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Schreintauben

Batool (Pseudonym)
Zeichnung einer Taube mit floralen Elementen © Nasser Hussein, ohne Titel, 35 x 52 cm, Acryl auf Papier (2018)
© Nasser Hussein, ohne Titel, 35 x 52 cm, Acryl auf Papier (2018)

Sie übergab sich geräuschvoll auf den Boden. Weiße und orangefarbene Spritzer ordneten sich auf den Fliesen zu einem Muster an. Sie saß auf ihren Knien und würgte. Das gefärbte Haar klebte ihr an der schweißbedeckten Stirn. Mit hochgezogenen Augenbrauen rückten eilig ein paar Frauen von ihr ab. Ich trat an ihre Seite. Als sie meine blauen Gummistiefel sah, hob sie erschrocken und beschämt den Kopf. Ihr Tschador war auf dem Boden ausgebreitet. Ich beugte mich hinab und nahm ihre Hand. Sie wischte sich mit einer Ecke ihres Kopftuches den Mund ab. Ich half ihr auf, führte sie zu einem kleinen Waschbecken und drehte den Wasserhahn auf, damit sie sich das Gesicht waschen konnte.

„Sind Sie schwanger?“

„Ja, ich bin schwanger. Zehn Jahre lang hab ich es vergeblich versucht, aber letztes Jahr bei meinem Besuch beim Heiligenschrein habe ich ein Bittgelübde abgelegt. Und dieses Jahr bin ich mit einem Kind im Bauch zurückgekommen!“

Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus und ihre Augen funkelten.

Ich richtete mein Kopftuch und ging zu dem langen Schlauch, der an der Wand befestigt war. Ich wickelte ihn ab, dann sagte ich zu den Frauen gewandt: „Meine Damen, seid so gut und geht zur Seite, damit ich hier saubermachen kann.“

Ich bemerkte, dass sie noch immer neben mir stand. Mit Tränen in den Augen wollte sie mir den Schlauch aus der Hand nehmen.

„Bitte lassen Sie mich das saubermachen.“

Den Schlauch in der Hand nahm ich sie in den Arm und küsste ihr Gesicht.

„Sagen Sie so etwas nicht. Sie sind eine Pilgerin und sie wurden gesegnet. Sie sind hier ein Gast. So, wie wir dem Heiligenschrein dienen, dienen wir auch allen, die als Gäste an diesen Ort kommen.“

Sie vergrub das Gesicht in ihren Händen, ihre Schultern zuckten.

Ich drehte das Ventil des großen Wasserhahns auf und leitete das schleimige, langsam festtrocknende Erbrochene mit dem starken Wasserstrahl und einem kurzen Besen über die Fliesen in Richtung des Abflusses. Als der Boden wieder sauber war, schrubbte ich noch einmal mit Wasser hinterher. Dann drehte ich den Wasserhahn wieder zu, wickelte den Schlauch auf, indem ich ihn mehrfach um meinen Arm schlang, und brachte ihn zurück an seinen Platz an der Wand. Ich nahm einen großen Schieber und schob das Wasser über den Boden hinweg und um das Wasserbecken herum bis zu dem schmalen Abfluss.

Die junge Frau war gegangen. Ein Schmerz zog mir von der Schulter aus bis ins Kreuz. Ich streifte die Handschuhe ab, meine Handflächen juckten. Ich setzte mich auf einen Stuhl und streckte meinen unteren Rücken. Ich sah zu der großen Uhr an der Säule gegenüber. Morgen gegen Mittag würde ich meinen Ehemann Iqbal aus der Nervenklink abholen müssen. Ich hätte ihn gern für immer dort gelassen, doch ich konnte es nicht. Es war zu teuer. Trotz der Kosten war ich immer dann, wenn wir zu erschöpft waren, gezwungen, ihn für eine Weile in die Klinik zu bringen. Die Mädchen freuten sich jedes Mal, wenn ich Iqbal in die Klinik brachte. Sie wollten dann immer gleich Gäste einladen oder gemeinsam andere Leute besuchen.

