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Khorschid

Batool (Pseudonym)
Bild: Free in Mind, 75 x 100 cm (2019)© Hamid Sultani
© Hamid Sultani, Free in Mind, 75 x 100 cm (2019)

Er rief an, aber niemand nahm ab. Er wählte die Ziffern noch einmal, eine nach der anderen, aber wieder nichts. Plötzlich war er niedergeschlagen. Er rief den ganzen Tag lang immer wieder an, hörte aber nichts als den Ton des Telefons in seinem Ohr.

Er konnte sich nicht erinnern, dass Alia tagsüber jemals so lange das Haus verlassen hätte. Vielleicht war Khorschid krank oder irgendetwas anderes war passiert, dass sie nicht ans Telefon gehen konnte? Es war schon fast neun Uhr abends, als sie endlich den Hörer abnahm. Als er sie „Hallo“ sagen hörte, hielt er den Atem an, Tränen stiegen in seine Augen. In der Zeit vor ihrer Hochzeit, als er noch in Kabul studierte, hatte er Alia manchmal angerufen und am Telefon geschwiegen, bis sie etwas sagte, um hören zu können, wie ihr Herz schneller klopfte. Nachdem er das einige Male gemacht hatte, anrufen und dann schweigen, wusste Alia, dass er es war. Dann kicherte sie nur und fragte: „Suleiman … bist du das?“

„Hast du Bauchschmerzen, oder warum sagst du nichts?“, fragte die Frau am Telefon. Die Tränen in seinen Augen trockneten. So schroff hätte sie niemals geantwortet. Er erinnerte sich, dass sie eine Zeit lang Geisteranrufe erhielten. Unbekannte riefen an und schwiegen. Ein paar Mal hatte er am Telefon geflucht, aber das hatte nichts bewirkt. Alia fand Obszönitäten gehörten sich nicht, sie fand, es gehörte sich auch nicht, wenn hundert Mal angerufen und wieder aufgelegt würde, und jetzt sollte sie gefragt haben: „Hast du Bauchmerzen?“

Er legte auf und rief wieder an. Dieses Mal zitterten seine Hände nicht. Er drückte fest auf die Tasten. Die Frau am Telefon sagte laut: „Jaaa…“. Er atmete auf und antwortete ganz ruhig: „Ist Alia Khanum da?“ Dieses laute und langgezogene „Ja“ war nicht Alias Stimme. Er erinnerte sich nicht, dass Alia jemals so ans Telefon gegangen wäre. „Nein, Sie haben sich verwählt“, sagte die Frau. Er atmete auf, aber sobald er aufgelegt hatte, überkam ihn der Zweifel. Mich verwählt? Unmöglich! Er wählte die Nummer erneut. Dieses Mal sprach er in aller Ruhe mit der Frau. Er sei ein entfernter Verwandter aus der Provinz und habe etwas Wichtiges mit Alia Khanum zu besprechen. Als die Frau merkte, dass der Mann nicht angerufen hatte, um sie zu belästigen, erzählte sie ihm, wie sie das Haus gekauft hatten, von einer Familie, vor drei Jahren. Er fragte nach dem Namen der Familie. „Von Herrn Akbari“, sagte die Frau am Telefon. „Zergham Akbari?“, wiederholte Suleiman. „Genau, von dem Architekten Akbari“, bestätigte sie.

Die Frau ahnte nicht, dass der Mann auf der anderen Seite der Leitung der Ohnmacht nahe war und schwatze weiter fort, um ihm weiterzuhelfen. Eine Adresse habe sie nicht, sie wisse nur, dass die Familie irgendwo in Chawk Golha wohne, einer besseren Gegend.

Er schluckte schwer, nahm sich zusammen und fragte die Frau, ob sie sicher sei, dass die Frau von Ingenieur Akbar Alia hieß. „Ganz sicher“, lachte die Frau, „und ihre Tochter heißt Khorschid. Was für ein wunderbares Mädchen! Ich hätte sie zu gern zur Schwiegertochter gehabt, aber es sollte nicht sein. Das Mädchen studiert und mein Sohn wollte keine Studentin.“ Sie schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Was sind das für Zeiten, sogar die Töchter von Märtyrern studieren heute an der Universität.“ Suleiman fühlte, wie er plötzlich am ganzen Körper zu schwitzen begann. So ins Reden gekommen, ahnte die Frau am Telefon nichts von der Situation und wie schwer es ihm fiel zu fragen: „Tochter eines Märtyrers? Welcher Märtyrer?“ Sie plapperte weiter, froh, so einen aufmerksamen Zuhörer am anderen Ende der Leitung zu haben: „Wallah, mein lieber Bruder, was bist du für ein Verwandter, dass du davon nichts weißt?“ Er suchte nach einer Erklärung, aber die Frau redete schon unbeirrt weiter: „… Ich weiß es nicht, die Nachbarn sagen, dass sie die Tochter eines Märtyrers sei. Dass Alia Khanum ihren Mann verloren und zwei Jahre später einen seiner Freunde geheiratet habe, einen Architekten. Gott hat sie mit einem weiteren Kind gesegnet, Maschallah. Als wir das Haus gekauft haben, war sie gerade niedergekommen. Ein goldiger Junge, Suleiman heißt er.“ Der Mann konnte kaum atmen. „Suleiman …“,  flüsterte er nur. Dann legte er auf. Entgeistert starrte er auf das Foto in seinen Händen. Er konnte nicht glauben, dass seine Frau wieder geheiratet hatte. Dass die kleine Khorschid zur Universität ging. Dass man ihn für einen Märtyrer hielt. Dass sein bester Freund der Ehemann seiner Frau war. Dass sie ihren Sohn nach ihm benannt hatten. Er versuchte zu schlucken, Schmerz schnürte ihm die Kehle zu. Er presste die Lippen fest aufeinander.

 

*

 

Er stand aus dem Bett auf und öffnete das Fenster. Sechs Jahre waren seit seiner Gefangenname vergangen, sechs Jahre seit dieser unheilvollen Nacht. Er nahm das Wasser vom Tisch und trank einen großen Schluck direkt aus der Kanne. Wasser tropfte ihm auf die Brust. Er goss sich den Rest über das Gesicht und rollte sich wieder im Bett zusammen. Hätte er sich in jener Nacht doch nur auf die Zunge gebissen und nicht mit Zergham gesprochen. Er fuhr sich mit den Händen durch das graugesträhnte Haar. Gut, dass er in diesem Zustand nicht in die Nähe des Hauses gegangen war. Sicher hätten die Nachbarn ihn erkannt. Erneut musste er sich bemühen, den Schmerz in der Kehle herunterzuschlucken. Er stand wieder auf und fixierte das Telefon. Er wählte die Nummer noch einmal. Es war wieder dieselbe Frau mit ihrer schrillen Stimme.

„Bruder, wieso haben Sie aufgelegt? Ich habe herumtelefoniert und bei Frau Sabri nachgefragt, einer alten Nachbarin der Familie. Ich habe ihr gesagt, dass ein Verwandter der Akbaris angerufen hat. Sie wusste nicht, wo genau die Familie wohnt, nur dass sie irgendwo in Chawk Golha wohnen, was ich Ihnen ja bereits sagte. Sie hat noch erzählt, dass die Frau donnerstags zu dem Märtyrerfriedhof geht, der Friedhof für die namenlosen Märtyrer auf dem Hügel.“„Eine alte Frau hat bei ihnen gelebt. Wissen sie, was mit ihr ist?“ Er hatte seine Frage kaum gestellt, als sie ihn schon unterbrach: „Sie meinen Bibi? Sie war krank, als wir hergezogen sind. Hat nicht gesprochen. Die Nachbarn sagen, sie sei stumm geworden, als sie hörte, dass ihr Sohn getötet wurde. Ein Jahr später ist die arme Frau gestorben.“

Als die Frau nichts mehr zu erzählen hatte, legte sie auf. Er sank auf den Boden. Gegen ein Möbelstück gelehnt begann er laut zu weinen. Wie lang er dort saß, wusste er nicht. Als er die Augen wieder öffnete, war es morgen geworden.

Was sollte er nur bis Donnerstag machen?

Er verließ das Zimmer und ging in der Stadt umher. Er ging an all den Orten vorbei, die sie immer als Familie besucht hatten, um sich zu amüsieren. Er setzte sich auf dieselben Plätze, auf denen er mit Alia und seiner Tochter gesessen hatte und versank dort in seinen Erinnerungen.

Am Abend ließ er sich rasieren. Der Barbier fuhr ihm mit der Maschine durch die buschigen Haare. Das kitzelte an der Kehle, wenn er schluckte. Ihr gefalle es nicht, wenn sein Gesicht glatt rasiert war, wie das einer Frau, hatte Alia ihm gesagt, als sie sich verlobt hatten. Weil die ganze Schönheit einer Frau in ihren langen Haaren läge und die ganze Schönheit und Männlichkeit eines Mannes in seinem Bart. Als er sich das erste Mal einen Bart wachsen lassen hatte, hatten Alias Augen gefunkelt. Wie gut ihm das stehe, er sähe aus wie ein Engel, hatte sie ihm gesagt.

