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Weiter Schreiben Afghanistan - Briefe > Batool & Marica Bodrožić > Innere und äußere Jahreszeiten – Brief 1

Innere und äußere Jahreszeiten – Brief 1

Marica Bodrožić an Batool (Pseudonym), 27. Juli 2021

Übersetzung: Pegah Ahmadi

Sommerlicher Weg von Marica Bodrožić © Marica Bodrožić
„Alles bewegt sich und wird in einem unabsehbaren, nicht zu kontrollierenden Moment Geschichte.“ © Marica Bodrožić

 

Liebe Batool,

die Jahreszeiten kommen und gehen, die Grüntöne wechseln und die Bäume sprechen ihre eigene Sprache, während die Menschen mit biografischen Gewichten und vollgepackten seelischen Koffern in der Zeit reisen und die Zeit sie von der anderen Seite der Träume beschriftet, die Zeit, diese Mittlerin der Menschen. Du bist ein neuer Mensch, Batool, eine Frau, ich habe es gesehen, die in der Lage ist zu lächeln, wirklich zu lächeln und nicht nur so zu tun als ob. Das ist viel in einer Welt, in der auch das Lächeln zur Ware verkommen ist. Die Dinge, die so natürlich sind für die an die innere Natur sich anlehnenden Menschen, diese Dinge sind in einer unnatürlichen Welt auch unnatürlich geworden. Es ist schwer geworden, die Dinge an sich zu sehen, sie wirklich zu sehen in ihrem Kern. Neulich habe ich sogar gedacht, dass das genuin Menschliche hier und heute eine Provokation geworden ist, das Menschliche – ein Stück noch von jenem Rest Liebe, die man genauso wenig besitzen kann, wie ein Lächeln in Besitz zu nehmen ist. Aber Liebe, sage ich – und weiß schon, dass es Missverständnisse nach sich ziehen wird, denn das ist es, was ich meine: Der Kern ist belagert worden, hier vom Kapital, dort von den Kriegen. Hier? Dort? Wir leben nicht mehr in einer Welt, in der dies getrennt werden kann. Hier ist dort und dort ist hier. Hierdort ist unser aller Ort geworden. Schau, Dorthier bin ich mit Dir. Jetzt frage ich mich und Dich, wie es sich für Dich verhält, schließlich lebst du in einer Welt, die das Unmenschliche auf eine Weise denkbar macht, dass ich mir Dein Dorthier genauer ansehen will, aber nicht als einen Platz aus den Nachrichten, ich will von Dir mehr über diesen Platz erfahren und sehe ihn auch in Deinen Texten. In der Stille Deiner Sätze sehe ich Dich, das leere Haus, das Du füllst mit Deiner Sprache. Ich frage mich, ob Du Sabina Spielrein kennst und sie in irgendeiner Sprache, die Du sprichst, lesen kannst? Ein Gefühl, hat sie einmal geschrieben, könne nicht verdrängt werden, wir können es unterdrücken, aber verdrängen können wir es nicht, wenn wir es einmal gefühlt haben. Von Anfang an denke ich Dich und sie zusammen. Ich teile die Wege des Atems, die Du gegangen bist, weil ich Dich und Deine Sätze lese, so, wie ich Sabinas Atem nachspüre, wenn ich ihren Gedanken folge. Und hier zeigt sich wieder, dass wir alle verbunden sind über die einzelnen Gedanken, die in uns als Leben aufsteigen. Die Zeit ist ein großer Garten mit vielen Öffnungen, mit Schwellen und Himmelsrichtungen. Von oben, himmelwärts gesehen, sind wir Bücher für die Wolken. Sie lesen uns und unser Leben, wenn wir zu ihnen hinaufblicken. Kann der Krieg, kann Gewalt sehen, so sehen, dass die Wolken zurückschauen und gleichsam durchschauen, wer wir sind, hier, heute, in diesem Leben? Gewalt sieht nichts. Gewalt ist mit sich selbst identisch. Gewalt zerstört den selbstvergessenen Atem und polt ihn um, lässt ihn anhalten, besetzt ihn mit Angst. Wer stillsteht und sieht, wer verharrt, bleibt in sich einen Augenblick lang stehen – fühlt und denkt in seine eigene Freiheit und in seine eigene Einsamkeit hinein. Ich denke dabei an jene Einsamkeit, die der Tiefenpsychologe Viktor E. Frankl beschrieben hat, als er in seinen