Eine der Toilettentüren war geschlossen. Ich stand auf und klopfte an die Tür. Niemand antwortete. Ich öffnete sie. Wie schmutzig es um die Toilettenschüssel herum war. Ich zog die Maske höher, so dass sie meine Nase bedeckte. Dann streifte ich mir wieder die Handschuhe über. Ich bückte mich, drehte den Wasserhahn auf und begann zu putzen. Ich ließ die Tür offen und ging nach und nach alle leeren Toilettenkabinen ab. Die Toiletten müssen sauber und alle Türen vollständig geöffnet sein. Diese Woche habe ich die Nachtschicht. Ich mag die Nachtschichten und meine Töchter mögen sie auch. Wenn wir morgens nach Hause kommen, sitzen wir beieinander und frühstücken warmes dünnes Fladenbrot, zusammen mit meiner Mutter. Dann schlafe ich mich aus.

 

***

Es ist nach zwei Uhr morgens. Die großen Flügel der Ventilatoren drehen sich noch immer im Kreis und ein kühler Luftzug erfüllt sanft den Raum. Auf einmal bewegt sich der grüne Gummibehang vor der Eingangstür zur Seite und auf einen Stock gestützt kommt eine alte Frau herein, eine kleine Tasche in der Hand. Den Saum ihres verwaschenen Tschadors hält sie mit den Zähnen fest. Als der Vorhang zurückfällt, zieht er den Tschador mit sich, der ihr auf die Schultern rutscht. Ich gehe zu ihr, um ihr behilflich zu sein.

Ich tauche einen fransigen Feudel in eine kleine Wanne Wasser und presse ihn an den Wannenrand. Aus den Fransen tropft das Wasser. Ich presse den Feudel fest auf den Boden, damit das überschüssige Wasser entweicht. Ich krümme mich. Wieder zieht es mir in der Schulter und der Schmerz geht bis in die Lenden hinunter. Ich ziehe den Feudel über die Fliesen hinweg, von der einen Seite des Raumes bis zu den Wasserhähnen für die rituellen Waschungen auf der anderen. Die alte Frau ist verschwunden. Der Gebetsruf erklingt. Ich spreche laut die Salawat.[1] Die Fliesen sind weißer und glänzender geworden. Etwas von der grünen Flüssigkeit zum Händewaschen ist auf den Boden getropft, ich wische es mit einem weißen Tuch weg. Dann lasse ich meinen Blick durch den Raum streifen, über die kleinen Becken und Spiegel hinweg, die sauber sind und glänzen, und über die Toiletten, deren Türen alle ordnungsgemäß offenstehen. Ich gehe zu dem kleinen Zimmerchen, das sich in einer Ecke des Raumes befindet. Ich ziehe Stiefel und Handschuhe aus, schlüpfe in ein Paar Pantoffeln und mache mich an die rituellen Waschungen. Als ich zurückkehre, ist Frau Effat schon da. Sie tritt die Tagesschicht an. Heute morgen ist sie früher gekommen als sonst. Ich ziehe meinen Kittel und meine Arbeitshose aus und meine eigene Kleidung an. Während ich bete, verschwindet Frau Effat. Sie überprüft meine Arbeit. Alles muss sauber und ordentlich abgenommen werden. Wenn ich gegen Abend komme, muss sie mir die Waschräume ebenfalls frisch gereinigt übergeben. Tagsüber gibt es mehr zu putzen als nachts. Weil so viel Betrieb ist, mag ich die Tagesschicht nicht besonders. Als ich mein Gebet verrichtet habe, ziehe ich mir den Tschador über. Wieder zieht es in meiner Schulter, dieses Mal ist der Schmerz im unteren Rücken wirklich schlimm.

Frau Effat lehnt mit ihrer wuchtigen Gestalt an der Tür.

„Warst du schon beim Hadsch Agha im Büro?“[2]

Ich werfe mir die Tasche über die Schulter.

„Nein, ich habe gewartet, bis du kommst, damit wir zusammen gehen. Was gibt‘s?“

Wir gehen gemeinsam die Stufen hinauf.

„Wie geht es deinem Ehemann? Holst du ihn heute wieder nach Hause?“

„Gott sei Dank. Es geht ihm schon besser.“

Wir kommen vor der braunen Bürotür an. Durch die Scheibe der Tür sehe ich schon den Hadsch Agha. Frau Effat klopft ruhig an die Tür. Sie ist offen.

