Die neuen Generationen glauben, dass es ausreicht, keinen Krieg zu wollen, damit er nicht stattfindet | Brief 4
Oksana Stomina an Baraa Altrn, Kyjiw, 01. November 2025
Übersetzung: Claudia Dathe aus dem Ukrainischen

Liebe Baraa!
Danke für die Wärme und das tiefe Verständnis, die ich in deinen Briefen finde! Es ist verblüffend, wie sehr ähnliche traumatische Erfahrungen und gleiche Werte die Distanz zwischen Menschen verkürzen können. Ich spüre das und bin wirklich erstaunt, dass ich dich bis vor Kurzem noch gar nicht kannte. Jetzt bist du eine weitere Person, für die ich bete und die mir Halt gibt.
Uns verbindet sogar, wie ähnlich Mariupol und Damaskus jetzt aussehen, denn auf den Fotos meiner Stadt siehst du auch deinen eigenen Schmerz. Wie seltsam: Es waren völlig unterschiedliche Städte, aber ihre jetzigen Ruinen gleichen sich. Ich sehe darin eine schreckliche Symbolik. Wir alle reagieren gleichermaßen sensibel auf zerstörerische Kräfte. Wann werden die Menschen das begreifen?
Ich denke mir, man müsste im Zentrum von Städten, in denen Kriege stattgefunden haben, anstelle neuer Denkmäler und Museen eine Straße, einen Platz oder einen Stadtteil mit Ruinen stehen lassen. Das wäre die eindrücklichste Mahnung, was Krieg bedeutet und wie klein und schutzlos wir alle ihm gegenüber sind. Die Menschen in Europa und Amerika, in Ländern, deren Wunden längst verheilt sind, wollen vergessen, ausblenden, ja, nicht einmal den Gedanken zulassen, dass etwas Derartiges eintreten könnte. Die neuen Generationen glauben, dass es ausreicht, keinen Krieg zu wollen, damit er nicht stattfindet. In Wirklichkeit verhindert die Aversion keine Tragödien, die fehlende Antizipation eines Krieges hält den Aggressor nicht auf, sondern spornt ihn nur an. Stünde im Stadtzentrum von Köln, München, Rotterdam oder Warschau ein authentisches Denkmal für eine schreckliche Tragödie, würden die Menschen jeden Tag spüren, welche Gefahr eine leichtfertige Haltung gegenüber dem „Feuer im Nachbarzimmer” mit sich bringt und wie mächtig die Kraft des Bösen sein kann, die jeden von uns für immer zur Zielscheibe macht.
Ich denke oft über das Böse an sich nach. Woher kommt es, warum entsteht es? Ich habe ein Dutzend historischer Erklärungen für die russische Grausamkeit, aber keine davon rechtfertigt oder entschuldigt sie. Was ist es, wenn nicht Blut, das in den Adern einer Frau fließt, die ihren eigenen Mann dazu ermutigt, ukrainische Frauen und Kinder in Irpin und Hostomel zu vergewaltigen, was, wenn nicht ein Herz schlägt in der Brust eines russischen Soldaten, der mit einem Panzer zwei Jungen verfolgt und sie dann in der Nähe von Cherson erschießt, welches zusätzliche Chromosom gibt einem Menschen die innere Erlaubnis, eine 75-jährige Frau, ein achtjähriges Kind, einen halb bewusstlosen Gefangenen zu vergewaltigen? Wie soll man Menschen bezeichnen, die eine Drohne steuern und damit eine alte Frau jagen, die Ziegen hütet, und dann die Ziegen sorgfältig töten – eine nach der anderen? An welcher Krankheit leiden die Unmenschen, die zwei Rentner aus Butscha skalpiert und ihnen die Finger und Fersen abgehackt haben? Darin liegt weder eine strategische Notwendigkeit noch Logik, keinerlei Logik außer dem blutrünstigen Verlangen, Schmerz zuzufügen. Diese realen Geschichten erscheinen mir immer noch wie eine perverse Phantasmagorie, die nur im entzündeten Gehirn eines Wahnsinnigen entstehen kann. Ich habe Angst, dies auch nur zu flüstern, aber ich muss es in die ganze Welt hinausschreien.
