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Weiter Schreiben Afghanistan - Briefe > Fatema Key & Svenja Leiber > Kampfansage an die Umstände – Brief 1

Kampfansage an die Umstände – Brief 1

Svenja Leiber an Fatema Key (Pseudonym), Berlin, 05. Juli 2022

Übersetzung: Ali Abdollahi ins Persisch

Brief 1 von Svenja an Fatema
© privat

Liebe Fatema,

Dir schreiben zu wollen bedeutet für mich, an einem Steilhang zu stehen. Jedes falsche Wort könnte eine Lawine auslösen, die das gesamte Vorhaben mit sich reißt. Der Steilhang, gebildet aus Ungerechtigkeiten, politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten, erzeugt eine Ungleichzeitigkeit, in deren Wirkungsfeld sich zwei Frauen, zwei Schriftstellerinnen, im Abstand von fast fünftausend Kilometern unterhalten wollen; einfach reden, über ihre Arbeit, ihre Erfahrungen, ihre Ängste, ihre Freuden – aber so einfach ist es vielleicht nicht. Für mich ruft der Umstand jener Ungerechtigkeit zunächst ein so schwieriges Gefühl hervor, dass mir schon die simple Frage, die ich am dringendsten, am liebsten und zuallererst stellen möchte, kaum über die Lippen kommt, nämlich die Frage, ob es Dir gut geht. Und doch meine ich sie ernst und nehme sie als innere Überschrift für meinen Briefversuch an Dich, liebe Fatema: Geht es Dir gut?

Sollte ich diese Frage überhaupt stellen? Wenn man sie mir stellt, läuft man Gefahr, mich vielleicht sogar weinen zu sehen. Nicht, weil es mir schlecht geht, sondern weil sie an ein tief eingeübtes Verhalten rührt, welches ich ganz offensichtlich übernommen habe, wie es schon meine Mutter von ihrer Mutter übernommen hat: nicht danach zu fragen, wie es uns selbst geht. Die eigenen Bedürfnisse hintanzustellen – offenbar ist das auch hier, in meiner scheinbar so emanzipierten Gesellschaft, für viele Frauen selbstverständlich.

Vielleicht hat diese Frage, wenn ich sie einer Frau stelle, für mich darum auch den Charakter einer Kampfansage. Einer Kampfansage an die Umstände, die uns nicht nur über Jahrhunderte ein eigenes Sein absprechen wollten, sondern auch den Mut, uns selbst nach diesem Sein und seinem Zustand zu befragen.

Aber vielleicht fange ich trotzdem noch einmal anders an, vorsichtiger, damit Du eine Ahnung bekommst, wer überhaupt fragt:

Ich weiß nicht mehr, wie oft ich als Kind Briefe geschrieben oder Landkarten mit meinem Aufenthaltsort bemalt, aufgerollt, in eine Flasche gesteckt und in irgendein Gewässer geworfen habe, stets überzeugt, eines Tages eine Antwort zu erhalten. Wie Gebete wurden die kindlichen Nachrichten versandt, eine Glaubenssache, dass sich einst ein Gegenüber finden werde.

Es gibt kein Sprechen ohne ein wenigstens imaginäres Gegenüber. Bis heute schwimmen die alten Nachrichten wohl irgendwo, unverdrossene Kapseln in denen, gerade weil sie ihre unbekannten Adressaten noch nicht erreicht haben, etwas wie Zukunft eingeschlossen ist, Hoffnung.

Die Flaschenpost war im Grunde der Beginn meines Schreibens. Mein eigener Ort, mein eigenes Sprechen gingen mit ihr auf Reisen, verließen den Ursprung und kamen nie an. Und selbst wenn meine Texte heute ihre Leser*innen erreichen, bleibt mir ein Gefühl der Ortlosigkeit, als hätte ich mir eben jenen Beruf ausgesucht, der niemals fertig wird, niemals ankommt.

Von Afghanistan hörte ich zum ersten Mal 1982, in der ersten Klasse. Meine Lehrerin hatte als junge Frau dort gearbeitet, konnte Farsi sprechen und verwunderte uns mit der Vorführung eines hellblauen Schleiers, an dessen Echtheit wir kaum glauben konnten und dessen Bedeutung uns verborgen blieb. Ein knappes Jahr später zogen meine Eltern mit meinen Brüdern und mir nach Riad und für mich vermischten sich die Vorstellungen von Afghanistan und Saudi-Arabien auf verwirrende und kindliche Weise, ahnungslos in Bezug auf die Tatsache, dass sich die Geschichte der beiden Länder zur gleichen Zeit auch real und fatal zu vermischen begann. Erst viel später, bei der Recherche für meinen dritten Roman, begann ich die politischen und kulturellen Gegebenheiten Deines Landes etwas zu studieren, die schier endlose Abfolge wechselnder Herrscher, wechselnder Einflüsse aus wechselnden Ländern und mit wechselnden Interessen.

