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Untold Narratives – Weiter Schreiben > Yael Inokai & Tamanna Easar > „Führe ein mutiges Leben und hab keine Angst vor Schwierigkeiten“ – Brief 3

„Führe ein mutiges Leben und hab keine Angst vor Schwierigkeiten“ – Brief 3

Tamanna Easar an Yael Inokai, 16. Oktober 2025

Übersetzung: Bianca Gackstatter Aus dem Persischen von

© Tamanna Easar

Hallo liebe Yael,

heute ist der zweite Oktober. Ich sitze gerade am Fenster. Draußen wiegt sich ein Baum im Wind und tanzt mit seinen flammendroten Herbstblättern im Regen. Die herrliche Herbstbrise spielt mit einer Ecke des Briefes meiner Mutter, den sie mir vor zwei Jahren geschickt hat und deckt dessen Ende auf: „Meine geliebte Tochter, führe ein mutiges Leben und hab keine Angst vor Schwierigkeiten. Behalte deine Heimat immer in Erinnerung.“

Im Duft des Regens und in der Kälte, die wie ein sanfter Kuss durch meine Adern fließt, lese ich deinen Brief erneut, zum soundsovielten Mal. Erst vor ein paar Tagen habe ich deinen Brief bekommen, ich ging gerade vom Bahnhof nach Hause. Zu ungeduldig abzuwarten, bis ich dort angekommen sein würde, begann ich ihn bereits auf dem Weg zu lesen. Liebe Yael, wie sehr wünsche ich mir, die Sprache, die Welt, die Menschen und das Leben durch die Augen und die Feder von vielen Frauen kennenzulernen. Was für ein Glück, dass wir unser Frausein und unsere Schwesternschaft auf diese Weise miteinander teilen können! Danke, dass du mich auf dieser kurzen, angenehmen und erlebnisreichen Reise begleitet hast.

Während ich auf deinen Brief wartete, wurde mein erstes Buch „Rahm Pāreh“ (dt. „Der zerrissene Mutterleib“) veröffentlicht. Ein Buch, das mich mit vielen ursprünglichen und unverfälschten Werten und Sichtweisen verband und mich von vielen in der Gesellschaft verbreiteten Prinzipien und Moralvorstellungen entfernte. Ich könnte auch sagen, dass es meine innere und meine äußere Welt auf den Kopf gestellt hat. In deinem Brief hast du mich nach „Sprache“ gefragt. Gerade während der Arbeit an meinem Buch habe ich viel über Sprache gelernt: die Sprache der bedürftigen und umherwandernden Blicke, die Sprache der Pausen wegen dem Kloß im Hals, die Sprache der Güte, die sich nicht in Worten, sondern in der Färbung des Umgangs miteinander ausdrückt, und die Sprache der Menschlichkeit, die keine Hautfarbe, kein Geschlecht und keine ethnische Zugehörigkeit kennt sowie viele weitere Sprachen sichtbarer und unsichtbarer Phänomene… – sie existierten schon zuvor für mich, jedoch noch ohne Namen und Definition. Während des Schreibprozesses wurde mir mehr denn je bewusst, dass wir in dieser Welt vor allem die Sprache der Menschlichkeit verstehen sollten, ohne dass wir die Sprache der anderen sprechen müssen, damit wir vielleicht in dieser emotional aufgeladenen Welt voller umherirrender Worte, Schreie und Hilferufe endlich zu hören vermögen.

Liebe Yael, neben meiner Muttersprache Persisch kann ich mich in weiteren fünf Sprachen mit der Vorstellungswelt meiner Mitmenschen verbinden. Und wenn ich mittels einer dieser Sprachen ein Gespräch mit anderen Menschen beginne – besonders mit Frauen –, wird mir bewusst, dass wir Frauen, egal, wo auf unserer Mutter Erde, uns gar nicht so stark unterscheiden, und wie sehr doch unsere Hoffnungen, unsere Träume, unser Schmerz und unser Leid einander ähneln. Wie verzweifelt wir nach unserer Freiheit, unseren Rechten und unserem verlorenen Ich streben. Wie schmerzhaft und selbstzerstörerisch wir Frauen uns oft unbewusst in Formen zwängen, die nicht für unseren Körper, unsere Überzeugungen, unseren Geist, unser Herz und unsere Fähigkeiten gemacht sind, um die uns geraubte Identität in dieser männlich dominierten Welt zu beweisen und zurückzufordern. Aber wenn ich gleichzeitig auch sehe, wie diese Frauen nach Veränderungen streben und ihre Weiblichkeit, ihr Selbstbewusstsein, ihre Kraft und ihre Kreativität neu definieren, dann erfüllen mich diese sich gerade vollziehenden Veränderungen mit Hoffnung. Ich hoffe, dass es uns Frauen früher oder später gelingen wird, die Welt aus den Fängen von Hass und Krieg zu befreien.

Manchmal jedoch, wenn mir Kopf und Herz unter der Last all der Kriege und Ungleichheiten schwer werden und mir der Staub dieser Zeit die Luft zum Atmen nimmt, suche ich Zuflucht in meinem kleinen Zimmer, meiner kleinen Höhle. Dort starre ich auf die Tür, die Wände, die Decke. Ich suche Beistand bei der an der Wand hängenden Gitarre, deren Saiten ich manchmal zum Tanzen bringe, ohne irgendetwas über Noten, Rhythmus, Harmonie oder Melodie zu wissen. Ich lasse meine Finger einfach auf den Saiten tanzen, jenseits aller Formen, Vorlagen, Regeln oder Traditionen, ich gebe den Spuren der Zeit, des Moments und der Leere eine Stimme und lasse meine Finger Klänge entdecken, die womöglich keiner musikalischen Regel oder Tradition entsprechen und dennoch existieren. Oder ich betrachte ein Foto, auf dem meine Eltern neben einem leuchtend purpurrot blühenden Baum stehen und mit ihrem wunderschönen warmen Lächeln direkt in die Kamera blicken. In ihrem Rücken sieht man die himmelhohen Berge, die bis zur Hüfte hinunter von Nebel und Schnee bedeckt sind. Meine Eltern sollten mich ansehen, die dieses Foto vor ungefähr sechs Jahren im Frühling auf einem Hügel voller blühender Judasbäume in Parwan, einer Provinz in Zentralafghanistan, aufgenommen hat. In einer Zeit, in der die Taliban ihren schwarzen Schleier noch nicht über unserem Heimatland ausgebreitet hatten und die Familienfeiern und Volksfeste in den Bergen, den Ebenen und den Gärten unserer Heimat noch nicht verboten waren. Damals hatten die Taliban mit ihrem Totalitätsanspruch und ihrem Drang zur Gleichschaltung den Menschen noch nicht ihre Meinungs-, Geschmacks-, Glaubens- und Lebensvielfalt genommen. Jawohl! Wenn ich mich in die Stille flüchten möchte, suche ich Zuflucht im Lächeln und der Freude meiner Eltern. Manchmal möchte ich auch ganz real dem Trubel entkommen, dann suche ich Zuflucht draußen im Schoß der Natur. Dann ziehe ich los. Ich gehe zum ruhigsten Plätzchen im Park, wo nur noch ich bin und das Rascheln der Blätter, das Gurren der Tauben und das Trippeln der Eichhörnchen, die mit neugierig funkelnden Augen von einem Ast zum nächsten springen. Unwillkürlich erinnern sie mich an das Ringen, den Einsatz, die Neugier und den Kampf der Frauen meines Landes, die in Ermangelung jeglicher Chancen und jeglichen Lichts einem Hoffnungsschimmer hinterherlaufen. An einem Sommernachmittag vor einem Monat hatte ich mich wieder einmal in diesen Winkel des Parks zurückgezogen und in Erinnerung an meine Heimat meinen Rock und meinen Schal mit Pflaumen gefüllt. Vielleicht hat in diesen wenigen Stunden die Natur alle politischen Grenzen durchbrochen und die Welt hat mich als Heimat in ihre Arme geschlossen.

