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Untold Narratives – Weiter Schreiben > Yael Inokai & Tamanna Easar > Die ungelebten Leben unserer Mütter und Großmütter, die in uns weiterleben – Brief 4

Die ungelebten Leben unserer Mütter und Großmütter, die in uns weiterleben – Brief 4

Yael Inokai an Tamanna Easar, 03. Dezember 2025

Übersetzung: Ali Abdollahi

@ Yael Inokai

Liebe Tamanna,

als ich heute Morgen aufwachte, war ich für einen Moment wieder in der Wohnung meiner Großeltern: vier Zimmer im Erdgeschoss mit Bäumen vor den Fenstern und gehäkelten Deckchen überall, dort verbrachten sie ihre letzten Lebensjahre. Ich ging durch den langen Flur bis zum Wohnzimmer, wo im Sessel meines Großvaters seine alte Gitarre lag. Er war während eines Mittagsschlafs gestorben und bis meine Großmutter selbst die Wohnung verließ, änderte sie nichts an der Einrichtung. Seine Pfeifen lagen noch da, seine Bücher und auch diese Gitarre, genau an dem Platz, wo er früher gesessen und aus dem Fenster geblickt hatte. Ich nahm das Instrument in die Hand und spielte darauf, so wie früher als Kind.

Meine Großeltern waren beide sehr musikalisch. Oma, nagymama, gab noch als über achtzigjährige Frau Klavierunterricht. Ihre zittrigen Finger wurden ganz ruhig, wenn sie auf die Tastatur trafen. Diese Wohnung war ein glücklicher Ort für mich, an den ich aber nicht oft denke, weil diese Zeit so weit zurückliegt. Mein Vater war ein spätes Kind, ich war ein spätes Kind, so hatte ich nur wenige Jahre mit meinen Großeltern. Dein Brief, deine Schilderung der Gitarre an der Wand deines Zimmers, hat mich jetzt wieder dorthin zurückgebracht.

Hier ist es November geworden, wie jedes Jahr fällt in Berlin in diesem Monat ein Vorhang und dann wird die Stadt eine andere, kalt, nass, grau, die Menschen grimmig. Ich erkenne sie gar nicht wieder. Seit über fünfzehn Jahren lebe ich hier und kann mich an diese Jahreszeit einfach nicht gewöhnen. Ich sei wie eine Echse, sagte meine Mutter mir früher, ich müsse in die Sonne, um mich mit Lebensenergie aufzuladen.

Tamanna, wieder habe ich lange überlegt, was ich dir schreiben könnte. Deine Worte bewegen mich so, viele Male habe ich deinen Brief gelesen. Ich habe an die Dunkelheit gedacht, die sich mit dem Abschalten des Internets über Afghanistan legte. An die Pflaumen, die du gesammelt hast, dachte ich, an die Sprachen, die du sprichst, an das Foto deiner Eltern. Ich habe mich gefragt, wie wohl die Ecke in dem Park aussieht und ob du sie mir irgendwann einmal zeigen möchtest.

Und auch an die Gitarre dachte ich, an meine Großmütter, meine Tanten und an meine Mutter. An all die Geschichten, die sich durch die weibliche Linie meiner Familie ziehen und uns miteinander verbinden, uns aber auch aufreiben, zermürben und manchmal sogar gegeneinander aufbringen.

Meine nagymama hat als junge Frau in Budapest Klavier studiert. In diesem Sommer habe ich die Stadt besucht, mein spärliches Ungarisch angewendet und bin durch das Konservatorium spaziert. Wie es wohl für sie war, so jung in diesen beeindruckenden Räumen und nie mit genug Geld, um sich die Straßenbahn nach Hause leisten zu können (das ist meinem Vater aus ihren Erzählungen geblieben). Nur wenige Jahre später musste sie Ungarn verlassen. Sie kam mit vier kleinen Kindern nach Deutschland und bekam dort noch zwei weitere.

Ihr erster Sohn, mein Onkel András, hatte aufgrund einer falsch ausgeführten Zangengeburt eine Behinderung, er konnte nicht gehen und nur schwer sprechen. Sie bildete ihn in klassischer Musik und brachte ihm bei, auf der Schreibmaschine zu schreiben. Mit sechs Kindern, ohne weitere Familie, ohne ihre vertraute Sprache, schaffte sie es über all die Jahre, sich das Klavierspielen zu bewahren. Vielleicht nicht so, wie sie es sich einmal erträumt hatte, aber ihr ganzes Leben lang verteidigte sie ihre Kunst. Sie bestand darauf, dass ein Klavier im Haus sein musste, und sie spielte darauf und unterrichtete bis kurz vor ihrem Tod. Ich bin nicht musikalisch, Tamanna, ich habe zwei Lehrer mit meinem schrägen Geigenspiel in die Verzweiflung getrieben. Aber meine Liebe zum Schreiben, von ihr glaube ich trotzdem, dass sie sich mit dieser Liebe zur Musik verwebt, über die Generationen hinweg, über die wenigen Jahre, in denen meine Oma und ich einander hatten.

Manchmal komme ich nicht umhin, eine gewisse Verantwortung zu spüren, den Träumen gegenüber, die die Frauen in meiner Familie hatten. Meine Mutter wünschte sich, das Gymnasium zu besuchen und zu studieren, aber nur die Söhne durften diesen Bildungsweg beschreiten. Lehrerin wäre sie gerne geworden oder Ärztin, und während einiger Jahre nach meinem Abitur wollte sie mich überreden, Medizin zu studieren. Sie selbst hat über vierzig Jahre als Krankenschwester gearbeitet, ein Beruf, den ich in meinem letzten Roman versucht habe zu würdigen. Ich glaube, die Pflege ist einer der wichtigsten Berufe, die es überhaupt gibt, es kommt ja keiner durchs Leben, ohne von anderen abhängig zu sein, ohne gewaschen und gefüttert zu werden, ohne dass jemand wacht. Und doch verstehe ich, die sich ihren großen Wunsch erfüllen durfte, dass sie trotzdem von etwas anderem träumte.

Ich glaube, die meisten von uns tragen ungelebte Leben ihrer Mütter und Großmütter, ihrer Tanten und Schwestern in sich; so richtig begreife ich das erst jetzt. Und auch das ist durch unsere Sprache miteinander verbunden und die Leerstellen und das Ungesagte darin sind gewaltig.

Liebe Tamanna, gleich werde ich aufbrechen, zu meinem Ungarischkurs. Zentimeter für Zentimeter rücke ich in diese Sprache vor, in diese unbekannten Worte und Laute, die mir Zungenmuskelkater bescheren. Davor treffe ich meine beiden Freund:innen, mit denen ich immer zum Sport gehe und danach Kuchen esse. Wobei der Sport zuweilen auch eher eine Entspannungsübung ist. Und hin und wieder, wie heute, lassen wir ihn ganz ausfallen und gehen direkt zu den Süßspeisen über. Diese Freundschaften sind meine Sonne, an der ich mich auflade. Aber auch dein Brief hat für mich beim Lesen das Grau vor dem Fenster vertrieben. Was für ein Glück, dass du mir etwas erzählst, es mit mir teilst und wir uns auf diese Art und Weise kennenlernen dürfen.

Liebe Tamanna, wollen wir uns nächstes Jahr vielleicht auch einmal sehen? Ich werde versuchen, nach England zu kommen. Damit die Sprache das Geschriebene verlässt und in das Gesprochene übergeht. Ich würde mich so freuen.

Sei umarmt

Yael

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