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Briefwechsel Syrien & Ukraine > Baara Altrn & Oksana Stomina > Ruinen sind Zeugen, die nicht lügen, sie entlarven die Täter | Brief 5

Ruinen sind Zeugen, die nicht lügen, sie entlarven die Täter | Brief 5

Baraa Altrn an Oksana Stomina, Damaskus, Januar 2026

Übersetzung: Larissa Bender aus dem Arabischen

„Das Foto, das ich schicke und das ich auf einem Markt in Syrien aufgenommen habe, zeigt einen Laden, der trotz der schweren Zerstörung des Gebäudes durch die Militäroperationen geöffnet geblieben ist.“ © Baraa Altrn

Liebe Oksana,

ich hoffe, es geht dir gut.

Ich habe mittlerweile das Gefühl, dass ich dich gut kenne und wir viele Eigenschaften und verborgene Gemeinsamkeiten miteinander teilen. Deshalb glaube ich, deinen Schmerz zu verstehen, der dich während des Schreibens deines Briefes heimgesucht hat. Und ich kenne die Trauer, die dein Herz zerfrisst, wenn du deine Gefühle in Worte zu fassen versuchst, besonders, wenn du schreibst: „Ich denke mir, man müsste im Zentrum von Städten, in denen Kriege stattgefunden haben, anstelle neuer Denkmäler und Museen eine Straße, einen Platz oder einen Stadtteil mit Ruinen stehen lassen.“

Es sind die Ruinen, dieses Wort, bei dem ich bei allen Texten über zerstörte Länder stets innegehalten habe, das Wort, das mir das Herz zerbricht und mich zu einer naiv anmutenden Überlegung veranlasst: In der arabischen Sprache kommt das Nomen ḫarāb – (Ruine / Zerfall / Zerstörung) von der Wurzel ḫ-r-b (خ ر ب), und das ähnelt sehr dem Wort ḥarb (Krieg) von der Wurzel ḥ-r-b (ح ر ب) . Die beiden Wörter unterscheiden sich im Arabischen (anders als in der Umschrift)[1] nur durch einen Punkt auf dem ersten Buchstaben. Darin liegt eine starke Symbolik, nicht wahr?

Kennst du einen einzigen Krieg, der keine Ruinen hinterlassen hat? Unmöglich! Es gibt keinen Krieg, der die Dinge unverändert lässt. Was ich nicht verstehe, ist, wie es sein kann, dass ein Mensch ein ganzes Land in Ruinen verwandelt. Wie es sein kann, dass sein Herz kein Mitleid mit all den vernichteten Erinnerungen, den geraubten Seelen, den zerfallenen Mauern empfindet, die Folge seines Tuns sind.

Ich weiß, dass man Mauern nicht mit Menschenleben vergleichen kann. Aber ich glaube daran, dass alle Dinge ihre Bedeutung haben, wenn sich Zerstörung breitmacht, alles, vom Leben eines Kindes, dessen Familie getötet wurde und das in dieser Welt jetzt allein ist, bis zum Balkon eines Hauses, der von einer Granate getroffen und in Asche verwandelt wurde. Die Dinge müssen ihren ursprünglichen Zustand behalten, und niemand auf dieser Welt hat das Recht, ein Kind seiner Eltern zu berauben oder eine Familie ihrer Kinder oder ein Haus zu zerstören oder selbst einen Balkon, der früher einmal auf ein normales Leben blickte.

Weißt du, als du in deinem Brief über die Gefolterten geschrieben hast, haben deine Worte ein dünnes Häutchen abgezogen, das sich über eine frische Wunde in meiner Seele gelegt hatte. Das Assad-Regime hat meinen Mann gefoltert, er wurde verhaftet, in die Todeskeller geführt, geschlagen und mit Strom gequält. Niemals darf Strom in die Körper jener eindringen, die wir lieben! Denn wenn das passiert, wird ihnen das Vertrauen in die Welt geraubt; er hinterlässt unheilbare Verbrennungen. Natürlich ist mein Mann nicht der Einzige, dem das vom Regime angetan wurde, aber mein Mann hat – Gott sei Dank – überlebt, im Gegensatz zu vielen anderen, deren Angehörige bis heute nicht wissen, was mit ihnen geschehen ist. Es sind so viele und ich muss täglich an sie denken.