Dass ich in diesen Dingen Zuflucht suche, heißt nicht, dass ich mich von den Menschen abwende. Ganz im Gegenteil. Ich kann gar nicht beschreiben, wie sehr ich es genieße, schweigend neben ihnen zu sitzen, sie anzusehen, mit ihnen zu sprechen und die Welt durch ihre Augen auf neue Weise kennenzulernen. Ich muss dir etwas gestehen: Manchmal habe ich Angst, mit Leuten zu sprechen, und bin sehr zurückhaltend. Ich habe Angst, dass wir einander nicht verstehen, dass es uns vielleicht nicht gelingt, unsere Freuden und unser Leid füreinander sichtbar und bedeutungsvoll zu machen. Denn wenn ich manchmal so auf die Welt blicke, habe ich das Gefühl, als hätte der Geschmack von Macht und Herrschaft die Menschen auf schmerzliche Weise dazu verurteilt, keine gemeinsame menschliche Identität und keine gemeinsame Welt mehr zu besitzen. Es fühlt sich so an, als ob sie die Menschen in „graue Wesen“ verwandeln wollen, die Leid, Schmerz und Traurigkeit gleichgültig und gefühllos gegenüberstehen. Die Herrschenden sind derart von ihrem aufgeblähten Ego eingenommen, dass sie im Versuch, sich von dem steuerlosen Schiff zu retten, in Kauf nehmen, ihre Mitmenschen abzuschlachten. Das macht mir Angst. Aber jedes Mal, wenn ich dann wieder von dieser dunklen Seite wegschaue, sehe ich überraschenderweise die Widerstandsfähigkeit, die Freundlichkeit und das soziale Engagement der Menschen, die, im Gegensatz zum Teufelskreis aus Machthunger und Machtdemonstrationen der Herrschenden, Schulter an Schulter und Hand in Hand auf die Straße gehen – nicht, um sich in eine ideale Welt zu flüchten, sondern um in der realen Welt anzukommen. Dieses Bild gibt mir große Hoffnung.

Inzwischen haben wir den fünften Oktober. Das Wetter ist sonnig, der Himmel blau, durchzogen von dünnen Wolkenfäden. Die kühle Morgenluft begleitet mich in der Stille der Morgendämmerung und des Sonnenaufgangs. Ich denke zurück an die vergangenen Tage, in denen die Taliban in Afghanistan für zwei Tage das Internet und alle Telekommunikationsdienste lahmgelegt haben. Zwei Tage der absoluten Dunkelheit, nichts weniger als die Hölle für alle Menschen dort. Zwei Tage, in denen es schien, als wäre ein so großes Land mit seinen vierzig Millionen Einwohnern plötzlich vom Erdboden verschwunden. Die Träume und Hoffnungen der Frauen erstarrten – denn in dieser Ruine ist das Internet das einzige verbliebene Mittel, um sich Träume zu erfüllen und Verbindung zur Umwelt aufzunehmen. In diesen zwei Tagen wurden wir erneut voneinander getrennt – wieder Trennung, wieder Distanz. Diese Trennung hatte jedoch eine andere Färbung und Bitterkeit. Es war, als hätte man die Nabelschnur aus dem Mutterleib durchtrennt und deine Mutter anschließend für eine Weile an einem unbekannten Ort in Ketten gelegt, so dass ihre Existenz, ja sogar schon die bloße Erinnerung an sie zu einem Traum wird, einem unwirklichen, flüchtigen Traum.

Liebe Yael, ich wünschte, ich könnte die begrenzte und flüchtige Freude der Menschen in meinem Land in Worte fassen. Ich wünschte, ich könnte dir etwas über ihren Schmerz schreiben, der in ihren kurzen Sätzen mitschwingt, wenn sie Worte sagen wie: „Kein Mensch hat es verdient, wieder und wieder den Tod zu durchleben!“

Doch trotz alledem hoffe ich immer noch auf Freiheit und auf bessere Zeiten, auf eine Welt ohne Krieg, Unterdrückung und Ungleichheit. Zeiten, in denen ich, wenn wir uns treffen würden, Geschichten über die Freiheit der Frauen und über meine Heimat erzählen würde und du mir auf Ungarisch von dir, deiner Großmutter, deinen Tanten und deinen Freundinnen. Vielleicht würde ich deine Sprache nicht verstehen, wohl aber dein Herz und deine Augen.

Pass auf dich auf und behalte ein reines Herz.

Mit den besten Wünschen der Welt … bis zum nächsten Mal.

Tamanna

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