Menu
Suche
Weiter Schreiben ist ein Projekt
von WIR MACHEN DAS
> Einfache Sprache Jetzt Spenden
Logo Weiter Schreiben
Menu
Suche
Briefwechsel Syrien & Ukraine > Baara Altrn & Oksana Stomina > Deshalb möchte ich die Namen nennen | Brief 2

Deshalb möchte ich die Namen nennen | Brief 2

Oksana Stomina an Baraa Altrn, Kyjiw, 17. Juni 2025

Übersetzung: Claudia Dathe aus dem Ukrainischen

Farbfotografie von Blumen, die zum Gedenken an die auf einem ukrainischen Spielplatz verstorbenen Kinder niedergelegt wurden. Color photograph of flowers laid in memory of children who died on a Ukrainian playground.
© Ihor Rubtsov

Liebe Baraa!

Ich verstehe dich sehr gut. Ob du es glaubst oder nicht, aber Gedanken, wie du sie hast, kommen bei mir auch auf. Ich schaue mich im Spiegel an und sehe die Spuren, die der Krieg auf meinem Gesicht hinterlassen hat, und trotzdem hoffe ich, dass die Menschen in meinem Umfeld nicht die dunklen Ringe unter meinen Augen und meine vorzeitig ergrauten Haare in Erinnerung behalten, sondern mein aufrichtiges Lächeln und meine grenzenlose Liebe zu dieser komplizierten, widersprüchlichen und doch wunderschönen Welt. Ich habe mein Zuhause verloren, meine Stadt wurde dem Erdboden gleichgemacht und ist feindlich besetzt, mein Mann, der nichts weiter getan hat, als seine Heimat zu verteidigen, ist seit über drei Jahren in Gefangenschaft, und über meinem Kopf kreisen jeden Tag russische Drohnen und Raketen wie Raubvögel, jederzeit kann mich eine davon treffen. Aber selbst wenn das passiert, möchte ich, dass mein Denkmal die Liebe, der Geruch von Büchern, lebensspendende Umarmungen, fröhliche Erinnerungen an Freunde, glückliche Enkelkinder sind – und eine Schaukel mit Meerblick in meinem heimatlichen Mariupol, befreit von der russischen Brut. Ich träume davon, dass diese Welt ein bisschen besser und gerechter wird, auch wenn das erst nach meinem Tod geschieht. Doch eigentlich möchte ich das unbedingt persönlich erleben. Aber dafür brauche ich unseren Sieg.

Wenn ich „unser“ schreibe, meine ich damit nicht nur die Ukrainer. Ich möchte glauben, dass die ganze zivilisierte Welt an einem Sieg des Guten über das Böse interessiert ist. Denn wenn eine junge Mutter in Deutschland, Italien, Großbritannien oder den Niederlanden ihr neugeborenes Kind wiegt und sich sein langes und glückliches Leben ausmalt, kann sie dann gleichgültig bleiben gegenüber den über 300.000 Kindern, die seit Beginn der Großinvasion in der Ukraine geboren wurden und praktisch mit der Geburt zu Zielscheiben geworden sind? Manche wurden während eines russischen Angriffs, unter russischen Raketen und Bomben geboren, andere sind umgekommen, noch bevor sie ihr erstes Wort gesprochen und ihren ersten Schritt gemacht hatten.

Irgendwo dort, außerhalb der Ukraine, werden unsere Verluste zu gesichtslosen Statistiken, denen man nur schwer Mitgefühl entgegenbringen kann. Doch ich möchte daran erinnern: Dahinter stehen echte Menschen, die ein langes und glückliches Leben hätten führen können, wenn die Russen ihnen dieses Leben nicht genommen hätten. Deshalb möchte ich die Namen nennen.