Vor einem Jahr habe ich mich einer einfachen Operation unterzogen. Mir wurde die Nasenscheidewand begradigt, man hat mir einen Knochen gebrochen und neu ausgerichtet. Das alles natürlich unter Betäubung, und auch als ich aufgewacht bin, wurden mir zahlreiche Schmerzmittel verabreicht. Aber ich hatte trotz der Medikamente Schmerzen; mein Gesicht schwoll an und die Augen wurden blau. Dieser Zustand dauerte einen ganzen Monat an. Warum erzähle ich dir das?

Im Jahr 2012 stürmten Sicherheitskräfte das Haus eines Verwandten; sie suchten nach dem mittleren Sohn, der, genau wie ich damals, siebzehn Jahre alt war. Sie fanden ihn und versuchten ihn festzunehmen, doch er leistete – aus Überlebensinstinkt, nicht aus Mut – Widerstand. Daraufhin schlugen sie ihm mit dem Gewehrkolben ins Gesicht, brachen ihm das Nasenbein und nahmen ihn mit; das Blut bildete ein Rinnsal aus Qual und Verzweiflung.

Seit ich den Schmerz kenne, der durch das Brechen eines Knochens mitten im Gesicht verursacht wird, denke ich jeden Tag an diesen jungen Mann. Mein Gott, was muss er ertragen haben! Und wie konnte er sie ertragen, diese barbarische Gewalt, ohne Betäubung?!

Danach hatten wir keine gesicherten Informationen mehr über ihn. Einmal hieß es, er sei nur drei Tage nach seiner Verhaftung unter Folter gestorben. Ein anderes Mal, er sei nicht gestorben. Die Gerüchte waren widersprüchlich. Manchmal hörte ich seine Mutter Gott danken, dass er nicht länger als drei Tage gelitten habe. Und manchmal hörte ich, wie sie sich wünschte, dass er am Leben sei. Zwölf Jahre lang hat sie sich so viel gewünscht, und als das Assad-Regime stürzte und die Tore der Gefängnisse und Haftanstalten geöffnet wurden, hat sie keine einzige Spur von ihm gefunden, keine Dokumente, nicht einmal seine Knochen.

Eigentlich wollte ich dir das alles gar nicht schreiben. Warum hat es mich mitgerissen? Ich habe deinen Brief vor ein paar Tagen gelesen, an Silvester, als ich über all das nachgedacht habe, was im Jahr 2025 geschah, und über das, was 2026 nicht geschehen soll. Um Mitternacht bin ich auf das Dach des Gebäudes gestiegen, habe mir das Feuerwerk angesehen und mir wie ein Kind eine ganze Liste von Wünschen ausgedacht.

Ich habe mir gewünscht, dass die Menschen nicht gequält werden, dass kein Strom durch ihre Körper fließt, dass ihnen weder Knochen noch Rippen gebrochen werden, dass ihnen keine Fingernägel und keine Zähne ausgerissen werden, dass Frauen weder vergewaltigt noch ihnen die Glieder abgeschnitten werden, dass niemand geschlagen wird, absolut niemand, selbst jene nicht, die gefoltert, Knochen gebrochen und Nägel ausgerissen haben!

Ich habe mir gewünscht, dass die Gerechtigkeit ihren Lauf nimmt, dass Frieden herrscht und dass die Tyrannen und Mörder juristisch zur Rechenschaft gezogen werden, nicht mit Waffengewalt, nicht mit Panzern und nicht mit Kanonen. Und ich habe mir gewünscht, dass die Blutströme versiegen. Ich weiß, dass es dumme Wünsche sind, und ich weiß, dass das Gesetz seinen Zweck nicht erfüllen wird, aber was soll ich sonst machen? Mir wünschen, dass es zu noch mehr Zerstörung kommt?

Erinnerst du dich an meinen Wunsch, Kinder zu bekommen, über den ich dir in meinem letzten Brief geschrieben habe? Es ist ein Wunsch, der täglich größer wird. Ich denke an das Kind, das ich haben werde, und frage mich: Welche Erinnerungen werde ich ihm vermachen, wenn ich mir etwas anderes wünschen würde als das. Welche Heimat würde ich ihm in die Hände legen, wenn ich fordern würde, dass Gewalt mit Gewalt beantwortet wird? Welche Welt werde ich ihm hinterlassen? Eine Welt, die weder gelernt hat, sich für ihre Taten zu entschuldigen, noch, wie sie aufhören kann, sie zu wiederholen? Und trotzdem, da regt sich ein kleiner Widerstand in meinem Herzen, der sagt, dass die Kinder nicht geboren werden, um unsere Lasten zu tragen, sondern um uns daran zu erinnern, dass die Zukunft ihre Tore noch nicht ganz geschlossen hat.

Vielleicht mag ich aus diesem Grund deine Idee, die Ruinen stehenzulassen. Nicht, um den Schmerz zu glorifizieren, sondern um ihn anzuerkennen. Ruinen sind Zeugen, die nicht lügen, sie entlarven die Täter, wenn Worte zu beschönigen versuchen, und sie geben den Opfern ihr einfaches Recht: nicht ein zweites Mal ausgelöscht zu werden.

Meine liebe Oksana, nach deinem Brief hatte ich das Gefühl, dass die Wörter zu eng für all das Böse geworden sind. Als wäre die Sprache selbst verunsichert angesichts dessen, was du beschrieben hast. Und trotzdem möchte ich, dass wir schreiben. Wir schreiben, weil das Schweigen der erste Sieg des Folterers ist und das Benennen von Dingen – wie du gesagt hast – ein Akt des Widerstands.

Ich habe von meinem und von deinem Land gelernt, dass es niemanden schützt, den Krieg nicht zu wollen, und dass die Neutralität angesichts der Barbarei ein Aufschub des Schmerzes ist. Das Böse bedarf keiner Rechtfertigung, um sich auszubreiten. Ihm genügt, dass man es unangefochten machen lässt, ohne Widerstand, ohne Benennung, ohne Gedächtnis.

Vielleicht werden wir die Kriege nicht verhindern, genauso wenig wie wir die Toten zurückholen können. Aber wir können zumindest glaubwürdige Spuren des Geschehens hinterlassen, die Ruinen sichtbar sein lassen, und laut und deutlich sagen, dass das kein Versehen war, kein Schicksal und kein Missverständnis. Dass es ein Verbrechen war.

Ich umarme dich aus einem anderen Land, das auf die gleiche Weise verletzt wurde. Und wie du glaube ich, dass Zeugnis abzulegen keine Schwäche ist, sondern die letzte Form von Gerechtigkeit, wenn diese Gerechtigkeit auf sich warten lässt.

Ich schreibe dir, ohne Antworten zu haben, aber ich habe eine Überzeugung: dass das Schreiben selbst eine Form der Rettung ist und dass wir, wenn wir berichten, was passiert ist, die Welt auf Papier neu ordnen und unseren Herzen einen kleinen Raum zum Atmen geben. Wenn die Ruinen uns etwas gelehrt haben, dann, dass wir an dem, was uns von unserer Menschlichkeit geblieben ist, festhalten, selbst wenn dieser letzte Rest sehr zerbrechlich ist und nur aus Wörtern besteht, die in dem Briefverkehr zweier Frauen gesagt werden, die versuchen, nicht vollkommen zu zerbrechen.

An Silvester habe ich mir für dich und für alle Opfer, die du in deinem Brief erwähnt hast, und für alle, die ich liebe, gewünscht: Gerechtigkeit, Gerechtigkeit, Gerechtigkeit. Und ein glückliches, angenehmes, ruhiges Leben, in dem wir von unseren Wunden und Schmerzen und unserem Land geheilt werden. Ich habe mir das kommende Jahr voller Liebe gewünscht, ohne Gewalt, ohne Schmerz und ohne neue Ruinen.

Auf dass wir uns treffen …

Baraa

 

[1] Inhalte zwischen den Klammern Hinzufügung der Übersetzerin

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