Weißt du, dass wir beide in unseren Herzen dieselbe Wunde haben und denselben barbarischen Feind? | Brief 3
Baraa Altrn an Oksana Stomina, Damaskus, September 2025

Aus dem Arabischen von Barbara Winckler
Liebe Oksana,
Dein Brief kam in einem Moment, in dem ich mich zutiefst hilflos und traurig fühlte, die Tötungsmaschinerie in Syrien ist noch nicht zum Stillstand gekommen, das Regime ist gefallen, der Diktator abgehauen, aber wir haben das Land nicht zurück, die Syrer sterben noch immer, überall ist Blut, sein Geruch überwältigt mich und erinnert mich unaufhörlich daran, dass wir eine einmalige Chance verpasst haben, unser Land aufzubauen, sie ist uns durch die Finger geglitten wie Sand durch die Finger eines Kindes, das sich am Strand von Mariupol vergnügt, deiner schönen Stadt, der ich alles Gute wünsche, und dass sie gerettet wird.
Ich sage es dir ganz ehrlich, als ich begann, deinen Brief zu lesen, hatte ich ein ausdrucksloses Gesicht, ein Herz, dessen Gefühl verstummt war, und als ich mit dem Lesen fertig war, hätten meine bitteren Tränen Brände löschen und neue entfachen können. Ich hätte nicht erwartet, dass mich dein Brief so erschüttern würde, doch kaum dass ich erfuhr, dass dein Mann gefangengenommen, deine Stadt zerstört und so viele Kinder in deinem Land getötet worden sind, wurde mir wieder bewusst, wie unbedeutend wir auf dieser Erde sind.
Weißt du, Oksana, was mich am meisten schmerzt? Dass die Welt, die du die „demokratische Welt“ nennst, die Gebiete, in denen bewaffnete Konflikte herrschen, immer mit leeren Augen betrachtet hat und ihre Bürger als bloße Zahlen sieht, als Opfer ohne Gesicht, ohne Identität, ohne Individualität, wir sind alle gleich, und wir haben alle keinen Mehrwert, sind lediglich vermeidbare Kriegsverluste.
Das war meine größte Angst während der ganzen syrischen Tragödie: dass ich mein Gesicht verlieren würde, und meine Liebsten ihre Namen, dass wir zu einer Eilmeldung in den Medien werden würden, oder zum Bericht einer NGO.
Der Tod ist derselbe, wo immer er eintritt, Kinder sterben in der Ukraine, sie sterben in Gaza, und sie sterben in Syrien, Libyen, Jemen, Sudan und Kongo, das weiß ich und du weißt es, aber weiß es auch die „demokratische Welt“? Ja, sie weiß es, und sie finanziert die Kugeln, die ballistischen Raketen und das Schweigen, das die schwachen, fragilen Körper durchlöchert.
Gestern haben wir einen Dokumentarfilm über die Todesindustrie in Syrien gesehen, mein Freund, der mehr als fünf Jahre als Rettungssanitäter für den Roten Halbmond gearbeitet hat, sagte mir, der Mensch verliere seine Fähigkeit zur Empathie, wenn er an einem Tag mehr als einen Leichnam trägt, und dass die Reserven an menschlichen Gefühlen erschöpft werden können, wenn der Tod zur beruflichen Routine wird. Ich bin anderer Meinung, vielleicht weil ich noch nie einen Leichnam auf den Schultern getragen habe und noch nie jemand in meinen Armen gestorben ist, und vielleicht weil er sich einfach irrt, er meint, seine Reserven seien erschöpft, dabei handelt es sich lediglich um einen Abwehrmechanismus, um angesichts dieses Wahnsinns nicht den Verstand zu verlieren, derselbe Freund verfolgt ununterbrochen die Nachrichten und weint über den Tod der Kinder und darüber, dass Einzelpersonen ihn nicht verhindern können.
Ich habe im Internet nach Mariupol gesucht, mir lange Zeit Videos angeschaut und mich in den Fotos von der Stadt nach der Belagerung und Bombardierung verloren. Weißt du, dass wir beide in unseren Herzen dieselbe Wunde haben? Und dass wir denselben barbarischen Feind haben? Russland hat in meinem Land dasselbe getan wie in deinem, die Flugzeuge haben die Gebäude auf dieselbe Weise zerstört, die Gebäude auf den Bildern von Mariupol sahen sehr ähnlich aus wie die Bilder von Aleppo und dem Umland von Damaskus, dieselben Trümmer. dieselbe Zerstörung, dieselben Gesichter und dieselben Mörder!