Eines der jüngsten Kinder, die durch die russische bewaffnete Aggression ums Leben kamen, hieß Kira Glodan. Das Mädchen war erst drei Monate alt. Eine Rakete, die auf Befehl des russischen Präsidenten Putin am 23. April 2022 abgefeuert wurde, schlug im Kinderzimmer eines normalen Wohnhauses in Odessa ein. Mit Kira töteten die russischen Verbrecher ihre Mutter Waleria und ihre Großmutter Ljudmila – drei Frauengenerationen einer Familie auf einmal. Der Vater des Mädchens, Yuri, starb achtzehn Monate nach seinen Angehörigen. Jetzt wurde die Ilf-und-Petrow-Straße in Odessa in Erinnerung an die Familie Glodan umbenannt, aber macht es das besser?

Laut UN-Sicherheitsrat beträgt die Zahl der seit dem 24. Februar 2022 getöteten Kinder 600, aber in Wirklichkeit ist die Zahl viel höher! Die in den besetzten Gebieten getöteten Kinder werden nicht erfasst, da die Besatzungsbehörden alles tun, um das Ausmaß des Kriegsverbrechens zu verschleiern. Das Erste, was die Russen in das von ihnen eroberte Mariupol brachten, waren mobile Krematorien. Doch die Flammen, die die Körper verbrennen, können die Erinnerung nicht auslöschen! Die grausame Wahrheit über die von Russland begangenen beispiellosen Verbrechen gegen die Menschlichkeit überdauert in den Namen.

Ich persönlich kann mehr als fünfzig Namen von Kindern nennen, die allein in den zwei Monaten der Belagerung von Mariupol ums Leben gekommen sind. Da sind die zehnjährige Freundin meiner Nichte Anja Sudak und ihre ältere Schwester Sofia, da sind zwei Nachwuchsschauspielerinnen des Stadttheaters, Sonia und Jelisaweta, die Turnerin Katja Djatchenko und die ukrainische Meisterin im Gewichtheben Alina Peregudowa. Drei wunderbare Jungs – Dima Panasenko, Roma Polun und Bohdan Pylypenko – wurden von den Trümmern des Hauses Nummer 58 in der Straße des Ersten Mai verschüttet. Romana Mjasojedowa wurde hinterrücks erschossen, als sie in den Hof lief, um Wasser zu holen. Die sechsjährige Tetjana Moros wurde von ihrer Mutter mit ihrem Körper geschützt. Die Frau starb sofort, das Mädchen wurde ins Krankenhaus gebracht, dessen Intensivstation jedoch am Vortag bombardiert worden war, so dass das Kind nicht gerettet werden konnte.

Kyrylo Handeldy und Myroslawa Lytwynenko waren erst anderthalb Jahre alt, Tymofej Kuryltschenko und Karolina Chadschawi zweieinhalb, Oryna Antypenko und Weronika Orfinjak drei, Dominika Holjakowa vier, Dascha und der kleine Maxym Sadniprowskyj drei Monate.

Mychailo Pankinych starb in den Armen seiner Mutter. Das geschah in der Nacht zum 23. März 2022. Ihre Leichen wurden erst im darauffolgenden Sommer aus den Trümmern geborgen. Und der kleine Dmytro Schuwalow starb ganz allein. Im März 2022 wurde sein Vater von einem russischen Scharfschützen getötet. Dmytro, ein Junge mit geistiger Behinderung, konnte sich nicht selbst versorgen. Die Leiche des Kindes wurde erst zwei Monate später, im Mai, gefunden.

Auch die Leiche der sechsjährigen Tetjana wurde aus den Trümmern eines zerstörten Hauses geborgen. Ihre Mutter starb bei einem Bombenangriff und das Mädchen überlebte in dem verschütteten Keller, sie kämpfte um ihr Leben, konnte sich aber nicht befreien und verdurstete schließlich. Kann sich der Vater eines sechsjährigen Kindes in Deutschland, Österreich, Belgien oder Dänemark so etwas überhaupt vorstellen?

Diese Tragödien, die sich im Zentrum Europas ereignet haben, sind nicht mehr wieder gutzumachen, aber die Frage ist, wie viele ukrainische Kinder noch Opfer der russischen Aggression werden, nur weil die zivilisierte Welt nicht entschlossen und schnell genug gegen das Böse vorgeht? Kann man im heutigen Europa und Amerika, die den Willen zur Humanität bekunden, die diplomatische Immunität von Mördern als human bezeichnen? Ist eine Welt wirklich demokratisch, in der der Aggressorstaat trotz aller Kriegsverbrechen, Verstöße gegen die Genfer Konventionen und Missachtung des humanitären Völkerrechts Mitglied des UN-Sicherheitsrats bleibt und sogar ein Vetorecht besitzt, also die Möglichkeit, alle für ihn unbequemen Mehrheitsbeschlüsse dreist zu blockieren?