War es eine vorhersehbare Entwicklung, dass sich die von den Großmächten ehemals in Afghanistan ausgetragenen Konflikte jetzt, wo man Afghanistan so abrupt verlassen hat, plötzlich in der Ukraine abspielen, wenn auch unter anderen Bedingungen? Die Tragik und Grausamkeit einer gewissen Konstellation lässt sich bis in den Slogan „unsere Freiheit werde verteidigt“ wiedererkennen und ist doch auch ganz anders. Vielleicht kommen wir auch darüber ins Gespräch. Denn was ist nun, heute, mit Deiner Freiheit, wo meine Freiheit nun offenbar woanders erkämpft wird? Und wie denken wir über das Freisein insgesamt nach, vor allem das Freisein der anderen? Was ist es uns wert? Wie viele Menschenleben und welche? Das eigene auch?

Vor wenigen Tagen brachte ich mit meinem Mann zusammen einen sehr alten, sehr gebrechlichen Ukrainer nachts zum Bus. Er hatte sich entschieden, sich entweder hier das Leben zu nehmen oder zurück in die Ukraine zu gehen. Als ich ihn umständlich fragte, warum, schrieb er mir auf Ukrainisch auf einen Zettel: Ich bin zu alt, um deine Sprache zu lernen.

Der Mann war ein einfacher Elektriker. Er saß auf dem Beifahrersitz, rauchte, und sagte also mir, der Schriftstellerin, er wolle lieber sterben als ohne Sprache zu leben. Und dann reiste er zurück in den Krieg.

Meine Familie blieb nicht lang in Riad. Die religiöse Erweckungsbewegung nahm gerade dort so deutlich an Intensität zu, dass meine Eltern nach Norddeutschland zurückkehrten. Mich erfreute die Rückkehr nur aus einem sehr banalen Grund: Es gab wieder Schwarzbrot. Ansonsten hatte meine Mutter die Begeisterung für Safranreis, Dattelkuchen und Mansaf mitgebracht und bekochte damit fortan alle, während uns, im Regen und Matsch des 54sten nördlichen Breitengrades, ein nie mehr verschwindendes und in seiner romantisierenden Tendenz sicher auch fragwürdiges Fernweh nach gewissen Landschaften blieb, was mich später zwar nicht wieder nach Saudi-Arabien, aber nach Syrien, Jordanien und Israel führte.

Inzwischen lebe ich seit bald dreißig Jahren in Berlin. Umgeben von einer Architektur, der in verwirrender Gleichzeitigkeit die Geschichte von Gründung und Zerstörung, von Nationalismus, Antisemitismus, Kommunismus und Kapitalismus abzulesen ist, lebe ich mit meiner Familie in einer Eckwohnung im vierten Stock und genieße den Umstand, dass im Nachbarhaus mehrere Musiker*innen auf ihren Instrumenten üben, so dass ich im Grunde wie im Block C der Berliner Philharmonie wohnhaft bin. Während dieser virtuosen Gratiskonzerte gehe ich dem Schreiben nach, wobei ich oft nicht weiß, ob ich eher suche oder finde und was von beidem mir lieber ist.

Es ist somit kein Zufall, dass meine Figuren weitgehend Suchende sind, Scheiternde (auch mal Musiker), die immer wieder das Selbstbild (der Westeuropäer*innen) zu hinterfragen und zu untergraben versuchen, die allen Glauben, jede Gewissheit, letzte Gemeinschaft verloren haben. Es sind versehrte Gestalten, herausgebrochen aus der Biedermeier-Gemütlichkeit einer Gesellschaft, die so gerne meint, alles richtig zu machen, auch nach der größten Katastrophe, die Menschen überhaupt anrichten konnten. Es sind Figuren, die die Ratlosigkeit und Zwangsläufigkeit der Vereinzelung des Individuums zu verstehen und zu ertragen versuchen, auch wenn ihnen das meist misslingt.

 

Liebe Fatema, ich bin sehr gespannt, inwieweit sich auch unser schriftliches Gespräch als Suchen oder als Finden wird beschreiben lassen; ich bin, falls ich darf, sehr gespannt auf Deine Gedanken, Fragen und Sichtweisen; ich bin gespannt auf Nachricht aus Afghanistan.

Damit schließe ich für heute, freue mich auf Antwort von Dir und hoffe, wenigstens für jetzt, dass es Dir gut geht.

Svenja

Untold – Weiter Schreiben Afghanistan, ist eine Initiative der KfW Stiftung in Kooperation mit „Untold – Write Afghanistan“ und Weiter Schreiben.

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