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Untold Narratives – Weiter Schreiben > Marie Bamyani & Tanasgol Sabbagh > Brief aus der kalten Jahreszeit – Brief 3

Brief aus der kalten Jahreszeit – Brief 3

Marie Bamyani (Pseudonym) an Tanasgol Sabbagh, Bad Berleburg, 07. Dezember 2024

Übersetzung: Bianca Gackstatter aus dem Persischen

© Marie Bamyani; Was ist mit dir? Gibst du deinen Pflanzen auch Namen?

Meine liebe Tanasgol,

wie schön, dass du mir zurückgeschrieben hast! Denn ehrlich gesagt ist es schon eine ganze Weile her, dass ich von jemandem einen Brief bekommen oder jemandem einen Brief geschrieben habe. Meinen allerersten Brief habe ich in der vierten Klasse geschrieben. Das machte ich für meinen Vater, der einen Brief an seinen Bruder schreiben wollte. Damals war ich unbeschreiblich stolz. Und nun freue ich mich sehr, deinen Brief erhalten zu haben und dir zurückzuschreiben. Dein Brief kam genau in dem Moment an, als ich hin- und hergerissen war, ob ich lieber deutsche Verben lernen sollte oder zusammengesetzte Wörter. Wie schwierig das alles ist! Ich bewundere dich wirklich, dass du so gut Deutsch kannst, dass du in dieser Sprache Gedichte schreiben und Nietzsche, Kant und Arendt im Original lesen kannst. Obwohl ich meine Muttersprache sehr liebe, wünsche ich mir manchmal, ich wäre in einem Land geboren, in dem ich kein Wörterbuch bräuchte, um diese Werke zu lesen.

Liebe Tanasgol, erst hat mir die Angst zu versagen den Mut genommen, deinen Brief zu öffnen und zu lesen. Manchmal fehlt mir einfach die nötige Ruhe, Wörter und Sätze auf mich wirken zu lassen. Trotzdem habe ich mir deinen Brief bei der ersten Gelegenheit ausgedruckt und bin ihn dann mit dem Stift Wort für Wort und Satz für Satz durchgegangen. Genau wie du muss ich die Sätze mit den Händen berühren, das Papier riechen und Wörter mit dem Kugelschreiber unterstreichen, um sie zu meinem Gehirn zu leiten und sie besser zu verstehen.

Du hast deinen Brief in deiner Wohnung geschrieben. Es klang so, als sei sie ziemlich vollgestellt. Ich male mir die Blumen, die Bücherregale und dich selbst darin aus und blicke auf Bücher, Sätze, Wörter, die dir noch unbekannt sind. Wahrscheinlich denkst du nachts darüber nach, welchem Buch du Glauben schenken kannst. Ich glaube, ich weiß, was du meinst, denn die Gefühle der Entfremdung und der Fremdheit kenne ich seit meiner Kindheit. Oder um es mit den Worten Brechts zu sagen:

„Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd

Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt

Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.“[1]

Eine Freundin hat mich gefragt, ob es etwas gibt, das mir seit meiner Kindheit am Herzen liegt und mich seitdem überallhin begleitet. Das verneinte ich, denn wir Afghanen hatten niemals Ruhe. „Öfter als die Schuhe“ haben wir „die Länder gewechselt“ – aber ich trage so viele Bücher, Geschichten und Erinnerungen in mir, die über Generationen hinweg weitergegeben wurden: Geschichten von Flucht, Exil, Angst, Demütigung, Kampf und Widerstand. Vielleicht stößt du ja in deinem Bücherregal einmal auf eine Geschichte von Menschen, deren Himmel und Boden die gleiche Farbe haben wie die der anderen, deren Lebensgeschichten jedoch dunkler sind als die ihrer Mitmenschen. So wie die von Schirin, der Freundin, nach der du mich gefragt hast. Schirin ist meiner Fantasie entsprungen, sie verkörpert aber eine Wahrheit. Ich trage sie in mir. Alle Mädchen tragen sie in sich. Oder wie Brecht es ausdrückt:

„Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut

In der wir untergegangen sind

Gedenkt

Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht

Auch der finsteren Zeit

Der ihr entronnen seid.“[2]