„Herein.“ Der Hadsch Agha macht eine Geste, ohne den Kopf zu heben.

An zwei Seiten des Tisches stehen Lederstühle in regelmäßigen Abständen zueinander. Es riecht angenehm nach Rosenwasser. Wir treten ein und nehmen nebeneinander Platz, ohne eine weitere Aufforderung abzuwarten.

„Einen guten Morgen Ihnen, Hadsch Agha. Wir kommen gerade von den Toiletten. Man hat uns angerufen.“

Der Hadsch Agha sieht auf, schaut uns durch seine dicken Brillengläser an und nickt. Ich starre auf die feinen und groben Muster auf dem Teppich unter meinen Füßen. Der Hadsch Agha ist um die fünfzig Jahre alt, aber sein Bart ist schon ganz weiß. Er hat die Leitung des männlichen und weiblichen Dienstpersonals für die Sanitäranlagen inne. Er blättert in einem großen Heft. „Inschallah[3] geht es Ihnen gut?“

„Ja, Gott sei Dank“, sagt Frau Effat. Der Hadsch Agha scheint mit dem Kugelschreiber nach unseren Namen zu suchen.

„Alhamdulillah[4], und das in dieser warmen Jahreszeit und bei der Flut an Pilgern. Wir haben es dieses Jahr mit einem hohen Bewerberaufkommen für den ehrenamtlichen Dienst hier im Schrein zu tun, insbesondere für den Dienst in den Toiletten.“

Er hebt den Kopf. Er ist freudig erregt und wählt seine Worte mit Bedacht. „Alle Bewerber haben eine hohe Bildung und sind sehr respektable Leute.“

In unseren Bereich waren hin und wieder auch ein oder zwei von diesen ehrenamtlichen Schreindienern gekommen. Sie hatten nach dem Schlauch gegriffen und Wasser vor den Toilettentüren verspritzt, als bewässerten sie ein paar Blumenkübel. Ein paar wenige Toiletten hatten sie mit unserer Hilfe geputzt und uns die Arbeit zusätzlich erschwert, bevor sie mit den Worten „Sie haben wirklich eine harte Arbeit, möge Gott Sie belohnen“ wieder verschwanden.

Der Hadsch Agha greift nach dem Hörer des weißen Telefons neben ihm und wählt eine Nummer: „Bringen Sie drei Mal Tee in das Leitungsbüro.“ Er legt den Hörer wieder auf.

„Frau Effat Ahmadi, Sie haben eine Grundschulbildung?“

„Nein, ich bin bis zur neunten Klasse in die Schule gegangen“, beeilt sich Frau Effat zu sagen.

„Ich habe auch bis zur fünften Klasse Bildung erhalten“, sage ich, obwohl er mich nicht gefragt hat.

„Richtig. Ich sehe es gerade hier in Ihren Akten“, sagt der Hadsch Agha.

Bis zur fünften Klasse, das hatte ich vor fünf Jahren geschrieben. In Wahrheit hatte mein Vater, der schon seit Jahren tot ist, mich nicht länger als ein Jahr zur Schule gehen lassen. Danach musste ich Teppiche knüpfen, um das Einkommen der Familie aufzubessern. „Wenn sie die erste Sure des Korans vernünftig lesen kann, reicht das“, hatte er gesagt.

„Einige Ehrenamtliche haben sogar eine Hochschulausbildung“, fährt der Hadsch Agha fort, „und gemäß den Plänen, die entworfen wurden, und den Sitzungen, die wir darüber abgehalten haben, werden diese lieben Menschen jetzt in den männlichen und weiblichen Besucherbereichen eingesetzt. Also gilt den anderen Servicekräften unsere Entschuldigung und sie werden als liquidiert betrachtet.“

Der Hadsch Agha hustet einmal kräftig. „Inschallah werden die Ehrenamtlichen von Gott einen ideellen Lohn für die Jahre hier erhalten.“

„Hadsch Agha, ich habe nicht verstanden … Was meinen Sie?“, fragt Frau Effat, die zusammengesunken auf ihrem Stuhl sitzt, während sie dem Hadsch Agha direkt ins Gesicht sieht. Auch ich starre ihn an.