Was in der Ukraine geschieht, ist nicht bloß eine Missachtung der demokratischen Welt, sondern eine direkte Bedrohung ihrer Stabilität. Während die Welt dem Terroristen zum wiederholten Mal eine Chance gibt, baut er seine Macht aus und presst seine blutrünstigen Kiefer noch fester zusammen. Der Geschmack von Blut und Straffreiheit haben Russland zu einem gemeingefährlichen Monster gemacht. Die meisten Europäer leugnen nach wie vor die Gefahr für sich selbst, aber das ist so, als würden sie den Kopf in den Sand stecken. Der Krieg gegen die Demokratie ist bereits im Gange, bislang jedoch auf das Gebiet der Ukraine beschränkt.

Im Februar 2022 wollte ich in Mariupol glauben, dass ich im Keller ausharren kann, bis der Krieg vorüber ist, denn die Welt würde reagieren und die Gräueltaten stoppen.

Hauptstadt der Ukraine, Nacht zum 17. Juni 2025, im vierten Jahr der Großinvasion, und noch immer sitze ich in diesem „Keller von Mariupol“.

175 Drohnen, vierzehn Marschflugkörper, zwei ballistische Raketen in einer Nacht.

Erschöpft von der allgemeinen Ungerechtigkeit, bete ich am nächsten Tag für einen Jungen, dessen Eltern in der Nähe eines von einer russischen ballistischen Rakete zerstörten Kyjiwer Hochhauses noch auf ein Wunder hoffen. Das Wunder geschieht nicht. Ich lese darüber in den Nachrichten, die schon morgen ihre Aktualität verloren haben und von anderen verdrängt sein werden. Ich habe Angst davor, deshalb speichere ich das Foto des unbekannten Jungen in meinem Archiv, als ob das sein Leben verlängern würde. Ich gehe zum Foto der Eltern zurück und betrachte ihre Rücken, die weder vor dem Schicksal noch vor den Blicken Fremder geschützt sind. Dieses Foto zeigt den Moment, in dem noch Hoffnung bestand. Leider lässt sich das wirkliche Leben nicht wie eine Bilderfolge zurückdrehen. 25 Tote und über 130 Verletzte in einer Nacht, allein in einer Stadt.

Facebook löscht meinen ehrlichen Beitrag darüber wegen „Anstiftung zum Hass“. Deshalb kopiere ich ihn hierher, erzähle dir davon und versuche, eine der tragischen Geschichten meiner leidgeprüften, aber nicht zu unterwerfenden Ukraine hier festzuhalten, in einem persönlichen Brief an eine syrische Autorin. Ich vertraue sie dir zur Aufbewahrung an, denn ich ja weiß nicht, wo die nächste russische Rakete einschlägt …

Ich mache schwere Zeiten durch, aber trotzdem bin ich glücklich, eine Frau zu sein! Ich möchte jedes Mal als Frau geboren werden, um neues Leben in diese Welt bringen zu können, und zwar unbedingt in der Ukraine, um sie stark und blühend zu sehen. Und möge ich immer als Dichterin geboren werden, die keine Angst vor Gefühlen hat, sich nicht für ihre Falten schämt und sich über jeden neuen Morgen freut. Und die Schaukel über dem Meer im befreiten Mariupol soll noch in diesem Leben für mich Wirklichkeit werden! Denn ich vermisse meine Heimatstadt wirklich sehr. Denn die Besatzer werden sie niemals so lieben wie ich. Denn ich träume davon, dich dorthin einzuladen.

Aber erst einmal umarme ich dich.

Liebe Grüße

Oksana aus der Ukraine

Autor*innen

Datenschutzerklärung

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner