Menu
Suche
Weiter Schreiben ist ein Projekt
von WIR MACHEN DAS
> Einfache Sprache Jetzt Spenden
Logo Weiter Schreiben
Menu
Suche

Nicht diese eine Sprache – Brief 4

Tanasgol Sabbagh an Marie Bamyani (Pseudonym), Berlin, 04. Dezember 2024

Übersetzung: Ali Abdollahi Aus dem Deutschen

© Tanasgol Sabbagh; Wie du siehst, habe ich nun wirklich alles getan und es bleibt nichts anderes übrig, als mich an den Tisch zu setzen und diesen Brief zu schreiben, eine Antwort auf deinen so schönen letzten Brief.

Liebe Marie,

es ist später Nachmittag. Ich habe eine Freundin in einem Café getroffen, ich habe mit fünf Menschen telefoniert, habe Dinge auf meiner To-do-Liste abgearbeitet, war einkaufen, ich habe gekocht und habe mir mit einem Messer tief in den Finger geschnitten.

Wie du siehst, habe ich nun wirklich alles getan und es bleibt nichts anderes übrig, als mich an den Tisch zu setzen und diesen Brief zu schreiben, eine Antwort auf deinen so schönen letzten Brief. Nicht, dass du mich missverstehst: Ich zögere nicht, dir zu schreiben, weil ich dir nicht schreiben möchte. Ich zögere das Schreiben hinaus. Ganz allgemein und immer. Ich habe vor Kurzem in einem Gespräch gesagt, dass Schreiben für mich viel mit Verzicht zu tun hat. Ich habe den Satz einfach so gesagt und jetzt denke ich seit Tagen darüber nach, ob das stimmt und was das heißt.

Ein Gedicht selbst kann man ja als Verzicht verstehen: Das Verzichten auf lange Sätze, auf ausufernde Beschreibungen, auf Füllwörter, auf Platz. Man wird sich aus dem Wenigen schon auch einen Reim machen können. Das Wenige, das Kleine, das Enge, der Rand. Vielleicht ist daraus die Literatur gemacht, die ich liebe, und vielleicht versuche ich deshalb auch mit dem zu arbeiten, was da ist; das bisschen Luft.

Aber ich meine auch den Verzicht auf das Schreiben, obwohl man eigentlich schreiben müsste. Weil eine Abgabe bevorsteht, zum Beispiel. Weil die Umstände es erfordern, weil es sein muss, weil da etwas ist, das sich aufdrängt, das geschrieben werden will, das sich wie gegen eine geschlossene Tür wirft, die klemmt. Und dann aber nicht zu schreiben. Diesem Gefühl Einhalt zu gebieten, warum auch immer. Die meiste Zeit alles andere zu tun, nur nicht zu schreiben, nie.

Ich hatte vor Kurzem Geburtstag und eine Freundin hat mir ein Buch geschenkt, über das ich mich sehr gefreut habe. Es war ihre eigene Ausgabe des Buchs und überall an den Rändern stehen noch ihre Notizen. Ich lese sie immer mit, als gehörten sie zum Text, auch wenn mir ihre Bedeutung oft verborgen bleibt, weil sie einer eigenen Logik folgen, der Logik des exakten Augenblicks, in dem diese Freundin dieses Buch gelesen hat, vielleicht vor vielen Jahren.

Mich hat es sehr gerührt, so ein intimes Geschenk zu bekommen, und ich habe das Buch, das eigentlich auch ein Brief ist, gelesen und begonnen eigene Notizen an den Rand zu schreiben. In dem Buch geht es auch um Verzicht und die Autorin, eine Dichterin, vielleicht kennst du sie, Marina Zwetajewa, schreibt, dass der Verzicht die Triebfeder ihrer Handlungen sei.

Ich denke daran, wie lange es dauert, bis ich mir nach dem ersten Hungergefühl etwas zu essen mache. Wie lange ich warte, manchmal Tage, bis ich den Kopfschmerzen mit Tabletten nachkomme. Der Verzicht begleitet mich täglich, das Ertragen einer Situation,

die Sturheit darin. Vielleicht ist es ein Zwang, vielleicht meine Triebfeder, wer weiß.