„Sehen Sie, Frau Effat Ahmadi, warum vor der Realität flüchten? Die Arbeit in den Sanitäranlagen ist schwer für euch Schwestern. Das ganze Scheuern und Schrubben, die regelmäßigen Kontrollen und die Genauigkeit, die die Verwaltung des Schreins bei der Sauberkeit der Toiletten verfolgt, all das fällt Ihnen sicher sehr zur Last.“

Ein Bediensteter stellt drei Tassen Tee von kräftiger Farbe auf den Tisch, eine Zuckerdose stellt er auch dazu. Dem Hadsch Agha bringt er als Frühstück ein paar Stücke Panir und einige Walnüsse auf einem Teller.

„Jetzt mögen Sie noch die Kraft dazu haben, aber wenn Sie erst älter werden, wird die Arbeit nicht mehr dieselbe sein. Morgen schon schmerzen die Beine, der Rücken, die Knochen. Ist es nicht so, meine Liebe?“

Er meint mich, aber Frau Effat antwortet schneller: „Ich schwöre, seit ich in den Toiletten arbeite, sind die Schmerzen in den Beinen und im Rücken verschwunden. Dem Propheten sei gedankt, er selbst hatte seinen Blick auf mich gerichtet.“

„Und was meinen Sie dazu?“

Er meint wieder mich. Aber obwohl Frau Effat zu weinen angefangen hat, lässt sie mich nicht zu Wort kommen. „Bei Gott, Hadsch Agha, ich brauche dieses Geld, ich habe nichts gelernt und kann kaum lesen und schreiben. Bei Gott, werfen Sie uns nicht raus!“

Frau Effats Weinen sorgt dafür, dass ich nun ebenfalls zu weinen beginne. Ich weiß nicht, warum mein Mund sich verschlossen hat und ich nichts sagen kann. Es ist, als habe Frau Effat mir aus dem Herzen gesprochen. Frau Effat hat zu schluchzen begonnen. Der Hadsch Agha dreht den Kugelschreiber schnell in seiner Hand hin und her.

„Sie müssen sich natürlich keine Sorgen machen. Sie werden für das Anlernen der neuen Ehrenamtlichen gebraucht und ihnen so lange helfen, bis diese die Reinigung der Toiletten gründlich und nach allen Kriterien gelernt haben.“

„Mit einem abhängigen, ehrlosen Ehemann und fünf kleinen Kindern, wohin soll ich da gehen? Fünf Jahre lang habe ich mich hier abgemüht …“

Der Hadsch Agha hat die Brille von der Nase genommen. „Wollen Sie sich jetzt noch einmal wiederholen, Schwester? Kommen Sie, schauen Sie sich diese Liste an. Bitte sehr, überprüfen Sie es selbst.“

Er streckt uns das Heft entgegen.

„Also, was schlagen Sie vor? Was soll ich tun? Mit dieser Menge an Menschen, die begierig helfen wollen und bereit sind, ganz ohne finanzielle Entschädigung ihren Dienst hier in der Pilgerstätte zu leisten?“

„Setzen Sie sie doch in einem anderen Bereich ein, Hadsch Agha.“

Frau Effat sitzt immer noch zusammengesunken da. Ich drehe den Ring an meinem Finger hin und her und starre auf die zwei Gebetbücher auf dem Tisch des Hadsch Agha.

„Wallah[5], das geht nicht. Alhamdulillah, Maschallah[6], alle Bereiche sind voll ausgelastet. Wir haben einfach keine Kapazitäten für weitere Einsatzkräfte. Das Büro für die Anmeldung neuer Ehrenamtlicher ist schon seit sechs Monaten geschlossen, aber die Leute haben ihre Namen sogar noch für Vertretungsschichten eingetragen. Bitte, schauen Sie selbst. Und ständig rufen die Leute an.“

Frau Effat weint ununterbrochen. Sie hat jetzt den Kopf gesenkt. Ich weine auch, aber leiser. Der Hadsch Agha steht auf und holt aus der Schublade seines Tisches zwei Umschläge hervor.