Dann holte ich tief Luft und änderte die Worte im Suchfeld, die Fantasie schweifte mit mir durch Bilder von Mariupol vor der Belagerung und Bombardierung, sein Meer, seine Straßen und Gebäude, ich verspürte eine seltsame Vertrautheit, als wäre ich schon einmal hier gewesen, als würde ich dich kennen, als wärst du meine Freundin, als würde ich dein Land kennen, dich jeden Sommer besuchen, Kira Glodan, Anja Sudak, Sofia, Dima Panasenko, Roma Polun und Bohdan Pylypenko kennen, als würde ich sie als lebende, gesunde Kinder kennen, als hätten wir bei einem meiner Besuche zusammen im Mondschein die Nacht verbracht, Verstecken gespielt, und als wir mit dem Zählen fertig waren, waren alle da, nicht einer von uns fehlte, niemand war gestorben, wir haben viel gelacht, leckeres Essen gegessen, geschaukelt auf jener großen Schaukel, die auf das Asowsche Meer blickt, und ich trug in mir ein kleines Baby, es würde ein Mädchen sein, das ich Laila nennen würde.
Als du geschrieben hast, du seist immer noch froh, eine Frau zu sein, und würdest immer wieder gerne als Frau geboren werden, um neues Leben in diese Welt zu bringen, erinnerte ich mich an meinen ersten Brief und an all das, was ich mir zu sein wünschte, ich schämte mich ein wenig, ich bin auch froh, eine Frau zu sein, würde immer wieder gerne als Frau geboren werden und würde gerne neues Leben in diese Welt bringen – das ist ein Geheimnis, das noch niemand kennt!
Ich habe immer gesagt, dass ich unfruchtbar bin, und immer habe ich die Gründe angeführt, die der Protagonist des Romans „Abschiedswalzer“ für die Kinderlosigkeit nennt, ich habe sie als meine eigenen Gründe ausgegeben, nicht als die von Milan Kundera, tatsächlich wollte ich nie Mutter sein, das ist eine Bürde, die ich nicht tragen kann, eine Liebe, die ich nicht kontrollieren kann, ich fürchte, ein Kind zu bekommen und es zu verlieren, wenn das passieren würde, wo sollte ich dann hin mit der Liebe zu ihm? Und wie sollte ich den Schmerz ertragen, der mir das Herz zerreißt?
In der Nacht, als das Assad-Regime fiel, spürte ich, dass in meinem Herzen Platz für ein anderes Leben war, in mir genügend Liebe, um sie mit einem neuen Menschen zu teilen, und in meinem Körper eine Stärke, die Schmerz und Qual erträgt, zum ersten Mal wünschte ich mir, Mutter zu sein, wünschte ich mir, eine Tochter zu haben, die vor meinen Augen aufwachsen würde, der ich vor dem Einschlafen Geschichten über Revolution und Liebe erzählen würde: Wie die Syrer viele Jahre lang gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung kämpften, und wie wir schließlich siegten, und mit Siegen meine ich dasselbe wie du: den Sieg des Guten über das Böse. Denn seien wir ehrlich, wie oft im Leben hat der Mensch die Chance, den Sturz eines Tyrannen zu erleben?
Aber leider wurde dieses Gefühl in mir schon bald erstickt, füllte sich der Raum – der mir für einige Momente gewährt wurde – erneut mit den Bildern der getöteten Kinder, wurde meine Brust zu einem Massengrab und war nun alles, was ich im Kopf hatte, das Bild meiner Tochter, wie sie sich in Fluren und Schutzräumen vor dem sicheren Tod versteckt und sich fragt: Warum habe ich so wenig Glück? Warum hat Gott mich hier auf die Welt gebracht?
Liebe Oksana, ich habe geschrieben und wieder gelöscht, geschrieben und wieder gelöscht, dutzende Male, und dieser Brief ist der am wenigsten düstere und traurige von allen, daher werde ich mich letztlich für ihn entscheiden.
Ich wünschte, ich könnte dir etwas Angenehmeres sagen, etwas weniger Düsteres, ich wünschte, ich könnte die Arme nach dir ausstrecken und dich umarmen, wo auch immer du jetzt bist.
Warum haben wir so wenig Glück? Ich weiß es nicht, aber ich weiß, dass all der Schmerz, den wir erleiden mussten, alles, was wir durchgemacht haben, und alles, was uns widerfahren ist, uns geprägt und zu dieser Art von Menschen gemacht hat, die wir lieben, mit dieser romantischen Neigung und mit dieser unendlichen, grenzenlosen Fähigkeit zu lieben.
Bis ich dich treffen kann, bis ich dir auf die Schulter klopfen kann, sende ich dir meine Küsse und meine Liebe.
Ich hoffe, es geht dir gut, ich wünsche dir und deiner Familie alles Gute, ich wünsche deinem Land Freiheit, ich wünsche meinem Land Freiheit und jedem Land der Welt.
Ich wünsche mir, dass überall Frieden herrscht.
Bis dieser Tag kommt, genügt es mir zu glauben, dass wir lieben können, egal wieviel Tod uns umgibt, und wie lange der Krieg andauert.
Herzlich
Baraa