Texten über die unmenschliche Belagerung auch des Allerkleinsten und Intimen in Auschwitz nachgedacht und sich daran erinnert hat, wie tief seine Sehnsucht im Lager war, in die eigene Gedankenwelt abzutauchen, einsam zu sein, mit sich selbst zu sein, ohne die lauten Stimmen der Tyrannen. Dabei, in diesem anderen Atem mit sich selbst, verwandelt sich der Mensch, er wird neu und frei und anders. Den Barbaren gibt der Sommer aber keine Farben, er schenkt ihnen keine Früchte, und Aprikosen in Gedichten und im Leben (das eine wie das andere sind Sprachen eines lebendigen Gesangs) sind den Waffenbesitzern und Kriegern egal. Für sie gibt es keine Aprikosenbäume. Denn sie haben vergessen, dass es sie gibt. Alles wird vergessen, was nicht gesehen wird, es geht unter im inneren Blick und in der Sprache. Ich schreibe Dir diesen Brief in einem Zug, Batool, er fährt schnell, während die Wolken von oben wie kosmisch bestellte, gut beschriftete Kontinente auf mich und die Mitreisenden sehen. Alles bewegt sich und wird in einem unabsehbaren, nicht zu kontrollierenden Moment Geschichte. Dieser Zug hier fährt aus Mecklenburg-Vorpommern nach Berlin, in die deutsche Hauptstadt – noch vor 1989 eine für Menschen wie mich undenkbare Strecke. Die Zeit trägt alles in sich, auch die Möglichkeit, dass die Unendlichkeit in sie und das hineinfällt, was wir heute und hier sind. Sie, die Zeit, zeigt uns, dass sie in der Horizontalen für Verzweiflung sorgt (immer nur eine Richtung, eine Chronologie kennt, das Leiden, den Schmerz, den Tod). Und in der Vertikalen verspricht sie Hoffnung (eine unerwartete Wendung, ein Wunder, macht einen neuen Atem möglich), erzählt, dass also alles auch anders werden kann, für Dich, für mich, für Dein Kind, für mein Kind, für das Menschsein an sich, für das, was die Gegenwart uns nicht gibt (weil ihre Sache oft die Horizontale ist). In der Vertikalen findet oft ein Transit statt, die Wolken öffnen sich, das Blau des Himmels fängt an zu sprechen, aber Worte sind seine Sache nicht. Ich sehe das Blau und begreife, dass es mich ansieht, also bleibe ich stehen in mir selbst, beeile mich nicht, entkomme seiner Botschaft nicht mehr, sondern schaue und schaue und schließe die Augen, damit ich die Farben besser sehen kann und Dich darin, Batool, diese Welt, in der wir erst einander unbekannt, dann nur Namen waren und nun Schreibende sind, die in der inneren Zeit zueinander reisen, während die Geschichte das in uns fortschreibt, was hier und dort Zukunft werden wird – und von dem wir noch nichts wissen, außer dass es einmal eintreffen und uns erkennen wird, ohne uns zu fragen.

Nimm eine Walnuss in die Hand, sage ich Dir und mir, und gehe Deine Straße hinunter, irgendwo in einer kleinen städtischen Senke leben die Vögel schon das, was uns im inneren Leben erwartet: Reisen, Fliegen, Verschwinden, Wiederkommen, Sein – wenn der Sommer es will, der Dich, hier mit mir, heute grüßt.

Marica

Übersetzt ins Persische.
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Untold – Weiter Schreiben Afghanistan, ist eine Initiative der KfW Stiftung in Kooperation mit „Untold – Write Afghanistan“ und Weiter Schreiben.

Lesen Sie hier eine Erzählung von Batool, erschienen am 10. Februar 2022
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Innere und äußere Jahreszeiten – Brief 1

Die Jahreszeiten kommen und gehen, die Grüntöne wechseln und die Bäume sprechen ihre eigene Sprache, während die Menschen mit biografischen Gewichten und vollgepackten seelischen Koffern in der Zeit reisen und die Zeit sie von der anderen Seite der Träume beschriftet, die Zeit, diese Mittlerin der Menschen. LesenText im Original

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