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Europa Weiter Schreiben - Briefe > Mostafa Hazara & Batool Haidari > Die Flucht vor einer anderen Flucht - Brief 3

Die Flucht vor einer anderen Flucht – Brief 3

Mostafa Hazara an Batool Haidari, Paris, 09. September 2022

Übersetzung: Dr. Lutz Rzehak aus dem afghanischen Persisch

© Lucas Barrere

Hallo, liebe Batool!

Als ich Deinen Brief las, war ich gerade auf einer Reise, unterwegs nach Schweden. Um ehrlich zu sein, wollte ich vor dem Jahrestag des 15. August flüchten: eine Flucht vor einer anderen Flucht. Flüchten und davonlaufen, das macht einen großen Teil meines Lebens im Westen aus. Manchmal gehe ich ans Ufer der Seine, wo ich mit betrunkenen Menschen singe und tanze – um flüchten zu können. Manchmal trinke ich so viel Wein, dass ich mit den Leuten am Seine-Ufer persisch rede. Dann fragen sie mich: „What? What? What? What?“ Manchmal laufe ich so lange zu Fuß durch Paris, dass ich den Heimweg nicht mehr finde. Ich betrachte die Gebäude dieser Stadt. Ich rede mit Leuten, die französisch sprechen, und ehrlich gesagt beneide ich sie darum, dass sie Franzosen sind. Warum bin ich nicht in dieser Stadt auf die Welt gekommen? Warum wurde ich nicht als Franzose geboren, damit eine intakte Stadt auch mich hätte prägen können? Warum habe ich keinen Personalausweis, mit dem ich stolz von Flughafen zu Flughafen reisen kann, und alle sagen: Willkommen!

Warum habe ich keine Identität, aufgrund derer eine Bank das Geld, das auf mein Konto überwiesen wird, nicht beargwöhnt? Vor einigen Tagen sollte eine Summe von mehr als tausend Euro auf meinem Konto gutgeschrieben werden. Es handelte sich um das Honorar für ein literarisches Projekt, das mir eine offizielle Organisation zahlen wollte. Zwei Wochen habe ich gewartet, bis der Finanzverwalter dieser Organisation mich endlich kontaktierte und mir sagte, dass wir uns treffen müssen. Dann erklärte er mir, dass die Bank das Geld gesperrt hat. Weißt Du, warum? Weil ich aus Afghanistan bin und die Wahrscheinlichkeit, ich könnte ein Terrorist sein, innerhalb des wirtschaftlichen und politischen Systems in Europa als außerordentlich groß gilt. Die Leute in der Bank befürchteten, dass das Geld für kriminelle Aktivitäten bestimmt sein könnte. Der Finanzverwalter der Organisation erzählte, er habe sich durch einen Wust an Fragen und Formularen kämpfen müssen, als er das Geld überweisen wollte. Kurzum, er hat sich bei mir entschuldigt und gesagt, dass sie mir das Geld nun bar auszahlen werden.

Wie gesagt, ich bin sehr neidisch auf die Franzosen. Und, schlimmer noch, ich bin neidisch, weil ich nicht auf Französisch denke, um auf Französisch Gedichte schreiben zu können.

Und wie gesagt, ich renne vor der Geschichte und der Traurigkeit Afghanistans davon. Ich flüchte vor dem 15. August.

Seit ich in Frankreich bin, kann ich nicht mehr richtig essen. Das Essen bleibt mir in der Kehle stecken und ich denke oft an die Redewendung „Nicht einmal gutes Wasser bekomme ich runter“. Dreimal wäre ich beinahe erstickt und zweimal wurde ich deshalb ins Krankenhaus eingeliefert. Ich kann nicht mehr richtig essen. Ich denke, dass mein Sympathikus blockiert ist. Ich bin neidisch und ich bin auf der Flucht und nicht einmal gutes Wasser bekomme ich runter. In der nächsten Woche habe ich in Paris eine Dichterlesung.

Es ist meine erste Dichterlesung in Europa, und wenn Du die Wahrheit wissen willst: Ich zittere davor wie Espenlaub. Ich habe Angst, dass ich mitten in der Lesung weinen muss. Ich habe Angst, dass mein Herz nicht mitmacht und ich einen Anfall bekomme. Ich habe Angst, Gedichte vor hunderten von Personen vorzutragen, die meine Sprache nicht verstehen. Ich habe Angst, dass ich Gedichte vortrage und einsam die blutigen Geschichten aus unserem Land erzähle.

Ich war schon hunderte Male auf Dichterlesungen und habe Gedichte vorgetragen. Aber, Batool, hier ist es anders, denn ich bin vollkommen allein, wie ein kleiner Junge im Boxring. Ich bin ganz allein bei dieser Lesung, Batool, aber ich muss meine Gedichte trotzdem vortragen. Ein Jahr lang bin ich vor allem davongelaufen, doch jetzt haben sie mich am Kragen und fragen: „Wo ist die Literatur, die du geatmet hast? Wer soll die Geschichten der Getöteten erzählen? Möchtest du denn nicht als Autor im Westen leben? Warum trägst du keine Gedichte vor? Soll denn alles, was man über die Literatur Afghanistans erzählt, gelogen sein? Oder lügst du vielleicht und bist gar kein Dichter?“