Das humanitäre Völkerrecht und insbesondere die Genfer Konventionen garantieren Kriegsgefangenen das Recht auf Leben, doch Russland tötet sie nicht nur, sondern foltert sie grausam zu Tode. Der Bürgermeister von Dniprorudne, Jewgeni Matwejew, verbrachte zwei Jahre und acht Monate in Gefangenschaft. Die Russen übergaben seiner Familie den verstümmelten Leichnam des Mannes mit Anzeichen von Folter: „Verletzungen am Rumpf, mehrfache Rippenbrüche, Verletzungen der Lunge und des Brustfells”. In demselben Untersuchungsgefängnis Nummer drei in Kisel im Gebiet Perm wurde auch die ukrainische Journalistin Viktoria Roschchina getötet. Ihr Körper wurde buchstäblich ausgeweidet und ohne Gehirn, Augäpfel und einen Teil der Luftröhre zurückgegeben, höchstwahrscheinlich war ihr Unterkieferknochen gebrochen, was normalerweise auf Ersticken hindeutet. Stell dir vor, liebe Baraa, wie schrecklich die letzten Tage dieser hübschen, zarten, ganz jungen ganz jungen zivilen!! Frau gewesen sein müssen, die sie durchlebte!
Am 4. September 2025 wurde bekannt, dass zwei sechzehnjährige Jugendliche aus Melitopol – Danilo Dachov und Pawlo Grymak – in russischer Gefangenschaft gefoltert worden waren. Danilo und Pawlo waren ganz normale Jungen, die sich für Heimatkunde begeisterten, oft an Müllentsorgungsaktionen im Wald teilnahmen und Bäume pflanzten. Ihre klare politische Haltung und ihre Teilnahme an friedlichen patriotischen Veranstaltungen waren Grund genug, die Jugendlichen zu inhaftieren und später zu Tode zu foltern. Das sind keine Einzelfälle, im Gegenteil – es handelt sich um systematische Fälle, Baraa! Wenn so etwas mit Zivilisten passiert, stell dir vor, was Soldaten durchmachen müssen und womöglich nicht überleben.
Der Marineinfanterist von Mariupol, der Verteidiger Pawlo Boschko, geriet im April 2022 in russische Gefangenschaft. Acht Monate lang wurde der Mann in einer Strafkolonie bei Tula gefoltert. Nach Angaben seines freigekommenen Kameraden saß Pawlo die Hälfte dieser Zeit im Karzer. Er verlor fünfzig Prozent seines Körpergewichts. Er wurde mit Stromschlägen gefoltert, bekam Schläge auf Nieren, Beine und Milz. Der aus der Gefangenschaft zurückgekehrte ukrainische Soldat Oleksij Anulija, der nach Pawlo in dieser Zelle saß, berichtete, dass Pawlo vor seinem Tod eine Nachricht an die Wand gekritzelt habe. „Mama, ich liebe dich … Gott nimmt mich zu sich … Ich kann nicht mehr … Das ist zu viel für mein Herz“, schrieb der junge Mann.
Die Zivilistin Hanna Samoilowa wurde mit medizinischen Instrumenten gefoltert und man riss ihr die Fingernägel aus. Sie überlebte und brachte Beweise für Kriegsverbrechen der Russen aus dem Gefängnis mit. Die hören sich so an: „Zuerst schlagen sie deinen Kopf gegen die Wand, dann schlagen sie dir auf den Kehlkopf, dann auf den Bauch. Du beugst dich vor und sie schlagen dich wieder …“ Während eines Verhörs brachen die Unmenschen Hanna alle Zehen und versuchten, ihr mit einem Lötkolben ein Smiley auf den Körper zu brennen. Ein Smiley, Baraa, kannst du dir das vorstellen?! Das fanden diese Unmenschen wohl auch noch witzig.
Der 64-jährige Zahnarzt Ihor Kirjanenko aus Donezk wurde sieben Jahre lang in einer Strafkolonie in Donezk festgehalten. Man schlug ihm die Zähne aus, brach ihm die Rippen, folterte ihn mit Strom, indem man Drähte an seine Ohren und Genitalien anschloss. Als Ihor in eine Einzelzelle verlegt wurde, war er in einem so schlechten Zustand, dass die Verwaltung sich weigerte, ihn aufzunehmen. In den Begleitpapieren des Häftlings stand jedoch: „Treppensturz“.
Mehrere aus der Gefangenschaft Entlassene erzählten mir von einem Kameraden, der vor ihren Augen gestorben war. Er krümmte sich vor Schmerzen auf dem Boden der Zelle, weil er Flüssigkeit in der Lunge hatte, erhielt jedoch keine Hilfe. Wie auch die Brandverletzten, Verstümmelten und Schwerverletzten, die während des Terroranschlags in Oleniwka gefangen genommen worden waren, keine medizinische Behandlung erhielten. Diejenigen, die nicht sofort in der „Baracke 200“ starben, verbluteten oder starben aus Schmerzschock vor den Augen der Aufseher und des Leiters des Straflagers, der mit einer Tasse Kaffee in der Hand das Leiden der noch lebenden Menschen beobachtete.
Im Juli dieses Jahres wurde Oleksandr S., Soldat der Mariupoler Garnison, aus der Gefangenschaft entlassen. Seine „Vorher-Nachher“-Fotos gingen im Netz viral: Der Mann war bis zur Unkenntlichkeit verändert und sah aus wie eine Mumie. Viele Kommentatoren in den sozialen Netzwerken äußerten Zweifel an der Echtheit der Person auf dem Foto und vermuteten, dass das Foto mit Hilfe künstlicher Intelligenz generiert worden sei. Aber ich habe Oleksandr im Krankenhaus besucht, denn er ist der Mann meiner Freundin Olena. Die junge Frau hat diese Fotos nicht ins Netz gestellt, um ihre eigene Popularität zu steigern, sondern um die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit zu erregen und ähnliche Verbrechen in Zukunft zu verhindern.
Ich habe mir diese Misstrauensbekundungen angeschaut und vermute, dass Menschen auf diese Weise versuchen, ihre eigene Hilflosigkeit oder Untätigkeit zu rechtfertigen. Ein Verbrechen in unmittelbarer Nähe erfordert eine angemessene Reaktion, deine aktive Hilfe für das Opfer und Maßnahmen gegen den Angreifer. Diejenigen, die dazu nicht in der Lage sind, verstecken sich hinter Unverständnis und Leugnung, tun so, als hätten sie das Verbrechen nicht bemerkt, oder leugnen/verharmlosen es. Indem ich die Welt als demokratisch bezeichne, gebe ich ihr jedoch einen Vertrauensvorschuss und hoffe immer noch, dass sie mein Vertrauen rechtfertigt. Denn sie braucht das genauso sehr wie ich. Wir leben in einem großen, aber gemeinsamen Raum. In den dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts musste Europa schon einmal für seine eigene Unvorsichtigkeit bezahlen. Die Erfahrungen unserer Großväter haben gezeigt, dass das Böse, wenn man es nicht im Keim erstickt, auch dich verschlingen kann. Und unsere Aufgabe, liebe Baraa, ist es, nicht zuzulassen, dass die Welt das Offensichtliche ignoriert. Und außerdem müssen wir die Helden und die Verbrecher so laut wie möglich beim Namen nennen.
Danke, dass wir diese Sache gemeinsam vertreten!
Ich umarme dich.
Oksana aus der Ukraine