Uns beiden geht es gleich: Auch ich habe seit Jahren niemandem einen Brief geschrieben. Geht es dir auch so, dass du noch nicht so richtig weißt, wie du klingst in einem Brief?

Jeden Tag schreibe ich unzähligen Menschen Nachrichten und E-Mails, kommuniziere mit ihnen auf unterschiedlichste Weise mit Emojis und Text und Audio, und für alles habe ich eine mir bekannte Sprache zur Hand. Und dann sitze ich vor diesem Dokument und möchte dir schreiben und komme mir albern vor in der Ausformulierung, in den sprachlichen Gesten.

Deine Briefe habe ich aber so gern und beide nun schon so oft gelesen, immer wieder bewundernd. Es gibt diese Momente, in denen ich glaube, deine literarische Schrift zu erkennen, also die Art und Weise, wie du deine Texte schreibst, wie du an Gedanken und Sprache herangehst. Es macht mir große Freude, den Bewegungen dieser Schrift zu folgen – auch das ist sehr intim. Und das, obwohl ich deine Briefe zuerst übersetzt lese, sie in einer anderen Sprache als derjenigen, in der du sie schreibst, zu mir kommen.

Zwetajewa hat einmal in einem Brief an Rilke über das Schreiben in einer anderen Sprache gesagt: Dichten ist schon übertragen, aus der Muttersprache – in eine andere, ob französisch oder deutsch wird wohl gleich sein. Keine Sprache ist Muttersprache. Dichten ist Nachdichten.

Ich mag diese Vorstellung sehr gern, so erlebe ich meine eigene Sprache auch, dort wo sie sich übersetzt, von meinem Mund auf das Papier oder in ein Dokument, auf die Bühne oder in ein Gespräch. Nicht weil sie sich anpasst und immer eine komplett andere Sprache wird, sondern weil sie zulässt, dass sie nicht diese eine Sprache ist, dass sie formbar bleibt und ich sie immer neu formen kann.

Ich frage mich, wie es für dich ist, in einem Land zu schreiben, in dem du die Sprache, die du überall um dich herum hörst, erst lernen musst. Bringt dich das näher an die Sprache, in der du schreibst, weil sie dadurch privater wird? Ändert sich deine Sprache durch die Klänge der neuen? Vielleicht im Rhythmus und in der Melodie? Vermisst du es, auf der Straße zu hören, was du in deinen Träumen vielleicht sprichst?

Ich stelle mir vor, wie du Brecht, den du in deinem Brief zitierst, das erste Mal auf Farsi gelesen hast, vielleicht hast du auch schon versucht einen seiner Texte auf Deutsch zu lesen.

Ich erinnere mich an den Moment auf dem Friedhof Père-Lachaise, das Begräbnis eines Genossen meines Onkels vor einigen Jahren, wie alle die Internationale auf Farsi singen. Wie rührend Übersetzungen eigentlich sind: eine Bemühung, Dinge über Zeit und Raum zu verbinden, auch wenn es abwegig wirkt. Um zu zeigen, dass sie doch verbunden sind.

Ich frage mich manchmal, warum ich bei all dieser Freude und Lust an Sprache dennoch so selten schreibe. Oder solche Angst vor dem Schreiben habe. Oder es mir verwehre, zu schreiben.