Er sah Alia vor sich, wie sie malte. Damals hatte sie an einem Bild mit vielen Engeln gesessen, alles Männer mit vollen Bärten. Seine wiederholte Anmerkungen, es gäbe unter den Engeln doch auch weibliche, waren bei Alia auf taube Ohren gestoßen. Als das Bild fertig war, rollte sie es zusammen und schenkte es ihm.

Sein Bart war jetzt vollständig rasiert, nur der Schnurrbart war stehengeblieben. Er betastete ihn. Als der Barbier ihn wiederholt fragte „Soll er weg?“, fragte er zurück: „Was meinen Sie, steht er mir?“ Der Mann nahm ihm den Kittel ab und klopfte ihm auf die Schultern: „Mein lieber Onkel, ohne Schnurrbart ist ein Mann kein richtiger Mann“, sagte er. Suleiman lachte. Dann hob er sich entschlossen aus dem Stuhl und blickte in den Spiegel. Er erkannte sich nicht wieder.

 

*

 

Er hatte bereits einige Stunden unter der Trauerweide gelegen, die kleine Tasche unter seinem Kopf. Die gebogenen Zweige verhängten ihm die Sicht. Er war lange umhergelaufen, bis er diesen Baum gefunden hatte. In aller Frühe hatte er am Morgen das Haus verlassen und war hierhergekommen. Das Wärterhäuschen war noch geschlossen gewesen, so hatte er sich eigenständig auf die Suche nach der Ruhestätte für die anonymen Märtyrer machen müssen. Dort war er hin und her gelaufen, hatte sein Grab aber nicht finden können. Also wartete er, bis das Büro geöffnet wurde. Als der Wärter kam, nannte er ihm seinen Namen und den seiner Familie. „Wir wollten diesem Suleiman damals einen Platz in dem Abschnitt für die Märtyrer geben, aber seine Tochter hat das angelehnt. Sie bestand darauf, ihn auf die Liste der Vermissten zu setzen, deswegen gibt es hier keinen Grabstein für ihn. Die Tochter kommt jeden Donnerstag hierher, allein oder gemeinsam mit ihrer Mutter. Sie kommen erst hier in diesen Abschnitt und gehen dann weiter, um andere Verstorbene zu besuchen. Die Tochter kommt auch hier ins Büro. Dann fragt sie, ob sich jemand nach ihrem Vater erkundigt hat. Jedes Mal fragt sie das. Klar, nicht wenigen Familien lässt das keine Ruhe. Von manchen Kämpfern gibt es schon seit Jahren keine Nachrichten. Dann nehmen wir manchmal irgendwelche Knochen, die von den Kriegsplätzen hierhergebracht werden und übergeben sie den Familien, damit sie zur Ruhe kommen können. Suleimans Hände waren eiskalt, er schnappte nach Luft. Er schlug die Augen nieder und bedankte sich bei dem Mann.

Suleiman hielt seine Knie umschlungen und hatte sein Kinn darauf abgestützt. Eine kühle Brise spielte in den gebeugten Weidenzweigen. Die Sonne war aufgegangen und hatte die morgendlichen Schatten auf der Gräbern verschwinden lassen. Der Geruch feuchter Erde und verbrennender Harmalkrautsamen lag in der Luft, hier und da hörte man jemanden beten. Nach und nach füllte sich seine Umgebung mit Besuchern. Er dachte an den Tag, an dem sie Alia aus dem Krankenhaus nach Hause gebracht hatten. Bibi hatte das Gesicht verzogen, als man ihr sagte, es sei ein Mädchen. Suleiman aber war außer sich vor Freude gewesen. Er hatte das Kind fest an seine Brust gedrückt und Alia gefragt, welchen Namen sie ihm gegeben hatte. Alia hatte nur den Kopf geschüttelt. Er hatte das Gesicht seiner Tochter geküsst. „Ich werde sie Khorschid nennen, Papas kleine Sonne“.

Als sie älter wurde, trugen die beiden einander so laut Gedichte vor, dass Alia sie ermahnen musste. Sie hielten sich an den Händen und liefen im Garten um das Wasserbecken mit den aufgereihten Blumenkübeln herum. „Los geht’s, kleine Khorschid, geh auf kleine Sonne, strahle für deinen Vater!“

 

*

 

Mit einem Mal erstarrte er auf seinem Platz. Er fühlte, wie sein Herz erst aussetzte und ihm dann bis zum Hals schlug. Er traute seinen Augen nicht. Da war sie. Alia. Suleimans Alia. Jetzt konnte er nicht mehr schlucken. Ungläubig kniff er die Augen zusammen. Dann sammelte er sich. Ein Mädchen von gleicher Statur war bei ihr. Sie hatte ein Tuch um ihren Kopf gelegt und ein Lächeln auf den Lippen. Schulter an Schulter gingen Mutter und Tochter. Sie sind es, sie müssen es sein. Alia und Khorschid, Papas kleine Sonne. Er schob sich bis zum Baumstamm zurück und hob die Tasche vor das Gesicht, um nicht erkannt zu werden. Wie groß und erwachsen sie geworden war! Khorschid holte etwas aus ihrer Tasche hervor. Eine Schachtel Datteln. Unter dem grünen Kopftuch waren ihre Haare zu sehen. Scheu verteilte das Mädchen die Datteln als Votivgabe unter den Vorbeikommenden. Wie sehr sie der jungen Alia ähnelte. Mit einem Mal hielt sie inne, als hätte jemand ihren Namen gerufen. Ein Mann mit einem kleinen Jungen nährte sich den beiden. Alia nahm dem Mann den kleinen Jungen aus dem Arm. Suleiman hätte sich am liebsten die Augen aus den Höhlen gerissen. Das war Zergham. Er war gealtert, ein richtiger Mann geworden, wie er selbst sagen würde. Sein Haar war weiß geworden. Suleiman keuchte, etwas drückte ihm den Brustkorb zu. Alia folgte dem Mann, auch Khorschid ging weiter.

Suleiman wurde schwarz vor Augen und er sank nach und nach in sich zusammen. Er vergrub sein Gesicht in dem weichen Boden unter der Weide und wimmerte und schluchzte und krallte seine Hände in die Erde. Könnte er doch jetzt zu atmen und sein Herz zu schlagen aufhören! Wie gerne hätte er aus vollem Herzen geschrien, doch der Schrei blieb ihm in der Kehle stecken. Nur Tränen rannen ihm stumm über das glattrasierte Gesicht und die furchigen Wangen. Er kauerte sich zusammen. Er schlug seinen Kopf auf den Boden. Er durfte sie nicht verlieren.

Seine Knie waren feucht, er wischte sich die Augen trocken. Alia war nicht mehr da. Auch Zergham und der kleine Junge, den er auf dem Arm gehabt hatte, waren fort. Eine Person, die aussah wie Alia, lief in Richtung des Wärterhäuschens. Ihr langer Rock flatterte im Wind, so schnell lief sie. Das musste Khorschid sein. Zweifellos wollte sie den Wärter etwas fragen. „Immer dieselbe Frage“, hatte der Mann ihm gesagt.

Er stand auf und nahm seine Tasche. Er ballte die Fäuste und ging auf das Wärterhäuschen zu. Er ging langsam und seine Beine zitterten, als müsste er sie mit Mühe hinter sich herziehen. Khorschid stand vor dem Büro, der Wärter telefonierte. Noch hatte sie ihre Frage nicht gestellt. Sie war noch da. Sollte er sie loslassen oder nicht? Sollte er einfach in sein kleines Hotelzimmer zurückkehren? Tränen liefen ihm über das Gesicht. Khorschid, Papas kleine Sonne. Er konnte sie nicht aufgeben. Er ging jetzt schneller und mit festerem Schritt. Mit jedem Augenblick kam er ihr näher. Jetzt stand er direkt hinter ihr. „Entschuldigen Sie bitte, Onkel. Es hat sich nicht zufällig jemand nach meinem Vater erkundigt?“

Der Mann legte auf und streckte den Kopf aus dem Fenster. Er wollte dem Mädchen gerade antworten, als sein Blick auf den Mann mit dem Schnurrbart fiel, der frisch rasiert war und neue, saubere Kleidung trug.

 

 

Untold – Weiter Schreiben Afghanistan ist eine Initiative der KfW Stiftung in Kooperation mit „Untold – Write Afghanistan“. Dieser Text ist zuerst auf Englisch im Rahmen von „untold - Write Afghanistan“ erschienen.

Hier können Sie den Briefwechsel zwischen Batool und der Schriftstellerin Marica Bodrožić lesen.

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