„Das ist kein gottgefälliges Verhalten. Lassen Sie diesem Heer von Anwärtern ebenfalls die Gnade des religiösen Dienstes zuteilwerden.“

Frau Effat zieht die Nase hoch und wischt sich die Augen mit einer Ecke ihres Tschadors. Ohne sich sein langes Gewand übergeworfen zu haben, kommt der Hadsch Agha zu uns heran. Er schiebt die Umschläge mit dem Geld über den Tisch, bis sie vor mir und Frau Effat liegen.

„Das ist das Gehalt für zwei Monate, wir haben auch noch etwas hinzugefügt. Inschallah stehen wir Ihnen noch bis Ende nächsten Monats zur Verfügung.“

Frau Effat schiebt den Umschlag wieder von sich weg und presst ihre Tasche fest an sich. Mein Blick bleibt auf dem Umschlag hängen, mein Gesicht ist tränenüberströmt.

„Sie sind jung, Sie haben doch Kraft. Es gibt viele Einrichtungen, die Sie gut gebrauchen können … Restaurants, Hotels, Krankenhäuser …“

Dann bedeutet er uns mit einer Geste, die Briefumschläge an uns zu nehmen.

Ich stecke den Umschlag in meine Tasche. Ich sage nichts, nicht einmal Danke. Frau Effat sagt mit erstickter Stimme: „Bei Gott, ich ertrage es nicht, ein ganzes Leben …“

Der Hadsch Agha schneidet ihr das Wort ab.

„Ein ganzes Leben! Meine Schwester, sind fünf Jahre etwa ein ganzes Leben? Fünf Jahre hattest du die Ehre, in einem Heiligenschrein zu dienen. Jetzt gestatte diese Gunst auch anderen.“

Frau Effat ist gegangen. Ich nehme beide Umschläge an mich. Der Hadsch Agha hat sein Gesicht in die Hände gestützt und seine Augen auf das Büro gegenüber geheftet. Ich verlasse das Büro. Unsere Tees sind längst kalt geworden. Ich eile Frau Effat nach, die in Richtung der Sanitäranlagen läuft, und greife nach ihrem Tschador. Als sie den Umschlag in meinen Händen sieht, bleibt sie stehen. Sie tritt von einem Fuß zum anderen. Ich strecke ihr den Umschlag entgegen, sie steckt ihn zwischen die Falten ihres Tschadors. Aufgebracht wirft sie den grünen Gummivorhang zur Seite und tritt ein. Als der Vorhang zurückfällt, zieht über meinem Kopf flügelschlagend eine Schar Tauben hinweg. Tauben, die seit jeher in den Hof des Heiligenschreins kommen, um sich dort auszuruhen. Ich fühle, wie hungrig ich bin. Ich stecke den Umschlag in meine Tasche und gehe zum Tor.

 

 

[1] Salawat sind Gruß- und Segensformeln (Eulogien), die sowohl Teil des Gebets im Islam sind als auch immer dann gesagt werden, wenn der Name des Propheten Mohammad fällt. (A. d. Ü.)

[2] Als Hadsch oder Hadschi werden alle Männer bezeichnet, die schon einmal eine Pilgerfahrt nach Mekka unternommen haben. Agha heißt einfach „Herr“. Häufig werden männliche Autoritätspersonen ab einem bestimmten Alter so genannt, unabhängig davon, ob sie die Hadsch wirklich gemacht haben oder nicht. (A. d. Ü.)

[3] Religiöse Formel, die „wenn Gott es gewollt hat“ bedeutet und ins Deutsche manchmal mit „so Gott will“, meistens jedoch schlicht mit „hoffentlich“ übersetzt wird.

[4] Religiöse Formel, die „Ehre sei Gott“ bedeutet, ins Deutsche aber häufig mit „Gott sei Dank“ übersetzt wird.

[5] „Bei Gott“, religiöse Schwurformel (A. d. Ü.).

[6] Religiöse Formel, die im Alltag als Reaktion auf überraschende oder sehr erfreuliche Ereignisse ausgesprochen wird. Wortwörtlich bedeutet sie in etwa “Gut ist, was Gott tut“ – eine Anspielung darauf, dass alles, was sich ereignet, nach Gottes Willen geschieht. Manche Menschen sprechen sie im Falle erfreulicher Ereignisse (z.B. einer Geburt oder einer Hochzeit) aus, um die Missgunst anderer Menschen abzuwenden.

– KhorschidLesenخورشید

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