Du sagst in deinem Brief, dass du immer neugierig bist, dass du immer fragst und die Hintergründe kennen möchtest. Ich finde das wirklich schön! Als Kind wurde mir der Unterschied zwischen konjkāv und fozoul nie richtig erklärt – fozoul bekam ich viel öfter zu hören, mal liebevoll, mal wütend, wenn ich versuchte einen Blick zu erhaschen, wo mein Blick nicht gewünscht war, oder einen Moment länger einem Gespräch zu lauschen, das nicht für mich gedacht war. Beide Wörter übersetzt man auf Deutsch mit neugierig. Und wegen der Gier, die in diesem Wort steckt, habe ich das andere Wort eine Weile lang ganz vergessen: konjkāv, diese offene Art der Neugier, ein Tasten nach dem, was noch da sein könnte, hinter den Dingen, die man vor sich liegen sieht. Ich hatte Neugier als etwas abgespeichert, das sich nicht gehört, und irgendwann auf die Fragen verzichtet, die mir in den Sinn kamen. Seinen Platz zu kennen, die Grenzen nicht zu überschreiten, auch darum ging es.

Was du schreibst, ist sehr traurig: diese Geschichten von Flucht, Exil, Angst, Demütigung, Kampf und Widerstand, wie du sie in dir trägst, über Generationen hinweg. Dass du niemals zur Ruhe kommst – wie auch?

Weißt du, es steht zwar in keinem der Bücher in meinem Regal, aber von meiner Familie kenne ich auch Geschichten. Geschichten, die mir vorausgegangen sind und die der Grund für mein Leben in diesem Land geworden sind. Geschichten, die Seite an Seite stehen mit den Kämpfen um Gerechtigkeit und ums Überleben, die wir täglich mitverfolgen

Sicher hat mein Schreiben mit Verzicht zu tun, weil ich mit diesen Geschichten aufgewachsen bin. Es sind Geschichten, die nie in ihrer Gänze erzählt wurden, die nur in Nebensätzen aufgetaucht sind, als Randnotiz, und ich habe mich nicht getraut, weiter zu fragen.

Liebe Marie, du bist mit deiner Neugier auf einer guten Spur, ich glaube, ich will es dir gleichtun. Mehr fragen, mehr hören, mehr sehen. Mehr schreibenschreibenschreiben.

Ich glaube nämlich, mein Blick ist ein wenig eingeschränkt in letzter Zeit. Die Brutalität und die Ungerechtigkeit, die wir mitansehen, in Afghanistan, in Palästina, im Libanon, in Syrien, in Kurdistan, im Sudan, im Kongo. Die Videos, die Bilder, die einseitigen oder fehlenden Berichterstattungen dazu. Die Kriegsstimmung in diesem Land. Die Abgestumpftheit, die Gefühllosigkeit, wie du in deinem Brief schreibst, der Anblick sozialdemokratischer Wahlplakate mit Flaggen und Panzer in meinem Kiez.

All das verschlägt mir die Sprache.

Ich weiß: Die Bedingungen, unter denen wir leben und arbeiten, wirken sich auf unsere Sprache aus, ändern und formen sie. Und ich merke, wie etwas in mir sich komplett zurückzuziehen droht. Ich will das nicht zulassen. Denn es gibt noch so viel. Es gibt diejenigen, die unermüdlich arbeiten, die sich organisieren, die sich schützend vor andere stellen, die wachsam sind und kämpfen. Die mir das Gefühl geben, dass es so vieles schon gibt, und so viel, das erst noch erträumt werden muss. Die Fülle, das Überbordende, das Nichtendenwollende – auch daraus ist die Literatur gemacht, die ich liebe. Du siehst, irgendwie versuche ich eine Form für mich zu finden, um all dem begegnen zu können. Wie gehst du damit um?

Jetzt habe ich so wenige deiner Fragen beantwortet, aber ich trage sie trotzdem alle ganz nah bei mir, überlege mir derweil vielleicht auch Namen für meine Pflanzen, so wie du, und lerne das Schreiben noch mal neu, auch wenn es vielleicht vorerst bei Notizen an den Rändern von Büchern bleibt. Oder eben bei Briefen.

Vielleicht hast du ja Lust, mir noch einmal zu schreiben, ich würde mich sehr freuen, ich bin so gern in deinen Zeilen und zähle mit dir die Sterne in Bamiyan.

Deine Tanasgol

Autor*innen

Datenschutzerklärung

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner