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Apropos Schlafen – Brief 1

Mostafa Hazara an Batool Haidari, Paris, 06. August 2022

Übersetzung: Dr. Lutz Rzehak Aus dem afghanischen Persisch

© John Towner / unsplash (modifiziert)

 

Hallo, liebe Batool,

die üblichen formellen Fragen nach dem Wohlbefinden kannst Du selbst hersagen und beantworten. Ich möchte gleich zur Hauptsache kommen: Es geht mir nicht gut. Ich weiß nicht, warum. Jeder Arzt, zu dem ich gehe, macht die vorgeschriebenen Untersuchungen und sagt mir dann: „Physisch geht es dir gut, aber psychisch nicht.“ Sie geben mir eine Handvoll Tabletten gegen Depressionen. Die soll ich einnehmen, damit mein Hirn wieder richtig funktioniert. Und dann soll es mir sofort wieder besser gehen. Einmal habe ich zu einem dieser Ärzte gesagt: „Herr Doktor, ich habe Heimatschmerz“, und er hat mir erklärt, dass die Krankenversicherung und die französische Regierung die Behandlung von Heimatschmerz nicht bezahlen und ich für die Kosten selbst aufkommen muss.

Die Heimat meines Körpers schmerzt, Batool! Als Psychologin kannst Du meinen Schmerz besser verstehen. Kabul ist mein Rückgrat und es schmerzt, Batool! Du kennst Kabul und kannst meinen Schmerz besser verstehen. Das Viertel Pol-e Sorkh, mein Herz, schlägt nicht mehr. Du warst in Pol-e Sorkh und kannst meine Sprache besser verstehen.

Ich leide. Ich leide an der Krankheit der Hoffnung, die in der Hoffnungslosigkeit gipfelt. Diese Krankheit ist schmerzhafter als Krebs. Ich hoffe, in ein Kabul zurückkehren zu können, von dem ich weiß, dass es nicht mehr existiert und ich nicht dorthin zurückkehren kann. In den ersten Tagen nach meiner Ankunft in Frankreich sollte ich an einem Poesie-Abend teilnehmen. Die Veranstalter haben mich gefragt, ob ich in zwei Zeilen etwas über mich aufschreiben würde, damit sie mich vorstellen können. Das war der erste Hammerschlag. Wer bin ich hier eigentlich? Noch bevor ich überhaupt sagen kann, dass ich Mostafa heiße, fragen sie schon: „Bist du Moslem? Betest du? Geht auch keine Gefahr von dir aus?“ Und mein Zuname … Oh, Du weißt, als ich auf dem Flughafen von Kabul war, war es mein Zuname, der mich zurückhalten wollte … Mein Zuname wollte mich töten … mich begraben … genau in dem Moment, als ein Talib mir seinen Gewehrkolben in die Seite stieß und sagte: „Hazara! Genau hier werden wir dich begraben! Wohin willst du?“

Nun gut. Noch bevor ich aufschreiben kann, dass ich ein Dichter bin, frage ich mich, welche Gedichte? In welcher Sprache? Hier versteht doch keiner Persisch … Was nutzt es, wenn alles, was du vorträgst, niemanden interessiert … Hier starren dich alle nur an und nicken. Angenommen ich lerne Französisch, was mache ich dann mit meinen Alpträumen, die doch auf Persisch sind? … Ich kann auf Französisch schreiben, aber ich denke auf Persisch … Auch dieser Hammerschlag trifft mich so heftig, dass ich nicht mehr schlafen kann.

Apropos Schlafen … Vor einigen Tagen hat mich Ruya Haidari angerufen, eine Freundin hier in Paris, die in Kabul meine Nachbarin war: „Komm runter! Wir gehen einen Kaffee trinken.“ Ruya erzählte mir, was sie in der Nacht davor geträumt hatte. Sie sei in Kabul gewesen und durch die Straßen des Shahr-e-Nau-Viertels gelaufen, als es plötzlich eine Explosion gab. Ruya erzählte mir mit Tränen in den Augen, wie sie zu sich selbst gesagt hatte: „Es stimmt. Es gibt immer noch Explosionen und die Wahrscheinlichkeit zu sterben ist immer noch sehr hoch.“ Trotz allem liebt sie Kabul und hat keine Angst vor Explosionen.