Du hast den deutschen Waffeneinsatz erwähnt. Ich weiß davon. Wer sollte das besser wissen als wir?! In gewisser Weise sind wir mit Haut und Haaren damit verbunden – nicht nur mit den deutschen Waffen, sondern mit den Waffen der ganzen Welt. Unsere Leben sind ja quasi die Versuchskaninchen der Nato und ihrer Verbündeten. Ich habe mich immer gefragt, warum sich die doch scheinbar so aufgeklärten Menschen aus dem Westen, die sich allen überlegen fühlen, nie fragen, woher diese Abgestumpftheit kommt. Sollten dies nicht die ersten Nachrichten auf ihrem Frühstückstisch sein? Lesen sie etwa nichts darüber, dass die Maschinenpistole MP7 die Familienangehörigen von tausenden Menschen in Afghanistan, im Libanon, in Gaza, Syrien und Israel getötet hat? Oder dass die Überreste der GBU 43, der „Mutter aller Bomben“, immer noch etliche Afghanen das Leben kosten? Woher kommt denn diese Abgestumpftheit und Gefühllosigkeit der modernen Menschen? Warum gibt es zwei Lager?

Du hast mich nach meiner Ankunft in meinem jetzigen Wohnort gefragt. Ich könnte schreiben, dass ich du sei und auch die Stadt oder eines der Bücher in deinem Regal, die du noch nicht kennst. In der Nacht, als ich den Albtraum mit dem Talib durchgestanden hatte, habe ich darüber nachgedacht, woran ich glauben sollte. An den Beginn welchen Lebenskapitels? „Glauben wir nur an den Beginn der kalten Jahreszeit“, so der Titel eines Gedichts von Forough Farrochzad.

Du hast gefragt, wie sich die Menschen in der Stadt verhalten, in der ich jetzt lebe. Vereinfacht gesagt: Manche sind wie Straßen, die zum Meer führen – groß, freundlich, klar und rein. Manche sind jedoch auch wie Sackgassen – eng, dunkel und erdrückend, und der Gestank ihrer fauligen Gedanken verschlägt einem minutenlang den Atem. Wie bei dem Talib. Es schmerzt, auch hier so stinkende Gedanken wie die der Taliban wahrzunehmen.

Ich denke an deine Pflanzen. Ich würde zu gern mehr darüber erfahren, welche Pflanzen du hast und warum. Vielleicht findest du es merkwürdig, dass ich meinen Worten immer ein „Warum“ hinzufüge. Eigentlich verstehe ich es selbst nicht so genau. Ich bin einfach immer neugierig. Ich möchte immer etwas über die Hintergründe erfahren. Wenn ich beispielsweise meinen Oregano[3]betrachte, der schon ein richtiger Strauch geworden ist und entlang der Fenster und Wände hinaufwächst, denke ich immer an die indische Stadt Pune. Oder ich schaue mir die „Hassan Youssef“-Blume an – das sind Buntnesseln, die ich aus Kabul mitgebracht habe – und kehre mit meinen Gedanken nach Kabul zurück. Es mag eine komische Angewohnheit sein, aber ich nehme gerne aus jedem Land, in das ich reise, einen kleinen Ableger mit. Zum Beispiel habe ich aus London ein Buch und einen Ableger einer Sansevieria als Andenken mitgebracht und ihn „London“ getauft. Seit Neuestem habe ich auch einen kleinen Zitronensteckling, den ich nach mir selbst benannt habe: „Marie“.

Was ist mit dir? Gibst du deinen Pflanzen auch Namen?

Du hast gefragt, wie das Wetter war, als ich Forough zum ersten Mal gelesen habe. Ob es nach Staub und Wind gerochen hat. Als ich Forough zum ersten Mal las, war das Wetter schön, der Wind wehte und ich tanzte mit Pusteblumen unter den Akazienbäumen in Kabul. Als ich Forough las, war der Himmel Bamiyans sternenklar. Mein Bruder und ich – jetzt meilenweit voneinander entfernt – zählten in Qarghanato, einem Ort in Bamiyan, neben einem kleinen Bach die Sterne und bei jeder Sternschnuppe wünschten wir uns etwas.

Als ich Forough zum ersten Mal las, wusch sich der Boden die Farbe des Blutes ab und der Duft des Holunderbaums verdrängte den Geruch des Schießpulvers, das vom Krieg noch übriggeblieben war. Als ich Forough zum ersten Mal las, hatten die Tulpen am Schrein beschlossen, in Blau, Grün und Gelb zu leuchten und der Buddha von Bamiyan träumte von kleinen Zuckermelonen.

