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(W)Ortwechseln > Lina Atfah & Nino Haratischwili > Es ist ein ganzes Leben, das seine Fäden zwischen uns spinnt – Brief 2

Es ist ein ganzes Leben, das seine Fäden zwischen uns spinnt – Brief 2

Nino Haratischwili an Lina Atfah, 30. Januar 2019

Übersetzung: Osman Yousufi

„Sofort kam mir dieses Bild in den Sinn, dieses eine Bild aus meiner Jugend von dem zerfallenen Haus.“ © Privat

Von: Nino Haratischwili
Betreff: Aw: Guten Abend liebe Nino
Datum: 30. Januar 2019 um 16:12:14 MEZ
An: lina atfah

Liebe Lina,

ja, schick mir die Lieder. Musik war schon immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Alle in meiner Familie haben musiziert und gesungen, bis auf mich 🙂 Ich habe mich auf die Texte spezialisiert. Wie traurig diese Zeile ist, aber zugleich auch rührend: „… ich versuche, diesem Leben seine Ungerechtigkeit zu vergeben.“ Das ist ein schöner Gedanke.

Auf Annikas Anregung hin habe ich gestern viel über Ruinen nachgedacht. Was ich damit verbinde und wie dieses Wort für mich besetzt ist. So vieles im Leben verkommt zu Ruinen – nicht nur im physischen Sinne, auch im emotionalen, und manchmal bricht das Leben dort durch, wo man am allerwenigstens damit rechnet. Sofort kam mir dieses Bild in den Sinn, dieses eine Bild aus meiner Jugend von dem zerfallenen Haus. Ich schicke dir ein Foto von einem Foto von diesem Baum, denn ich habe ihn damals mit einer analogen Kamera fotografiert und er hängt gerahmt bei mir in der Wohnung (verzeih die schlechte Qualität).

Ich war damals sechzehn oder siebzehn und gerade mit der Schule fertig geworden. Ich war voller Tatendrang, ich wollte, dass das Leben endlich beginnt, ich wollte studieren, wollte meine neugewonnene Freiheit feiern, wollte mich berauschen an den Verheißungen der Zukunft. Aber alles, was mich umgab, war trist und rau, es war traurig und gelähmt, erstarrt. Denn das ganze Land glich damals einer Ruine: die Unabhängigkeitskämpfe, die Wirtschaftskrise, der Zerfall der Sowjetunion, zwei Kriege und ein Bürgerkrieg, mitten in der Hauptstadt ausgetragen, die totale kulturelle Stagnation, existenzielle Ängste – all das umgab mich, all das hinderte mich daran, mich an meinem Leben zu berauschen. Wir, meine Freunde und ich, versuchten es trotzdem. Wir gingen stundenlang spazieren, wir sprachen von unseren Träumen und Hoffnungen, wir tranken billiges Bier und kamen uns erwachsen vor, wir verliebten uns und entliebten uns, wir lebten in einer Parallelwelt, in der es keine Politik und keine Erwachsenen gab, dafür aber viel Kunst und viele Tagträume.

Auf einem unserer Streifzüge entdeckte ich dieses Haus. Es lag gegenüber einem Café, das zu unserem Lieblingscafé wurde und bis heute existiert. Es ist angebunden an ein wunderschönes Puppentheater, in dem es den köstlichsten Apfelkuchen der Welt gab und das heute von Touristenscharen überlaufen ist. Direkt gegenüber stand ein altes, schönes, herrschaftliches Haus, wahrscheinlich aus dem 19. Jahrhundert, in dem einst gelebt und geliebt, geboren und gestorben wurde und das nun entzweigerissen worden war: Ein riesiger Spalt teilte es in zwei Stücke und inmitten dieser klaffenden Lücke ragte ein schmaler, schöner Baum hervor. In meiner Erinnerung blühte er weiß, wunderschöne, zarte Blüten schmückten seine Äste, vielleicht waren es Kirschblüten, vielleicht aber auch nur ein Stück meiner Fantasie.

Irgendwas an diesem Bild hielt mich gefangen. Ich konnte mich nicht rühren. Meine Freunde zogen weiter, ich blieb stehen und starrte wie versteinert hin. Ich weiß bis heute nicht, woran es liegt, aber immer noch hat dieses Bild eine enorme Wirkung auf mich. Ich kehrte am nächsten Tag zurück und machte dieses Foto.

Was ich da sah, hatte viel mit meiner eigenen Situation zu tun, mit der Energie, die damals freigesetzt wurde und die mich zwang, die endlosen Probleme und die triste Stimmung in etwas Kreatives umzusetzen, was sich letztlich als meine Rettung erwies. Es hatte aber auch viel mit dem Land zu tun, aus dem ich komme, das bis heute in diesem Ruinenspalt etwas Neues aufzubauen versucht, ohne aber vorher die Ruinen wegzuschaffen. Es hat aber auch sehr viel mit der Hoffnung zu tun, die man unbedingt braucht, egal wie schrecklich einem alles erscheint, diese existenzielle Hoffnung, dass doch etwas anderes, Neues möglich ist.

Das Bild habe ich später meiner Freundin Julia gegeben, der Künstlerin, die das Buchcover für „Das achte Leben (für Brilka)“ gestaltet hat, und bat sie, sich davon inspirieren zu lassen. Nun sind das Bild und der Roman für immer miteinander verwoben und begleiten mich beide weiterhin durch mein Leben.

Heute steht dort ein neues Haus. Alles ist glatt und hübsch, alles Vergangene ist verschwunden, keine Spur einer Ruine …

Schreib mir bald.

Deine Nino

Aus dem Arabischen und ins Arabische übersetzt von Osman Yousufi

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