Batool, was für ein Zufall! Ich hatte einen ähnlichen Traum. Ich träumte, dass ich gerade in Pol-e Sorkh war, als es dort eine Explosion gab. Schnell sagte ich zu mir: „Mein liebes Kabul! Trotz all dieser Schmerzen liebe ich dich.“ Was für ein bitterer Zufall, dass Kabul sogar in unseren Träumen zerbombt wird!

Gut, auch hier in Paris bin ich in meinen Träumen mehrmals angeschossen worden. Kugeln trafen mein Herz, meine Beine, meine Lunge. Als ich aufwachte, streckte ich meine Hand aus, um zu sehen, was vorgefallen war. Mein Körper war noch am Leben, aber in meinen Träumen ist mein linkes Bein immer noch verletzt und schmerzt. Wem kann ich von diesen Schmerzen berichten, Batool? Ich habe Angst, dass mein Asylverfahren stockt. Weißt Du, als ich wegen meines Asylantrags bei der Polizeibehörde war, habe ich mich mit dem Leiter der Behörde gestritten. Der Dolmetscher hat mir gesagt, dass sie mich wohl abschieben müssen, wenn ich so weitermache. Ich sagte: „Oh Mann! Wie bekommt man so eine Zwangsrückführung nach Kabul hin?“, und habe mich weiter gestritten.

Jedenfalls dachte ich, wenn ich nach Kabul zurückkehre, werde ich nach der Landung wieder auf diesem Flughafen sein und diesmal wahrscheinlich sterben. In Pol-e Sorkh werde ich nie ankommen. Aber weißt Du, manchmal ist es ein Unglück zu überleben. Manchmal komme ich zu dem Schluss, dass ich nur aus Pech und Unglück überlebt habe und all diese Dinge träume. Leider bin ich noch am Leben und muss mit eigenen Augen sehen, wie alles vernichtet wird. So wie Sayyed Jawad und Mohammad Ali und Maryam, die diese Ära nicht mehr erleben und einen Meter von Kabul entfernt für sich wenigstens einen Ort für die Ewigkeit gefunden haben. Natürlich hatte auch ich mir in Kabul einen solchen Ort gekauft. Auf dem Hügel der weisen Märtyrer habe ich neben dem Grab meines Vaters einen Platz für mich gekauft, damit ich auf ewig neben ihm bleiben kann. Ehrlich gesagt habe ich nicht wirklich vor, dort wie in meiner Kindheit neben meinem Vater zu liegen. Zu allem Unglück bekam ich eine Woche nach der Anhörung bei der Polizeibehörde meine Anerkennung und jetzt bin ich ganz offiziell ein politisch Verfolgter mit internationalen Dokumenten unter dem Schutz des Staates Frankreich.

Batool, mein Herz schmerzt und mein Befinden ist auch nicht gut. Meine Pariser Wohnung habe ich wie einen Stall eingerichtet, denn ich bin nicht bereit, mein Haus hier ein Zuhause zu nennen. Das Schlimme ist, dass ich hierbleiben muss, genau hier, denn ich habe keine Alternative.

Ich bin zu einer Kreatur geworden, die aus dem von Krieg gebeutelten Orient hergekommen ist, und hier im Westen sehen mich alle an wie ein Tier in einem Menschenzoo. Wow! Jemand aus Afghanistan, der seine Speisen mit den Händen isst! Kann er sich auch verlieben? Tötet er auch niemanden? Schlägt er auch niemandem den Kopf ab? Bist du Moslem? Verträgst du überhaupt Schweinefleisch? So fühle ich mich und ich kann nichts machen.

Manchmal denke ich, dass ich Kabul einfach vergessen sollte, aber Kabul ist für mich wie ein zehn Jahre altes Mädchen, das ich an der Hand halte, wenn ich durch die Straßen von Paris wandere. Batool, dieses kleine Mädchen ist krank. Sie ist krank und ich glaube nicht, dass sie im Klima von Paris durchhalten wird. Kabul, mein kleines Mädchen, ist hier in Europa krank geworden, und ich fürchte, dass dies die letzten Tage ihres Lebens sind. Jede Nacht weint sie und jeden Morgen wacht sie auf und geht erschöpft durch den Tag.

Das muss ich meinem Psychotherapeuten erzählen. Ich werde meinen Psychotherapeuten anrufen. Gib Acht auf Dich und auf Dein Herz Kabul!

In der Hoffnung auf ein Treffen,

Mostafa

Sechster August zweitausendzweiundzwanzig

 

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