Wenn ich heute Forough lese, denke ich an Kabul. Heute riecht es sogar in den Gassen Kabuls nach Blut und vom Himmel regnet es Gewehrkugeln. Die Tulpen am Schrein sind flammend rot und niemand denkt mehr an die Sterne von Bamiyan. Wenn ich Forough jetzt lese, herrscht meinem Gefühl nach überall tiefster Winter – ob in Kabul, in Gaza, in Syrien, im Libanon – und die Menschen in der Welt erscheinen kälter und seelenloser als je zuvor.

„Ich komme aus der grauen Welt der Worte, der Gedanken und der Stimmen

Diese Welt ist wie ein Schlangennest.“[4]

Du hast von deinem Fahrrad gesprochen und von Gefühlen der Unabhängigkeit und des Wahnsinns. Ich nehme dich einmal mit nach Kabul. Ich erinnere mich an die Nächte Kabuls in guten Zeiten, in denen für mich das Lösen von X+Y-Gleichungen der Eroberung der Welt gleichkam. Mein großer Bruder und ich fuhren mit unseren Fahrrädern durch die Stadt und lachten im Dunkel der Nacht über alle Gleichungen der Welt. Meine Schwester und ich traten wie verrückt in die Pedale und meines Bruders größte Sorge war, dass wir stürzen könnten. Damals herrschte noch keine Angst. Es gab nur Freude und Wahnsinn und einen Hauch von Freiheit.

Als ich hier ankam, wurde mein Fahrrad zu meiner Zuflucht. Einer Zuflucht auf der Flucht vor mir selbst, vor dem Albtraum mit dem Talib und vor den Bildern, die mir unwillkürlich im Kopf herumschwirren und darin manchmal wie eine Bombe explodieren.

Ich habe eine sehr nette Frau kennengelernt. Sie ist ungefähr fünfzig Jahre alt und liebt es, mit dem Fahrrad zu fahren. Wenn sie Fahrrad fahre, denke sie an nichts anderes, sagt sie. Diesen Sommer ist sie mit ihrem Fahrrad durch Italien gereist. Was für eine wunderbar freie Frau! Die Welt bräuchte viel mehr von diesen Frauen anstelle all der Kriegstreiber!

Diese Frau hat mir ein Fahrrad geschenkt. Sie hat mir geholfen, aus meinem dunklen Schneckenloch herauszukommen und wir haben uns angefreundet. An einem warmen Sommertag haben wir mit einer Gruppe eine fünfzig Kilometer lange Radtour gemacht. Sie hat mich zum Kaffee eingeladen und ich sie, nach afghanischem Brauch, zum Tee. Sie befreite mich von den Gefühlen der Fremdheit und Andersartigkeit. Durch sie hatte ich das Gefühl, dass die Stadt ihre Arme einladend ausbreitete und inzwischen zu einem festen Bestandteil meines Lebens geworden ist.

Ich greife noch einmal auf die Worte aus Brechts Gedicht „An die Nachgeborenen“ zurück:

„Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut

In der wir untergegangen sind

Gedenkt

Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht

Auch der finsteren Zeit

Der ihr entronnen seid.

[…] Ach, wir

Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit

Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es soweit sein wird

Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist

Gedenkt unsrer

mit Nachsicht.“

Tanasgol, meine Liebe, ich wünsche dir körbeweise leidenschaftliches Glück und eine so beschwingte Leichtigkeit wie die des kleinen Vogels aus meinem Garten! Ich hoffe, deine Tage sind warm und deine Nächte sternenklar. Sehnsüchtig zähle ich die Sekunden, bis ich deinen Brief erhalte.

Alles Liebe

Marie

[1]   Aus Bertolt Brechts Gedicht „An die Nachgeborenen“, zuerst veröffentlich in: Die neue Weltbühne, Paris, 15.6.1936

[2]   Ebd.

[3]   Persisch „puneh“ A.d.Ü.

[4]   Forough Farrokhzad „Glauben wir nur an den Beginn der kalten Jahreszeit“ in dies: Jene Tage, ausgew., aus dem Pers. übertragen und mit einem Nachw. vers. von Kurt Scharf, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1993

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