Ich bin gezwungen, in den Ring zu steigen. Ich habe gedacht, es wäre vielleicht nicht verkehrt, für die Heimat zu weinen, aber jetzt fürchte ich, dass die Leute dann glauben, dass ich das nur mache, weil ich gierig nach Aufmerksamkeit bin. Weißt Du, Batool, seit ich nach Europa gekommen bin, habe ich von ein, zwei Organisationen verschiedene Auszeichnungen bekommen. Ich habe ihnen gesagt, dass ich diese Auszeichnungen nicht annehmen kann: „Sie kennen mich nicht“, habe ich gesagt, „und Sie haben kein einziges meiner Gedichte gelesen“. Sie haben mir daraufhin erklärt, es genüge ihnen, dass ich aus Afghanistan komme und dass einige internationale Dichter mich empfohlen haben. Aber wie hätte ich eine solche Auszeichnung annehmen können? Mein Herz hat mir gesagt: Wenn du sie annimmst, dann ist es, als würdest du dein Land verkaufen. Dann wieder habe ich mir gut zugeredet. Kein Problem, dachte ich, ich kann das Geld annehmen und an Leute in Afghanistan schicken. Die Auszeichnungsurkunde kann ich verbrennen und das war’s! So kann ich wenigstens den Menschen in Afghanistan helfen. Aber dann wurde mir klar, dass auch das ein Verrat wäre. Wenn ich, als ein Dichter aus Afghanistan, nicht in der Lage bin, die Geschichten meines Volkes zu erzählen, dann bin ich eine Auszeichnung nicht wert. Ich habe ihnen gesagt, sie mögen sich gedulden, bis ich einige Gedichte übersetzt habe und sie ihnen schicken kann. Aber sie haben geantwortet: Keine Chance! Die Geschichten von Afghanistan werden bald vergessen sein.

So ist mein Leben, Batool. Oder, wenn ich dem einen größeren Rahmen geben soll: So ist das Leben von Geflüchteten. Die Geschichten aus Afghanistan ähneln denen aus Syrien, Irak und einigen afrikanischen Ländern. Manchmal werden sie zu einer Lektion für die erste Welt, manchmal sind sie ein Anlass, damit man sich in der ersten Welt in Nächstenliebe üben kann. Auf jeden Fall sind wir Flüchtlinge ein gutes Futter für die Medien. Je tragischer ein Tod, umso größer sein Nachrichtenwert. Aber welche europäischen Medien haben Lust, Geschichten über die Mädchen und Frauen von Kabul zu übersetzen und zu drucken? Welche europäischen Medien haben Lust, meine blutigen Verse zu drucken? Haben sie dafür überhaupt ausreichend Papier?

Vor einigen Tagen habe ich ein Gedicht geschrieben – über Toiletten. Ich habe darüber geschrieben, wie edel die Toiletten in Europa sind. Es gibt Gemälde an den Wänden und daneben liegen Zeitungen zur Lektüre. Ich habe geschrieben, wie elegant man hier auf die Toilette geht. Wenn doch die Länder Europas und Amerikas ihre Notdurft auch in anderen Ländern der Welt so elegant verrichtet hätten! Nicht wie Amerika, das auf unser Leben uriniert hat und dann abgehauen ist. Oder die Kolonialmächte England und Frankreich, die Afrika mit einer öffentlichen Toilette verwechselt und auf den ganzen Kontinent uriniert haben. Und dann haben sie auch noch die Reichtümer von dort mitgenommen und in ihren Museen ausgestellt. Und voller Stolz erklären sie, dass das Museum die wichtigste touristische Attraktion einer jeden europäischen Stadt ist.

Was für eine Welt der Ungleichheit, Batool! Wie schwierig ist gegenüber der westlichen eine östliche Identität? Wie schwierig ist es, aus Afghanistan zu stammen in einer Gesellschaft, die blond denkt. Wie schwierig ist es, mandelförmige Augen zu haben in einer Welt, in der man dich allerorten am Kragen packt?

Batool, wie gesagt, ich bin nach Schweden gefahren, um die Erzählungen des 15. August zu vergessen. Am Jahrestag des Untergangs von Afghanistan war ich in einem Nachtklub und habe bis zum Morgen getanzt, um zu vergessen. Getanzt wie ein Glücklicher, der glaubt, in Kabul zu sein. Aber im Herzen habe ich geweint. Im Herzen war ich unglücklich. Im Herzen war ich im Krieg. Im Herzen war ich ein Vertriebener. In meinem Herzen war Afghanistan gefallen.

Ich laufe weg, Batool – vor mir selbst, wenn ich mich im Spiegel sehe. Ich möchte Französisch lernen, was in all diesem Unglück etwas Luxuriöses hat. Sogar das Wort „Hazara“ wird auf Französisch anders ausgesprochen, es klingt nicht so demütigend wie in Afghanistan, wo mich meine Landsleute manchmal so riefen.[1] Auch das Wort, mit dem man Menschen aus Afghanistan bezeichnet, klingt auf Französisch anders als bei den iranischen Soldaten in Teheran, wenn sie dich festnehmen.

Batool, ich laufe davon.

Mostafa

 

[1] Die Hazara bilden in Afghanistan eine ethnische und religiöse Minderheit, die starken Diskriminierungen und Verfolgungen ausgesetzt sind. Der Verfasser dieses Briefes hat den Namen dieser ethnischen Gruppe als seinen Beinamen gewählt.

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