Zagreb te da me njegovo prisustvo ispunili tugom i grižnjom savjesti.

I danas mislim da je jedna od najboljih načina da se prebrode duge šutnje, popune vremenski procijepi ili pak uspostave sasvim nova prijateljstva, poput možda ovog našeg – krenuti od kraja, unazad.

Tvoje sam pismo pročitala na putu prema Jadranskom moru, nakon što sam nevoljko sa sinom napustila Berlin. Radi oluje u Austriji trebalo nam je punih trinaest sati da se iz Münchena spustimo do Zagreba. Svakim dodatnim satom kašnjenja srednjoevropski se teritorij sve više istezao preko okvira svoje uobičajene klaustrofobičnosti, pa je naposlijetku simbolička razlika između Zagreba i Berlina dobila i tu monumentalnu prostornuvremensku distancu. Dolazak na zagrebački kolodvor kao i uvijek očekivala sam sa strepnjom. Na kolodvoru će nas dočekati otac mog sina, uzet će ga za ruku i odvesti. Taj je trenutak uvijek rez. Jednostavna gesta koja me razdvoji od moje strukture, od mog centra, od moje vedrine, od mojih prepreka, te umjesto da me oslobodi i pruži mi takozvano vrijeme za sebe, zapravo me tek paralizira, kao da me majčinstvo učinilo nesposobnom da se osamim, da postojim sama za sebe i u miru prevrćem svoje unutarnje sadržaje. Tjedne koji slijede provesti ću u borbi da odsustvo svog sina ne proživim kao gubitak. 

Kao što ti gledaš slike svojih roditelja, ja promatram njegove slike i mogu tek zamišljati na koji će se način on osvrtati prema meni, prema nama, našim greškama i odabirima, našim opsesijama i tragovima, našim licima koja se sve više i više razlikuju od onih utisnutih na fotografije. Nadam se da će u njegovom pogledu biti volje da mi na mnogo čemu oprosti. Svjesna sam da me usprkos našoj bliskosti nikada neće upoznati. Neće razumjeti moje djetinjstvo, moja iskustva, državu i politički sistem u kojima sam se rodila, a kojih više nema, neće razumjeti rat u kojemu je ta država nestala, neće razumjeti moju potrebu da pobjegnem od naljepšeg mora na svijetu na koje ga redovno dovodim da provede ljeto s ocem, neće razumjeti moju ljubav za materinji jezik, jer će mu njemački postati bliži, neće razumjeti moje odluke, moje partnere, moje tetovaže, ni zašto sam ga toliko puta grlila dok je on mislilo da u tim trenucima za zagrljajem nema potrebe. Fotografije koje će promatrati u svojoj budućnosti odrasla muškarca neće pričati nikakvu autentičnu priču o mom životu, ili pak životu njegova oca. Djeličci sekunda u kojima su nastajale možda postanu tek temelji na kojima će graditi vlastitu fikciju.  

Dolazak u Hratsku, međutim, posjeduje nešto od fiksiranosti fotografije. Vjerojatno iz razloga jer su moja sjećanja većinom vezana uz krajolik koji se mijenja mnogo sporije od ljudi. Jučer sam posjetila šumu uz more kroz koju sam nekad šetala na putu do plaže. Odmah sam prepoznala specifičnu vrstu topline nakupljenu pod krošnjama pinola. Bio je tu i poznat zvuk šljunka pod nogama i kamenčić koji nepogrešivo uđe u sandalu, mirisi lavande i lovora, zatim smola crnogorice koja mi lijepi prste, te onaj prelijepi osjećaj ulaska u more koje se zatvara oko mene kao plavi zagrljaj dobrodošlice. 

Izvan tog romantičnog kadra je destrukcija prirode, politika, korupcija, rast infekcija, no dok ti pišem pokušavam držati pogled na tim pinjolima, na toj fotografiji izvučenoj iz konteksta.

Ivana

 

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